15. November.
Thiermedicinische Rundschau etc. 49
Dann beschliesst die Versammlung, das Kalenderjahr auch als Vereinsjahr zu rechnen und nicht wie bisher von Oectober bis Oetober.
Hierauf fand die Vorstandsergänzungswahl statt und zwar für den ausscheidenden Collegen Keller als stellver- tretenden Vorsitzenden, für den Collegen Enke als interimistischen Schriftführer und für Collegen Huch als Cassirer.
Auf Vorschlag des Herrn Vorsitzenden wird zum stell- vertretenden Vorsitzenden der Herr Departementsthierarzt Schilling-Oppeln, zum Schriftführer Herr Kreisthierarzt Kampmann-Wohlau und zum Cassirer Herr Thie rarzt Angenheister-Breslau einstimmig bis Ende 1888 gewählt.
An diese Vereinsangelegenheiten reihte sich der Vor- trag des Herrn Dr. Fiedeler über Rothlauf der Schweine. Beferent hebt die wesentlichsten Momente der Differenzialdiagnose hervor, erwähnt die klinischen Erscheinungen beim Nesselfieber, Kopfrose und Milzbrand. Rothlauf muss von Schweineseuche streng geschieden werden, doch ist die Feststellung nur durch Section möglich. Pasteur hat Rothlauf bei Schafen und Rindern beobachtet.
Der Vortragende zeigte sehr instructive Präparate roth- lauferkrankter Schleimhaut vom Darm des Schweins; die geschwürigen Erkrankungen haben grosse Aehnlichkeit mit den Veränderungen des Darms, wie solche bei der Rinder- pest vorkommen.
Starke Vergrösserung der Mesenterialdrüsen Schwellung der Tiocoecalklappe seien charakteristisch.
und
Referent hat in Gemeinschaft mit dem Herrn Kreis- Wundarzt Dr. Bleisch Bothlaufbacillen gezüchtet, geimpft und in mikroskopischen Präparaten deren wesentliche Verschiedenheit von den Bacillen der Schweineseuche fest- gestelit.
Für den höchst lehrreichen, durch mikroskopische Präparate und Culturen erläuterten Vortrag dankte die Versammlung dem Vortragenden durch Erheben von den Sitzen.
Sodann perichtet Herr Haselbach über die Verwen- dung und Nützlichkeit des in jüngerer Zeit in Gebrauch gekommenen Creolins und bestätigte die fast allgemein gewonnenen Resultate bei Anwendung desselben als Wund- und Pesinfectionsmittel gegenüber dem Carbol, dessen An- wendung wegen seiner giftigen Eigenschaften sehr zu be- schränken sei.
Die vom Vortragenden angestellten Versuche ergaben, dass gezüchteter Bacillus prodigiosus schon bei ½ Proc. Creolinlösung zu wachsen aufhöre und zu Grunde gehe.
Auch bei Hautkrankheiten, Räude, Insecten jeder Art, empfehle sich das Mittel sowohl bei Thieren als auch pei Pflanzen; bei ersteren je nachdem in 3— 5 proc., bei letz- teren in 1 proe. Lösungen.
Bei der Besprechung des Vortrages wird von ver- schiedenen Seiten die Vorzüglichkeit der dem Mittel nach- gerühmten Eigenschaften bestätigt. Der Herr Vorsitzende dankte dem Herrn Vortragenden im Namen der Ver- sammlung.
Herr Kampmann-Wohlau hält dann den in Aussicht gestellten Vortrag über ideale und reale Collegialität und führte Folgendes aus:
Meine Herren! Es ist eine immerhin gewagte Sache, über das von mir gewählte Thema im Kreise von Berufs- genossen des Längeren zu sprechen, da man nur zu leicht Gefahr läuft, die Einem persönlich widerfahrenen Momente
ins Auge zu fassen und so das Sprichwort:„Wer in einem
Glashause sitzt, soll nicht mit Steinen werfen“, auf sich selbst in Anwendung zu pringen Gelegenheit hat.
Indess, ich will mich nach Kräften bemühen, rein sachlich, ganz objectiv zu bleiben und selbst wenn ich mich zur Beleuchtung dieser oder jener Frage einiger Bei- spiele aus dem practischen Leben bedienen, oder solche als Beweise für etwa von mir aufgestellte Behauptungen ins Feld führen sollte, dann, meine Herren, bitte ich um Entschuldigung, um Nachsicht!
Mein heutiger Vortrag über ideale und reale Collegialität hat lediglich den Zweck eine unseren Stand, unsere Re- Präsentation, unsere sociale Stellung berührende Seite zu zergliedern, die Licht- und Schattenseiten unserer Stellung zu einander und dem Publikum gegenüber einer näheren Zetrachtung zu unterwerfen, und aus den Erwägungen ein für die nunmehr ja glücklich erreichte Gleichstellung unserer Wissenschaft mit den anderen academischen Facultäten, durchweg zu verfolgendes Princip in Hand- habung der Collegialität zu erreichen!
In jedem Stande, sei es der Gelehrten oder des Hand- werkers, sei es des Beamten oder Soldaten, spielt die Collegialität, das Zusammenleben der Berufsgenossen eine gewisse Rolle und tritt mehr oder weniger in dieser oder jener Form in die Erscheinung.
Die Collegialität zeigt sich aber in den erassesten Ex- tremen, höchst ideal und höchst real.
Idealismus und Realismus, diese Kunstausdrücke für die allgemeine Charakterisirung philosophischer Systeme, werden einander auf den verschiedensten Gebieten gern als etwas Gegensätzliches gegenübergestellt und doch sieht man im täglichen Leben, wenn auch noch so krass sich Idealismus und Realismus gegenüberstehen, dennoch in Theorie und Praxis beide sich die Hand reichen, beide sich ergänzen; dieses Ziel, den Idealismus und den Realismus in Bezug auf Collegialität in gehöriger gesitteter Weise zur Anwendung zu bringen, sei der Zweck meiner heutigen Auseinandersetzungen.
Ich bediene mich der Worte eines Freundes wenn ich sage: Mag der hohe Flug idealster Anschauungen des Einen auch einmal einen Dämpfer aufgesetzt bekommen durch den in der Tretmühle der Alltäglichkeit hastenden Realisten, noch öfter wird die moralische Ueberlegenheit des Ersteren den Letzteren in seinem sittlichen Werthe zu sich heraufziehen, oder wenigstens sich näher bringen.
(Schluss folgt)


