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„Ich wußte, daß er dieſen Arm gefährlich aus der Schulter gerenkt hatte, um mir das Leben zu retten; denn ohne ſeine bereitwillige und ſchleunige Hilfe bätte ich vor wenig Wochen einen tödtlichen Fall gethan“—„Ach, mein Herr, und Sie konnten—“—„In meiner Wuth, in meinem Jähzorn waren ein— ſache Schläge mir nicht genug, Ich wußte, daß ich ihn am empfindlichſten an dieſer Stelle pakte, darum that ich's.“— Der lange ſchwarze Mann wandte ſich, indem ich dieſe Worte ſprach, von mir ab und ſah lange ſchweigend in ſein leeres Glas. Ich wollte es wieder mit Wein füllen, aber er zog es eilig zurük und fuhr ſich dabei mit der Hand über die Stirne, wie einer, der etwas mit Gewalt vergeſſen will.„Ich bin aber ein Thor,“ rief ich,„daß ich Ihnen das erzähle. Sie ſind ja kein Arzt und können dem Menſchen, wenn ich ihm wirk— lich Schaden gethan haben ſollte, nicht helfen.“—„O, wohl bin ich ein* ſagte der Schwarze mit einem kleinen bittern Lächeln.„Aber ich verſtehe mich nicht auf die Uebel des äußern Menſchen, nur auf die des innern.“— Ich ver⸗ ſtand das nicht.„Ich möchte Sie gern heilen,“ ſezte er hinzu und ſah mich mit ſeinen ſanften Augen ſcharf und bedeutſam an.—„Mich 2“ rief ich ver⸗ wundert.„Mir fehlt nichts.“—„Doch etwas,“ entgegnete er.„Sie haben Poricks Enthaltſamkeit und Sanftmuth) nicht. Sonſt hätten Sie das nicht thun können, was ich Sie heute habe vollführen ſehen.“—„Allerdings,“ rief ich betreten,„Vorick hätte nicht ſo gehandelt.“—„und wenn er auch ſo gehan—⸗ delt,“ rief der Schwarze,„ſo hätte er es im nächſten Augenblik auf's Tiefſte bereut und ſich ernſtlich vorgenommen, nie wieder einem ſo thieriſchen Ausbruch kindiſcher Wuth ſich hinzugeben.“—„O, ich will den Schuft, den Andreas mit einer Summe Geldes abfinden!“ rief ich;„ja, das will ich!“—„Das iſt nicht genug,“ entgegnete mein Sittenprediger.„Sie müſſen ſich ſelbſt eine Strafe auflegen, und dazu empfehle ich Ihnen dieſe Horndoſe. Ich mache Sie Ihnen zum Geſchenk. Sie iſt von geringem Werthe, aber jene Tugenden der Seele, die wir nicht mit Golde kaufen, liegen in dem kleinen Raum dieſer Ooſe von Horn. Allemal, wenn Sie ſie aus der Taſche ziehen, werden Sie an den Vor⸗ fall des heutigen Morgens erinnert. Der arme Andreas mit ſeinem gebrochenen Arm wird Ihnen lebhaft vor dem Geiſt ſtehen, und mit ihm zugleich der edel— müthige Porick, und ganz zulezt auch meine geringe Perſon. Die Schlußfolge aller dieſer Erinnerungen wird ſein, daß Sie ſich vor einem ähnlichen Ausbruch Ihres wilden und leidenſchaftlichen Temperaments hüten, und mebr will ich und Voricks Schatten nicht. Nehmen Sie die Doſe““— Er drükte ſie mir in die Hand und war aus der Gaſtſtube verſchwunden, ehe ich mich noch recht auf den ganzen Hergang dieſer für mich ſonderbaren Angelegenheit beſinnen konnte. Ich ſaß da und drehte die Doſe mechaniſch in der Hand, wie Einer, der im Traume handelt. Allmälig wurde mir jedoch der ganze Sinn dieſes Geſchenkes klar. Ich ſagte aber Niemanden etwas davon, ſondern entfernte mich aus dem Orte, wo ich eine ſo ſanfte und doch ſo eindringliche Ermahnung erhalten hatte, in meiner gewöhnlichen barſchen, herriſchen Weiſe. Die hornerne Doſe pakte ich eigenhändig, vielleicht daß Andreas ſie nicht ſehen ſollte, in meinen Koffer.
Ich muß zu meiner Schande aufrichtig geſtehen, daß ich ſchon am nächſten Tage das Ereigniß faſt ganz vergeſſen hatte. Es war, als ſei noch nicht der Zeitpunkt gekommen, wo ich empfinden lernen ſollte. Dieſe Zeit kam jedoch, als ich drei Jahre ſpäter zufällig die kleine Wohnung betrat, die Andreas be⸗


