1887. No. 22.

PThiermedicinische Rundschau etc.

Arzneimittellehre.

Die Jodoformfrage. Von Gottstein.(Fortschritte der Medicin. Nr. 11. 1887.)

Verf. stellt die gegenwärtigen Kenntnisse über die Wirksamkeit und Bedeutung des Jodoforms als Antiseptieum zusammen. Bezüglich der Frage nach der Einwirkung des Jodoforms auf Mikro- organismen ausserhalp und innerhalb des Organis- mus scheint die Antwort dahin zu lauten, dass dem Jodoform als solchem, im Gegensatz zu an- deren in der Chirurgie verwendeten desinficiren- den Stoffen(Carbol, Sublimat) ein Einfluss auf Lebensfähigkeit und Entwickelung der Mikro- organismen nicht zukommt. Zahlreiche Versuche verschiedener Autoren(de Ruyter, Lübbert, Heyn und Boosing, Tilanus, Behring, Baumgarten) haben das übereinstimmende Resultat ergeben, dass das Jodoform als Pulver auf die Qulturen pathogener Mikroorganismen gestreut oder der Nährgelatine beigemengt keineswegs dieselben be- einflusst.. Nur pei Tuberkelbacillen scheint eine Entwicklungshemmung stattzufinden. Im Gegen-

Sat? zum Pulver ist eine Lös ung des Jodo- forms(und zwar eine solche von 1 Theil Jodo-

form auf 2 Theile Aether und 8 Theile Alkohol) nach de Ruyter im Stande, sowohl die wider- standsfähigsten Organismen zu tödten, wie auch den Nährboden für dieselben ungeniessbar zu machen; in wie weit hierbei sich entwickelnde Jodverbindungen mitspielen, bleibt nach ihm vor- läufig dahin gestellt. Im Gegensatz zu Sublimat ist Jodoform wirkungslos gegenüber einer Infec- tion mit Tuberkelbacillen. Lösungen von Jodo- torm übten auf Staphylococcus und Milzbrand- pacillus nur eine nennenswerthe Wirkung aus, wenn die Fäden vor Finbringung in eine Wunde in einer Lösung längere Zeit gelegen hatten, nicht aber wenn die Keime erst in der Wunde unschädlich gemacht werden sollten. Senger theilte ferner auf dem letzten Chirurgencongresse mit, dass Jodoform im Thierkörper eine deutlich antibacterielle, jedoch erst allmählich sich ein- stellende Wirkung zeige, wenn es einige Zeit vor der Infection schon in der Wunde sich be- finde, um zur Geltung zu kommen. Es gelingt nicht, die vorangegangene Milzbrandimpfung durch eine spätere lokale Jodoformbehandlung zu peeinflussen.

Unbedingt erwiesen ist die Wirksam- keit des Jodoforms in der Antisepsis, soweit es sieh um den Kampf der Zellen gegen die Bacterien handelt. Bruns und Nauwerck haben die antituberculöse Wirkung des Jodoforms hierbei constatirt. Werden z. B. Infectionen einer Jodoformemulsion(Jodoform 10 Proc. auf gleiche Theile Glyéerin und Alkohol)

in tuberkulöse, kalte Abscesse gemacht, so trat eine specifische antituberkulöse Wirkung inner- halb des Gewebes ein. Die Tuberkelbacillen schwinden, unter zahlreicher Exsudation kommt es zur Bildung eines normalen äusserst gefäss- reichen Granulationsgewebes. Als Erklärung dieser Wirkung des Jodoforms indirecte antibacterielle führt König dieauftrocknende Wirkung des Mittels an. Binz meint das unter dem Ein- fluss der Körpergewebe sich aus dem Jodoform entwickelnde Jod habe den ersten Antheil an der Erscheinung. Behring und de Ruyter finden nach ihren Versuchen, dassalle eitererzeugenden Ptomaine mit dem Jodoform eine chemische Umsetzung erleiden und dann Fiter zu erzeugen nicht im Stande sind.... In der wechsel- seitigen Einwirkung zwischen dem Jodoform und den eitererzeugenden Ptomainen ist nun ein neues Moment zur Erklärung der Jodoformwirkung gegeben, dessen Tragweite noch festzustellen bleibt.

Die Prfahrungen in der Jodoformwirkung haben die wissenschaftliche Erkenntniss um die Thatsache bereichert, dass es Antiseptica giebt, die nicht direct antibacterielle, desinficirende oder entwickelungsbemmende Eigenschaften besitzen. Der entgegengesetzte Schluss, dass wiederum antibacterielle Stoffe im Körper selbst durchaus wirkungslos sein können, ist z. B. für das Subli- mat bei Milzbrand von Koch erwiesen worden. Koch hat schon früher eine dem Jodoform ähn- liche Wirkung bezüglich des Chlorzink dargethan, welches in der Chirurgie als lokales Antisepticum vielfach verwendet, dennoch eine bacterientõdtende Wirkung nicht besitzt. Bei dem Torfmull liegt es ebenso. Der Torfmullverband wirkt ausser- ordentlich günstig antiseptisch und dennoch be- sitzt er keine bacterientödtende Eigenschaften.

Der gegenwärtige Stand der Jodoformfrage lehrt also. dass zum Verständniss der antisep- tischen Wirkung eines Stoffes im lebenden Ge- webe ausser den zwei bisher berücksichtigten Factoren, der Desinfection(Tödtung von Bac- terien) und der antiseptischen Eigenschaften (Entwickelungshinderung) noch ein neuer dritter Factor in Betracht zu zichen ist, derselbe, den C. Friedländer glücklich als den der indirecten Antisepsis, den Andere auch gelegentlich als innere Antisepsis bezeichnet haben.

Mittheilungen aus thierärztlichen Versammlungen. Generalversammlung des Vereins schlesischer Thierärzte am 8. Mai 1887 in Breslau.(Schluss.) Der beamtete Thierarzt hat, sofern derselbe nicht als Grenzthierarzt angestellt und derartig honorirt wird, dass