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„O, ich bedaure es“, ſagte unſer Held ganz betroffen.„Iſt er denn ſo krank?“
„Krank? Nein!“ antwortete das Madchen z„er befindet ſich im Gegen⸗ thell recht wohl, aber ich wiederhole es Ihnen: Sie können ihn jezt nicht ſehen, denn er ſizt bei Tiſche.“
„Iſt er denn im Finſtern?“ fragte Frank mit großer Naivität.„Im Finſtern?— Nein l“ entgegnete die Dirne;„aber der Herr ſieht es nicht gern, daß man ihn beim Eſſen ſtört, und will Niemand ſehen.““
„Niemand iſt ſo blind als Diejenigen, die nicht ſehen wollen“, rief un⸗ ſer Halsſtarriger;„aber ſagen Sie ihm, daß ſein Neffe Frank Furrowſield ſo eben vom Lande hereingekommen iſt und erfreut ſein würde, wenn er ihn ſpre⸗ chen könnte.“
Das Mädchen kehrte zu ihrem Herrn zurük, von Frank auf dem Fuße gefolgt, der ihre Weiſung: in dem Vorſaale einen Stuhl zu nehmen und zu warten, bis ſie zurükkommen würde, mißverſtanden, und ſo das Vergnügen hatte, ſeinen Auftrag pünktlich ausgerichtet zu bören. Das plözliche Zurük⸗ treten ſeiner Führerin, als ſie ſein Verſehen gewahrte, ſchlug ziemlich ſeine Erwartungen eines guten Empfanges von Seiten des ehrenwerthen Deputir⸗ ten nieder, dem er ſich gegenüber ſah.*
Miſter Doublepenny war die lezten ſechs Wochen von der Gicht geplagt geweſen, während welcher Zeit ſeine Füße eben ſo viel als ſein Kopf auf Kiſſen gelegen hatten. Nachdem er endlich dieſes antiphlogiſtiſche Syſtem ver laſſen konnte, war er eben, als Frank an die Thür klopfte, im Begriff ſich zu einem ſeiner Lieblingsgerichte niederzuſezen und hatte grade den erſten Biſ⸗ ſen auf der Gabel, den dieſer unerwartete Veſuch unterweges aufhielt.
Das ſtolzeſte und edelſte der Thiere will nicht bei ſeiner Mahlzeit ge⸗ ſtört werden, und unſer Deputirter ertrug Störungen bei ſolcher Gelegenheit mit noch weniger Geduld als irgend ein Thier.— Wenn ein Geiſt oder ſein Hausarzt plözlich erſchienen wäre und ihm befohlen hätte, von dem noch nicht gekoſteten Mahle abzuſtehen, ſie hätten keinem„kälteren Empfange“ begegnen können, als unſer Held.
Oer Deputirte beobachtete den Zudringlichen während einiger Zeit mit einem Blike, worin ſich Erſtaunen und Unzufriedenheit malten. Endlich, die Sprache wiederfindend, rief er aus:„Nun, junger Herr, von welcher drin, genden Nothwendigkeit kann denn Ihr Geſchäft mit mir ſein, daß es nicht biz Morgen Zeit gehabt hätte?“
Frank erklärte mit wenigen Worten den Zwek ſeiner Anweſenheit in London; ſein Onkel aber unterbrach ihn mit den Worten:„Und iſt dies Al⸗ les? ich glaubte nichts weniger, als daß das ganze Pachthaus, Scheune und Ställe in Flammen aufgegangen, oder durch einen Sturmwind zerſtört wä— ren; ich bitte, erlauben Sie mir, junger Mann, das erſte Mittageſſen, wel⸗ ches ich ſeit ſechs Wochen geſehen babe, in Ruhe einzunehmen, und da, wie Sie bemerken, die Suppe kalt wird, ſo ſein Sie ſo gut und ſchreiben Sie Ihre Adreſſe im Nebenzimmer auf; ich werde Sie wiſſen laſſen, wann es mir genehm ſein wird, Sie zu ſehen. Und nun Gott befohlen, Sir!“
(Beſchluß folgt.)


