246 Thiermedicinische Rundschau ete. 1887. No. 21.
Untersuchungen endgiltig widerlegt worden. Schon früher haben einflussreiche thierärztliche Autoren (Spinola, Fuchs, Gerlach u. A.) nach rein empirischen Feststellungen geschlossen, dafs die Perlsucht des Rindes der Tuberkulose des Menschen parallel sei. Da indess zwischen den Krankheits- processen der Perlsucht und denjenigen der mensch- ſichen Tuberkulose einige anatomische Verschieden- heiten bestehen, so wurde von anderen Seiten dieser Folgerung der Einwand entgegengehalten, dass die behauptete Indentität nicht nachgewiesen und desshalb auch nicht angenommen werden könne. Ihre Erledigung fand die Meinungsver- schiedenbeit mit der berühmten Entdeckung der Tubercelbacillen durch R. Koch. Damit war der Nachweis geliefert, dass die Tuberkel-Schwind- sucht des Menschen eine specifische Infections- krankheit ist. Koch hat zugleich dargethan, dass dieselben Bacillen, welche die menschliche Schwindsucht verursachen, auch in den Perlge- schwülsten bei Rindern vorkommen und dass mit den künstlichen Culturen derselben die Tuber- culosis bei Versuchsthieren verschiedener Gattungen erzeugt werden kann. Hierdurch ist Zweifel gestellt worden, dass die Tuberkulose einen grossen Verbreitungsbezirk unter den einzelnen Thiergattungen hat und dass nicht plos der Perl- sucht, sondern auch der bei Affen, Schweinen, Ziegen, Kaninchen, sowie bei anderen Säugethieren und beim Gefiũgel vorkommenden Tubercelkrankheit derselbe Infectionsstoff zu Grunde liegt, welcher die Schwindsncht des Menschen bedingt. Demnach ist die Perlsucht, trotzdem sie nach dem Sitze, der Ausbreitung und der anatomischen Form der geschwulstbildenden Processe sich sehr verschieden gestalten kann, in jedem Falle eine specifische
Infectionskrankheit. Ohne Finführung von Tuberkel- und unmerklichen Entwickelung der Perlsucht
pacillen kann die Perlsucht nicht entstehen. Die nach vielfachen Beobachtungen seit langer Zeit bekannte Eigenschaft der Perlsucht, sich
durch Vererbung in einzelnen Rinderstämmen
oder Familien zu erhalten, hat nach den neueren Forschungen nicht eine so umfassende Bedeutung, wie früher angenommen wurde. Abgeschen von den wenigen Fällen, in welchen die Uebertragung der Krankheit während des embryonalen Lebens von dem Mutterthier auf den Fötus nachgewiesen werden konnte, so ist im Grossen und Ganzen die Heredität der Perlsucht dahin zu deuten, dass die Rinder einzelner Stämme mit einer vererb- paren Constitutions-Anomalie behaftet sind, wobei die empfänglichen Organe sich in einer nutritiven Schwäche pefinden, so dass die mit der Atmungs- luft oder mit den Futterstoffen in den Körper eingeführten Tupercelbacillen sich leichter ansiedeln, als pei Thieren mit gesunder Constitution. Im Veprigen ist die Entstehung der Perlsucht nicht
ausser
an eine ererbte Anlage gebunden. Bei jedem Rinde kann die Krankheit sich entwickeln. Indess lässt sich doch als erfahrungsgemäss annehmen, dass mit der zunehmenden Verfeinerung der Con- stitution die Anlage für die Perlsucht sich steigert. Auch sind die Milchkühe, namentlich solche von erheblicher Produktionsfähigkeit, der Krankheit in grösserer Zahl unterworfen, als die Ochsen.
Die äussere Ursache der Perlsucht kennzeichnet sich als eine Ansteckung. In der Bronchialschleim- haut kann ein chronischer Catarrh bestehen und einen günstigen Boden für die Ansiedelung der Tubercelbacillen schaffen. Nothwendig ist aber ein solcher Catarrh oder eine andere Primär- krankheit für die Entstehung der Tuberkulose nicht. Nach dem Ergebniss der experimentellen Forschung kann die wirksame Pinführung der Tupercelbacillen in den Organismus der Thiere mit der Athmungsluft in die Brustorgane oder mit den Nahrungsmitteln in die Bauchorgane oder durch Impfung erfolgen. Die letztgedachte Art der Uebertragung ist aber für die practische Beurtheilung des vorliegenden Gegenstandes nicht von Interesse, weil frische Wunden in der Haut der Rinder nur relativ selten bestehen und weil die Tubercelbaeillen bei der niederen Temperatur. welche die äussere Haut fast immer hat, nicht vegetiren.
Das Material für die Infection gesunder Rinder durch die Lungen oder durch den Parmkanal stammt entweder von schwindsüchtigen Personen oder von den mit der Tuberkulose behafteten Rindern und anderen Thieren. Bei der starken Verbreitung der tüberculösen Krankheiten in fast allen Ländern der Welt ist die Gelegenheit zur Ansteckung zweifellos sehr oft gegeben. Indess entzieht sich bei der regelmässig chronischen
der Infectionsmodus der Ermittelung fast in allen Fällen. Als sicher kann aber angesehen werden, dass, wenn Rinder, welche an der Perlsucht in der Form der Lungentuberkulose leiden, dauernd zwischen gesunden Rindern stehen, letztere im Verlaufe von mehreren Wochen oder Monaten sich in Folge der Ansteckung mit dem Keime der Perlsucht behaften. Auch kann es keinem Zweifel unterliegen, dass der Genuss der rohen Milch von Kühen, welche an der Tuberculose des Futers leiden, bei Kälbern
wie bei Schweinen eine Infection herbei-
führt.
Von den Rindern, welche dauernd in engen Ställen verbleiben und eine feuchtwarme unreine Luft zu athmen genöthigt sind, erkrankt nach der thatsächlichen Erfahrung eine grössere Zahl an der Perlsucht, als von denjenigen Rindern, welche in gebirgigen Gegenden gehalten werden


