278 Thiermedicinsche Rundschau etc. 1891. No. 24.

machten Zellen sind es, welche die Parasiten hemmen und tödten, nicht aber die Specifica selbst. Es wird dies zum Theil dadurch er- leichtert, dass praktisch viel geringere Mengen der Substanzen zur Wirkung kommen, als man anzuwenden glaubt. So wird z. B. bei Sublimat ein Theil sofort am Injectionsorte als Quecksilber- albuminat ausgeschieden und dadurch an der Wirkung verhindert. Quecksilberalbuminat ist allerdings nicht unwirksam, sondern im Gegen- theil, in richtiger Weise gelöst sogar ein sehr heftiges Bakteriengift. so dass es Lister für seinen Verband verwerthen konnte. Aber einmal ausgefällt, wird es nur in grossem Ueberschuss von Serum wieder gelöst und dies wird eben durch die Art dieser Anwendung des Sublimats und durch die Weise und den Ort der Bildung des Quecksilberalbuminats verhindert oder viel- mehr so langsam und spurenweise ermöglicht, dass es stets nur in geringen Mengen zur Wirkung kommt, bei denen allein die Reiz- wirkung auf die Zellterritorien, aber niemals die antiparasitäre sich geltend macht.

Unter diesen Umständen machen wir nur dort von den antiseptischen, antiparasitären und desin- fieirenden Wirkungen Gebrauch, wo wir den Zer- setzungserregern, den Parasiten, den Infections- keimen direct beikommen können: an der äusseren Körperoberfläche, an den sichtbaren Schleimhäuten und bis zu einem gewissen Grade im Verdauungs- canal.

Es ist wohl seit der Finführung des Lister- schen Verbandes der grösste Fortschritt, dass man jetzt in der Chirurgie und Gynäkologie die inneren Organe nur mit sterilisirten indifferenten Kochsalzlösungen von Körperwärme in Berührung bringt, aber alle theils überflüssiger Weise rei- zenden oder ätzenden, theils zur allgemeinen Ver- giftung führenden Substanzen fernhält und nur noch zur Desinfection der Körperoberfläche, des Operationsfeldes, der eigenen Hände und allen- falls noch der Instrumente verwendet. Damit hat die Lister'sche antiseptische Methode wieder den Anschluss an die aseptische Methode von Semmelweiss erreicht und sich zu einer noch höheren Leistungsfähigkeit durchgearbeitet.

In der directen inneren Antisepsis des Verdauungscanals sind wir gleichfalls jetzt viel besser daran als früher, insofern wir jetzt Mittel besitzen, welche im verhängnissvollsten Abschnitte desselben, dem mit seinen für para- sitische Bakterien durch Inhalt und Alkalescenz so günstigen Dünndarm, wirklich zur Wirkung gelangen können, nachdem die früheren Methoden, Medicamente dorthin zu bringen, sich wenig be- währt haben. Die grössere Leistungsfähigkeit liegt in den Eigenschaften der Mittel selbst, von

denen die einen den sauren Magensaft unzersetzt passiren und erst im alkalischen Dünndarm als solche zur Wirkung kommen.

Von viel universellerer Brauchbarkeit erscheint die zweite Categorie, deren Typus das von Nencki entdeckte Salol ist. Diese Mittel passiren gleich- falls den sauren Magensaft unzersetzt und kommen dadurch erst im Dünndarm zur Wirkung, dass sie dort durch die Verdauungsenzyme in ihre wirksamen Componenten zerlegt werden, so dass sie also in statu nascendi. also besonders kräftig und localisirt ihre Wirkung entfalten können. Bis jetzt legte man mit Sahli den Hauptwerth darauf, dass man bei dem Salolprincip viel Medi- cament zur Verwendung bringen könne. Nach- dem es aber inzwischen gelungen ist, eine ganze Reihe ausgezeichneter antiseptischer und antipara- sitärer Mittel als Salole herzustellen, scheint mir neben der von Sahli hervorgehobenen Möglich- keit ein zweiter Punkt noch viel wichtiger. Wenn man jetzt alle möglichen Salole schon herstellen kann, so wird man auch solche herstellen können, welche gegen bestimmte Arten von Mikrobien, z. B. gegen Cholerabakterien wohl specifisch wirksame Componenten enthalten. In diesem Falle bedarf man keiner so grossen Mengen, erreicht mit wenig Medicament grössere Er- folge und reducirt die aus der Resorption des unverbrauchten Medicaments möglichen Vergif- tungen auf ein Minimum. Nachdem es mir gelungen ist, die Versuchsanordnung, an der bis- her alle Beobachter gescheitert sind, weil es nöthig ist, Alkalescenz, Luftabschluss und wirk- same Enzyme gleichzeitig zur Anwendung zu bringen, einfach und sicher zu gestalten, werden Versuche dieser Art anderenorts mitgetheilt wer- den. Die bisherigen Versuche mit Salolen bei Cholera haben auf jeden Fall viel mehr Menschen das Leben gerettet als das Tuberculin und zeigen damit das Unrichtige der Auffassung von Koch, dass der Weg des Versuchesfür Krankheiten mit kurzer Dauer der Incubation und mit schnellem Krankheitsverlauf weniger therapeutische Erfolge verspreche, als pei chronisch verlaufenden Krank- heiten Auch die bekannten Erfolge mit Chinin beim Malariaanfall und mit Salicylsäure bei acutem Gelenkrheumatismus lehren doch genügend, dass auch bei acuten Infectionskrankheiten die The- rapie nicht aussichtslos ist. Meine Unter- suchungen bei Cholera haben gerade wie die von Koch bei Tuberculose mit den rein bakteriolo- gischen und den Thierversuchen begonnen, haben aber auch die chemische Natur der Substanzen und die pharmacologischen Versuche beim Men- schen mit berücksichtigt, während Koch sofort die Thierversuche auf den Menschen übertrug. Pamit vermied er einen Fehler seiner Vorgänger,