Nr. 11
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Gießener Zeitung
Erscheint Samstags.
( Gießener Tageblatt)
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Politische Rundschau.
Der Reichspräsident hat auf Vorschlag der Reichsregierung die Wiederernennung des Generaldirektors der Deutschen Reichsbahngesellschaft Dr.- Ing. e. h. Julius Dorpmüller, dessen Amtspit mit dem 3. Juni d. J. abläuft, mit Wirkung vom 4. Juni 13. ab bestätigt.
Reichstanzler Dr. Brüning ist auf seiner Erholungsreise, die er von Weimar aus nach Süddeutschland angetreten hat, in Tübingen eingetroffen und weilt zu Besuch bei dem ihm befreundeten Theologieprofessor Dr. Simon.
Die Behauptung, daß durch eine Notverordnung die Zusam menlegung der Invaliden- und Angestelltenversicherung vorbereitet werden würde, ist, wie wir von zuständiger Seite erfahren, aus der Luft gegriffen.
Gegenüber beunruhigenden Gerüchten, besonders im Ausland, wonach Deutschland demnächst ein Auslandsmoratorium erklären müsse oder werde, wird von zuständiger Stelle mit Nachdrud darauf hingewiesen, daß von keiner deutschen Regierungsstelle eine derartige Maßnahme beabsichtigt sei.
Die ungesegliche Auflösung des Memelländischen Landtages hat zu Protestschritten der deutschen Regierung in Kowno, Rom, Paris und London geführt. In diesen Protesten wird darauf hingewiesen, daß das Direktorium Simmat im Widerspruch zum Remelstatut gebildet worden ist zu dem Zwed, den Memelländischen Landtag aufzulösen.
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Die Vereinigten Baterländischen Verbände haben hlossen, im zweiten Wahlgang die Kandidatur Hitler zu unters fügen. In der Begründung dieses Beschlusses wird darauf hingewiesen, daß die kommenden Preußenwahl wie auch der zweite Wahlgang der Reichspräsidentenwahl ein Zusammengehen aller antimargistischen Kräfte erforderten.
Der Reichstagsabgeordnete Dr. Franz Joerissen ist im Alter von 64 Jahren an Herzschwäche gestorben. Dr. Joerissen, der dem Reichstag als Mitglied der Wirtschaftspartei seit 1924 angehörte, war Geschäftsführer des Verbandes Rheinischer Hausund Grundbesitzervereine E. V. und Syndikus des Kölner Hausund Grundbefizervereins.
Der Parteiausschuß der SPD hat beschlossen, Braun und Severing an die Spize sämtlicher preußischer Wahllisten zu jegen.
Wie die braunschweigische Polizei mitteilt, ist die im Rahmen der Führertagung der Hitlerjugend zum ersten Osterfeiertag geplante Versammlung der Hitlerjugend in der Stadthalle nunnehr von Reichs wegen verboten worden.
Adolf Hitler ist die Genehmigung versagt worden, anläglich des 2. Wahlganges den Rundfunk zu einer Ansprache zur Berfügung zu bekommen.
Der„ Völkische Beobachter" wurde von der Münchener Bolizeidirektion bis einschließlich Samstag, den 26. März, verboten. Den Grund bilden Ausführungen des Blattes in der Rummer vom vergangenen Freitag.
Hitler hat an Reichsinnenminister Groener ein Telegramm gefandt, in dem er sich darüber beschwert, daß in Preußen während der letzten Tage 25 nationalsozialistische Zeitungen auf fünf Tage verboten worden seien.
Rechtsanwalt Dr. Frant 2, hat als Vertreter der NSDAP and Hitlers wegen des vom Reichsinnenminister auf Grund der Berordnung über den Osterfrieden an sämtliche deutsche Sendegesellschaften gerichteten Verbotes politischer Ansprachen im Rundfunt Klage beim Staatsgerichtshof für das Deutsche Reich erjo ben, da damit Adolf Hitler als Kandidat für die ReichsprästDentschaft untersagt sei, im Rundfunk zu sprechen.
Nach mehrtägigen Verhandlungen zwischen dem Reichspreis: tommissar einerseits und den Brauereien und Gastwirten andererseits ist es am Dienstag zu einer Einigung über die Frage Der Bierpreissenkung gekommen.
Der braunschweigische Minister für Volksbildung hat ver: igt, daß mit Ablauf des Schuljahres 1931 in Braunschweig, Golfenbüttel und Schöningen die Errichtung von Sammelklassen ( weltlichen Schulen) sowie die Neuaufnahme von Kindern in Sammelschulen eingestellt wird.
Nach teilweise außerordentlich higiger Debatte in der Hamburger Bürgerschaft wurde der nationalsozialistische Auflösungsintrag mit den Stimmen aller anwesenden 148 Abgeordneten genommen.
Die am Donnerstag auf Verfügung des Kreiskommandan ten des Memelgebietes verhafteten acht Angehörigen der Menelländischen Arbeiterpartei find am Karfreitag aus der Haft intlassen worden. Ihnen wurde zur Last gelegt, tommunistische Flugblätter aus Deutschland eingeschmuggelt zu haben.
Chile hat die Zahlung aller ausländischen Schulden eingetellt, obwohl das einschlägige Gesetz erst im Verlauf dieser Woche zur Besprechung kommen wird und voraussichtlich auch Ingenommen werden soll.
Die Zurückziehung der japanischen Truppen aus Schanghai vird, wie amtlich mitgeteilt wurde, ohne Rücksicht auf den Verlauf der Verhandlungen in Schanghai erfolgen. Zum Schutz lex Japaner in der Internationalen Siedlung wird eine entprechend starke Garnison in Schanghai verbleiben.
Drud und Verlag von Albin Klein in Gießen Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher Nr. 2525 und 2526. Postschedtonto Nr. 69 530 Amt Frankfurt a. M.
Samstag, den 26. März 1932
Der neue Reichsetat ohne Reparationen.
Die Reichsregierung hat zwar das Etatsjahr 1931/32 durch Notverordnung bis zum 30. Juni verlängern lassen, an welchem Tage das Hoover- Moratorium abläuft. Inzwischen hat sie aber den neuen Haushaltsplan im Rohbau fertigstellen lassen. E0viel sich bis jetzt übersehen läßt, wird er mit einer Endsumme zwischen 8,3 und 8,5 Milliarden herum ausbalanciert werden. Der Etat 1931 war bereits ein Sparetat. Er wies gegenüber 1930 Abstriche in Höhe von 1,1 Milliarden Mark auf. Jm Rechnungsjahr 1931 waren aber noch die Reparationszahlungen enthalten, von denen das Reich rund 1,1 Milliarden aufzubringen hatte Mit dieser Summe schloß der Etat in Höhe von 10,4 Milliarden ab, also ohne Reparationen mit 9,3 Milliarden. Die Reparationszahlungen sind im Sommer fortgefallen. Da die Reichsregierung wiederholt erklärt hat, daß es für sie ein Ding der Unmöglichkeit ist, die Reparationszahlungen fortzusetzen, tauchen sie im neuen Etat für 1931/32 nicht wieder auf. Der Etat weist also gegenüber dem Vorjahre eine weitere Verminderung an Ausgaben in Höhe von 800-1000 Millionen auf.
Der deutsch englische Kohlenkonflikt.
Die Antwort der deutschen Regierung auf die englische Anfrage bezüglich der Kontingentierung der britischen KohlenAusfuhr nach Deutschland durch die deutschen Behörden weist auf den bereits bekannten deutschen Standpunkt hin, daß Deutschland aus der Notwendigkeit seiner wirtschaftlichen Lage heraus zur Beschränkung seiner Einfuhr schreiten müsse, insbesondere im Hinblid auf die außerordentlich schwierige Lage des Ruhrbergbaues. Deutschland schlägt Verhandlungen vor nicht nur über die Kohlenfrage, sondern über den Gesamtkomplex der deutschenglischen Handelsbeziehungen und weist dabei darauf hin, daß von Deutschland bereits zweimal Verhandlungen angeboten worden sind. Die Note spricht die Hoffnung aus, daß England den vorgeschlagenen Weg beschreiten werde. Im Laufe dieser Verhandlungen könne auch die Kohlenfrage mit der Hoffnung auf einen Ausgleich der Differenzen behandelt werden.
Der memelländische Landtag aufgelöst!
Memel. In der Sitzung des memelländischen Landtags am Dienstag verlas der Landespräsident Simaitis die Regierungserklärung Diese wurde von den Abgeordneten fühl angehört, nur stellenweise, wo sie Unstimmigkeiten enthielt, durch Zwischenrufe unterbrochen. Bei der Besprechung der Regierungserklärung stellten zunächst die Mehrheitsparteien des memelländischen Landtages nach längerer Begründung den Antrag, dem jetzigen Direktorium das Mißtrauen auszusprechen. Die litauische Fraktion sprach sich für die jetzige Regierung aus. Danach erflärten sich noch die Vertreter der Sozialdemokraten und der Arbeiterpartei ebenfalls gegen das Direktorium Simaitis. Jn der Abstimmung wurde der Antrag der Mehrheitsparteien mit 22 gegen 5 litauischen Stimmen angenommen. Darauf verlas Präsident Simaitis einen Aft des Gouverneurs, wonach der memelländische Landtag aufgelöst wird.
Polnische Anmaßung gegenüber Danzig.
Der neue polnische Regierungskommissar Dr. Papée gab vor Danziger Pressevertretern Erklärungen ab, die nicht verfehlen werden, wegen ihrer Sprache, die gegen die Freie Stadt Danzig geführt wird, Aufsehen zu erregen. Papée bezeichnet das Verhältnis zwischen den beiden Staaten als durchaus unbefriedigend. Dr. Papée behauptete, die Verbindung Danzigs mit Posen sei eine dauernde; Danzig sei ein Hafen Polens und könne nur als solcher existieren und sich fortentwickeln, und zwar auf Grund der im Versailler Vertrag ihm auferlegten Verpflichtun= gen. Die Polen im Gebiet Danzigs seien keine Ausländer, sondern gleichberechtigt mit den Danziger Bürgern. Eine Verneinung dieses grundsäglichen Standpunktes durch Danzig werde von der polnischen Regierung nicht zugelassen
Opel völlig amerikanisch!
Die General Motors Co. teilt im Geschäftsbericht mit, daß sie die restlichen 20 Prozent der Interessen an der Adam Opel A.-G., Rüsselsheim a. M. erworben habe, womit Opel nunmehr völlig in den Besitz der General Motors übergegangen ist.
Die politische Hegemonie Frankreichs
ORLAND
SPANIEN
MAROKKO
ENORDSEES
DEUTSCHLAND
STALIN
MITTELLANDISCHES MEER
FINLAND
SULDAREN
Frankreichs
politische Verträge
Mit Frankreich durch militärische Abmachungen verbunden
Von Frankreich gegebene politische Anleihen
SOWOET- UNION
SCHWARZES MEER
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Nummer 12
Soziales Mietrecht.
Von Dr. med. Rudolf Bachfeld in Offenbach a. M. Die Mietervereine sind gegenwärtig sehr tätig: es gilt das soziale oder ein soziales Mietrecht in die Gesetze der deutschen Republik einzubauen. Wenn Sozialpolitik im Grunde genommen die Kunst ist, aus anderer Leute Taschen Wohltaten auszustreuen, so soll ein soziales Mietrecht den Mietern Wohltaten auf Kosten der Hausbesitzer verschaffen.
Seit 14 Jahren wirtschaften Reich, Staat und Gemeinden aus den Taschen der Hausbesitzer; aber das Ergebnis ist so kläglich, daß es weder den Neid der roten Mieter noch ihr be rechtigtes Wohnbedürfnis befriedigt. Die Zwangswirtschaft hat auf dem Gebiet des Wohnungswesens ebenso versagt wie auf allen anderen Gebieten.
Am 13. November 1918 verkündete der ,, Rat der Volksbeauftragten"( d. h. die sozialdemokratischen Führer Ebert, Scheidemann, Landsberg, Haase, Barth, Dittmann usw.) ,, den Sieg des deutschen Volkes auf der ganzen Linie". Neben anderen ebenso richtigen Behauptungen fand sich da der Satz: ,, die Bürokratie ist beseitigt", ferner ,, das Volk regiert hinfort sich selbst" und die Folge sei ,, ein allgemeiner politischer und wirtschaftlicher Aufstieg." Wo ist derselbe geblieben.
Als erste Stufe dieses Aufstiegs kam eine allgemeine Erhöhung der Löhne und Gehälter. Da das Geld hierzu nicht vorhanden war, so ,, machte" man es. Die Massenherstellung wertlosen Papiergeldes erwies sich bald als ein ausgezeichnetes Mittel, alle Ersparnisse und jedes solide Barvermögen zu ruinieren, namentlich auch dadurch, daß ,, sozialgesinnte" Juristen verkündigten: Mark ist gleich Mark! Wie falsch, ja wie betrügerisch war diese Lehre!
Nachdem auf diese Art das Vermögen der soliden Leute in die Hände der großzügigen Spekulanten, Händler, Exporteure und Revolutionsgewinnler aller Art verschwunden und verschwendet war, machten sich die herrschenden Parteien in Reich, in den Ländern und vor allem in den Städten an die ,, Erfassung der Sachwerte". Fünfzig Jahre lang hatte die. Cozialdemokratie das Bürgertum insbesondere das deutsche Bürgertum, die Beamten und die Agrarier eingeschlossen- profitgierige Ausbeuter beschimpft: ,, nunmehr," so heißt es im Aufruf vom 13. November 1918 ,,, herrscht das Recht." Wo blieb das Recht? Das herrschende Recht war nach Stilllegung der Notenpresse offenbar das Recht auf ,, Erfassung der Sachwerte".
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Karl Marg und seine Mitarbeiter Engels, Ruge usw. hielten nichts vom ,, Staat" und meinten ihn durch eine klassenlose Gesellschaft ersetzen zu können. Als Niederschlag dieser marristischen Staatslehre findet sich ja im Aufruf vom 13. November 1918 die großartige Dffenbarung: Die Bürokratie ist abgeschafft". Nachdem aber die Revolutionären sich des Staates bemächtigt hatten, machten sie so ausgezeichnete ,, Rechtsgeschäfte", daß die Sozialisten aller Richtungen auch ihre Lehre vom Staat diesem Erfolg anpassen mußten. Ein roter Professor der Volkswirtschaft faßte das Ergebnis dieser ,, Neuorientierung" in die Worte: ,, Der Staat ist die Drganisation der Ausbeutung durch die herrschende Klasse." Vielleicht ist er es gegenwärtig wirklich! Jedenfalls sind die herrschenden Parteien im Reich und Staat, in Stadt und Land bestrebt, das besitzende und erwerbende Bürgertum durch Steuern und andere kapitalfeindliche Maßnahmen auszupressen, lahmzu legen und zum Absterben zu bringen. Noske hat 1920 den Genossen versprochen, die Bürgerlichen tot zu steuern. Der Eifer der keineswegs abgeschafften, sondern riesenhaft aufgeblähten Bürokratie, insbesondere der Finanz- und Steuerbehörden, richtet sich vornehmlich gegen den Grundbesitz und den Hausbesitz, ,, die Hausagrarier", wie sie im sozialistischen Rotwelsch ge=
nannt wurden.
Daß auf diese Weise die Hälfte des Bürgertums bereits ruiniert wurde, daß die Arbeiter dadurch gleichfalls verarmen, daß schließlich der ganze Staat dadurch zur Dhnmacht verdammt und vielleicht zum Untergang reif wird, wollen oder können die ,, sozialgesinnten" Leute aller Richtungen und Farben nicht einsehen. Wenn die Regierungen durch das rapide Sinken aller Steuererträgnisse trotz schärfster Anspannung der Steuerschraube erschrecken und sich bemühen, etwas von dem bürgerlichen Wohlstand zu schonen oder zu retten, dann ist dies ein ,, Geschenk an die profitgierigen Kapitalisten". Go faseln die Mietervereine von einem Millionen oder Milliardengeschenk an die Hausbesitzer, wenn die Sondersteuer( Hanszinssteuer, Gebäudesteuer) ermäßigt oder abgeschafft werden soll.
Es gibt natürlich profitgierige Hausbesitzer, wie es profitgierige Mieter gibt. Aber ich stelle fest, daß die Hausbesitzer vereine niemals darauf ausgingen, durch die Gesetzgebung oder durch gemeinsame Verabredungen oder andere Mittel ihren Mitgliedern unberechtigte Vorteile zu verschaffen, wie es die Mietervereine ohne Schen betreiben. Die Hausbesizer erstre ben durchaus keine Geschenke aus dem Staatssäckel, sie möchten nur gern das behalten und erhalten, was sie mit Sparsamkeit und Mühe und Sorge und kluger Benutzung der Marktlage erworben haben. Die Hausbesitzer halten es für unrecht, daß ihr Besiz künstlich auf den 4. oder 5. Teil der Herstellungskosten entwertet wird, sie halten es für unrecht, daß sie ihren Besitz zweimal an die Stadt( Grund- und Sondersteuer), zweimal an


