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an, und es iſt unmöglich, etwas anderes aus ihm herauszubringen, als daß er von dem Uhrenkäufer nichts weiß. Unterdeſſen hat dieſer reichlich Zeit, ſich in den Straßen zu verlieren oder in dem erſten beſten Wagen nach einer Var⸗ rière zu entkommen.
Man verlangt von einem bekannten Paſtentenbäker auf den Boulevards, daß er eine Auswahl koſtbarer Lekerbiſſen zu einer beſtimmten Tageszeit in ein wohlbezeichnetes, nach Beſizer und Nummer genau beſchriebenes Haus der Vorſtadt St. Denis ſchike. Der Beſteller zeigt große Sachkenntniß und der Paſtetenkünſtler, der ſich geſchmeichelt fühlt, ſo gerechte Anerkennung zu fin⸗ den, gibt ſich alle Mühe, ſeinen neuen Gönner beſtens zu bedienen. Um die beſtimmte Stunde ſendet er die begehrte Waare in zierlichem Korbe und feinem Weißzeuge ab. Die Freunde des Beſtellers müſſen ſehr ungeduldig ſein, denn ſie warten nicht einmal die Ankunft der Lekerbiſſen ab. Schon auf halbem Wege tritt der nämliche Herr, welcher Morgens bei dem Paſtetenbäker war, zu dem Träger und fragt ihn:„Kommen Sie nicht von Herrn N. N. und wollen Ihre Waare in die Vorſtadt St. Denis, Nummer ſo und ſo viel brin⸗ gen?““— Ja, iſt die Antwort.„In dieſem Falle, lieber Freund, geben Sie mir den Korb, kehren Sie ſchnell zu Ihrem Herrn zurük und laſſen Sie ſich eine gleiche Ladung geben, dieſe erſte reicht nicht hin. Um Ihnen den doppel⸗ ten Weg zu erſparren, will ich ſelbſt den Korb in meine Wohnung bringen, Sie kommen um ſo ſchneller wieder.“ Bezeichnung der Wohnung, Angabe des Namens, Alles iſt ſo übere inſtimmend und genau, daß dem Jungen nicht der geringſte Zweifel kommt, er weiß dem Herrn Dank, daß er ihm einen Theil des läſtigen Wegs erſpart, und kehrt guter Dinge zu ſeinem Meiſter zutrük. Zwei Stunden ſpäter bringt er einen zweiten Korb in die Vorſtabt St. De⸗ nis an den bezeichneten Ort, allein daſelbſt will Niemand von dem Namen und Wohnort des Beſtellers wiſſen. ö 1
Dies ſind Uebungen der niedern Diebsinduſtrie, wie ſie jeden Tag von Neuem und immer wieder vorkommen, troz der gemachten tauſendfältigen Er⸗ fahrung, die hier, wie in allen Dingen, den Menſchen nichts nüzt. Man ſagt, der Variſer Bürger iſt gar zu gutmüthig und vertrauensvoll; ſagen wir vielmehr, der Pariſer Bürger iſt im Allgemeinen etwas dikhäutig und begreift ſchwer. Er iſt ferner ſehr habſüchtig, ſo daß ihn der lokende Vortheil die nahe und gewiſſe Gefahr überſehen läßt.— Jedem nach ſeinem Werthe; dies gilt auch in der Gaunerei, und ſo ſind den Juwelenhändlern die Großthaten der⸗ ſelben geweiht. Bei einem Juwelier wird ein koſtbarer und ſehr theurer Schmuk von einem Fremden ausgeſucht, welcher ſchon mehrmals Käufe gemacht und bezahlt hat, und daher das volle Zutrauen des Verkäufers beſizt. Der Schmuk iſt der reichſte, welchen der Juwelier beſizt, und ſehr theuer; der Käufer hat natürlich eine ſo bedeutende Summe Geldes nicht bei ſich, und erſucht den Verkäufer, ihn mit dem Schmuke in ſein Hotel zu begleiten und die Zahlung zu empfangen. In dem Hotel angekommen, wo der Fremde ein ſtattliches Gemach bewohnt, erfolgt die Auszahlung nicht ſogleich; begreifli⸗ cher Weiſe läßt der fremde Reiſende ſeine baaren Summen in den Händen ſei⸗ nes Wechſelhauſes, bis er derſelben benöthigt iſt. Er muß alſo zu ſeinem Ban⸗ kier gehen, um Geld zu holen.„Unterdeſſen,“ ſpricht er zu dem Juwelier, „laſſen Sie ſich die Zeit nicht lang werben, und wenn Sie erlauben, ſo legen


