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mich geheftet ſah, ſchauderte ich, als ſtände ich einem Baſliisken gegenüber:
er ſchien die wahren Geheimniſſe meines Herzens don mir erzwingen zu wol⸗ len, indem er ihre Zeichen auf meinem Antliz las. Doch war er ein Geſell⸗ ſchafter, der keine Langeweile zuließ und ſeine Unterhaltung mit Anekdoten von Menſchen und Vorgängen zu würzen wußte, mit und bei welchen er an ſo manchem tödtlichen Streite Theil gehabt und ſo manches kühne und ſchlaue Unternehmen ausgeführt hatte. Wenn er davon erzählte, habe ich da geſeſſen und zugehört, bis die wachſende Finſterniß des Abends und die Stille umher einen Eindruk auf meine Einbildungskraft machten, daß ich als Zuhörer des Herrn aus einer andern Welt da zu ſizen und zu vernehmen glaubte, wie er die gottloſen Thaten ſeiner Kinder auf Erden eintrüge in ſein Buch. Der betagte Gentleman(ich meine wieder meinen Freund von der Bank) war eins von den nüzlichſten Mitgliedern der menſchlichen Geſellſchaft geweſen, das aber in ſeinem Bezirk wenig geachtet zu werden pflegt, nämlich Polizeikommiſſär, in welchem Amte er Gelegenheit gehabt hatte, mancherlei Jerwege des Lebens kennen zu lernen. Einige ſeiner merkwürdigen Mittheilungen habe ich meinem Gedächtniß mit möglichſter Treue, wie er ſie zu geben pflegte, einzuprägen geſucht, und will ſie nach und nach mit ſeinen eignen Worten wiedererzählen. Eine der erſten von dieſen Erzählungen war folgende:
„Als ich zuerſt Kommiſſär geworden war, beſtand mein Bezire aus jenem Staditheil, welcher die Straße St. Antoine einſchließt. Dieſe begreift, wie Sie wiſſen, eine große Zahl von Höfen, Gaſſen und Sakgaſſen, und daß von da die Wege nach allen Richtungen ausliefen und von der nächſten Nachbar⸗ ſchaft zu einem Orte, wo viel hin- und hergegangen wurde, verurſachte mir unbeſchreibliche Unruhe. Die 991 in dieſen Höfen und Gaſſen waren meiſt von ſchlechtem Geſindel bewohnt, das zwiſchen den lezten Schatten von Armuth und wirklicher Hungerleiderei ſchwebt und ſtets bereit iſt, an jedem Aufruhr Theil zu nehmen und beſonders zu Raub und andern Gewaltthaten nie lange ſich einladen läßt. In einem dieſer Gäßchen lebte zu der Zeit ein Mann, Na⸗ mens Jean Monette, der ſchon ein ganz artiges Alter auf den Schultern trug, aber noch ziemlich munter ſich anließ. Er war Wittwer und bewohnte allein mit ſeiner Tochter in einem jener Höfe eine ganze Etage au quatrieme. Das Volk erzählte, er habe früher ein Geſchäft betrieben und ſei dabei reich geworden, doch habe er jezt nicht das Herz, ein Stük Geld auszugeben, bhäufe es auf von Jahr zu Jahr und denke nur darauf, bei ſeinem Tode ſeine Tochter in glänzenden Umſtänden zu hinterlaſſen. Emma war allerdings ein ſchmu⸗ kes Mädchen, und mit jenem Gewicht fehlte es ihr auch nie an Bewer⸗ bern; allein ſie dachte, weil ſie Erbin ſei, könne ſie es abwarten, bis ſie zu einem der Anbeter eine wirkliche Neigung fühle, und habe nicht nöthig, ſich an den erſten beſten Freier wegzuwerfen, der ſich etwa dar⸗ bieten möchte. Es war an einem Sonntage, dem erſten im Monat Juni, daß Emma als eine beſondre Gunſt von ihrem Vater hinreichend Geld erhalten hatte, um mit einigen Freunden, welche die Waſſerwerke von Verſailles beſe— ben wollten, einen Ausflug zu machen. Es war ein wunderſchöner Tag und das Waſſerbeken von tauſend und aber tauſend Menſchen umdrängt, welche ſich an der Manigfaltigkeit der ſchönen hier zur Schau geſtellten Kleiderſtoſſe nicht ſatt ſehen konnten; denn dieſe ſahen den Farben des glänzendſten Regenbogens


