Jahrgang 
Band 2 (1840)
Seite
590
 
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Schiff wird wieder frei oder zuſammengequetſcht wie naſſes Papier. Und wie ging es in ſo langer grauſer Haft der Mannſchaft des Wallfiſchfahrers, oder der Nordpolexpedition? Sie machte alle Schiffsluken zu, kalfaterte alle Rizen, ſchloß ſich hermetiſch in das zur Gruft gewordene Schiff ein und harrte, die Hände im Schoße, mit der Ruhe der Verzweiflung, was Gott beſchloß. Offiziere und Matroſen ſehen ſich mit verſtörtem Auge an und bliken ſchweigend gen Him mel und zu den Eismauern hinan. Wie viel Grad Kälte? Sie wiſſen es nicht, denn das Thermometer ſteht ſtill, das Quekſilber iſt gefroren welche Lage! Aber was Sturm und Kälte nicht vermochten, der Eisbär wagt es; er kommt nicht allein, ſondern haufenweiſe und hüpft und ſpringt auf dem verödeten Ver deke auf und ab; er zerrt an den Schiffsluken, kaut am Takelwerke; er reißt an den Brettern, an den Maſten und verſchafft ſo einem noch grimmigeren Fein de, der Kälte, den Zugang ins Innere des Schiffes. Jezt ſammelt ſich die Mannſchaft in der Batterie und geht den Beſtien mit Säbeln und Beilen, Keu len, Flinten und Piſtolen zu Leibe. Die Matroſen athmeten einmal wieder fri ſche Luft ein; aber ſie iſt kalt, ſchneidend eine Stükpforte gab den Tazen des Eisbären nach, ſie that ſich auf: ein Lanzenſtich fährt dem Unget hüm in den Leib, eine Kugel in den Rachen er taumelt auf das Eis, ſein Röcheln ruft den Rächer zu erneutem Angriff. Schon iſt er da! Er ſtürmt blutgierig die Breſche, umkrallt mit der Taze das Eiſen, welches ihn durchbohren will, er greift den Arm des Matroſen. Jezt denkt kein Menſch mehr an die eindringen de Kälte, es geht drauf und dran: eine Stunde währt der Kampf, bis die Männer zerriſſen oder erfroren zu Boden ſinken der Sieger Beute.

Die Eingebornen der Polargegenden ſind wie die Außenwelt, geiſtig und leiblich nur mißlungene Verſuche zu der Schöpfung Meiſterſtük, dem Menſchen;z gefühllos und ſtumpfſinnig leben ſie ein Leben, das kein Leben iſt Aber auf der Eisbärenjagd wird aus dem ſchwachen, ſcheuen Eingebornen plözlich ein kühner Held. Der Bewohner von Spizbergen wartet nicht, bis das Ungethüm ſeine friedliche Hütte berennt; er geht ihm entgegen. Seine Schuzwaffe beſteht in ei ner vor dem Bauche feſtgeſchnürten Holzſcheibe, in welcher ſcharfe eiſerne Spizen befeſtigt ſind. So ſteht er dem Feinde, wenn derſelbe von langer Eisfahrt ans Land ſteigt, in verwegener, aber günſtiger Poſition. Geht der Eisbär auf allen Vieren, ſo dukt ſich der Jäger und erhebt ſich, ſobald die Beſtie zum Ringkam pfe Miene macht: mit raſchem Sprunge ſtürzt ſich der Spizbergener auf den Eis bären, umklammert ihn und treibt ihm jene ſcharfen, am Bauche befeſtigten Spi zen in die Weichen. Springt der Jäger fehl, gelingt es ihm nicht, ſich feſtzu klammern und den Kopf dem Bären unter dem Rachen auf die Kehle zu preſſen und ſo zu ſchüzen, ſo iſt es um ihn geſchehen.

Schon mehrfach ward die Frage aufgeworfen, weshalb Island ſo ſelten von Eisbären heimgeſucht würde, da doch die übrigen Polarinſeln, beſonders zur Winterszeit, ſo große Noth mit ihnen hätten? Das Räthſel erklärt ſich viel leicht ganz einfach: Island iſt ein Vulkan Das Haupt des Hekla, welches in die Wolken em porragt, iſt mit ewigem Eiſe bedekt, während aus des Kyklopen Munde von Zeit zu Zeit Feuerſäulen ſteigen und Lavaſtröme das Eis, das ſeit den Schöpfungstagen bier ſchlief, in Waſſer verwandeln. Die Inſel ſchwankt auf dem vulkaniſchen Grunde, Schneemaſſen fahren, wie von Zauberhand ge⸗ ktreut, thurmhoch herab, der Ozean weicht und kehrt in wildem Brauſen; die