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Samstag, den 21. Mai 1932.

auch an, daß die jetzt vorliegende Neuregelung noch manche Härten bestehen läßt Diese Härten müßten aber im Hin blick auf die Finanzlage des Reiches grundsäßlich in Kauf ge nommen werden. Wo sich infolge ganz außergewöhnlichen Ver mögensverfalls( 3 B bei Verlust des überwiegenden Teils des Vermögens) untragbare Härten ergeben, sei im Billig­feitswege Abhilfe zu schaffen Nähere Anweisungen hier über hat sich der Reichsfinanzminister vorbehalten. Die Ver handlungen des Zentralverbandes des Deutschen Hausbesizes hierüber werden fortgesetzt.

Verfolgung evangelischer Pfarrer in Rußland.

Der preußische Evangelische Pressedienst erhält folgende zu­verlässige Mitteilung:

Das Schidsal von rund dreißig verbannten und in Gefäng nissen schmachtenden deutsch- evangelischen Pfarrern in Rußland gehört zu den furchtbarsten Kapiteln der Religionsverfolgungen in Rußland. Vor einiger Zeit ist einer der Verbannten, Pastor Erbes aus den wolgadeutschen Siedlungen, an Entfräf­tung und hinzugekommenem Fledtyphus an seinem Verban­nungsort gestorben. Ein anderer Pfarrer wurde in der berüch­tigten GPU. physischen und moralischen Foltern unterworfen, um von ihm ein ,, Geständnis" zu erpressen und so einen Anlaß zur Verbannung zu erhalten.

Wie einwandfrei feststeht, mußte dieser Geistliche sieben Tage und sieben Nächte hintereinander in seiner Zelle stehend und ohne Schlaf verbringen. Jedesmal, wenn er vor Ermüdung zu­sammenbrach, wurde er verprügelt und wieder hingestellt. Diese unmenschliche Tortur endete mit einer Verurteilung des Pastors zur Zwangsarbeit in den sibirischen Wäldern. Zusammen mit den anderen Verbannten mußte der Pfarrer jeden Tag die feſt= gesetzte Norm von 39 Bäumen fällen. Während der Arbeit stehen die Fäller bis zur Brust im Schnee.

Als Unterkunft dient eine überfüllte und unbeschreiblich schmutzige und kalte Holzbarade. Die Ernährung wird jeden Tag schlechter. Es fehlt bereits sogar an Brot. Es ist eine un­abweisbare und dringliche Pflicht, so schreibt der Evangelische Pressedienst weiter, diese schuldlosen evangelischen Geistlichen und deutschstämmigen Menschen aus der Hölle der sowjet­russischen Konzentrationslager zu erlösen, bevor sie alle an Hun­ger und Krankheit zugrunde gehen.

Lokales.

Sonntagsgedanken.

,, Laue Lüfte fühl' ist wehen, gold'ner Frühling taut herab". Der Winter ist über die Berge gezogen. Frühlingslüfte drängen ihm nach, fegen die Wege vom Herbstlaub frei, putzen Baum und Strauch, damit sie neue Kleider anziehen können. Der griesgrämige Alte mit dem Pelzkleid macht dem einziehenden jungen Burschen Platz, der durch die Wiesen zieht und durch Wäl­der und Auen. Und er schmüdt mit seinen Knospen und Blüten die Wiesen, den Strauch und den Baum, und die Sonne füßt die Knospen, die herzhaft die Augen aufschlagen und zur Blüte werden im weiten Blütenmeer der sprossenden Frühlingswelt. Und die Reben beginnen zu ranken ans goldene Licht und der erwachende Wald schüttelt die letzten Herbstblätter ab, unter die Hecken streut der junge Lenz die ersten Veilchen und die

,, Gießener Zeitung"

Nr. 20.

Gamstag, d

Quelle fängt an, heimlich zu plaudern von lenzesfrischer sonniger| jedes längere Stehen- und Wartenlassen ist als Parken" zu Frühlingsfahrt. bezeichnen.

Wenn alles dann hergerichtet ist wie zu einem Feste, dann tommen die Sänger von überall her, stimmen und proben zum großen Frühlingskonzert im Saal zum grünen Wald. Wer fönnte in seinem Herzen nicht schöpfen aus dem großen Gaben­forb, den der Frühling für uns alle aufgestellt hat. Selbst aus einsamen Herzen muß der frostige Winter entfliehen.

Mit aller Macht hat sich wieder die himmlische Kraft er­schlossen. Segnend erhebt sich des Allvaters Hand, überall wirkt sein göttliches Walten, allüberall fühlt man den segnen­den Geist und selbst die Herzen leert er von den irdischen Lasten und träufelt den Balsam der Freude hinein. Wald und Feld werden wieder zum Jungbrunnen aus dem wir gerade am Sonntag einen Becher an Vorrat für den Durst des Alltags schöpfen sollen. Der Sonntagsschreiber.

*

Entdeckung unbekannter Strahlungen.

Bei Atomzertrümmerungsversuchen an unserer Universität gelang es den Wissenschaftlern Bothe und Beder, das Auftreten einer bisher unbekannten Strahlung zu beobachten. Die Ge­lehrten deuteten diese Strahlung als elektro- magnetische Wellen­strahlung, die sich vom gewöhnlichen Licht nur in ihrer Wellen­länge oder was dasselbe ist in ihrem Energiegehalt unter­scheidet. Die beobachtete Strahlung war energiereicher als das gewöhnliche Licht, als die Röntgenstrahlen und auch als die neben Alphateilchen bei radioaktiven Prozessen freiwerdenden Gammastrahlen. Die neu beobachteten Strahlen gleichen in vieler Hinsicht den aus dem Weltall auf die Erde gelangenden, sogenannten kosmischen Strahlen.

*

Der Messe- Einkauf als Werbemittel für den Einzel­handel.

Neuheiten fesseln das Publikum. Nur der Geschäftsmann fann auf eine treue Kundschaft zählen, der ständig alles Neue und Preiswerte in seiner Branche vorführen kann. Die Kund­schaft weiß, daß Neuheiten zuerst auf der Leipziger Messe er= scheinen und von dort in den Handel gelangen. Hinweise auf den Wareneinkauf auf der Messe sind deshalb stets von werben­der Wirkung, so daß jeder Geschäftsinhaber sie nach Möglichkeit gebrauchen sollte. In den Schaufenstern der Geschäfte sah man Schilder, die vom Leipziger Messeamt kostenlos an alle Ein­bäufer ausgegeben worden waren. Sie trugen den Text ,, Wir haben auf der Leipziger Frühjahrsmesse eingekauft und bieten daher das Neueste und Preiswerteste". Selbstverständlich läßt sich der Messebesuch und Messe- Einkauf auch sonst noch werbe­wirksam, insbesondere in Inseraten, auf die verschiedenste Art auswerten. Ueber die mannigfachen Reklamemöglichkeiten unterrichtet auch in diesem Herbst wieder die Sonderschau Je­der kann werben" auf der Leipziger Reklamemesse.( 31. August bis 1. September.)

*

Wann parkt" und wann hält ein Auto?

Da bei Verstößen gegen verkehrspolizeiliche Bestimmungen häufig ein Streit darüber entstanden ist, was unter ,, Halten" und was unter ,, Parken" eines Kaftwagens zu verstehen ist, hat das Kammergericht in einer grundsätzlichen Entscheidung folgende Definition gegeben: Unter ,, Halten" versteht man das Stehen­oder Wartenlassen eines Fahrzeuges für die Zeit, die zum Ein­und Aussteigen oder zum Be- und Entladen erforderlich ist;

* Von der Polizei. Hauptwachtmeister a. Pr. Wilhelm Lauber zu Gießen wurde im gleichen Rang ab 1. Mai ins Be­amtenverhältnis übernommen.

* Von der Reichspost. Die amtliche Verkaufsstelle für Post­wertzeichen bei der Lederhandlung Röhrig in der Neustadt 53 ist aufgehoben.

* Unversiegelte Wertpakete der Post erfordern ein Ver­paden und erschließen wie gewöhnliche Pakete. Wertangabe bis 300 RM. zulässig. Bei Beschädigung oder Verlust der Wert­pakete Ersatz des wahren Schadens bis zum angegebenen Wert ( nicht nur nach Gewicht wie bei gewöhnlichen Paketen). Wert lediglich auf der Paketkarte anzugeben. Wertgebühr nur 10 Pig.

* Konzessionssperre. Der Minister des Innern hat ange ordnet, daß bis zum 1. Oktober 1934 im Volksstaat Hessen Er­laubnisse für neu zu errichtende Schankwirtschaften jeder Art grundsätzlich nicht erteilt werden dürfen. Ausnahmen dürfen nur in ganz besonders gelagerten Fällen von den Kreisämtern zugelassen werden. Die Anordnung gilt nicht für Anträge, die am Tage des Inkrafttretens( 17. 5. 1932) der Erlaubnisbehörde erster Instanz vorgelegen haben.

* Von der Reichswehr. Zum Truppenübungsplatz Ohrdruf begibt sich unser Reichswehr- Bataillon vom 1. bis 27. Juni, um dort Uebungen im Regimentsverband abzuhalten.

* Jubiläum. Ihr 50jähriges Jubiläum feierte dieser Tage die Landsmannschaft Darmstadtia". Sie wurde im November 1881 von 13 Abiturienten des Darmstädter Ludwig- Georgs Gymnasiums gegründet und ließ sich zuerst im Kaffee Ebel nie­der. 1893 erfolgte die Aufnahme in den Koburger L. C. Aus dem Postkeller zogen die Darmstädter 1894 in die ,, Pulvermühle" an der Lahn. Seit 25 Jahren besitzen sie ihr eigenes Heim in der Klinikstraße, das 1927 erweitert wurde. Jm Weltkrieg sind 43,, Darmstädter" den Heldentod fürs Vaterland gestorben.

* Maienblasen. Vom Turm der Jehanniskirche werden heute abend folgende Stücke vorgetragen: 1. Allein Gott in der Höff sei Ehr; 2. Das Nachtlager von Granada; 3. Am Brunnen vor dem Tore.

* Vom Stadttheater. Auf vielseitigen Wunsch wird heute abend, 19.30 Uhr, zum endgültig letzten Male der ,, Hauptmann von Köpenid" zu kleinen Preisen ausgeführt.

* Bom Goethebund. Morgen früh, 11 Uhr, findet im Gie­Bener Stadttheater eine Goethe- Morgenfeier statt.

* Militärkonzert. Am 29. Mai wird in der Voltshalle unter Leitung des Heeresmusifinspizienten Schmidt- Berlin ein Konzert der Gießener, Marburger und Kasseler Musikkorps des J.-R. 15. stattfinden.

* Eine Wiedersehensseier des Landwehr- Inf- Rgts. 116 fin­det am 22. Mai seitens der Offiziervereinigung und des Land­wehrvereins Gießen und Umgegend statt. Die Zusammenfünfte sind im Hotel ,, Hindenburg" und in der ,, Stadt Lauterbach". Es wird mit einer starken Beteiligung der Angehörigen des eye­maligen Landwehr- Infanterie- Regiments Nr. 116 gerechnet.

* Wiedersehenstag. Die diesjährige Jahres- Hauptversamm­lung der ehem. 254er findet am 4. u. 5. Juni in Darmstadt statt.

* Künstliche Augen werden demnächst in der Universitäts­Augenklinik durch die Firma Ad. Müller Söhne, Wiesbaden, in Anwesenheit der Patienten nach der Natur angefertigt und eingepaßt.( Sh. Inserat.)

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Die Landsknechte

Sportroman von Emil Wöhner.

( 2. Fortsetzung.)

( Nachdruck verboten.)

,, Du bist erkannt, Günter!" rief Adolf Müller. Zur Strafe mußt du jetzt eine Rede auf die Damen halten."

,, Ausgeschlossen," wehrte sich der lange Torwart. Erstens sind keine Damen hier und zweitens fann ich nicht reden." ,, Ach was, das ist kein Grund. Wenn du stecken bleibst, helfen wir. Und eine Dame bekommen wir auch noch," lachte Theo. ,, Wartet mal einen Augenblick..."

Nach ein paar Minuten tam er wieder ins Zimmer. Er hatte Frau Bauers Küchenschürze umgebunden und ihren alten Kapotthut aufgesetzt.

Junge. Theo, willst du zum Mastenball?"

,, Nein aber Günter muß jetzt seine Damenrede halten..." Na ja, wenn es denn nicht anders geht. Also: Meine verehrten Damen, liebe Freunde!"

Pravo, bravo!"

, Schon Uhland fegt: Ehret die Frauen..." Das stimmt nicht, das ist von Schiller!"

,, Ach, ihr müßt mich nicht immer unterbrechen. Das ist doch egal, von wem das ist. Also: Ehret die Frauen! Sie sind das zarte Ceschlecht

"

Bravo! Besonders die Schwiegermütter!"

Mit drediger Hose

liegt Günter vorm Tor;

das kommt in den besten

Familien vor!

Holladria, holladrio,

holladria, holladrio

Nun bin ich noch nach," lachte Adolf Müller.

Keine Angst, du bleibst nicht verschont," rief Theo und

sang übermütig:

' Ne große Kanone

ist Adolf als Läufer,

bekannt ist er auch

als gewaltiger S... tratege!

Holladria, holladrio,

holladria, holladrio..

Theo stand auf, reichte Zigaretten herum und füllte die leeren Gläser.

Prost! Wir wollen uns wieder vertragen!" Auf einmal sprang Adolf Müller hoch.

Ich size hier doch auf einmal so gediegen...! Was mag

das sein?"

,, Kerl, Adolf!" schrie Theo. Du hast dich auf Frau Bauers Kapotthut gesetzt!"

Adolf nahm den demolierten Hut in die Hand.

,, Ach, Theo, reg' dich man nicht auf. So hat der Hut we nigstens eine moderne Form. Vorher war er viel zu altmodisch." Das stimmt," lachte Günter Freund, jetzt braucht Frau

Na, meinetwegen tie auch... Für mich sind die Frauen Bauer ihn wenigstens nicht mehr umpreſſen zu lassen!"

jedenfalls Luft

Sört, hört!"

" Und ohne Luft kann ich nicht leben! Prost!"

Prost, Günter! Das war eine seine Rede!"

" So, jetzt fann ich meinen Hut ja wieder absetzen," lachte

Thee. Demaskierung...!"

Er ging ans Klavier.

,, Silentium! Es steigt jetzt eine Ballade auf unseren frisch­gebado en Rechtsinnen. Den Refrain dürft ihr mitsingen:

Das Spiel mit dem Balle

macht Karl soviel Spaß.

Er löpjt mit dem Fuße

und stößt mit der Nas'.

Holladria, holladrio,

holladria, holladrio.

"

,, Eine kurze Ballade", meinte Karl Schäfer bedauernd.

Ja, in der Kürze liegt die Würze... So, jetzt kommt un­

ser langer Torwart an die Reihe:

,, Langt mir den Pfannkuchen mal her!", rief Karl Schä­fer. Damit tann man noch schön Fußball spielen!" Und in hohem Bogen flog der Hut gegen die Tür. Theo nahm ihn auf.

"

Ich weiß nicht," entgegnete Theo zögernd. ,, Ach, man los!" stimmten nun auch die anderen zu. ,, Na, meinetwegen. Der Köter hat sowieso noch einen Schinken bei mir im Salz. Neulich hat er mir mal einen Hausschuh weggeschleppt. Acht Tage hab' ich gesucht. Leise gingen die Fußballspieler auf den Flur. In der Ede lag friedlich schlummernd Ami in seinem Korb.

Nun seid doch mal vernünftig...! Na, das ist eine schöne Bescherung! Ich habe den Hut vorhin von der Garderobe geholt. Den setzt Frau Bauer doch jeden Morgen auf, wenn sie ihre Einkäufe macht!"

Einen Augenblid herrschte Schweigen.

Bleibt hier man stehen," flüsterte Theo, sonst sängt der Röter noch an zu bellen."

Ich hab' eine Idee!" rief Adolf Müller plötzlich. Auf dem Flur in der Ede steht doch der Korb, in welchem Frau Bauers dider Mops schläft. Wie heißt der Köter eigentlich?"

,, Ami!" lachte Theo.

Zärtlich strich er dem Hund über das Fell.

So ist's schön, Ami. Nun steh mal auf... Go ist's recht braves Tier."

Und vorsichtig legte er den Hut in den Korb und padte den Hund darauf..

Na ja. Also wir paden einfach den Hut in den Korb und legen Ami darauf. Dann denkt Frau Bauer morgen sicher, der Hut ist von der Garderobe gefallen und Ami hat ihn in seinen Korb geschleppt... Du, das geht famos!"

Nun schlaf man schön, Ami... So ist's gut... Morgen wirst du deine Abreibung schon bekommen!"

So," lachte Theo, als sie wieder in der Stube waren ,,, die Sache wäre erledigt. Wieder mal ein Grund zum Trinken. Prost! Ami soll leben!"

Die Zeit verging wie im Fluge. Eben wollte Theo die leeren Gläser wieder füllen, als er auf einmal merkte, daß auch die letzte Flasche leer war.

Jungs," rief er ,,, fallt nicht auf den Rüden: Der Wein ist alle!" Feierabend!" lachte Günter. Nun laßt uns man noch zum Abschied ein Lied singen."

Fuß

Frau Bauer erwachte von dem Gesang der jungen Fuß ballspieler. Sie mußte an ihren einzigen Sohn denken, der als Kriegsfreiwilliger, faum zwangzigjährig, gefallen war. Nun lag er da irgendwo in Frankreich in fremder Erde ballspieler war er gewesen wie Theo Hansen und seine jungen Sportskameraden.

Der letzte Vers des Liedes aber den die jungen Fußball­spieler mit ihren frischen Stimmen eben gesungen hatten, lau­

tete:

Und wenn dann einjt nach manchem Jahr der Ball, das Spiel hat Ruh,

wenn unsre Kluft der Motten Raub, zernagt der Fußballschuh:

Dann steh'n wir fest im Lebenssturm, der uns nicht beugen tann;

denn wer als Jüngling tapfer fämpft, der kämpft auch gut als Mann." Fortsetzung folgt.

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