290 3 Kinder wohnen. Ueber fünfhundert Familien, eine auf die andere gepſercht, 4 hauſen in dieſem Hofe, in welchem man ſich nur vom Raube nährt und ſich in allen Laſtern wälzt. Fern bleibt jede Sorge für die Zukunft; Jeder genießt in unbekümmerter Behaglichkeit der Gegenwart und verzehrt Abends, was er am Tage mit vieler Mühe und oft mit harten Schlägen verdient hat, denn was man hier verdienen nennt, beißt anderswo ſtehlen, und es iſt eines der Orundgeſeze des Wunder hofes, Nichts für den folgenden Tag auffzube⸗ wahren. Alles lebt in völliger Ungebundenheit; von Recht und Geſez, und Vertrag und Wort iſt bier keine Rede; Taufe, Heirath und Ehe ſind unbe⸗ kannte Dinge.
Meiſterhaft iſt das Bild, welches Hugo von einer dieſer privilegirten Höhlen des Laſters entwirft, deren es noch zu Ende des ſiebzehnten Jahrhun- derts zwölf in Paris gab. Der Name dieſer Orte aber rührte von der wun⸗ derbaren Umwandlung her, welche mit den Umherziehenden vorging, ſobald der heimkehrende Schwarm die Grenze ſeines Reviers betrat. Kein Krummer, kein Lahmer, kein Blinder, kein Stammelnder, kein Fieberhafter, kein Buk⸗ lichter mehr, verſchwunden alles Leiden, verſchwunden alle Preßhaftigkeit, verſchwunden alle Klage, alles Winſeln und Jammern, und luſtig tummelt ſich der ausgelaſſenſte, tollſte Troß, den jemals Leichtſinn und Verderbniß zuſam⸗ mengeführt. Hier war der Bettler geſichert vor jeder Verfolgung, hier be fand er ſich nur unter den Seinigen und konnte ohne Scheu die trügeriſche Maske ablegen, welche er während des Tages getragen. Kaum eingetreten, ging der Hinkende gerad, der OGelähmte tanzte, der Blinde ward ſehend, der Taube hörend, die Greiſe ſelbſt wurden jung.
Dieſes Volk, ſe elend und ſo begünſtigt, ſo arm und ſo reich, ſo mäch⸗ tig und ſo ſchwach, ſo furchtſam und ſo furchtbar, dieſes Volk, das man nach Tauſenden zählte, hatte einen König, dem es gehorchte, es hatte ſeine Ge— ſeze, ſeine Juſtiz, ſeine Moral, ja ſeine blutigen Hinrichtungen. Und nun denke man ſich dieſen Schwarm, wie er aus der Räuberhöhle hervorbricht und ſich bei nächtlicher Weile über das unbewachte Paris ergießt; man denke ſich dieſes Bild in einer Zeit, wo die Straßen der Hauptſtadt noch unbeleuchtet und alle Anſtalten der Polizei eine ohnmächtige Waffe gegen dieſen gräßlichen Tyrannen und aufgedrungenen Lehnsherrn waren. Mehrere Jahrhunderte hat- ten dieſe Wunderhöfe in größerer oder geringerer Ausdehnung und Macht in Paris beſtanden. Zeit, Gewohnheit, Verjährung und Furcht hatten allmä lig ihrem Daſein einen Schein von Recht gegeben, mindeſtens wagte der Pariſer Bürger nicht, laut gegen ſie zu klagen, aus Beſorgniß, ſein Knecht, ſeine Magd, irgend einer ſeiner Angehörigen und Hausgenoſſen könnte zu dem gro— ßen und achtungswerthen Bunde gehören. In ſeinem devoten ſpießbürgerlichen Sinne, im angebornen Reſpekt vor jeder beſtehenden Gewalt, achtete er die Konſtitution der Wunderhöfe, und allerdings konnte nichts geregelter ſein, als ihre Verwaltung, nichts prompter, als ihre Juſtiz, und ſo war man ge⸗ wöhnt, die gezwungenen Anlehen, welche das Heer der Wunderhöfe aufnahm, ſo gut zu den unvermeidlichen Ausgaben zu zählen, als die königlichen Steuern oder die Zehnten und Gülten des Feudalherrn.
Aber nichts wahrhaft poetiſch Schönes und Großes hat Beſtand in dieſer proſaiſchen Welt. Eines Tags, da er müde war ſeiner Schloß bauten in Ver⸗


