244 Thiermedicinische Rundschau etc.
1888. No. 20.
Zitzen und dazwischen bis zum Nabel und darüber hinaus. Seltener wird die innere Seite der Hinter- schenkel genommen. Bei Bullen wird das Sero- tum benutzt. Die Stiche sind beinahe jetzt ganz
verlassen, weil sie zu wenig Lymphe liefern und
meist erst am 6. Tage etwas ansehnlicher werden. Zu dieser Zeit ist aber die Lymphe häufig schon unsicher in der Wirkung. Ich selbst impfe jetzt immer nur durch Kreuz- und Längs-Schnitte. Erstere, welche sich schneller entwickeln und früher lymphreich werden, nehme ich am 4. Tage. letztere am 5. Tage ab. Den 6. Tag lasse ich ganz fortfallen. Ieh gewinne dadurch früher Platz für ein neues Thier, wenn ich vielen auf einmal Baum geben muss, und gehe in der Wirkung der Lymphe noch sicherer.
Es dürfte Sie m. H., vielleicht nebenbei inter- essiren, zu hören, dass ich mein Institut seit 4 Jahren in unmittelbarem Zusammenhange mit meiner Wohnung etablirt habe und, ohne eines Stalles zu bedürfen, 7 Thiere zugleich in 3 Stuben placiren kann.
Was die Flächenimpfung betrifft, so wird dieselbe hergestellt entweder durch Tättowirung mittelst der in die Röhrchen-Lymphe getauchten Paracentesennadel, welche möglichst flach in die Haut gestochen wird, um taschenförmige Wunden zur Aufnahme des Giftes zu bilden, oder sie wird hervorgebracht durch feine Schraffirung mittels einer sehr scharfen Lanzette oder der Meynhoff- schen Impffeder. Sobald 2 qem skarificirt sind, wird der Impfstoff mit einem Stäbchen nochmals grundlich eingerieben und mit der weiteren An- legung der Fläche fortgefahren, pis dieselbe die Grösse einer Männerhand und darüber erreicht. Als Impfstoff wird hierzu mit Vorliebe. oder fast immer Kinderlymphe genommen, denn ich glaube gern, dass die Einreibung der Emulsion von vornherein einen zu lebhaften Reizzustand der Impffläche hervorrufen würde.
M. H.! Ich habe bisher diese Methode nicht nachgeahmt, da ich deren Vorzüge nicht einzu- schen vermag. Der Zweck ist, eine grössere Auspeute des Impfthieres zu ermöglichen. Wenn ich aber, wie mitgetheilt, nach meiner Methode ein Kalb im Durchschnitt auf 2000 Impfungen und in maximo auf über 4000 Impfungen auszu- nutzen im Stande bin, so ist das, glaube ich, Alles, was man von einem Impftbiere verlangen kann. Jede Sache hat ihre Grenzen und ich könnte auch durch das zu viel möglicherweise in „embarras de richesse“ kommen, d. h. nicht im Stande sein, das Material gut zu präpariren. Nun kommen abper zu diesem Mangel an Vortheil noch mehrere Nachtheile der Flächenimpfung, die ich aus mündlichen und schriftlichen Mit- theilungen kenne und Ihnen nicht vorenthalten will.
1) Ist die Qualität der Bläschen, welche sich auf der Impffläche bilden, viel schwerer, ob gut oder schlecht, zu unterscheiden. Man ist daher ge- zwungen. die Fläche mit isolirt stehenden Pocken zu umgeben, um der Wirksamkeit des Impfstoffes und der Disposition des Thieres sicher zu sein.
2) Ist der Verlauf und die Reifung der eulti- virten Vaccine selten gleichmässig auf der ganzen Fläche vorgeschritten. Man wird also häufig, ohne es zu wollen, minderwerthigen Stoff mit abschaben, weil das Ineinanderfliessen der Pocken eine Scheidung kaum ermöglicht. Dadurch aber kann die Wirksamkeit der ausgekratzten Masse leicht in Frage kommen.
3) und das ist die Hauptsache, wird durch das energische Auskratzen der Impffläche dieselbe in eine grosse eiternde Wunde verwandelt. Augenzeugen, die dem Verfahren sogar persön- liche Sympathie entgegenbrachten, haben mich versichert, dass der Anblick, trotz aller anti- septischen Mittel, durchaus nicht den Eindruck der Salubrität macht. Herr Med.-BRath Wesche pehält daher auch die Kälber, wie er in seinem erwähnten Berichte angiebt, 10 Tage unter Be- obachtung und lässt die eiternde Impffläche erst 4—5 Tage abheilen, bevor er die Kälber zur Schlachtung abliefert. Unter diesen Umständen, m. H., werden Sie mich gewiss nicht tadeln, wenn ich ein Verfahren nicht adoptire, welches statt Vortheile, nur Nachtheile bietet.
Was schliesslich die Art und Weise angeht, wie die Menschen geimpft werden sollen, so ist auch bei diesen der Stich, als zu unsicher, fast überall aufgegeben. Die Kreuzschnitte, welche ich seit 1874 empfohlen habe, sind seit den neuen Conservirungsmethoden auch nicht mehr obligatorisch. Es genügen gut imprägnirte Lüngs- schnitte, wie man sie mit humanisirter Lymphe seit langen Jahren gewohnt ist. Am besten wird die Lanzette nicht steil, sondern schräg angesetzt, weil dadurch das leichtere Bluten ver- mieden wird und eine seichte Oeffnung entsteht, die den Impfstoff unter die Epidermis zu dringen gestattet. Man kann bei der Emulsion mit ein- mal armirter Lanzette sehr gut 6 Impfschnitte hintereinander machen; streicht dann mit der flachen Lanzette darüber und braucht nicht lange auf das Austrocknen zu warten. Alles geht bei den öffentlichen Impfungen so glatt und schnell von statten, da man das Material für circa 30 Impfungen stets auf einmal vor sich hat, wie nur je sonst mit der Kinderlymphe, und so schliesse ich meinen Vortrag mit dem Wunsche, dass die animale Vaccination, in dem Sinne wie ich sie auffasse, recht bald bei uns in Deutschland blühen und gedeihen möge.


