Jahrgang 
Band 1 (1835)
Seite
190
 
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wie bramatlſche Schriſtſteller mit ihm, führte mich auf einen Friedhof. Wer

ſollte es glauben, daß ein Friedhof der Ort ſei, wo ein Humoriſt Gelegenheit faͤnde, wizig zu ſein; Späße von den Todten hergeholt ſollten wenigſtens zum Tobtlachen ſein] Die Stim⸗ mung, in die mich ber Ort der Ruhe und des Friedens verſezte, war auch Anfangs nicht geeignet, andre als ern⸗ ſte Gedanken zu erweken, die ich aber weislich bei mir behalte, und meinen Leſern nur jene mittheile, die in Folge eines längern Verweilens auf den Gräbern ſich mir aufdrangen. Als ich eine ziemliche Welle mich jenen ob⸗ beſagten Mebitatlonen und Reflex ſo⸗ nen hingegeben, nahm ich eine Priſe Tabak, als Todtenopfer und Exinne⸗ rung an die vielen bittern Pri⸗ ſen, die ſo Mancher da unten im Le⸗ ben ver ſchnupfen mußte. Den Uebergang von Sentimentalen zum Jo⸗ koſen fing ich folgendermaßen an. Ich dachte: Alle Dinge auf der Welt ha⸗ ben zwei Seiten, nur der Mond nicht, ber uns ſtets nur eine Seite zu⸗ wendet, alſo auch ein Kirchhof. Sollte es denn ſo ſchwer ſein, die omi ſche Seite dieſes ernſten Dinges aufzufinden. Auf dem Leben und Trel⸗ ben des Menſchen haftet eine Ir o⸗ mie, die ihn verfolgt bis zum Gra⸗ be, und die dem Munde des kalten Be⸗ obachters, oft in demſel ben Augenbli⸗ ke, wo eine edle That ober ein ge⸗ müthliches Wort ſeinem Auge eine Thräne der Bewunderung oder der Rührung entlokt, zugleich ein leiſes Lächeln abgewinnt über die ſeltſame Weiſe, mit der jene That vollbracht oder dieſes Wort ausgeſprochen wird. Auch über das Grab hinaus verfolgt oft den Todten die Ironie! und ſpricht ſich laut aus in den baroken Inſchriften, die ſo häufig die Grab⸗

ſteine zieren. Ich meine hier nicht jent

Ironie, bie Campe treſſend mit

»Schalkseruſt« überſezt, und die

wahrlich nirgend häufiger vorkommt, als in Grabſchriften, wo ein Wucherer mild, eine Lais keuſch, eine Verleum⸗

derin fromm genannt wird, nein, ich meine jenes unerklärliche non 30 ché, das unwillrührlich unfer Zwerg fell ki⸗ zelt, jene nalve Unbeholſenbelt des Verfertigers der Grabſchrift im Aus⸗ druke und in der Wahl des Wortes die gewohnlich nur errathen läßt, was er ſagen wollte, und wovon er nicht ſelten gerade das Gegen theil ausdrükt.

Oo glaubte ich gefunden zu ha⸗ ben, was ich ſuchte, und ich fing an, die oft unleſerlich gekrizelten Epitha⸗ phien mühſam zu enträthſeln. Durch das Leſen der Grabſchriften, ſagt der Volksaberglaube, ſchwächt der Menſch das Gedächtnißß, und ſſehe da dag willkommene Mittel für ben Unglüklichen, ſeine Lelden, ſelnen Schmerz zu vergeſſen! Was ich nun da fand, will ich den geſern mit gewiſſenhafter Genaulgkelt wleder ge⸗ ben. Wem wird nicht eln Lächeln ent⸗ ſchlüpfen, wenn er lieſt:

Hler ruht der beſte Vater von bdler Kindern.

Heißt das nicht: der beſte ber Väter dieſer vier Kinder iſt nun geſtorben? Auch war mir bisher unbekannt daß Frauen militäriſche Chargen be⸗ kleiden dürfen, bis mich hler ein Grab⸗ ſtein belehrte: Marla N, Wachtmeiſterin der k. k. Trabanten Leibgarde. Olelch daneben ſagt eine trauernde Gattin:

Edler Gatte treue Sell Ruhe ſanft an dleſer Stelle! und ein 15jähriger Knabe läßt ſich

alſo verlauten: Hier lieg ich im Noſengarten Und thue auf Meine Eltern, meinen Oukel und melne Geſchwiſter warten.