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teske Weiſe entſtellen. War der Fremde etwa in unbekannter Verkleidung Brigh⸗ ton, Lovely, Macready, dieſe Helden des engliſchen Theaters? Nein; keiner von ihnen hat dieſes hinreißende Spiel, dieſe tief ergreifende Stimme, dieſen ernſten, ſtechenden Blik. Wozu aber auch den Schauſpieler kritiſiren, Vermuthun— gen, Vergleiche anſtellen? die Rolle des Bukligen iſt ganz für ihn geſchaffen, höchſt dramatiſch und effektreich. Nicht mehr die Szene, das wirkliche Leben glaubt man vor ſich zu ſehen. Nicht ein Komödiant iſt es, der dort oben ſteht und ſich nach den Regeln der Kunſt abmüht, nein ein Mann, der fühlt und em⸗ findet, der ſeinen Mienen Worte, ſeinem Scherz Lachen, ſeinem Gram Thrä⸗ nen leiht.
Die Zuſchauer ſind tief bewegt, bald von Freude gehoben, bald von Furcht gequält. Stumm und mit geſpannteſter Aufmerkſamkeit folgen ſie dem Drama, in das der Dichter ſeine ganze Seele goß, das der Darſteller mit ſeiner ganzen Kunſt beſeelte, und wenn ſich oft ihr Gefühl in Beifall Luft machte, ſo ward dieſer ſchnell wieder underdrükt, daß kein Wort des tief durchdachten Kunſtwerks verloren gehe.) Wie ein allgemeiner Zauber wirkte der Bukelige. Und auch auf den Darſteller wirkte dieſer Zauber, den er übte, mehr und mehr zurük, er ward immer größer, ſein Spiel von Szene zu Szene durchdachter, vollendeter, mit einem Donner des Beifalls fiel der Vorhang. Stük und Schauſpieler hat— ten den glänzendſten Erfolg, ſolch einen Erfolg, von dem die Theatergeſchichte noch in ſpäten Zeiten berichten wird, davongetragen.—„Der Dichter! der Dichter!“ erſcholl es von den Logen, von den Gallerien, aus dem Parterre.
„Sie hören das Verlangen des Publikums, Herr,“ ſagte Kemble ſeinem unbekannten Kollegen, der erſchöpft, aber ſtrahlend in Stolz und Freude in ei⸗ nen Seſſel niedergeſunken war.—„Nun denn, ſo ſagen Sie, Sheridan Know— les ſei des Dichters Name.“—„Sheridan Knowles,“ rief der Direktor über— raſcht,„derſelbe, der den William Tell geſchrieben?“—„Derſelbe.““— Bei dieſem ſchon mehrfach mit Lob und Ehre gekrönten Namen bricht von Neuem ein Beifallsſturm los, ihm folgte noch einmal lauter und ungeſtümer Ruf nach dem Namen des Schauſpielers.— Da ſteht der Fremde von ſeinem Seſſel auf, er zittert vor Freuden, nur von Kemble gehalten, vermag er aufrecht zu ſtehen. „Sein Name,“ durchtönt es wieder tauſendſtimmig den Saal.—„Sheridan,“ wiederholt noch einmal der Fremde.— Jezt erreicht der Ent huſiasmus der Zu— ſchauer ſeinen höchſten Gipfel, die Szene wird erſtiegen, Sheridan Knowles wird in ſeinem grotesken Theaterkoſtüm im Triumph durch die Straßen bis zu ſeiner ärmlichen Wohnung getragen.
Lady Anna erlag faſt der Freude und dem Glük.
Am andern Morgen enthielten alle Blätter Londons Folgendes:„Sheri⸗ dan Knowles hat geſtern in ſeinem eigenen Drama the Hunch Bak't geſpielt. Er wurde ſehr applaudirt und noch an demſelben Abende hat ihn Charles Kemble, Direktor von Coventgarden, für ſein Theater mit einem jährlichen Gehalt von 1600 Pfund Sterling engagirt. Unſer erſter dramatiſcher Dichter iſt auch unſer erſter Schauſpieler geworden.“— So verſöhnte der erſte jezt lebende dramati⸗ ſche Dichter, der Verfaſſer von„Virginius“,„William Tell“,„der Bukelige“ die Ungunſt des Schikſals, die auf ihm gelaſtet.
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