Nr. 41
Gießener Zeitung
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Erscheint Samstags.
( Gießener Tageblatt)
Bezugspreis 1,50 RM vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rüdfendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.
44. Sahrg.
Politische Rundschau.
Die Verordnung zur Ergänzung von Sozialleistungen ist nicht eine Verordnung des Reichspräsidenten, sondern eine Verordnung der Reichsregierung, die sich auf die Ermächtigung des Reichspräsidenten vom 4. September stützt. Die Gesamtaufwendungen dieser Verordnung belaufen sich auf jährlich rund 70 Millionen Mark.
Reichspräsident von Hindenburg empfing am Mittwoch den Vorsitzenden des Reichsverbandes der Deutschen Industrie, Dr. Krupp v. Bohlen und Halbach, und den neuernannten Chef des Protokolls, Gesandten Grafen v. Ballewiz.
Adolf Hitler veröffentlicht im ,, Völkischen Beobachter" einen fajt vierseitigen Offenen Brief an den Reichskanzler, in dem er auf die Münchener Rede Papens antwortet.
Die Beratungen des Staatsgerichtshofes für das Deutsche Reich über das Ergebnis und die Entscheidung zur Staatsrechtsflage Preußen- Reich, werden in den Amtsräumen des Reichsgerichtspräsidenten geführt.
Die Neuorganisation der Preußenkasse durch eine Umwandlung, die das Reichskabinett beschlossen hat, wird durch eine Verordnung erfolgen, die als wesentlichstes Merkmal dabei den Mitbesitz des Reiches an dem umgewandelten Institut enthält.
Das technische Abkommen zwischen der Deutschnationalen Volkspartei und der Deutschen Volkspartei über die Reichsliste ist für die Wahlen vom 6. November unverändert erneuert worden.
Nach Abschluß der Vernehmungen über die Angelegenheit Kölnische Volkszeitung beschloß der Klepper- Untersuchungsaus= schuß des Preußischen Landtags gegen die Stimmen der Natio= nalsozialisten und Deutschnationalen, seine Arbeiten erst nach den Reichstagswahlen wieder aufzunehmen.
Der Sächsische Landtag hat den nationalsozialistischen Antrag auf Landtagsauflösung gegen die Stimmen der Antragsteller und der Kommunisten abgelehnt.
Bor etwa 4000 Personen tam es am Dienstag in dem polizeilich geschlossenen Großen Saal der Neuen Welt in Berlin zu dem Diskussions Abend zwischen Deutschnationalen und Dr. Goebbels( Natsoz.).
Das Sondergericht in Königsberg verurteilte den kommunistischen Reichstagsabgeordneten Taulien wegen versuchten Tot: schlages und Aufruhrs zu drei Jahren Zuchthaus; 27. Ange= flagte, zumeist Mitglieder der KPD., zu Gefängnisstrafen von 6 bis 9 Monaten.
Die Große Straflammer in Stolz verurteilte im Schnellverfahren den nationalsozialistischen Landtagsabgeordneten Czirniok zu einer Gesamtstrafe von drei Monaten Zuchthaus, die in vier Monate zwei Wochen Gefängnis umgewandelt wurde.
Unter dem Vorsitz Herriots trat am Dienstag ein Studienausschuß zusammen, um die Arbeiten des Obersten französischen Kriegsrates vorzubereiten, der sich demnächst mit dem neuen französischen Abrüstungs- und Sicherheitsplan beschäftigen wird.
Die Londoner Weltwirtschafts- und Finanzkonferenz, deren Borsitz MacDonald übernommen hat, wird nach Mitteilungen aus Genf für den 13. Februar 1933 nach London einberufen werden.
Im englischen Unterhaus teilte Premierminister MacDonald mit, daß er ersucht worden sei, den Vorsitz der Weltwirtschafts= fonferenz zu übernehmen. Er werde das Ersuchen annehmen.
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Die englische Regierung hat die Vertreter von Dänemark. Schweden und Norwegen nach London eingeladen, ihnen Verhandlungen über den Abschluß von Handelsverträgen einzuleiten. Die Einladungen wurden von den drei Regierungen angenommen, und die Verhandlungen dürften in etwa 14 Tagen ihren Anfang nehmen.
Das englische Unterhaus nahm mit 451 gegen 84 Stimmen die Finanzentschließung an, in der die Handelsabkommen von Ottawa gebilligt werden.
Am nächsten Sonntag wird Mussolini in Turin in der
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Die Liste des von Maniu neugebildeten rumänischen Kabinetts ist nunmehr veröffentlicht worden. Maniu, der selber Ministerpräsident ist, hat als stellvertretenden Ministerpräsiden= ten ohne Portefeuille Nironeku berufen.
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Die Reichsbahn hat nunmehr die Verhandlungen über die Finanzierung ihres Arbeitsbeschaffungsprogramms Millionen RM. beendet. Dieses Programm beruht darauf, daß der Reichsbahn rund 180 Millionen RM. Steuergutscheine aus der Beförderungssteuer zur Verfügung stehen, und daß für weitere 100 Millionen RM. ihr eigener Kredit eingespannt werden soll.
Ab Montag erfolgt in Berlin eine Senkung des Brotpreises auf 32 Pfg. je Kg. 97prozentiges Roggenbrot.
Die schwebende Schuld des Deutschen Reiches betrug am 30. September 1932 1757,1 Millionen RM. gegenüber 1908,8 Millionen RM. am 31. August 1932.
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Nachdem Persien das Völkerbundsabkommen internationale Hilfsaktion im Falle von Katastrophen ratifiziert hat und damit dem Abkommen nunmehr 27 Staaten beigetreten sind, fann das Abkommen, das im Jahre 1927 abge= schlossen wurde, am 27. Dezember 1932 in Kraft treten.
Drud und Verlag von Albin Klein in Gießen Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher Nr. 2525 und 2526. Postschedkonto Nr. 69 530 Amt Frankfurt a. M.
Samstag, den 22. Oftober 1932
Die Reichsregierung stellt richtig.
Der offene Brief Adolf Hitlers an den Reichskanzler hat zur Folge gehabt, daß der Reichsregierung so zahlreiche Aeuße= rungen und Erklärungen aus allen Bevölkerungskreisen zugegangen sind, daß eine Beantwortung im einzelnen nicht möglich sei. Der Brief Hitlers enthalte jedoch, besonders in seinem außenpolitischen Teile, Angaben, die nicht unbeantwortet bleiben könnten. Die darüber an zuständiger Reichsstelle gepflogenen Beratungen haben das Ergebnis gehabt, daß die Reichsregierung den außenpolitischen Angaben Hitlers mit einer Erflärung entgegentritt, in der es u. a. heißt:
„ In einem offenen Brief an den Reichskanzler hat Adolf Hitler Behauptungen über den Standpunkt der deutschen Regierung in der Abrüstungsfrage aufgestellt, die im Interesse der deutschen Außenpolitik auf das schärfste zurückgewiesen werden müssen.
Hitler behauptet:
Deutschland sei mit einem Aufrüstungsprogramm vor die Welt getreten;
es habe die Forderung nach einer 300 000- Mann- Armee erhoben;
es habe ferner den Bau von Großkampfschiffen usw. gefordert.
Diese drei Behauptungen find in vollem Umfange unwahr. Deutschland hat niemals andere Forderungen erhoben, als diejenigen, welche das veröffentlichte Memorandum vom 29. August enthält.
Es verlangt nach wie vor, daß die anderen Staaten auf einen Stand abrüsten, der unter Berücksichtigung der besonderen Verhältnisse jeden Landes demjenigen Abrüstungsstand entspricht, der uns durch den Vertrag von Versailles auferlegt worden ist. Trägt die Abrüstungskonferenz dieser grundsätzlichen Forderung nicht Rechnung, so müssen wir verlangen, daß nicht weiter zweierlei Recht gilt.
Die Reichsregierung stellt in aller Oeffentlichkeit fest, daß Herr Hitler in seinem offenen Briefe vom 20. Oftober unwahre Behauptungen erhoben hat, die geeignet sind, das Bild der deutschen Außenpolitik zu verfälschen und damit das Interesse des deutschen Volkes auf das schwerste zu schädigen.
Das Urteil über dieses Verhalten des Herrn Hitler überläßt die Regierung dem deutschen Volke."
32 Wahlvorschläge
Bisher sah es erfreulicherweise danach aus, als wenn diesmal bei den Reichstagswahlen der Stimmzettel weniger buntscheckig aussehen werde. Von den kleinen Gruppen hatten sich im allgemeinen nur wenige erneut um die Einreihung in die Listenaufstellung beworben. Hoffentlich bleibt es auch dabei, und so muß man wünschen, daß in Berlin( Wahlkreis 2), wo sich bis Freitag 32 Parteien, Gruppen und Grüppchen, mit Kreiswahlvorschlägen gemeldet haben, und überall in den anderen Wahlkreisen, anwenden, um zu sieben. Die Parteienzersplitterung tritt in den im Wahlkreis 2 eingereichten Vorschlägen geradezu grotest zutage.
Das sind noch mehr Parteien als bei den Reichstagswahlen am 31. Juli 1932. Nun hat der Berliner Wahlkreisausschuß für seinen Bezirk das Wort, und man muß wünschen, daß er kräftig davon Gebrauch machen wird.
Dr. Best außer Verfolgung gesetzt.
Durch einen nach nichtöffentlicher Beratung gefaßten Beschluß des 4. Strassenats des Reichsgerichts vom 12. Oftober ist der Verfasser des bekannten ,, Borheimer Dokumentes" Dr. Best aus tatsächlichen Gründen wegen mangelnden Beweises hinsichtlich der Anschuldigung des versuchten Hochverrats außer Verfolgung gesetzt worden. Die Angelegenheit Dr. Best ist damit restlos erledigt.
Zum Weltspartag 1932
Gelegenheit macht Diebe! Ein 22 Jahre alter Gärtnergehilfe entwendete aus der Schlafstelle eines Arbeitskollegen deffen Blechtassette, sprengte sie auf und eignete sich daraus die Spargroschen des jungen Mannes im Betrage von 62 Mart an. Nach der Tat nahm er das Fahrrad seines Vaters, fuhr damit zum Bahnhof, und fuhr nach H., wo er später festgenommen wurde.
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Nummer 42
Für Mittelstand und Kleingewerbe!
Der Wirtschaftsplan des Reiches ist nicht nur für Großbetriebe und Großunternehmer bestimmt. Das würde seiner Zielsetzung Belebung der produktiven Wirtschaft auf breiter Basis, wirksame Vermehrung der Arbeitsgelegenheit widersprechen. Auch an den Mittelstand, vor allem Handwerk und Kleingewerbe, richtet sich dieser Versuch, unter Einsatz neuartiger wirtschaftspolitischer Mittel die allgemeine Krise zu überwinden. Steuergutscheine, finanzielle Förderung des Reiches- diese Maßnahmen gehen den Handwerker genau
an
das
so an wie den Industriellen, den Einzelhändler ebenso wie den Großkaufmann. Jeder, der gesetzlich fällig gewordene. Umsatzsteuer, Gewerbesteuer, Grundsteuer und Beförderungssteuer in der Zeit vom 1. Dktober 1932 bis zum 30. September 1933 entrichtet, ist gutscheinberechtigt, sei er ein ,, großer" oder ein ,, kleiner" Geschäftsmann. Und weiter: der kleinste Unternehmer hat ebenso wie der Riesenkonzern Anspruch auf Beschäftigungsprämien, wenn er nur nachweist, daß er in seinem Betrieb vom 1. Dktober d. Js. ab mehr Arbeiter beschäftigt als früher. Darüber hinaus sind in dem gesamten Wirtschaftsplan und in den entsprechenden Ausführungsvorschriften auch Bestimmungen eingebaut, die gerade den Interessen des Mittelstandes besonders Rechnung tragen. Um das an zavei wichtigen Fällen nachzuweisen:
Zwar werden die Steuergutscheine über kleine Beträge unter 50 RM. aus gewichtigen Gründen erst nach dem 30. September 1933 ausgegeben. Trotzdem ist es auch dem leistungsschwachen Steuerpflichtigen ermöglicht worden, über seine Gutscheinbeträge bald zu verfügen. Wer im Laufe eines Kalendervierteljahres einen Anspruch auf einen Gutscheinbetrag von weniger als 50 RM. hat( jedoch mindestens 10 RM.), kann beim Finanzamt beantragen, seiner Bank, Sparkasse oder Genossenschaft eine Bescheinigung darüber zu erteilen, daß er Steuergutscheine in bestimmter Höhe zu beanspruchen hat. Das Finanzamt übersendet die gewünschte Bescheinigung an das genannte Kreditinstitut. Dieses Kreditinstitut schreibt ihrem Kunden dann den Betrag, über den die Bescheinigung lautet, gut, und kann ihm entsprechenden Kredit gewähren. Es sammelt überdies alle derartigen Bescheinigungen seiner Kunden und tauscht sie bei der Finanzkasse in größere Steuergutscheine IDIII. Dadurch werden selbst kleine Beträge im Interesse der Wirtschaftsbelebung nugbar gemacht. Im ganzen gesehen, wird diese Sonderregelung vor allem dem Bauer, dem Handwerker, dem Kleingewerbe und dem Einzelhandel zugute kommen.
Für Hausbesitz und gewerblichen Mittelstand ist auch noch eine andere Sondermaßnahme des Reiches von größter Bedeutung. Für die Instandsetzung von Wohngebäuden, für die Teilung von Großwohnungen und für den Umbau gewerblicher Räume in Wohnungen hat das Reich 50 Millionen ausgewor fen. Bei Reparaturen im Mindestbetrage von 250 RM. je Grundstück ersetzt das Reich dem Eigentümer ein Fünftel der entstandenen Kosten. Bei der Teilung von Wohnungen und dem Umbau gewerblicher Räume zu Wohnungen erstattet das Reich 50 Prozent des Rechnungsbetrages, jedoch für die einzelne Teilwohnung nur bis zur Höchstsumme von 600 RM. Auch bei Beschaffung des neben den Zuschüssen erforderlichen Kapitals wird das Reich, soweit wie möglich Hilfsstellung leisten. Diese Aktion ist insgesamt von mannigfaltiger Bebentung insbesondere für den Mittelstand. Vom Standpunkt des Grundeigentümers gesehen: ihm wird die Erhaltung und Sicherung seiner Vermögenssubstanz erleichtert; das liegt gleichzeitig im Interesse des Hypothekengläubigers. Für den Mieter oder vom Standpunkt der Wohnungswirtschaft gesehen: Wohnräume werden instandgesetzt, kleinere und mittlere Wohnungen, an denen vor allem Bedarf ist, geschaffen. Für das Baugewerbe schließlich ergeben sich neue Aufträge. Maurer, Tapezierer, Maler, Klempner, Zimmerer alle Bauhandwerker werden von dieser Maßnahme Nußen haben.
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Sparen sichere Voraussetzung für wirtschaftliche Gesundung.
Bei der gegenwärtigen Lage der internationalen Politik und Wirtschaft hört man selten von gemeinsamen Aktionen der Staaten. Um so größere Beachtung wird daher der Aufruf finden, der anläßlich des diesjährigen Weltspartags Ende Okto= ber von den Sparkassen der ganzen Welt erlassen wird. Aus allen Ländern und Erdteilen, ohne Unterschied der Sprachen, der Religionen und der Institutionen, weisen die Sparinstitute auf die große nationale, kulturelle weltwirtschaftliche Aufgabe des vernünftigen Sparens hin und suchen dadurch auch das Vertrauen in die künftige wirtschaftliche Entwidlung zu stärten. Am Aufruf sind folgende Staaten beteiligt: Amerika, Australien, Belgien, Chile, Dänemark, Deutschland, England, Finnland, Frankreich, Holland, Italien, Luxemburg, Norwegen, Desterreich, Polen, Schweden, Schweiz, Spanien, Tschechoslowakei, Ungarn.
Der Aufruf der in allen Ländern den gleichen Wortlaut trägt, besagt:
,, Der Weltspartag ist kein Tag der Feiern und der Feste. Geist und Tat sind an diesem Tage ganz besonders in den Dienst des Sparens gestellt.
Das Sparen ist neben der Arbeit die grundlegendste und


