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„Ja, ja, ich weiß, man wird Ihnen hundert Fabeln mittbeilen..“ Die Tochter jenes Engländers, der einen Preis auf Ihren Kopf ſezte..“ „Das iſt nicht wahr,“ unterbrach er mich lebhaft;„ich babe ne Frauen tödten laſſen.“
„Aber Sie haben einige in das Gebirg geführt?“
Dieſe Frage machte ihn lachen und er ſtand da wie ein Stuzer, der Glük bei den Frauen hat und den Beſcheidenen ſpielt, damit man ſein Schwei⸗ gen zu ſeinem Vortheil deute.
„Sie müſſen ſich in jenes unabhängige Leben wieder zurük ſehnen, dem Sie freiwillig entſagten. Wenn Sie der beilige Vater begnadigte, welchen Gebrauch würden Sie von Ihrer Freiheit machen?“
—„Ich würde ein ehrlicher Mann werden, nach Neapel gehen und ar⸗ beiten, denn das Leben in den Bergen langweilt mich. Ich habe es ſiebzebn Jabre lang geführt; damals war ich jung und die Anſtrengung mir angenehmz aber ich werde alt, meine Wunden ſchmerzen, und ich bedarf der Ruhe.“
„Würden Sie für Ihre Kameraden ſtehen*
—„Für alle.“
„Iſt der da Ihr Nachrichter, der, welcher für Ihre Rechnung mordete?“
7 Na, der iſt es.“
Ich würde nicht ſo ſehr erſchroken ſein, wenn ich plözlich eine Schlange in meiner Hand gefühlt hätte. Der ſchrekliche Henker ſtand ſo dicht neben mir, daß er mich berührte. Er verläßt ſeinen Gebieter nie; er wacht und ſchläft an ſeiner Seite wie in dem Gebirge, als ob er noch im Kerker einen Befehl zum Morde erhalten ſollte. Nichts Schreklichers unter dieſen Männern; die viehiſche Roheit des Verbrechens ſpricht ſich deutlich auf ſeinem langen, magern und bleichen Geſichte aus; ſein Auge gleicht dem einer Blindſchleiche; eine gewöhnliche Muskel zuſammen ziehung am Mundwinkel bildet eine Art Lächeln, aber ſein Blik iſt eiskalt und ernſt. Während ich ihn betrachtete, zählte er die Knöpfe auf meinem Roke„Wie heißt du?“ fragte ich ihn. Er blieb ge—⸗ bükt ſteben; ſein Auge erhob ſich zu den meinigen, ſeine Lippen öffneten ſich nicht, und ſeine heiſere Kehle antwortete:„Geronimo.“—„Haſt du viel umgebracht, Geronimo?“—„Ja wohl, ſtets wenn man zu mir ſagte: todte (amazza)“—„Du wirſt wohl nicht begnadigt werden.“ Ein lautes allge⸗ meines Gelächter folgte dieſer meiner Bemerkung.„Ihr ſcheint euch im Ge⸗ tängniß recht wohl zu befinden“ ſagte ich zu den Räubern.
Ein Bandit mit einem ſebr diken Vauche antwortete: der heilige Vater füttere ſie ſehr gut und ſie wären glüklicher als die Hälſte der Italiener, glütticher als alle Bettler in den römiſchen Staaten.„Aber das geſchieht aus Politik. Die Banditen werden erfahren, daß wir gutes Eſſen, gute Betten und auch Geld bekommen, was man im Gebirge nicht immer hat. Das verlei⸗ tet wohl manchen, ſich ebenfalls auszuliefern. Außerdem bekommen wir auch noch Trinkgelder von Reiſenden.“ 5
Ehe ich die Geſellſchaft verließ, betrachtete ich ſie noch einmal genau. Es war nicht ein einziges Geſicht zum Malen darunter, außer dem des Haupt⸗ manns und des Henkers, alle hatten ſo ſpießbürgerliche, proſaiſche Geſichter, daß man ſie wohl für ehrliche Leute halten könnte. Ich weiß nicht, ob ſie jemals das pittoreske Koſtüm getragen haben, das die Künſtler den neapolita⸗


