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Barbe, als er die runzlige Sybille ſieht, fallt er auf den Gedanken, das Schitſal um Rath zu fragen; er, der nach wenig Stunden ſich und der Freun⸗ din den Lebensfaden abſchneiden will, iſt noch neugierig zn wiſſen, was für iyn der Schooß der Zukunft birgt. Die Alte holt ibre Karten bervor und legt ſie aus.„Was ſiehſt du?“—„Ich ſehe zwei nahe Todes fälle.“— „Triffts Männer oder Frauen?“—„Einen Mann und eine Frau.“— „Oiehſt du ſonſt nichts?“—„O ja, da ſteht, daß du vor Gericht gezogen wirſt.“— Da ruft Barbe aus:„Das Weib ſagt die Wahrheit— ſo iſt's mit mir.“ Und damit zog er zwei Piſtolen hervor, und zeigte, wie ſie gela⸗ den und geſpannt ſeien. Ehe er wegging, diktirte er einem Schreiber folgen⸗ des originelle Billet an ſeine Jeanette:„Zitternd melde ich dir, daß du heute meines Unglüks Urſache. Ich weiß, ich babe Unrecht; aber unſer Verhältniß hat mich belehrt, daß du eine Undankbare biſt. Was iſt nicht geſchehen zwi⸗ ſchen zwei Weſen, die ſich zu lieben ſchienen! Dein Benehmen hat mir finſtere Ideen gewekt; ich muß dein und mein Leben in einem Augenblik ans Ziel bringen. In dieſem Entſchluß grüße ich dich.“ Die Drohung ging an demſel⸗ ben Tage noch in Erfüllung. Barbe erſchoß das arme Mädchen, ward aber ver⸗ haftet, ehe er den Selbſtmord vollbringen konnte. Er wurde vor die Aſſiſſen geſtellt, ſchuldig befunden und zu lebenslänglicher Zwangsarbeit verurtheilt. Bei der Verhandlung des Prozeſſes erſchien die Kartenſchlägerin als Zeuge.
hre Ausſage iſt anziehend:„Am 51. Dez. um 2 Uhr ging ich in Leonards
irthehaus und fand da den Angeklagten, der allein an einem Tiſch bei der Weinflaſche ſaß. Da ich zuweilen, um mich zu unterhalten, die Karten lege, und Barbe dies wiſſen mochte, bat er mich um eine Probe meiner Kunſt. Ich ließ mich bereden. Gleich beim Auflegen der erſten Reihe ſah ich einen nahen Todesfall;— ich ſagte: es muß Jemand von deinen Leuten gefährlich krank ſein; er verſicherte mich das Gegentheil; beim zweiten Legen wiederholte ſich die Vorbedeutung; ich bemerkte: ſonderbar, daß du von keinem Todtkranken wiſſen willſt, denn jezt ſehe ich gar zwei Sterbende und zwar ganz nahe. Er wollte eine dritte Probe. Auf ſeine Frage, was ich nun ſehe, verſezte ich: du wirſt mit den Gerichten zu thun bekommen. Da ging er hinaus, kam aber gleich wieder zurük, und ſagte zu den Anweſenden, in dem er 2 Piſtolen her⸗ vorzog,„die Frau hat die Wahrheit geſagt— das iſt ganz mein Fall.“— Nach dieſer Szene wurde er nachdenkend; ich fragte um die Urſache; er geſtand mir, daß ihm ſein Mädchen untreu geworden; da lachte ich ihm ins Geſicht und ſagte:„Was iſt dabei! du biſt noch jung und die Mutter der Frauen iſt nicht geſtorben.“ Er verſprach mir für den folgenden Tag ein Neujahr. Ich aber verſezte:„Nimm dich nur heut in Acht— ich fürchte, du wirſt mir morgen kein Neujahr geben können!“— Der Präſident fragte den Angeklag⸗ ten, ob er etwas zu bemerken habe?— Barbe antwortete ganz kurz:„Die Frau hat die Wahrheit geſagt.“
Der Vermittler.
Beim Montmartre ſollte neulich durch das Piſtol ein Ehrenhandel ge⸗ ſchlichtet werden, die Zeugen ſtanden in nöthiger Entfernung, die Piſtolen wurden ausgeliefert, die Sekundanten und die Gegner warteten auf das Signol,


