Nr. 51
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GIESSEN
Súdanlage 21
Gießener Zeitung
Erscheint Samstags.
( Gießener Tageblatt)
Bezugspreis 1,50 RM vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rüdfendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.
44. Jahrg.
Politische Rundschau.
Der Aeltestenrat des Reichstags tritt am Mittwoch, den 4. Januar, zusammen, um den Termin für die nächste Bollsitzung endgültig festzulegen. Während es noch vor wenigen Tagen schien, als ob einige große Parteien bereit sein würden, einen tommunistischen Antrag auf Einberufung des Reichstages zum 9. oder spätestens 11. Januar zu unterstützen.
Der Alterspräsident des Reichstages, General a. D. v. Lizzmann, hat sein Mandat niedergelegt. Er behält jedoch seinen Sitz im Preußischen Landtag.
Wie von zuständiger Stelle mitgeteilt wird, findet ein Neujahrsempfang im Hessischen Staatsministerium nicht statt.
Wie wir aus Berlin erfahren, ist für die nächste Zeit eine Reihe von Ausweisungen ausländischer Kommunisten aus dem Deutschen Reiche vorgesehen.
Zur Förderung der Verwendung inländisch- tierischer Fette ist die Reichsregierung durch eine Notverordnung des Herrn Reichspräsidenten ermächtigt worden, einen Verwendungszwang für Butter bei der Herstellung von Margarine in Ergänzung des schon seit 1. Dezember 1930 bestehenden Verwendungszwanges für Talg und Schmalz anzuordnen.
Wie der Reichslandbund mitteilt, hat der geschäftsführende Präsident Graf von Kaldreuth in Anbetracht des Zusammenbruches der Butterpreise ein Telegramm an den Reichskanzler gerichtet, in dem die völlige Buttere infuhrsperre gefordert wird.
Um die deutschen Treibstoffverbraucher preislich entlassen zu können, wurde von den deutschen Treibstoffproduzenten bei den zuständigen Stellen der Reichsregierung beantragt, den Treibstoffzoll um zirla 3 Pfg. je Liter zu ermäßigen, unter der Voraussetzung, daß gleichzeitig die Ausgleichssteuer in derselben Höhe, also ebenfalls 3 Pfg. je Liter wegfällt.
Die thüringische Regierung hat dieser Tage auf dem Notverordnungswege die Schlachtsteuer eingeführt, mit der Begründung, daß die Selbständigkeit des Landes auf dem Spiele stehe und Thüringen vom Reich bontottiert werde, wenn es nicht alle noch verfügbaren Steuerquellen restlos erfasse.
Das Thüringer Volksbildungsministerium hat der Frau Oberschulrat Dr. A. Siemsen die ihr im Jahr 1923 widerruflich erteilte Erlaubnis zum Halten von erziehungswissenschaftlichen Vorlesungen an der Universität Jena entzogen.
Die N.S.K. teilt mit, daß Dr. Frid gegen Otto Strasser und Hildebrand wegen der Weigerung, die ihnen übersandte Berichtigung bezüglich des Verlaufes der Reichstagsfraktionsfizung zu veröffentlichen, Strajanzeige erstatten werde.
An dem Wohnhaus des früheren Anstaltsbeamten Bernbée in dem Dorfe Stolberg bei Küstrin, der kürzlich aus der NSDAP. ausgetreten ist, explodierte am Dienstag früh ein Sprengtörper, der Materialschaden anrichtete. Personen wurden nicht verletzt. Im Zusammenhang mit dem Anschlag wurden mehrere Mitglieder der NSDAP verhaftet.
Wegen der Ablehnung, die das Schauspiel„ Gott, Kaiser und Bauer" von Jul. Han im Deutschen Theater in Berlin bei einem großen Teil des Publikums gefunden hat und wegen der daraus erfolgenden Störungen hat die Direktion des Deutschen Theaters nach einer Besprechung im Polizeipräsidium auf die weitere Aufführung des Stüdes verzichtet. Das Deutsche Theater bleibt daher vorläufig geschlossen.
Auf Veranlassung des Auswärtigen Amtes hat der Norddeutsche Lloyd- Dampfer Agira in Amapala( Honduras) 22 deutsche Frauen und Kinder, die durch die Aufstandsbewegung ge= fährdet waren, an Bord genommen.
Von der Rotterdamer Polizei sind in den letzten Wochen in mehreren Privatwohnungen und Geschäftshäusern Waffensendungen beschlagnahmt worden, die im Einzelfalle aus 25 bis 100 Revolvern und dazugehöriger Munition bestanden. Alle diese Sendungen stammen aus Belgien und sollen, wie die Polizei annimmt, nach Deutschland geschmuggelt werden.
Der holländische Finanzminister fündigte in der letzten Sigung des Abgeordnetenhauses an, daß die Regierung das Uebereinkommen von Ouchn über eine jährliche Herabjegung der Einfuhrzölle um 10 Prozent nicht ratifizieren werde, solange England, Frankreich und Deutschland nicht die Abschaffung der Meistbegünstigungsklausel angenommen hätten.
Der dänische Arbeitgeberverband, dem die Arbeitgebervereinigungen fast aller Branchen des dänischen Wirtschaftslebens angehören, hat sämtliche Arbeitslohnabkommen, die zum 1. April 1933 ablaufen, bereits jetzt gekündigt.
In der Belgischen Kammer wurde mit 93 Stimmen bei einer Stimmenthaltung das Programm zur Sanierung der belgischen Finanzen angenommen.
In der belgischen Kammer wurde der Heereshaushaltsplan für 1933 besprochen. Danach soll die Truppenzahl des Heeres auf 61 000 Mann festgesetzt werden.
Während die französische Kammer das Anleiheprojekt für Desterreich ratifizierte, wurde in Paris gleichzeitig der österreichisch- französische Präferenzvertrag unterzeichnet, das erste Präferenzabkommen, das Desterreich bekommt.
Die französischen Abgeordneten Parmentier und Henriot haben im Kammerbüro einen Entschließungsantrag eingebracht, in dem die Regierung aufgefordert wird, unverzüglich die Atten über die angeblichen Geheimrüstungen Deutschlands und die
Drud und Verlag von Albin Klein in Gießen Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21.
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Samstag, den 31. Dezember 1932
Nichterfüllung der Vertragsverpflichtungen durch Deutschland zu veröffentlichen.
Die Französische Kammer bewilligte in einer Nachtsigung den von der Regierung beantragten Kredit von 300 Millionen Frs. zur Stützung des Getreidepreises.
in Eine fommunistisch- syndikalistische Revolution Spanien, die bereits durch ein weitverzweigtes Komplott in allen Einzelheiten vorbereitet war, fonnte durch einen Zufall im legten Augenblid von der Polizei vereitelt werden.
Die der Agrarpartei angehörenden drei Minister des bulgarischen Kabinetts haben am Dienstag ihren Austritt aus der Regierung beschlossen, nachdem ihre Forderungen auf Finanzund Wirtschaftsreformen sowie auf eine stärkere Beteiligung der Agrarpartei an der Regierung von den übrigen Ministern abgelehnt worden waren. Ministerpräsident Muschanow hat am Mittwoch vormittag dem König die Gesamtdemission des Kabinetts überreicht.
Der bulgarische König beauftragte den bisherigen Ministerpräsidenten Muschanoff mit der Bildung des neuen Kabinetts.
Eine Verordnung des südslawischen Ministerrats ermächtigt Banten mit aktiver Zahlungsbilanz, welche vorübergehend mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Auszahlungen auf Sparkassenfonto oder für laufende Rechnung einzuschränken. Die Verordnung wird ein Jahr lang in Kraft bleiben.
Griechenland hat für seine Kriegsschulden an die Vereinigten Staaten ein Moratorium von zwei Jahren erhalten. In einem Communiqué des Schazamtes wird ausdrücklich betont, daß diese Maßnahmen mit dem Hoover- Moratorium nichts zu tun habe.
Zwischen den Arbeitgebern und den Arbeitnehmern der Baumwollindustrie von Lancashire ist ein neues Abkommen ge= troffen worden, das für jeden Weber eine größere Anzahl von Webstühlen vorsicht.
( Neueste Nachrichten)
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Nummer 52
Nach einer Meldung aus Asuncion haben sofort nach Been= digung des 24stündigen Weihnachts- Waffenstillstandes zwischen Bolivien und Paraguay die Kämpfe wieder eingesetzt.
Der Führer der chinesischen Delegation in Genf, Dr. Yen, ist zum Botschafter in Moskau ernannt worden.
Der japanische Ministerpräsident Saito hatte mit Vertretern der Seijukai- Partei und der anderen Parteien Besprechungen über die Beziehungen zwischen Parlament und Regierung. Er betonte dabei nachdrücklich, daß die Auflösung des Parlaments aus außenpolitischen Gründen vermieden werden müsse. Das amerikanische Schazamt rechnet für das erste Halbjahr des laufenden Haushaltsjahres mit einem Fehlbetrg von 4750 Millionen RM.
Personalverminderung bei der Reichsbahn.
Der ,, Allgemeine Eisenbahner- Verband" weist in einer Zuschrift darauf hin, daß nach den soeben erschienenen amtlichen Zahlen der Reichsbahnverwaltung die Kopfzahl des Reichsbahnpersonals Ende Oktober 1932 nur noch 567 000( Beamte und Arbeiter) gegenüber 676 000 beschäftigten Personen Ende Oktober 1931 betrug. Der Personalbestand hatte sich also binnen Jahresfrist um 109 000 Köpfe vermindert. Diese Verminderung hat inzwischen weitere Fortschritte gemacht, da in der erstgenannten Ziffer ca. 180 000 Zeitarbeiter einbegriffen waren, denen inzwischen größtenteils auch gekündigt worden ist. Es ergibt sich aus den jetzt veröffentlichten amtlichen Personalziffern, daß allein im Oktober 1932 nicht weniger als 33 000 Köpfe zur Entlassung gebracht worden sind.
Allen Lesern
Der amerikanische Botschafter in London, Mellon, hat er ein gesundes, frohes, neues Jahr
klärt, daß er sich nach dem 4. März 1933 ins Privatleben zurückziehen werde.
wünscht Verlag u. Schriftleitung der„ Gießener Ztg."
Enttäuschte Hoffnungen.
Eine Betrachtung des deutschen Handwerks an der Schwelle des neuen Jahres. Das Jahr 1932 war für das deutsche Handwerk ein Jahr großer Enttäuschungen. Seine wirtschaftliche Lage verschlechterte sich von Monat zu Monat. An dieser Gesamtfeststellung vermag auch die Tatsache nichts zu ändern, daß sich gegen den Herbst im Bau- und Baunebengewerbe eine gewisse Belebung bemerkbar machte. Ausreichende Beschäftigung fehlte in allen Zweigen. Die wenigen Aufträge, die noch vorhanden waren, wurden dem Handwerk durch die sich immer mehr breitmachende Schwarzarbeit streitig gemacht. Die große Arbeitslosigkeit, deren gegenwärtiger Stand 5,6 Millionen beträgt, führte im Zusammenhang mit den herabgesetzten Löhnen und Gehältern zu einer weiteren Schrumpfung der Kaufkraft. Selbst das Weihnachtsgeschäft, auf das sich alle Hoffnungen setzten, entsprach nicht den Erwartungen. Nur die notwendigsten Dinge wurden gekauft. und auch diese nur in den billigsten Preislagen. Dazu nahm das Borgunwesen weiter überhand. Die Summe der Außenstände wird immer größer. Es wäre für das Handwerk eine aufrichtige Neujahrsfreude, wenn endlich einmal die Käuferschaft sich bemühte, ihre Rückstände zu bezahlen.
Wirtschaft auslösen können und so verpuffen müssen. Die Reichsregierung Papen hat durch die Bereitstellung eines Sonderbetrages von 50 Millionen RM. für die Vornahme von Althausreparaturen eine recht günstige Teilbelebung der Wirtschaft als Voraussetzung für eine endgültige Lösung des Arbeitslosenproblems nicht außer acht gelassen werden.
Die große Notlage im Handwerk, die vor allem auf die Zunahme der Schwarzarbeit
und auf die starke Uebersetzung in den eigenen Reihen zurückgeht, erheischt besondere Maßnahmen. Go fordern der Reichsverband des deutschen Handwerks und der Deutsche Handwerks- und Gewerbekammertag die Einschränkung der Gewerbefreiheit. Hiernach soll in Zukunft unter Einschaltung einer Uebergangszeit die Ausübung eines Handwerksbetriebes abhängig gemacht werden von der Ausfertigung einer Handwerkerkarte, die auf der Grundlage der Handwerksrolle auszustellen ist. Als Voraussetzung wird neben der selbständigen Ausübung eines Handwerts als stehendes Gewerbe die Berechtigung zur Führung des Meistertitels oder die Befugnis zur Anleitung von Lehrlingen vorgesehen. Das Verlangen des Handwerks nach
Einschränkung der Gewerbefreiheit
geht letzten Endes auch von der Erkenntnis aus, daß sich die Ablösung des gegenwärtigen Wirtschaftssystems durch eine berufsständisch geordnete Individualwirtschaft nicht länger mehr aufhalten läßt, eine Individualwirtschaft, die die Erhaltung der Einzelpersönlichkeit verbürgt, der Freiheit des Einzelnen aber auch durch die Einordnung in einen Gemeinschaftszusammenhang notwendige Grenzen zieht.
Was das Handwerk in erster Linie braucht, ist Arbeit. Es ist ihm eine Qual, müßig zu stehen. Die neue Reichsregierung hat zwar als einzigen Programmpunkt ihre Absicht herausgestellt, Arbeit zu schaffen, allein die kürzliche Rundfunkrede des Reichskommissars für Arbeitsbeschaffung vermochte die Bedenten des Berufsstandes nicht zu zerstreuen, daß eine unmittelbare Belebung seiner Wirtschaft nicht zu erwarten ist. Man sollte doch eigentlich im Laufe der Jahre gelernt haben, daß Arbeitsbeschaffungsprogramme für die öffentliche Hand immer Krüden für die Wirtschaft und damit künstliche Maßnahmen bleiben, die in ihrer Wirkung keine natürliche Belebung der
Seit Jahren verlangt das Handwerk bei allen Maßnahmen, die in der Reichsregierung für die Ueberwindung der Wirtschaftskrise und für die Umstellung des Wirtschaftssystems ge= troffen werden, die Mitwirkung eines Vertrauensmannes der mittelständischen Wirtschaft an entscheidender Stelle. Auch das Jahr 1932 brachte dieser Forderung keine Erfüllung. Und doch bleibt ihre Berücksichtigung um so notwendiger, wenn man bedenkt, daß sich alle übrigen Berufsstände im Reichstabinett unmittelbar Gehör verschaffen können. Gegenüber 5 Millionen landwirtschaftlicher Betriebe sollte man auch den
3½ Millionen gewerblicher Betriebe
des selbständigen Mittelstandes das Recht zu einer einheitlichen Vertretung ihrer Interessen einräumen. Gerade darin liegt ja der Nachteil für den gewerblichen Mittelstand, daß sich seine Belange bei den Reichsministerien auf verschiedene Ministerien verteilen. Um diesen Mißständen abzuhelfen, hat der Reichsverband des deutschen Handwerks die Forderung nach Errichtung eines besonderen Reichsministeriums für den gewerblichen Mittelstand erhoben. Ihre Verwirklichung wird dem Handwerk wieder neuen Mut und neue Hoffnung geben können. Eine durchgreifende Handwerkspolitik dient der Stärkung der selb= ständig wirtschaftenden und verantwortlichen Menschen in Klein- und Mittelbetrieben und damit auch gleichzeitig der Ueberwindung der großen Wirtschaftskrise.
Zur Jahreswende.
Neujahrsbetrachtungen des Hessischen Verkehrsverbandes. Das Krisenjahr 1932 mußte naturgemäß auch für die gesamten Verkehrsgewerbe Enttäuschungen bringen. Es darf wohl gesagt werden, daß der Tiefpunkt der Wirtschaftskrise, wenn nicht alle Zeichen trügen, im Verlauf des zu Ende gehenden Jahres erreicht ist.
Wenn auf irgendeinem Gebiete eine Stimmung des Verzichts und des Pessimismus fehl am Plage ist, so ist dies im Bereiche des Verkehrswesens der Fall. Wer dieses fördern will, muß von einem, wenn auch mit Rücksicht auf die Zeitverhältnisse nicht allzu weitgehenden Optimismus, von einer positiven Verkehrsgesinnung getragen sein, wenn nicht von vornherein alle zur Förderung des Verkehrs in die Wege ge= leiteten Maßnahmen zum Mißerfolg verurteilt sein sollen. Dies gilt in gleicher Weise für die großen öffentlichen Verkehrsunternehmungen, wie Eisenbahnen, Post, Schiffahrt, Kraftfahrzeugverkehr, Luftverkehr, für die Gemeinde-, Stadt, Landes- und Reichsverwaltungen, wie sie für die privaten Fremdenverkehrsgewerbe, darüber hinaus aber auch für alle Wirtschaftszweige, die mittelbar aus den Vorteilen des Fremdenverkehrs Nutzen ziehen. In diesem Sinne werden auch an der Wende der Jahre


