Jahrgang 
Band 1 (1835)
Seite
336
 
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Nächſter Tage ſingt die Fiſcher⸗Achten von Frank furt hier als Gaſt, damit dem Publikum die Mittelmäßigkeit des übrigen Perſonals recht einleuchtend gemacht werde. Die Direktion dieſer Bühne verſieht nun auch Vaden mit Oper und Schauſpiel und dieſe Kräfte müſſen ſich ſonach noch ſpalten! An der Leopoldſtadt iſt Raimund's Gaſt⸗ ſpiel geſchloſſen: jezt kommt die Zeit der alten Pantomimen und der Rit⸗ terſtüke. Zwei Piecen dieſes Kalibers hat jüngſt das Theater an der Wien vom Stapel laufen laſſen. Eine:Ber⸗ thilie oder:Wie befinden ſie ſich, zum Vortheil der Mad. Fiſcher, die andere:Der rothe Drache oder:Ich danke für die Frage, zur Benefize des Hrn. Voſard. Schandſtüke, die den beiden recht fleißigen und verdienſtvol⸗ len Beneſizianten leere Häuſer brach ten. Die löbliche Gewohnheit der Di rektion, den Schauſpielern ſchlechte Stüke zur Beneſize aufzuzwingen, ſoll⸗ te doch bei beſſeren Mitgliedern eine Ausnahme machen. Morgen kommt Hr. Scholz mit etwas Aehnlichem:Der me lancholiſche Schuſter. Das Brand- unglük der Ottakriner hat die Wohl thätigkeit zu mancherlei Tributen an geregt. Der Kunſtreiter Hr. Guerra, das Joſephſtädter Theater, der Muſik verein der Alſervorſtadt veranſtalteten Einnahmen. Nun gibt, ſicherem Ver- nehmen nach, auch die prima donna as- soluta Mad. Schütz⸗Oldoſt, eine ge borene Wienerin, ein großes Konzert unter hohen Auſpizien zu dieſem Zwe ke, welches gewiß ein günſtiges peku niäres Reſultat liefern und auch künſt⸗ leriſch befriedigen wird, da man Hrn. v. Holtey nicht unter den Mitwirken⸗ den weiß. Die Speiſeliteratur Wiens florirt; die HHrn. Scherzer und Heß, erſterer im Sperl täglich, lezterer im

Augarten Sonntags, arrangiren eine table d'hete, die den Vorzug vor al⸗ len Mittagskonzerten verdient. Das Tivoli iſt mit neuen Reizen ausgeſtat⸗ tet worden. Bei derBirne, auf der Landſtraße, wird ein herrlicher Salon gebaut; Hietzing bevölkert ſich und Dommayer weiß das Lob und die un⸗ geheuchelte Theilnahme aller Rezen ſenten zu gewinnen. Strauß und Lan⸗ ner ſind überall. Beſchert der liebe Himmel einen erträglichen Tag und geht man einer Straßeneke vorüber, ſo kann man das Heer der Annoncen und Einladungen gar nicht überſeben. Ich ſpäbe immer gleich nach dem be⸗ ſcheidenen ſtrohgelben Zettel der Jo⸗ ſephſtadt und ſehe nach, ob Herr v. Holtey ſpielt; ſo ging es mir auch einſt in Paris mit Leontine Fay; damals war ich noch harmloſer Natur, jezt liebe ich das Pikante. Außer den eben genannten haben wir in dieſem Au⸗ genblik noch ein Paar große Männer in Wien, den Verf. des tieſpoetiſchen Komm her, Hrn. v. Elsholz und dann Hrn. A. Glasbrenner, der unſer 157 Wien vermuthlich um ein Paar haler Honorar an einen Leipziger Buchhändler a und dafür Lor⸗ bern einhandeln will. Wenn dleſe No⸗ tabilitäten nicht ſchon Alles eklypſir⸗ ten, würde ich Ihnen noch un certain Mr. Balzac nennen, der auch hier an⸗ gekommen iſt, um die Dichter Turtel- taub, Janitſchka, Hirſch und die Hu⸗ moriſten Wieſt und Schilling kennen zu lernen. Was literariſch geſchieht? Leute wie Hr. Sickingen ſchreiben große Topographien; die ſchöne zwek⸗ loſeKalobiotik tritt an's Licht; Alles rezenſirt und der Himmel iſt noch immer blau und des Abends leuch⸗ ten Sterne und dies Alles in demſel⸗ ben Jahre, in welchem der ſchoͤne Hal⸗ ley und der große Holtey erſcheinen. 1 p.

Modenbild. Nr. 22. Pariſer Anzüge vom 10. Mai⸗ Reisſtrohkapoten. Kleider von Pou de Sole und gedruktem Mouſſelln. Mantillen von ge⸗ ſtiktem Mouſſelin.

Beilage: Der Schmetter⸗ ling. Nr. 10.

Herausgeber und Verleger Franz Wieſen.