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Der alte Mann hielt ſein Wort, und Emma durſte für elnige Tage die Simmer au quatrième nicht verlaſſen; ſie verſuchte während der Zeit, ob es möglich wäre, den Gegenſtand ihrer Neigung zu vergeſſen, und dachte, wenn ſie ihn noch einmal ſehen könnte, um ihm ein langes und leztes Lebewohl zu ſagen, würde ſich wohl mit der Zeit die Erinnerung aus ihrem Herzen ver⸗ bannen. Doch um das eintreten zu laſſen, mußte ſie ihn noch einmal ſehen z und da ſie bei ſich ſelbſt die Ueberzeugung gewonnen, daß dieſe lezte Zuſam⸗ menkunft zu ihrer vollen Entſagung erforderlich wäre, dachte ſie nur darauf, ein ſolches Zu ſammentreffen mögtich zu machen, und hier beſtand nach ihrer Anſicht das größte Hinderniß darin, daß ſie ſelbſt nicht ausgehen durfte. Doch Sie werden wiſſen, Freund, Weibererfindung(ich meine nämlich von de nen, welche lieben oder es ſich einbilden; denn das iſt ziemlich einerlei bei ihnen) geht nie fehl, wenn ſie ihr Herz auf einen Wunſch geſezt haben; und unſre Emma kam endlich auf den geſcheidten Gedanken, wenn ſie auch nicht aus ge⸗ hen dürfe, ſo ſei es doch gar nicht beſtimmt, daß er nicht eingehen könne. Als dieſer Punkt abgemacht war, hatte es keine große Schwierigkeit“, die alte Jrau, welche ihr grade in Beſorgung des Hausweſens beiſtand, zu bereden, dem Liebhaber ein kurzes Brieſchen zu überbringen. Sie ſchrieb darin, daß ihr Vater während der lezten Tage unwohl geweſen ſei und auch jezt noch früh am Abend ſich zurükziehe; wenn ihr theurer Despreaux den folgenden Abend um eilf Uhr kommen wolle, ſo werde ihr Vater zu der Zeit bereits ſchlafen, und ſie werde für ein Zeichen auf der Wache ſtehen: er möge nur dret Mal leiſe an die Thür klopfen.
Die Alte entledigte ſich ihres Auſtrags ſo gut, daß ſe eine Antwort zurük brachte, welche das Verſprechen ewiger Treue ſammt der Ver ſicherung enthielt, er werde für das Stelldichein ſeine Aufwartung auf das Pünktlichſte machen. Despreaux beſchloß kurz und gut, wenn er einmal hinginge, bei die⸗ ſem erſten Beſuche ſo erſprießlichen Gebrauch von ſeiner Zeit zu machen, daß ein zweiter ganz überflüſſig werden müſſe. Aus Vorſicht— denn die Liebe konnte Verſtellung ſein, ihn zu täuſchen— theillte er zwei Genoſſen ſeinen Plan mit und verſprach ihnen als Belohnung für den geleiſteten Beiſtand einen entſprechenden Antheil an der Beute und auch das Mädchen ſelbſt, wenn einer von ihnen dazu Neigung haben ſollte. Sein Plan war ſehr gut angelegt und die Ausführung hätte außerordentlich glüklich ablaufen müſſen, wenn die eifrige Dazwiſchenkunft des Inſpektors nicht einen Fehler hinein korrigirt hätte. Dieſer hatte nämlich zur Zeit entdekt, wo Bruder Lothario haushielt, und alle Einleitungen getroffen, ihn einzufangen und die Ehre zu haben, einen ſo vollendeten Künſtler durch ſich überliſtet zu ſehen. Er urtheilte ganz rich⸗ tig, daß es bis zu einem Beſuche Despreaux's in den Gemächern Monette's nicht mehr lange dauern werde— er verſtand ſich auf ſolche Kombinationen; und da die gewechſelten Briefe vorläufig in die Hände der Alten geliefert wor— den waren, ſo hatte er ſie daſelbſt geleſen, ſich gefreut, daß Alles ſo trefflich zuſammenſpiele, und ſeine Maßregeln danach genommen.
Ich aber freute mich auch gar ſehr, als mir der Inſpektor damals die Anzeige machte, und für einen Abend meinen Beiſtand zum Einfangen des berühmten Des preaux erbat, der einen Raubanſchlag auf eine Familie in der Nähe der Straße St. Antoine ausführen wolle. Er macht mich mit allen vor⸗


