Jahrgang 
Band 1 (1835)
Seite
5
 
Einzelbild herunterladen

0

d Gegen acht Uhr fanden wir uns und machten zuſammen in den lezten Stunden des Jahres die lezten Schritte durch die Straßen der Stadt. In dem geräumigen Wohnzimmer eines der zwölf Glieder des Neujahrnachtsklubbs ſollte die Verſammlung ſtattfinden; der Verein, wie mein Freund mir ſagte, aus lauter Unbeweibten beſtehen und von ſehr zuſammengewürfelter Natur ſein. Ich fühlte wirklich eine kleine Neugier, dieſe Muſterkarte von Ange⸗ ſicht zu Angeſicht zu ſehen. Wir betraten das Haus. Vier Stokwerke hoch mußten wir uns hinaufwinden über eine ſchmale, ſteinerne Wendeltreppe.

Was mich betrifft, ſo wurde ich von dem Eigenthümer, einem liebens würdigen jungen Manne(einem Maler, der wie ich bald ſah die Weihe der Kunſt erhalten hatte) auf das Zuvorkommendſte und Freundlichſte empfan⸗ gen. Beiläuſig geſagt, muß man in Wien geweſen ſein und hier mit Men ſchen aller Stände verkehrt haben, um es recht herzinnig zu fühlen, was die offenſte Freimüthigkeit, ungezwungene Gefälligkeit, und unverhohlene Gut müthigkeit für unſchäzbare Eigenſchaſten ſchöner Menſchennatur ſind, die man unter ſo einnehmenden Formen ſowohl bei den Eingebornen, als ſelbſt bei denen findet, die, allerdings Ausländer, dennoch nicht umhin können, ſo bald ſie nur erſt bei uns heimiſch geworden ſind, von ihrer Umgebung! anzuziehen, und ihre gewohnte zierliche Steifheit mit der wohlwollenden Natürlichkeit ih⸗ res neuen Vaterlandes zu bertauſchen. Es war nur erſt die Hälfte der Abend⸗ geſellſchaft angekommen. Bald erſchienen auch die Uebrigen, friſche, lebendige, lebens frohe Menſchen, mit lauten Stimmen; wovon die in unſeren Bühnen⸗ ſpielen vorkommenden enfants gatées ſtädtiſcher bonlonunie nur ſchlechte Ko pien ſind. Man kannte ſich zum Theil; und wo das nicht der Fall war, wußte man ſich bald in einander zu finden. Ich wenigſtens, der, außer dem Freunde, der ihn eingeführt, in der übrigen Geſellſchaft nur noch einen einzigen Ve kannten traf, hatte es nach Verlauf einer halben Stunde rein vergeßen, daß ich unter mir bisher fremden Perſonen mich be fand.

Man ſezte ſich. Man plauderte. Man erzählte Stadtanekdoten, Calem bourgs, woran die Wiener in's Veſondere ſehr reich ſind, weil jeder Vorfall, der auch nur für einen Tag neuer Grſprächsſtoff liefert, deren duzendweis zu Tage fördert; wie denn überhaupt die Wiener legitime Erben des Mutterwi zes zu ſein ſcheinen. Man ſoupirte. Man ſang zum Clavier, in Choro. Man las kleine artige Aufſäze, komiſchen Inhaltes, bor. Man perorirte über das alte, extemporirte über das neue Jahr. Man disputirte und haranguirte ſich gegenſeitig.

Auf einmal trat eine kleine Windſtille ein; eine Pauſe, wie ſie auch in einer großen Geſellſchaft zuweilen, überraſchend, wie eine plözliche Verfin⸗ ſterung vorzukommen pflegt, und im erſten Augenblik, als ſie ſich bemerklich macht, etwas ungemein Komiſches und zugleich Beengendes an ſich hat, weil ſie Jeden gleichſam auffordert, die Stille zu unterbrechen, und doch Keiner das Wagniß unternehmen will. Ehe jedoch jenes, gleich der Fluth anſchwel⸗ lendeSuſurr der Anfang einer unterbrochenen Konverſation wieder ein trat, nahm mein Freund mit etwas ſarkaſtiſchem Lächeln das Wort, ſchob ſein Glas zurük und ſprach alſo:

Meine Herren! Ich nehme mir, mit Erlaubniß unſers verehrlichen Wir thes die Freiheit, Sie darauf aufmerkſam zu machen, daß es auf die 115⸗te Stunde losgeht.