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dicht neben der verderſten Kolonne nach dem Takt, wendete kein Auge von dem kommandirenden Offizier, als gehorche er allen Kommandos. Die Leute be— merkten ihn, machten ſich über ihn luſtig und nannten ihn nur den Bukelhel⸗ den. Dies ließ er ſich aber nicht im Geringſten anfechten, marſchirte immer nach dem Takt der Militärmuſik, denn der Spott kümmerte ihn ſchon deswegen nicht, weil er ganz trunken von dem Gedanken an Vaterland, Schlachten und Ruhm war.— Wenn wir Abends vor dem Thor herumliefen, ſagte er mir oft:„So wie ich das Alter habe, werde ich Soldat. Haſt du den Oberſten ge— ſehen, wie er vor der Fronte herumgaloppirt? Eine Schwadron kommandiren, wie der Bliz auf die feindlichen Bajonette ſtürzen, die eiſernen Glieder ſpren⸗ gen, einhauen, ſiegen, verfolgen, Ruhm erwerben— welches Glüt! Ich ſage dir, Ludwig, ich muß zur Kavallerie.“ 0
Wiewohl ich von Natur nicht ſo kriegeriſch aufgeregt war, ſo riß mich Heinrich doch mit ſeiner Soldatenluſt fort, beſonders wenn er hinzuſezte:„Das iſt aber noch Alles nichts! Jezt flieht der Feind und läßt nur Todte und Ver— wundete zurük; ich aber ordne wieder meine mit Blut und Staub bedekten Dra— goner auf ſchäumenden Pferden und führe ſie nach der geretteten Stadt zurük. Die Einwohner ſehen uns von Weitem, laufen in Tauſenden auf die Wälle, ſteigen auf die Hausdächer; endlich ziehen wir ein.— Welche Luſt! Der An⸗ führer trägt den verwundeten Arm in dee blutigen Binde, galoppirt aber doch vor ſeinen braven Reitern. Alle Blike ſind dankend und bewundernd auf ihn gerichtet, alle Herzen ſchlagen ihm entgegen, aus allen Häuſern fliegen ihm Kränze zu. Kurz, Ludwig, ich muß zur Kavallerie.“
Es iſt eine glük liche, ſchöne Zeit, wo ſich Kinderſinn und Kinderſpiel noch nicht dadurch ſtören laſſen, was die Welt lächerlich nennt! In dem Knaben lag eine ſonderbare, widerſprechende Miſchung, die ich ſpäter manchmal wieder in der Welt gefunden habe. In ſeinem ſchwächlichen, verunſtalteten Körper wohnte eine kühne, ritterliche Seele, die nur von Ruhm und Triumphen träumte. Dieſe Stimmung, der ich nie widerſprochen hatte, konnte aber doch nicht lange ohne Störung bleiben, ſo wie er älter und gegen Spott und Lachen empfind— licher wurde. Er begriff nach und nach, daß es für ihn mit der Kavallerie nichts war. Von nun an ging er zwar nicht mehr zu Exerzitien und Revüen, aber ſein Streben, ſich auszuzeichnen, war darum nicht geringer. Er wollte nun ein— mal ſich über die Menge erheben, von ihr gerühmt werden; nur bekam er eine andere Richtung. Als er einmal den Triumph eines Advokaten ſah, der ei— nem ſcheinbaren Verbrecher die Losſprechung erwirkte, hielt er ſich gleich über— zeugt, der Advokatenſtand ſei ſeine Beſtimmung; ſeine jugendliche, glühende Einbildungskraft fühlte ſich ſogar noch mehr von dieſem Gedanken angezogen, als früher vom Soldatenſtand. Heinrich war jezt fünfzehn Jahre alt und hatte in der Schule eben keine Fortſchritte gemacht; ſo wie er aber auf den Gedanken kam, Advokat zu werden, ging eine große Veränderung mit ihm vor; er ar— beitete von nun an unabläſſig, holte ſeine ausgezeichnetſten Mitſchüler ein und gewann einen Preis um den andern. Niemand konnte ſich dies erklären, nur mir war es begreiflich. Außerdem ward Heinrich viel ernſter und beſonnener als ſonſt; ſein früheres kindiſches Weſen hielt er für unverträglich mit ſeiner neuen Beſtimmung. Die Unſchuld zu vertheidigen, ging ihm jezt über Alles, und bei jeder Veranlaſſung fing er an, advokatiſch zu reden, beſonders wenn ich mit


