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Samstag, den 19. März 1932.
,, Gießener Zeitung"
Nr. 11
Arbeit und Leben rufen Euch!
Der Tag ist da, an dem, nach acht Jahren Schulranzentragen, eine neue Generation vor den Kontoren, WertStätten und Gutshöfen mit pochendem Herzen steht, um ben ersten Schritt aus dem Elternhaus ins Leben zu wagen.
Viele wissen es schon, manche abnen es, daß die selige Beit ungebundener Kindertage vorbei ist, wenn beim Abschied die Mutter unter Tränen noch die Segenswünsche den jungen Wanderern mit auf den Weg gibt.
Jeßt gilt es zum ersten Male, auf sich allein gestellt, mit blanten Augen und hellen Ohren dem Leben und dem zufünftigen Berufe alle Geheimnisse abzugucen und abzulauschen.
Der alte Spruch, daß Lehrjahre teine Herrenjahre sind, wird seine Bedeutung nie verlieren. Auch euch Jungen wird der tiefere Sinn dieser Worte flar werden, wenn der erste Tadel des Meisters oder Geschäftsführers euch trifft oder der etwas überhebliche Spott der Alteren euch fränft. Merkt euch die Worte, beherzigt sie und greift dann mit doppeltem Eifer zu, denn Wollen ist Können!
Greift mutig in das weitverzweigte Räderwerf des deutschen Wirtschafts- und Kulturlebens ein, dessen Träger ihr dermaleins werden sollt. Nur eine Jugend, die feft und beherzt an ihrer Hände Wert glaubt, fann unfer leidendes Volk gebrauchen, nur solch eine tatkräftige Generation fann in dieser Zeit deutschen Tiefstandes und Elends noch das Leben meistern.
Darum freudig ans Wert! Glück auf!
Meifter und Lebrling.
Wenn die jungen Lehrlinge durch den bindenden Handschlag und mit der Mahnung zur Pflichterfüllung in ihren neuen Lebenstreis getreten sind, dann hat auch der Meister und Lehrherr eine Verantwortung und Pflicht auf sich genommen. Nicht allein jene Pflicht, seinen Schüler zu einem tüchtigen Könner in seinem Berufe zu machen, sondern darüber hinaus auch Erziehungsarbeit zu leisten, um diesen jungen, biegsamen Menschen in die Gemeinschaft seines Betriebes einzureihen und so das erste Samentorn für einen arbeitsfreudigen Staatsbürger, das heißt Gemeinschaftsmenschen, zu legen Gerade Diese große tulturelle Bedeutung, die hierdurch der Meister und Lehrherr zu erfüllen hat, wird oft über der Sorge für einen fähigen Berufskollegen vernachlässigt, und doch braucht das deutsche Volf in allen Teilen seiner Berufsstände diesen auf Kameradschaft und sozialer Verantwortung aufgebauten Gemeinschaftsgeist, um alles Individuelle und Trennende erfolg, reich zum Wohle des Staatsganzen überwinden zu tönnen
Und so ergeht auch an euch, ihr Lehrer der deutschen Jugend, eine ernste Mahnung: Gliedert die schulentlassene Jugend in den Staatsförper ein!
Aber noch eine zweite Sorge babi thr mit dem Eintritt der neuen Lehrlinge übernommen: die Sorge für seine Gesundheit! Nur eine gesunde Jugend ist den Anforderungen des Berufes gewachsen. Die Lebensbedingungen unserer Tage sind härter geworden. Ein großer Teil der Großstadtfinder ist in einer burch das Wohnungselend bedingten schmußigen Wohnung, in Räumen, die oft die Funktionen von Küche und Schlafraum gleichzeitig erfüllen müssen aufgewachsen Sorgi dafür, daß diese blassen Jungens und Mädels nicht nur an der Drehbant stehen und auf den Kontorschemein fißen, sondern sich auch den Wind um die Nase weben laffen und in ihrer Freizeit aus der schmußigen Enge der Städte hinaus ins Freie gelangen und nicht im Qualm schlechter Wirtshäuser thren Lebenshunger stillen. Das Schauen und Erleben der Natur wird ihnen den Sinn für deutsches Wesen und echte Kultur enträtseln und ihnen den Begriff eines festen Heimatgefühles bermitteln, dessen Früchte der Meister selbst noch ernten wird. Die Sonne wird die Jugend bräunen, Wind und Luft die durch die Arbeit der vergangenen Woche getrübten Augen wieder blant pußen und eine Jugend in die Werkstatt zurüdschicken, die gesund und froh ihre Arbeit verrichtet und die Der Werdegang des Stifts.
Mob. Simmer
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unser durch die Not auch seelisch verarmtes Volk einer besseren Butunft entgegenbringen fann
Darum forgi, thr Metster, dafür, daß eure Schußbefohlenen, dte deutsche Jugend, auch wetterfest wird und ein neues Geschlecht gesund an Seele und Körper unter euren Händen heranwächst!
Staatliche Berufshilfe für Jugendliche.
Der Reichsminister des Innern hat mit den Philologen, ben Spizenverbänden der Arbeitgeber, den Alademiferverbänden und dem Hochschulverband über die Möglichkeit be raten, 20 000 Abiturienten der böheren Schulen, die Ostern 1932 zur Entlassung gefommen sind von der Universität zurückzubalten und als Lebrlinge in die Wirtschaft einzuführen
Die Vernunft scheint zu siegen Schon jetzt sind nach einer Statistik der Deutschen Studentenschaft rund 120 000 Alademiker
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Meister, laßt eure Lehrlinge in der Freizeit wandern, so, wie es die Jungens da draußen tun!
stellungslos. Bet einem jährlichen Bedarf von etwa 12 000 neuen Anwärtern würde der Zustrom Ostern 1932 von der Schulbant nach der Hochschule auf 40 000 geschäßt. Alle Warnungen der vergangenen Jahre vor akademischen Berufen waren, ohne Widerball zu finden, achtlos verflungen. Durch die Parole Freie Bahn dem Tuchtigen" und die staatliche Subventionierung der begabten Schüler war breitesten Schichten eine erfolgreiche Laufbahn und schter unbegrenzte Ausstiegsmöglichkeiten verheißen worden. Eine Abwanderung von der Voltsschule jeßte ein, die erst in diesem Jabre zum Stillstand tommen wird.
So sehr die Maßnahmen der Regierung auch zu begrüßen Auch sind, so sind es doch nur verzweifelte Notmaßnahmen. bas Fernhalten der Jugend von den Universitäten gibt ihr noch teine neuen Arbeitsmöglichkeiten, weil die Lehrstellen für solch Neunzehnjährige einen ungewöhnlichen Andrang fehlen stehen noch an derselben Stelle, wo sie als Volksschüler mit vierzehn Jahren ebenfalls hätten sein fönnen! Fünf fostbare Jahre ihrer Entwicklung sind bei schwerem Geldaufwand der Eltern nußlos veistrichen. Der Besuch einer höheren Schule hat die Berufswahl nur um einige Jahre verschoben, nicht Und trotzdem aber neue Betätigungsfelder eröffnet. Wie der Werthofft diese Jugend auf Arbeit! student vor teiner Arbeit zurückscheut, mag sie auch noch so fern seinem Berufsziel liegen, so wollen diese Jungen Be schäftigung, gleichgültig welcher Art, haben. Es ist Pflicht aller, gerade diese intelligente Jugend, die die Anlagen zu wertvoller Leistung in sich trägi, in den großen Arbeitsprozeß des Volles einzuschalten und dafür zu sorgen, daß nicht neue Massen dem Müßiggang und der Straße überlassen bleiben.
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Hufftieg der Begabten.
Können Eltern objektiv urteilen? Steht nicht jeder Vater, jede Mutter im Sohn alle Klugheit und Geschicklichkeit, in der Tochter alle Schönheit und Liebenswürdigkeit vereint, die ihnen, wenn sie erwachsen sein werden, das Leben zu einer glatten, mühelosen Straße ebnen sollen? Fehler und Untugenden beBiel zu eng merti man nur an den Sprößlingen der anderen
ist man dem eigenen Fleisch und Blut verbunden, um zur rechten Zeit abzuschäßen, wo der Gefahrenpunti im Charafter des Kindes liegt oder der Mangel in seiner geistigen Anlage. Dieses optimistische Vertrauen, das junge Menschenfind werde fich durchsetzen, isi sympathisch und in Krisenzeiten zweifellos erfrischend Doch woher, wenn jeder Vater berechtigt ist, an die himmelblaue Zufunft seiner Kinder zu glauben, so viel Und Mittelmäßigkeit, so viele Enigletste und Enttäuschte? es sind doch die Vorurteile überwunden, die einstmals der Entwicklung aufstrebender junger Leute entgegenstanden, vor allem die Standesurteile! Aufstieg der Begabten" ein Schlagwort gleich vielen Schlagworten, die heute umgehen. Gewiß, grundfäßlich ist jeder, der sich als befähigt, tüchtig und sittlich einwandfrei erweist, berufen Reichspräsident zu werden. Doch in der Praxis ist das etwas schwieriger als in der Theorie. Um sich selbst ein Ziel setzen zu fönnen, um ein Bild von der Welt zu gewinnen, in der man seine Kräfte erproben will, muß man Wissen erwerben Es braucht fein Schulwissen zu sein; aber trgendeine Vorbildung oder Fachbildung ist unerläßlich, auch wo der Aufstieg nicht von Gramina und abgestempelten Papieren abhängt Jede Ausbildung foſtet Geld.
Und wenn, wie so häufig, der Glaube an die besondere geistige Begabung ein holder Wahn war, dann ist es doppelt nötig, daß ein praktischer Beruf gründlich erlerni wird, oder daß ein Fond da ist, um dem Sohn, der Tochter, welche die Eltern gern in etwas gebobener Stellung fehen möchten, ein fleines Geschäft, eine fleine Landwirtschaft, eine fleine Wertstatt einzurichten Wer will erfennen, wenn das Kind rund und rosig in seinem Bettchen liegt, ob es von selber seinen Weg machen oder ob die Eltern schüßen und nachhelfen müssen? Sol man alles der Vorsehung oder dem Zufall überlassen? Es tönnte geschehen, daß man dadurch plöblich vor unerwartet große Ausgaben gestellt wird, wie sie beute sich nur wenige leisten fönnen
Sicherer handelt, wer für alle Fälle vorsorgt und dies mit Nicht alle Er. möglichst geringem Aufwand von Geld tut zieher wissen, daß ein Kind von seinem ersten Lebenstage an in eine Berufs oder Aussteuerversicherung eingekauft werden fann. Die Opfer sind tragbar: monatliche Prämien, wie sie ein junger Vater im Vollerwerb von seinem Einkommen ab Es wird zweigen tann, so häuft sich langsam ein Kapital dem Kinde bei seinem 18 oder 21 Lebensjahr ausgezahlt, je nachdem der Vertragsschluß es bestimmte- also zu einer Zeit, in der die Herangewachsenen sich selbständig für einen Beruf entscheiden. Alademisches Studium, Handels- oder Technische Hochschule, Aufenthalt im Auslande zur Erlernung von Sprachen, Eintritt in eine Firma, wozu eine Geschäftseinlage erforderlich ist, Erwerb eines Stückchen Gartenlands oder einer Aussteuer: der Möglichkeiten sind so viele, für welche auffeimende Neigung sich entscheiden fann Auf teden Fall ist ein Sprungbrett bda.
Auch das Hetratsgut für die Tochter ist nicht zu unterschäßen Liebesbeiraten ohne gefestigte Basis tommen nur noch in Romanen vor Und es gibi immer noch Mädchen, welche die Aufgaben der Gattin und Mutter den meist unpersönlicheren Pflichten eines Berufes vorzteben, selbst dem funstgewerblichen Atelier, dem Modesalon, dem Doftorhut Auch für die häuslichen und mütterlichen Aufgaben finden wir Mittelmäßig und Hochbegabte Wie würde der Lebensnerv dieser Hochbegabten berfümmern, wenn ihre seelischen Anlagen nicht zur Entfaltung gelangen lönnten, weil ohne Aussteuer das ersehnte Heim fich nicht begründen läßt
Manch junge Elternpaare denten zwar solche Gedanken durch; doch sie scheuen sich, eine Versicherung für ihre Kinder abzuschließen, in der Furcht, daß sie mit ihren Prämienzahlungen nicht durchhalten tönnen. Zu dieser Energie müssen fie sich allerdings verpflichten. Dafür wird ihnen auch die Berubigung, daß, falls der Tod ihre Absichten durchfreuzt, die Versicherungsanstalt dennoch zur verabredeten Frist das vereinbarte Rapital dem Kinde bereithält. So blüht noch aus dem Tode Leben und Aufstieg.
Merke, mein Sohn:
ཡོངས་
Die Händ' and Wert, die Herzen Himmelan, So wird allein ein gutes Wert getan.
J11
Jupo
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Der Jüngling aus der Fremde.
Das tägliche Einholen zum Frühstad.
Bericht über sein Erlebnis im Geschäft.
Ein Jahr bei der Firma und der neue Stift.


