Jahrgang 
Band 1 (1835)
Seite
207
 
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Norreſponden!.

St. Petersburg(11. März). Der diesjährige Petersbur⸗ ger Karneval. Während ſeiner ganzen Dauer wurden wir durch das mißgünſtigſte Wetter beimgeſucht. Bei einer größtentheils milden Tempera⸗ tur wechſelte es ſtets unter Schneege ſtöber, heftigen Winden und Regen- ſchauern ab, dieſe Unannehmlichkeiten bielten jedoch die Volksklaſſen keines⸗ wegs ab, an den Nachmittagen dem Admiralitäts-Plaze in gedrängten Scharen zuzuſprechen, um dort ih ren gewohnten National-Ergezungen auf den Eisbergen und Schaukeln nach Herzensluſt zu fröhnen. Die ſo un⸗ freundliche Witterung verhinderte aber einen zahlreichen Beſuch von Seiten unſerer höheren Geſellſchafts-Stände; dieſe Bemerkung mußten wir vornäm lich an den drel Schlußtagen dieſes Karnevals machen, an denen ſich der ſelbe ſonſt bei uns am gewühlvollſten und lebhafteſten zu zeigen pflegt. Wir bemerkten an ihnen keine mehrfachen glänzenden Equipagenreihen die be ſtimmt das anziehendſte Schauſpiel des Karnevals bilden ihre ſtundenlan gen Touren, um den Tummelplaz der Volks- Vergnügungen machen, darum fehlten auch die nur durch ſie angezo genen Gruppen von eleganten Spa zirgängern, die ſonſt um dieſen Zeit⸗ punkt den Boulevard überfüllen. Der Baraken und Gaukler- Buden auf be ſagtem Plaze zählten wir insgeſammt zehn. Sie waren ſämmtlich in der Form echt ruſſiſcher Bauerhütten auf geführt, wie ſie uns das platte Land der innern Provinzen darbietet. Ihr Enſemble, von der Mitte des ſie be⸗ herrſchenden Boulevards aus überſehen, gewährte das frappante Tableau eines artigen ruſſiſchen Dörſchens in den ſchönſten Zentral-Punkt der prachtvol⸗

len nordiſchen Kaiſerſtadt verſezt. Am liebſten und häufigſten beſuchte die Menge die Nodbaſche Kunſtreiter-Geſellſchaft und die gymnaſtiſchen Darſtellungen der jungen Engländer Croft und Aterbury. In mehreren Privat⸗Zirkeln unſerer höheren Geſellſchafts-Stände gab es im Laufe des Karnevals glänzende Al ſembleen und Bälle, auf welchen man unſere Beaumonde verſammelt ſah. Eine beſondere Aufmerkſamkeit erregt ein hieſiger Augenarzt, der Kau ſmann W. Aréſchnikow. Durch ſehr einfache, niemals ſchädlich einwirkende immer in irgend einer Art erfolgreiche Mittel heilt er die hartnäkigſten Augenkrank heiten, und ſtellt ſelbſt bei völlig Er⸗ blindeten die Sehkraft wieder her. Mit Augenwaſſern, die keine Säuren ent- halten, und mit ſchmerzſtillenden Sal⸗ ben heilt er ſicher die Augenübel in kürzerer oder längerer Zeit nach Maaß gabe der Dauer derſelben. Seit Kur zem haben über 450 Perſonen aller Stände Hilfe bei ihm geſucht und ge funden.

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Mliszellen.

Paris. Pariſer Blätter erzäh⸗ len unter mehreren Selbſtmorden auch folgenden ſonderbaren: Ein junger Menſch von 22 Jahren hat ſich, in ei⸗ nem der volkreichſten Quartiere von Paris, mit einem Dekokt von Höllen ſtein getödtet, und nachſtehenden Brief hinterlaſſen:Ich ſterbe in der katho⸗ liſchen Religion. Ich vermache meinem Vater und meiner Mutter meine irdi ſche Hülle, indem ich beklage, daß ſie ein Geſchöpf von ſo unangenehmer Ge ſichtsbildung, wie ihr Sohn, groß werden und ſich entwikeln ließen. Ob⸗ gleich ich mit den umfaſſendſten und zärtlichſten Fähigkeiten begabt war, hat mein Geficht den Frauenzimmern