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„Als ich auf der Inſel im Südmeer von meiner Geliebten Abſchied nahm, batte ich ſie vergeblich zu bewegen geſucht, in mein Vaterland zu kommen. „Fordere nicht von mir,“ erwiderte ſie mit ſanfter Stimme,„daß ich meine Heimath verlaſſe; es würde dir und mir nur Schmerz und Kummer bringen. Es iſt uns zwar nicht verboten, die nordiſchen Meere aufzuſuchen, doch bebt unſer Herz zurük vor einer ſo langen Reiſe, und unſere zarte Natur entſezt ſich, wenn ſie an die eiſigen Stürme denkt, die dort die Oberfläche des freund lichen Elements furchen und es wenig geſchikt zu einem behaglichen Aufent— halte machen. Die Schweſtern, die dort wohnen, ſind härterer Natur. Den— noch wird nicht jedes Band zwiſchen uns gelöſt ſein. Der Gemahl meiner Muhme ſchikt, wie ich gewiß weiß, jährtich eine große Anzahl ſeiner Diener gen Nor— den, um ſie mit ſeinen dortigen Geneſſen in ſteter Verbindung zu erhalten; einem dieſer Geſellen, der noch dazu ein Verwandter und von gutmüthiger Geſinnung iſt, will ich mich vertrauen und ihm dann Aufträge mitgeben, die dir mein Andenken und meine Liebe verbürgen ſollen. Er hat, wie ſeine Brü— der, die Gabe, verſchiedene Geſtalten anzunebmen, und da er überdies ſchlau und erfahren iſt, ſo wird es ihm ohne Zweifel gelingen, ſeine Aufträge ſicher an den Mann zu bringen.“ Ich nahm dieſe Versprechungen für wenig mehr als leere Tröſtungen, doch hat die Gute Wort gehalten; in meiner Nachlaſ— ſenſchaft wirſt du, lieber Sohn, eine Anzahl Perlen und Korallen von ſelte— ner Schönheit finden, die ich auf einem geheimaiß vollen Wege erhalten habe ſo iſt auch ihr leztes Geſchenk, die ſo gefürchtete rothe Perle nicht ausgeblie⸗ ben. Durch dieſes Zeichen verſprach ſie mir kund zu thun, wenn der Augen⸗ blik meines Todes nahe ſei; ihrem Auge war es nicht verborgen. Wohl mir, ich darf dieſe bange Stunde mit Ruhe erwarten, mein Leben iſt nicht bel aſtet mit finſtern Thaten, ich habe immerdar zu den unſchuldigen Weſen gehört, die nur verſtehen, ſich ſelbſt wehe zu thun; Schmerzen der Art habe ich reichlich zu dulden gehabt, nie aber habe ich Andern welche bereitet, noch ſie in den verſchloſſenen Schrein meines Buſens ſchauen laſſen; dir allein, mein Sohn, ſind Blike geſtattet worden, und ich wünſche, daß du ſie nicht mißbrauchen mögeſt. Da ich einmal in meinem Leben ſo über alle Maßen herrlich und wun— derſam geliebt habe, ſo iſt mir ſpäter das Gefühl, das wir Liebe und Schwär— merei nennen, nur kalt und dürftig erſchienen, ich habe nie meine Hand einem irdiſchen Mädchen reichen mögen, da ich unmöglich ihre Hoffnungen und Wün⸗ ſche hätte befriedigen können, auch wäre mir ein ſolcher Bund als eine ſchwere Untreue gegen meine ſchöne Inſelkönigin erſchienen. Dieſes mein Sohn, iſt nun die Geſchichte der rothen Perle und meines Lebens,“
Hiemit ſchloß der gute Großoheim die Erzählung der abenteuerlichen Epoche ſeiner Biographie. Wir ſaßen neben einander und eine lange Pauſe folgte. Es war wohl natürlich, daß ich dem ehrwürdigen Alten den Glauben an die üble Prophezeiung der rothen Perle auszureden ſuchte, doch all meine Mühe war vergeblich. Er blieb dabei, daß er jezt nothwendig ſterben müſſe und er ſtarb auch wirklich. Keinem ſeiner Freunde erſchien ſein Tod beſonders unerwartet, ein ſtiller Mann war nur noch ſtiller geworden, weiter wußte man bei dieſem Vorfalle nichts zu ſagen; mir jedoch, der mehr als die andern wußte, mir ging die Geſchichte mit der Inſel im Südmeer, mit den Palm- baͤumen und der Meerſee lange Zeit im Kopfe umher, und noch länger blieb


