Jahrgang 
Band 1 (1835)
Seite
250
 
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Vermögen größtentheils eingebüßt habe und darauf ein unthätiger Träumer geworden ſei. Sie hätten auch noch hinzuſezen können, daß er einmal Bräu⸗ tigam geweſen, ſeine Braut ihn aber verlaſſen habe. Mochten ſie doch berich⸗ ten, was ſie wollten, der gute Oheim war ja auch kein hiſtoriſcher Charakter, einer von jenen, die ſich praktiſch breit und weit ausgebildet haben, die der Wind gehärtet, die Sonne gebräunt, die Welle herumgeſtoßen und die unend⸗ liche Erbärmlichkeit der Menſchen klug gemacht haben, er lebte vielmehr in einer innern ſchüchternen Weichlichkeit, in einer Unerfahrenheit, troz aller Erfahrungen; er war ein innerlicher Voet, es wußte aber Niemand darum, er ſelbſt nicht, denn nie war es ihm in den Sinn gekommen, nach außenhin in Wort oder Schrift ſich als einen ſolchen zu zeigen; doch unbewußt blühte die geheimnißvolle Welt in ſeinem Innern und trennte ihn bei zunehmendem Alter immer mehr von der äußern ab.

In dieſer Welt des Großoheims mochte es nun aber wunderlich genug ausſehen; bisweilen, wenn die Thüre angelehnt blieb, that ich einen Blik hinein und ſah dann wohl, wie ſich gleichſam im hellen Schimmer koͤſtliche Ge ſtalten bewegten, mit fremden Mienen umſchauend. Merkte der Alte, daß ich ihm etwas der Art abgelauſcht hatte, ſo war er am Tage darauf deſtoftroke⸗ ner und ſtiller, ſchaute ſo alltäglich und mit ſo mattem Blike um ſich, der braune Rok nahm ein altkluges, ſpießbürgerliches Weſen an, die Tabaksdoſe ſchnalzte beſonders abgeſchmakt und das ſtille, geheimnißvolle Lächeln blieb auf lange aus dem Geſichte verbannt.

In ſolchen Zeiten drang er dann eifrig darauf, daß ich die Handlung erlerne, ſprach unermüdlich von Gewichten und Zahlen, ſchlug mit mir Kar ten und Bücher auf und ſchnarrte mit rauher Stimme unzählige Namen her von Meeren, Ländern und Städten. Ich lernte dann aus Verzweiflung in der That tüchtig und eifrig und belud mein Gedächtniß recht ſchwer mit dem ge⸗ lehrten Gepäke, damit nur das Weſen bald ein Ende habe. Zu meinem Troſte hielt es auch der Oheim ſelbſt nicht lange aus: ſein Herz brach gleichſam un⸗ ter dem Gewichte der Ballen chineſiſchen Thees, oſtindiſcher Gewürze, und er ſagte dann plözlich in ſeinem gewohnten Tone:Dort aber, Wilhelm, in dem ſüdlichen Meere liegt eine Inſel, Palmen wehen im Hauch der Lüfte um ihre Scheitel; dort war es, wo wir, vom Schiffbruch gerettet, landeten, dort doch ich erzähle dir wohl nächſtens mehr bievon. Auf dieſe Weiſe pflegte der Oheim immer kurz abzubrechen; er erzählte nie, was ihm denn eigentlich auf jener Inſel im ſüdlichen Meere unter den Palmen begegnet ſei. Gewiß war es eine geheimnißvolle Geſchichte, und wir hätten ſie ſo gerne gehört.

Indeſſen gingen die Jahre dahin, ich trat aus dem Knabenalter heraus und machte gewaltige Schritte in's Leben hinein, während der gute Obeim immer ſtiller und blaſſer wurde, und deutlich Miene machte, ſich leiſe aus dem. Leben hinaus zuſtehlen. Keiner konnte es bei ſich verbergen, daß nun bald ge⸗ ſchieden ſein müſſe. Ich machte ſchon kleine Reiſen, blieb aber nach wie vor in dem Hauſe des Alten, ich war ſein Bibliothekar, ſein Vorleſer, ſein Haus⸗ bofmeiſter, ja ſein Küchenjunge, denn eines der Aemter, das ich, und nur ich allein, zu verſehen hatte, war, wenn der Oheim eine Schüſſel mit Auſtern erbielt, die Schaalen zu öffnen und ſie ihm dann zu bringen. Er genoß gern Auſtern, liebte auch dazu ein beſonders gutes Glas Wein; doch auch dieſen