15. Juli.

Thiermedicinische Rundschau etc.

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Arzneimittellehre.

Beiträge zur Kenntniss des Strophantus und seiner Wirkungen auf den gesunden Organis-

mus. Von Dr. Müller-Dresden.(Separatabdruck aus dem Archiv f. wissensch. und pract. Thierheilkunde.)

Livingstone hatte in seinem Werke darauf aufmerksam gemacht, dass die afrikanischen Ein- geborenen zum Bestreichen der Pfeilschäfte und Pfeilspitzen ein Gift benutzen, welches den Namen Kombi führt und aus den Samen verschiedener Species der Gattung Strophantus hergestellt wird. Er giebt an, dass in diesen Samen ein Alkaloid enthalten sei, welches mit Strychnin eine gewisse Aehn- lichkeit besitze und die Fähigkeit habe, die von vergifteten Pfeilen getroffenen Jagdthiere sofort zu tödten. Die zu den Apocyneen gehörige Gat- tung Strophantus ist nach Vulpian in zahlreichen Arten durch die asiatischen, afrikanischen, mög- licherweise auch amerikanischen Tropenländern verbreitet; es sind schnell wachsende, milchsaft- führende, strauchartige Schlinggewächse, welche sich besonders durch die eigenthümliche Form ihrer Früchte auszeichnen. Die Früchte präsen- tiren sich nämlich als oft paarweise stehende Balgkapseln, die zugespitzt und meist braun ge- färbt sind, sich strohartig anfühlen, eine Breite von 12 em, eine Länge von 30 cm und darüber

erlangen und angeblich mitunter bis zu 5 kg

schwer werden. Diese Balgkapseln beherbergen 100 200 und mehr Samen von verschiedener Färbung und Behaarung, welche einige Millimeter breit und bis zu 1,5 em lang sind und einen bis 15 em langen Pappus tragen. Durch successives Auszieben der vom Pappus befreiten Samen mit Aether Petrolei, wasserfreiem Aether, Alkohol und Wasser erhält man 20 Proc. fettes Oel, 0,3 Proc. Chlorophyll und Fett und 5 10 Proe. des eigentlichen wirksamen Bestandtheiles. Dieser eigentlich wirksame Bestandtheil der Samen führt den Namen Strophantin und wird aus den mittels Petroleumäther oder Aether entfalteten Samen auf unschwere Weise gewonnen. Ausserdem befindet sich in den Semina Strophanti noch ein anderer Körper, welcher den Namen Inein führt und bedeutungslos ist.

Verf. hat nun zahlreiche Versuche mit aus- schliesslich alkoholischer Tinctur im Verhält- niss von 1: 10 angestellt. Das Präparat ist von der Firma Gehe& Comp. in Dresden. Nach diesen Versuchen können von dem Mittel sehr grosse Gaben ohne nennenswerthe Wirkung dem Magen einverleibt werden. Beim Hunde zeigten sich erst nach 2,0 der stark mit Wasser ver- dünnten Tinctur Erscheinungen, aus denen auf eine Reizung des Magen-Darmtractus geschlossen

werden musste. Diese Symptome erlangten auch dann keinen Besorgniss erregenden Charakter, als 10,0 der Tinktur eingegeben waren. Stärkere Herzaktion mit Temperatursteigerung trat erst nach 8 10g ein. Beim Pferde trat die schwache Wirkung des Mittels bei der Application per os noch schärfer hervor.

Bei subeutaner Anwendung änderte sich jedoch die Wirkung sofort.

Verf. kommt bei seinen Versuchen hierüber zu folgendem Ergebniss:

1. Strophantus entfaltet seine volle Wirkung erst nach subcutaner Anwendung und scheint von der Mastdarmschleimhaut aus schneller resor- birt zu werden, als von der Magenschleimhaut. Das Mittel ähnelt in dieser Beziehung manchen anderen Pfeilgiften, besonders dem Qurare, welches eben auch die merkwürdige Erscheinung bietet. dass es von der Magenschleimhaut aus nur äusserst langsam resorbirt wird und somit in grossen Quantitäten ohne sonderlichen Nach- theil gegeben werden kann, während es von der Subeutis und der Mastdarmschleimhaut aus schnell in die Blutbahn gelangt und dann äusserst giftig wirkt.

2. Strophantus ist ein Herzgift und gleicht in seinen Wirkungen fast genau der Digitalis. Man kann zwei Stadien der Strophantuswirkung unterscheiden:

Ein erstes, welches nach kleinen Dosen allein nur, nach grösseren Dosen manchmal als Vorläufer des zweiten Stadiums auftritt und durch eine kräftigere Action des Herzmuskels mit Verlangsamung und Vollerwerden des Pulses und entsprechender Steigerung der Mastdarm- temperatur sich ausspricht.

Ein zweites, welches sich durch Be- schleunigung und Arhythmie der Herzaetion und durch Steigerung der Körpertemperatur zu erkennen giebt. Bezüglich der Temperatur- erhöhung scheint das neue Mittel mit der Digi- talis nicht vollkommen übereinzustimmen.

3) Strophanthus veranlasst eine m. o. v. starke Reizung der Magen-Darmschleimhaut, welche bei subcutaner Anwendung viel stärker in die Erscheinung tritt, als bei der Application per os. Die Symptome stellen sich in der Regel 1 ½ Stunde nach der Injection ein und sind bei Hunden: Rülpsen, Erbrechen, lang anhaltende Appetitlosigkeit; bei Pferden: Kollern im Hinter- leibe, Diarrhoen, Appetitmangel.