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bin dann für immer gebunden; doch nein— gebunden war ich lange, ich war es ſeit ich mein Wort gab. Jezt, jezt, wo Alles vorbei iſt, mögen Sie es durch mich wiſſen, was Sie längſt ahneten, daß ich Ines über allen Ausdruk liebte.— O, mein Freund, der Himmel bewahre Sie gnädig vor der Qual, die ich erduldet habe!— Von einem Engel ſo geliebt zu werden, ihn mit Leidenſchaft wieder lieben und es nicht ausſprechen zu dürſen!— Nein, es gibt keine größere Marter auf Erden, und ich habe ſie erdulden müſſen. Das tieſſte Schweigen konnte allein meinen Muth erhalten, hätte ich ein Wort ge— ſagt, ich glaube, ich wäre verloren geweſen.— Wie oft, o wie oft ſehnte ich mich darnach, mein gequältes Herz auszuſprechen, wie oft ſehnte ich mich, meinen Kopf an Ihre Bruſt zu lehnen und Ihnen Alles zu ſagen. Alles zu ſagen?— Ach! ich würde keine Worte, ich würde nur Thränen gehabt haben. — Ich trage die Strafe meiner eigenen Thorheit, ich glaubte nicht, daß mein Herzeder Leidenſchaft noch zugänglich ſei. Meine Braut iſt aus ſehr angeſehe⸗ ner Familie, ſie iſt reich, ſie gefiel mir. Zureden von allen Seiten thaten das Uebrige.— Ihr ging es wie mirs, denn ich bin feſt überzeugt, daß ſie mich mit ruhiger Zuneigung, aber ohne wahre Liebe heirathet. Für viele An— dere würde darin die Vürgſchaft des Glükes liegen, mein phantaſiereiches Herz begehrt leider mehr! Ein böſer Dämon flüſterte mir manchmal zu, ich dürfe unter ſolchen Umſtänden mein Wort zurük nehmen; ich konnte es denken, aber nie, nie hätte ich es thun können. Mein Wort brechen? Der Gedanke daran treibt mir noch jezt alles Blut empor.— Und Ines?— Mögen ſie es wiſſen, DO., ich konnte dieſe Nachforſchungen nicht verſagen. Die Marquiſe iſt in ihr Vaterland zurükgekehrt und Ines als Novize in ein Kloſter getreten. Mein innigſtes Gebet iſt, daß ſie ihren Entſchluß ändern möge. Sie iſt noch ſo jung, ſie kann noch vergeſſen.— Von dem Augenblike an, wo ich in Paris ihre Neigung zu mir und die Schwäche meines eigenen Herzens gewahrte, ſuchte ich mich auf alle Weiſe von ihr zurükzuziehen. Zu ſpät— wir hatten Beide vom ſüßen Gift der Leidenſchaft getrunken.— Jezt werfe ich es mir vor, daß ich nicht gleich anfangs ſagte, ich ſei verlobt. Aber wie es ſagen ohne Anlaß? da unſere Neigung niemals Worte bekam? Daß es verſchwiegen blieb, lag vielleicht in den Zeitumſtänden, jeder dachte nur an ſich, und nur wenige meiner Landsleute wußten es.— Mir, mir war es aufbehalten, den geliebten Engel durch dieſe Mittheilung zu vernichten. Der Augenblik war entſezlich, aber ich ſegnete ihn. Alles mußte vorbei ſein,— nun war es ſo.— Leben ſie wohl, lieber, theuerſter O., leben ſie wohl; ich gehe einer Zukunft entgegen, die ich tragen werde. Glüklich, was man mit Recht glüklich nennt, werde ich nie mehr ſein, aber man wird es nicht gewahren und ſo liegt auch wenig daran. Leben Sie wohl.“—
Ergriffen ſchwieg der Baron einige Augenblike.—„Und hörten Sie nie von den ferneren Schikſalen Ihres Freundes?“— fragte Frau von R.
Doch, nach 2 Jahren bekam ich einen Brief von ihm, worin er mir un— ter Anderem ſagte:„Alles iſt ſo gekommen, wie ich es vorher ſah. Man iſt mit mir zufrieden, man preiſt mich glüklich. Und ich?— Sie werden nicht denken, daß ich es ſei, wenn ich Ihnen ſage, daß Ines den Schleier nahm, daß die Marquiſe todt iſt.— Daß ich leide, mag verdient ſein, denn warum


