Jahrgang 
Band 1 (1835)
Seite
140
 
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ſticht mich alle Tage, alle Stunden, alle Minuten mit einer Steknadel an irgend einer wunden Stelle. Ich batte ein Weib, für das ich ſtaht; er quält mich mit dieſem Weibe; ich hatte ein Kindfür das ich ſtahl; er quält mich mit dieſem Kinde. Ich habe nicht Brod genug, ein Freund reicht mir welches, er raubt mir meinen Freund und mein Brod. Ich verlange meinen Freund zurük, er wirft mich in den Kerker. Ich ſage ibm, daß ich leide, er antwor⸗ tet mir, daß ich ihn verdrießlich mache. Was bleibt mir unter ſolchen Um ſtänden übrig? Ich toͤdte ihn. Jezt bin ich ein Ungeheuer, das einen Men ſchen tödtete, der mich nicht gereizt hat. Sie laſſen mir den Kopf abſchlagen. Nur immer zu!

Nach einer viertelſtündigen Berathung ward Claude Gueu von dieſen 12 Geſchwornen zum Tode verurtheilt. Als man ihm ſein Urtheil vor las, ſagte er bloß:Gut! aber warum hat dieſer Menſch geſtohlen, warum bat er gemordet? Auf dieſe beiden Fragen ſind die Geſchwornen die Ant wort ſchuldig geblieben!

In das Gefängniß zurükgebracht, verſchmähte er es, das Rechtsmittel der Kaſſation zu ergreiſen, und gab in dieſer Beziehung nur den dringenden Bitten einer der barmherzigen Schweſtern nach, die ihn darum angegangen hatte. Während ſein Urtheit der höchſten Behörde vorlag, hatte er mehrere⸗ mal Gelegenheit zu entweichen. Es ward ihm durch das Luftloch ein Nagel, eine Feile und ein Stük von einer Säge zugeworfen. Jedes dieſer drei Dinge wäre für einen ſo intelligenten Menſchen, wie Claude, hinreichend geweſen, ſich ſeiner Ketten zu entledigen. Er ſtellte Alles dem Kerkermeiſter zu.

Am 8. Junius 1832, 7 Monate und 4 Tage nach dem Morde, erſchien der Tag der Hinrichtung. Morgens um 7, Uhr trat der Gerichtsſchreiber in Claude's Kerker und kündigte ihm an, daß ſein Geſuch verworfen worden ſei, und er nur noch eine Stunde zu leben habe.

Wohlan denn, ſagte Claude kalt, ich habe dieſe Nacht gut geſchlaſen, ohne daran zu denken, daß ich die nächſte Nacht noch beſſer ſchlafen würde.

Es ſcheint, daß die Worte ſtarker Menſchen bei der Annäherung des To⸗ des immer einen gewiſſen Ausdruk von Größe annehmen.

Sofort kam zuerſt der Prieſter und nach dieſem der Scharfrichter. Er war demüthig gegen den erſten, ſanft gegen den lezten, und behauptete ge⸗ gen beide ſeine volle Geiſtesgegenwart. Während man ihm die Haare abſchnitt, ſprach jemand in der Eke des Kerkers von der Cholera, welche damals Troyes bedrohte.Ich für meinen Theil, ſagte Claude, habe keine Angſt vor der Cholera. Uebrigens hörte er dem Geiſtlichen mit großer Aufmerkſamkeit zu, und bedauerte lebhaft, keinen Unterricht in der Religion erhalten zu haben.

Auf ſeine Bitte hatte man ihm die Scheere zurükgegeben, mit welcher er ſich verwundet hatte. Er bat den Kerkermeiſter, ſie in ſeinem Namen ſei⸗ nem Freunde Albin zu übergeben, dem er auch die Brodportion überſchikte, die ihm an dieſem lezten Tage gereicht wurde.

Diejenigen, welche ihm die Hände banden, bat er, ihm in die rechte Hand das Fünffrankenſtük zu geben, welches er von einer der barmherzigen Schweſtern erhalten hatte.

Um f auf 8 Ubr verließ er das Gefängniß mit der bei ſolchen Gelegen- beiten gewohnlichen düſtern Begleitung. Er ging zu Buße, ſah blaß aus,