Genovefa ſchauderte und wollte auf der Stelle weiterreiſen; es war zu ſpät. Nun Tobias wieder Spieltiſche und Spieler ſah, war er nicht mehr zu halten. Sie zog ihn faſt mit Gewalt aus dem Spielſaale fort; da widerſezte er ſich, zum erſten Male ſeit ſeiner Geiſtesabweſenheit, klammerte ſich wüt hend an die Thüre des Saales und ſchwor, er wolle in Lucca bleiben, ſo lange es ihm gefiele und werde, wenn es ſein müſſe, Gewalt mit Gewalt vertreiben.— Was war zu thun? Genovefa fügte ſich in die wunderliche Laune ihres Gatten, wie man dem Eigenſinne eines kranken Kindes nachgibt und freute ſich auf der andern Seite zugleich, daß ihn doch endlich einmal etwas aus ſeiner Theilnahm— loſigkeit aufrüttelte. Aber jezt galt es, klug und umſichtig zu Werke zu gehen
(Beſchluß folgt.)
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Der mediziniſche Hund.
Ninon von Lenclos, die in der Geſchichte der franzöſiſchen Geſell⸗ ſchaft eine ſo eigent hümliche Stellung einnimmt, hatte ein hübſches, kleines Hündchen, deſſen Vaterland England war, und das die berühmte Dame von dem nicht minder berühmten Marquis von Worceſter zu Geſchenk erhalten hatte.— Nicht nur ſein ſchönes Auge, ſein buntgeſchektes, ſeidenweiches Fell empfahl Nia— ton, ſo hieß er, der Gunſt ſeiner! Herrin, auch ſeine Kenntniſſe in der Kunſt, das menſchliche Leben zu verlängern, wie man ſeit Hufeland jenen Zweig der Medizin, der vor Krankheiten bewahren ſoll, etwas pomphaft zu nennen pflegt, machten ihn ihr werth. Ward Ninon zu Tiſche geladen, ſo erſchien ſie nie ohne ihren kleinen, hübſchen Naton, ihren beſtändigen Begleiter, und ſezte ihn in ein Körbchen dicht neben ihr Kouvert auf den Tiſch. Er diente ihr als Leib— arzt, und litt um nichts in der Welt, daß ſie ſich eine Uebertretung der Diät erlaubte, die ihr einmal zur Regel geworden war, und die ihr zu einem Alter von hundert Jahren verhalf. Die Hiſtoriker bemerken, ſie habe nie Kaßfe und Liqueure getrunken und Ragouts gegeſſen. Was Liqueure und Ragouts betrifft, ſo mögen dieſe wohl ein Leben verkürzen können, der Kaffe aber iſt gewiß ge⸗ fund, und hier darf wohl der Ninon gegenüber ein nicht minder geiſtreicher Zeu— ge angeführt werden, Voltaire, der bei vielen Tauſenden von Taſſen Kaffe ein ſo hohes Alter erreichte.— Raton ließ, ohne zu murren und ſeine mediziniſche Autorität geltend zu machen, Suppe, Mehlſpeiſen, Gemüſe, Braten vorüber; rührte ſeine Herrin aber ein Ragout an, ſo knurrte er, ſah ſie ſtarr an, und bob warnend ſeine kleine Pfote in die Höhe; nach dieſen Warnungen ging auch immer das gefährliche Gericht unberührt an Ninon vorüber. Andere Speiſen dun fte ſie ruhig wieder genießen, erſt beim Kaffe merkte Raton von Neuem auf, und machte die ernſteſten Vorſtellungen.— Er ſelbſt lebte auch äußerſt mäßig; wäh—⸗ rend des Diners lag er ruhig in ſeinem Körbchen, und erſt wenn die gakonnir— ten Lakaien das Deſſert herbeibrachten, ſprang er auf dem Tiſche umher, und forderte von den Damen ſüße Spenden, die ihm auch keine verweigerte. Hatte er lange mit ſeiner Herrin geſtritten und geeifert, wenn dieſe Miene machte, eine Taſſe Kaffe oder ein Gläschen Aniſette zu trinken, ſo konnte ſie ihn nur beru— higen, wenn ſie ein großes Glas Waſſer nahm; dies war das Zeichen zur Ver— ſöhnung, er liebkoſte ſie alsdann und legte ſich, ganz ſtol; über ihre Folgſamkeit,


