Jahrgang 
Band 2 (1835)
Seite
492
 
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gehen, und das Traumgebild iſt in ſo hohem Grade lebhaft und die Thätig⸗ keit anſpornend, daß die zum Gehen beſtimmten Muskeln aufgeregt werden, ſo werden wir natürlich auch aufſtehen und gehen. Sollten wir träumen, daß wir ſehen und hören, und der Eindruk davon ſo lebhaft ſein, Ohr und Auge zu reizen, oder, genau geſprochen, die Organe des Gehirns zu reizen, welche von dem, was wir ſehen und hören, Kenntniß nehmen, ſo werden wir natür⸗ lich jeden Gegenſtand ſehen und jeden Ton hören, der uns vorkommt, gerade als ob wir wach wären. In manchen Fällen werden nur die Muskeln gereizt, und dann gehen wir nur, ohne zu ſehen und zu hören. In andern ſind die Muskeln und Sehwerkzeuge zugleich aufgeregt, und dann gehen wir nicht nur, ſondern haben auch den Gebrauch der Augen. In einer dritten Art kommt noch die Thätigkeit des Gehörs hinzu, und wir gehen, ſehen und hören dann. Wurden die Sinne des Geruchs, Geſchmaks und Gefühls zur Thätigkeit ge⸗ bracht und aus der Gefühlloſigkeit erwekt, in welche ſie durch den Schlaf ge⸗ wiegt werden, ſo ſehen wir auch dieſe ihre Beſtimmungen erfüllen. Nehmen wir zu dem Allen noch einen thätigen Zuſtand des Sprachorgans, der uns zum Reden beſtimmen würde, ſo würden wir, ſo weit es nur die Natur des Schla⸗ fes geſtattet, faſt in dem Zuſtande des völligen Wachens erſcheinen. f

Wenn das äußere angeregte Organ ſagt ein bewährter Arzt das des Geſichts iſt, ſo kann der Träumer die ihn umgebenden Gegenſtände ſehen, und im Stande ſein, ſie zu unterſcheiden. Würde nun der Gegenſtand ſeiner Vorſtellung in eben dem Maße auf die Muskeln der Bewegung wirken, ſo kann er wohl aus dem Bette aufſtehen und den Veg ganz ruhig ohne alle Gefahr nach jedem Punkte nehmen, wohin ihn der vom Traum gegebene An⸗ ſtoß leitet. Er wird, je nachdem der Geſichtsſinn mehr oder weniger wach iſt, auch mehr oder weniger deutlich ſehen; allein da die andern Organe in hö⸗ herm Maße erſchöpft und folglich auch unempfindlich werden, weil der g e⸗ meinſchaftliche Vorrath von Nervenkraft in höherm Maße in Anſpruch genommen wird, um der Thätigkeit des jezt unmittelbar betheiligten Sinnes und der Muskeln zu genügen, ſo wird vermuthlich jeder andere Sinn in feſtern Schlaf oder in größere Unempfindlichkeit) verſunken ſein, als wenn das Ganze ruhig geblieben wäre. Daher wird nun das Ohr auch von einem Tone nicht aufgemuntert, der ſonſt den Schläfer aufgewekt hätte. Er wird vielleicht nicht nur für eine leichte Berührung, ſondern ſelbſt für ein hef⸗ tiges Schütteln der Glieder unempfindlich ſein, und ſogar recht tüchtig hu⸗ ſten, ohne aus dem Traume zu erwachen. Hat er das Ziel ſeines geträumten Beginnens erreicht, ſo kehrt er ruhig ſelbſt über die gefährlichſten Abgründe zurük ins Bett, denn er ſieht ſie deutlich. Da aber das Sehorgan nun auch gänzlich erſchöpft iſt, oder ſich zu ſeiner fernern Verwendung kein Anlaß fin⸗ det, ſo wird es ſich der allgemeinen Unthätigkeit zugeſellen und der Traum eine neue Richtung nehmen, aus einer neuen Bilderreihe beſtehen.

Ich vermuthe, daß das Nachtwandeln bisweilen angeboren iſt; zum min⸗ deſten kenne ich einign Fälle, die zu ſolcher Vermuthung Anlaß geben. Seine Opfer ſind meiſt bleiche, reizbare, nervenſchwache Menſchen, und man bemerkte, daß ſie ohne ſcheinbare Veranlaſſung häufig zu kalten Schweißen geneigt ſind. Bei Kindern iſt das Nachtwandeln, wie ich zu beobachten Gelegenheit fand, ſehr gewöhnlich, und ich glaube, daß es dieſelben öfterer heimſucht, als jedes