Jahrgang 
Band 1 (1835)
Seite
278
 
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Venedig. Madame Malibran⸗ Garcia beſchloß ihren hieſigen Aufent⸗ balt mit einer wohlthätigen Hand lung. Der Eigenthümer des Theaters Emeronittio hatte die große Künſtle rin erſucht, daſelbſt einmal zu ſingen. Ja, war ihre Antwort,aber unter einer Bedingung, daß von einem Ent gelte keine Rede ſei.Der arme Fa⸗ milienvater war gerettet. Die Vor ſtellung fand am 8. dieſes Monats in derNachtwandlerin(Sonnambula) Bellini's, unter ungeheuerem Zulau fe ſtatt. Die Einzige entzükte in der Titelrolle. Eine ganze halbe Stunde dauerte das Klatſchen und Vivatrufen; aus allen Logen, aus dem Parterre, aus den Soffitten begrüßte ein dichter Blumen- und Goldregen die Unerreich⸗ bare; Sonette, Tauben und Kana rienvögel flatterten umher, aus chern aller Farben improviſirte Fahnen winkten der Zauberin zu. Der En⸗ thuſiasmus ſteigerte ſich zum Wahn⸗ ſinn. In ihrer Wohnung angelangt, erwartete Madame Garcia eine unge heure Volksmenge. Eine Deputation derſelben erbat ſich von ihr einen Handſchuh und ein Tuch, beide wurden augenbliklich in kleine Stüke zerſchnit ten und an die jubelnde Menge ver theilt; nun erſchien eine zweite Ge⸗ ſandſchaft mit dem Erſuchen, die Ge feierte wolle aus dem ihr gebotenen Pokale Weines trinken. Lächelnd nippte ſie daraus; er ward im Trium⸗ phe hinabgetragen und Hunderte, in Reihen geſtellt, haſchten mit Ungeduld nach dem Augenblik der Regina del canto das Lebewohl zuzutrinken. End lich, es war drei Uhr Morgens, zer⸗ ſtreute ſich die Menge; es ruderten vier Gondeln vor das Fenſter des Leon Bianco Männerſtimmen ertönten aus ſelben, ſie ſangen Stanzen aus Taſſo ſie verſtummten da erſchien auf dem Erker eine weiße Geſtalt,

köſtliche Melodie entquoll ihren Lippen, Worte des Dankes, der Hoffnung des Wiederſehens, ließen ſich vernehmen ſüße Begeiſterung ſchuf den Ab⸗ ſchiedsgruß der Scheidenden an die hohe Venetia. Das Theater Emeronittio heißt nun Theater Garcia.(Echo).

Miszellen.

Lyon. Den hieſigen Aſſiſſenbof beſchäftigte kürzlich ein merkwürdiger Prozeß wegen verſuchter Vergiftung. Ein Hr. N. war nämlich angeklagt, an ſeiner Frau, ſeinen Schwiegerel⸗ tern, ſeinem Schwager, einem Advo katen, der ſeine Frau in der Schei dungsklage gegen ihn unterſtüzt hatte, an der Frau dieſes Advokaten, einem Notar und noch einigen andern Perſo⸗ nen dieſen Mordverſuch gemacht zu ha⸗ ben. Die Mittel und Wege, deren er ſich bei den einzelnen Perſenen dazu bedient hatte, waren verſchieden. Dem einen ſchikte er einen Topf Gründlin⸗ ge, die mit Arſenik beſtreut waren; ein anderer empfing, als Geſchenk eines Bekannten, eine vergiftete Melone oder einen Korb mit dito geräucherten Zungen. Dem Advokaten hatte er vier wunderſchöne Pfirſiche im Namen eines Klienten zugeſendet, in welche das Gift durch eine ſehr geſchikt gebohrte Oeff⸗ nung hineingebracht war; der Notar hatte eine Schachtel mit Clermont'ſchen getrokneten Früchten erhalten. Ein glükliches Zuſammentreffen und ſchnell entſtandener Verdacht hatten die auser ſehenen Opfer gerettet. Da der Böſe wicht bei vorgerüktem Prozeſſe erkann te, daß ſeine Verurtheilung unver⸗ meidlich ſei, ſo benuzte er eine, durch die Wegſchaffung mehrerer Gefangenen entſtandene Unordnung, um ſich an der vor ſeinem Kerker befindlichen Treppe zu erhängen, wo er erſt zwei Stunden