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( Gießener Tageblatt)
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Politische Rundschau.
Die Verhandlungen zwischen Nationalsozialisten und Zentrum über die hessische Regierungsbildung haben einen im allgemeinen befriedigenden Verlauf genommen. Trotzdem ist die Wahl des Staatspräsidenten bis nach den Reichstagswahlen verschoben worden, weil beide Parteien offenbar Hemmungen für den Wahlkampf vermeiden möchten.
Der Landesausschuß der Deutschen Volkspartei des Wahltreises Hessen- Darmstadt beschloß, den bisherigen Spitzenkan= didaten, den Parteiführer Dingelden, wiederum an die erste Stelle des Wahlvorschlages zu setzen. An der zweiten Stelle steht Bürgermeister Dr. Niepoth- Schlitz.
Das Reichskabinett hat am Mittwochabend, bevor Reichs= tanzler von Papen und Reichsinnenminister von Gayl ihre Reise nach Neuded antraten, nach dem Vortrage des Reichs: arbeitsministers eine Verordnung über den freiwilligen Arbeitsdienst verabschiedet.
Jm Reichsinnenministerium wurden in den letzten Tagen die Verhandlungen über die Verwirklichung eines Projektes fortgesetzt, dessen Kernstück darauf abzielt, dem Reich einen noch weitergehenden Einfluß auf den Rundfunk einzuräumen.
Reichsernährungsminister v. Braun hat die Landwirtschaftsund Ernährungsminister der Länder zu einer Konferenz am 19. und 20. Juli nach München eingeladen. Gegenstand der Besprechungen sollen die Agrarfragen bilden.
Im Einvernehmen mit dem Reichstagspräsidenten hat nunmehr das älteste Mitglied des Ueberwachungsausschusses, Abgeordneter Heimann( Soz.) den Ueberwachungsausschuß auf Freitag, den 22. Juli, einberufen.
Der Völkische Beobachter" fordert in großer Aufmachung den Ausnahmezustand für das ganze Reich und die sofortige Dienstenthebung sämtlicher sozialdemokratischer Polizeipräsiden
ten.
Der Aeltestenrat des Preußischen Landtags hat beschlossen, vor der Reichstagsneuwahl eine weitere Sigung des Preugischen Landtages nicht stattfinden zu lassen.
Der neue Landtag für Mecklenburg- Schwerin wählte zum Landtagspräsidenten den nationalsozialistischen Abgeordneten Krüger- Goldberg, zum Vizepräsidenten den nationalsozialistischen Amtshauptmann Dr. Schumann- Wismar. Ministerpräsident wurde der nationalsozialistische Abgeordnete Gutsbesitzer Granzow- Severin.
Der Saarländische Landesrat wandte sich in seiner Vollfizung in schärfster Weise gegen das Diktatur- Regiment der Saarregierung. Diese habe auf Grund des Saar- Statuts nicht das Recht, mit Notverordnungen zu arbeiten und damit die tämmerlichen Rechte der Saarvolksvertretung noch weiter zu beschneiden.
Der preußische Innenminister hat für den 30. und 31. Juli wieder das übliche Verbot des Ausschankes von Branntwein erlassen.
Die Ratsvertreter Englands, Frankreichs, Italiens, Belgiens und Desterreichs haben am Freitagabend in Genf das neue Anleiheprotokoll für Oesterreich unterzeichnet.
Die außerordentliche Völkerbundsversammlung, in der die Türkei ihren Beitritt zum Völkerbund vollziehen wird, findet am nächsten Montag, den 18. d. Mis. statt. Die ordentliche Völkerbundsversammlung beginnt am 19. September.
Der Generalsekretär des Völkerbundes ist vom Generalse= Iretär der Lausanner Konferenz gebeten worden, die erforderlichen Schritte zu der Einberufung einer Wirtschafts- und Währungskonferenz zu tun.
Präsident Hoover hat nunmehr in einem an Senator Borah gerichteten Brief zu dem Lausanner Sonderabkommen Stellung genommen und erklärt, daß die amerikanische Politik gegenüber bem sogenannten Gentleman- Abkommen oder einer Vier- MächteEntente ihre volle Handlungsfreiheit bewahre.
Die für Donnerstag abend im Tivoli in Dessau angesetzte Massenkundgebung der Eisernen Front ist von dem Anhaltischen Staatsministerium verboten worden.
Wie der ,, Völkische Beobachter" ankündigt, wird Adolf HitLer im Flugzeug eine Reise durch Deutschland antreten. Er will in den beiden kommenden Wochen mehr als 50mal in Bersammlungen sprechen.
Das Berliner Landgericht verfügte unter Androhung einer noch festzusetzenden Haftstrafe, daß der„ Angriff" seine Behauptungen über den Polizeivizepräsidenten Dr. Weiß zu unterlaffen hat.
Die belgische Regierung hat beschlossen, dem französisch- englischen Vertrauens- Ablommen" beizutreten.
Die Handelsvertragsverhandlungen, die seit längerer Zeit zwischen Desterreich und Ungarn geführt wurden, sind gescheitert. Die Räteregierung in Moskau ratifizierte den Neutralitätsvertrag mit Finnland und Lettland.
Die mandschurische Regierung hat die sowjetrussischen Beamten, die sich weigerten, bei der Besetzung der Umschlagsstelle der oftchinesischen Eisenbahn die Schlüssel herauszugeben, entlaffen. Die entlassenen Beamten wurden verhaftet. Sie sol= len abgeurteilt werden.
Zu großen Erwerbslosentumulten, die ohne Zweifel das Werk kommunistischer Aufwiegler waren, kam es am Freitag= Dormittag in Weimar.
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Samstag, den 16. Juli 1932
Die Revolution, die im Staate Sao Paolo ausgebrochen ist, hat sich sehr schnell auf andere brasilianische Gliedstaaten ausgedehnt.
Im Steinbruch ,, Auf dem Hohen Hagen" bei Dransfeld find 17 Kisten mit insgesamt etwa sieben Zentnern Sprengstoff und etwa 1000 Sprengkapseln gestohlen worden.
Das rüdsichtslose Vorgehen der tschechischen Gendarmen gegen die Deutschen von Tetschen a. E. hat bereits zu einem scharfen Protest der sodetendeutschen Abgeordneten beim Innenminister geführt.
Der Vorsitzende des Vereins zur Wahrung der gemeinsamen Interessen des Saargebietes Dr. Mag von Vopelius ist am Donnerstag im 60. Lebensjahre gestorben.
Der bekannte tschechische Schuhfabrikant Thomas Bata ist am Dienstag tödlich verunglüdt. Bata startet um 3,30 Uhr morgens vom Flugplag Otrokowitz in Mähren mit einem eige= nen Junkersflugzeug. Schon nach einer Flugstrede von nur etwas über einem Kilometer stürzte das Flugzeug ab, wobei Bata den Tod sand. Auch der Pilot ist zu Tode gekommen.
Rektor und Senat der Berliner Universität haben sich, nachdem nach erneuter kurzer Schließung das Universitätsgebäude am Donnerstagnachmittag wieder geöffnet worden war, entschlossen, die Gebäude der Universität erneut zu schließen, und zwar bis Montag früh.
Die schwebende Schuld des Deutschen Reiches belief sich Ende Juni ds. Js. auf 1836,4 Millionen RM. gegen 1829,8 Millionen RM. Ende Mai.
Kommt der Ausnahmezustand?
Das Reichskabinett wird sich am Sonnabend mit den Besprechungen beschäftigen, die Reichskanzler von Papen und Reichsinnenminister Freiherr von Gayl mit dem Reich.präsiden= ten in Neuded hatten. Ueber das Ergebnis dieser Beratungen wird von amtlicher Seite nichts mitgeteilt. Auf Grund privater Informationen glauben wir aber zutreffend dahin unterrichtet zu sein, daß einstweilen mit der Einsetzung eines Reichskommissars für Preußen nicht zu rechnen ist. Vor allem will der Reichsinnenminister alles vermeiden, was nach etwaiger Beeinflussung des Wahlkampfes und der Reichstagswahl vom 31. Juli selbst aussehen könnte.
Die Meinung des Freiherrn von Gayl in allen Ehren! Jmmerhin häufen sich doch die blutigen Vorkommnisse in den legten Tagen so beängstigend, daß wir lebhafte Zweifel hegen, ob sich bis zu den Wahlen mit den zur Verfügung stehenden Polizeifräften die Ruhe und Ordnung im Innern auch nur annähernd wird aufrechterhalten lassen. Unter Umständen wird sich bei einer weiteren Zuspitzung der innerpolitischen Lage das Reichskabinett doch mit dem Gedanken befreunden müssen, über das ganze Reich den Ausnahmezustand zu verhängen.
Hindenburgs Danf
für Papens Lausanner Arbeit. Reichspräsident von Hindenburg empfing am Donnerstag den Reichskanzler von Papen zum Bericht über die Lausanner Verhandlungen. Nach Entgegennahme des Vortrags sprach der Reichspräsident dem Reichskanzler seinen Dank für die in Lausanne geleistete Arbeit aus und bat diesen Dank auch den anderen Mitgliedern der Abordnung zu übermitteln. Hieran schloß sich ein gemeinsamer Vortrag des Reichskanzlers und des Reichsministers des Innern über innerpolitische Fragen."
Die Wahlreden im Rundfunk.
In der letzten Woche vor dem Wahltag werden alle großen und mittleren Parteien mit Ausnahme der Kommunisten Gelegenheit erhalten, ihr Wahlprogramm im Rundfunk vorzutragen. Hierzu erfahren wir, daß als Redner die folgenden Persönlichkeiten in Aussicht genommen sind: Für die Deutschnationalen Geheimrat Hugenberg, voraussichtlich am Donnerstag, für die Deutsche Volkspartei Dingelden, für die Wirtschaftspartei Drewitz, für die Bayerische Volkspartei Schäffer, für das Zentrum Dr. Brüning, für die Staatspartei Dietrich, für die Sozialdemokraten Wels. Wer für die Nationalsozialisten sprechen wird, steht noch nicht feſt.
Die Reichstagskandidaten des hessischen Zentrums.
Für die Reichstagswahl hat die Hessische Zentrumspartei folgende Kandidaten aufgestellt: 1. Reichskanzler a. D. Dr. Brüning, 2. Rechtsanwalt Dr. Bodius- Mainz, 3. Oberregierungsrat Knoll- Darmstadt, 4. Landtagsabg. Blank- Gaulsheim, 5. Stadtrat Diehl- Kastel, 6. Kaufmann Herd- Offenbach, 7. Hausfrau Else Hattemer- Darmstadt, 8. Lehrer und Generalsekretär Gahr- Kastel, 9. Landwirt Ludwig- Gonsenheim, 10. Faktor Schmitt- Harheim.
Landtagswahlen in Thüringen.
Der Thüringische Landtag, der am Freitag zu seiner letzten Sitzung zusammengetreten war, beschloß eine Abänderung des Wahlgesetzes, um damit die Möglichkeit zu schaffen, die Wahlen zu einem neuen Thüringischen Landtag gleichzeitig mit den Reichstagswahlen am 31. Juli vorzunehmen. Darauf wurde ein sozialdemokratischer Antrag angenommen, nach dem sich der Landtag mit Wirkung vom 30. Juli auflöst.
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Nummer 28
Die heimische Scholle
als Ernährungsbasis.
Der Wandel der wirtschaftlichen Verhältnisse drinnen und draußen zwingt das deutsche Volt, sich mehr und mehr auf die eigenen Kraftreserven zu besinnen. Das gilt in erster Reihe von dem Gebiet der Ernährungswirtschaft. Vor wenigen Jahren noch war das deutsche Volt ein guter Kunde fremder Agrarländer. Für Lebensmittel aller Art, insbesondere für Getreide Gartenbauerzeugnisse, Molkereiprodukte etc. ausländischer Herfunft, zahlte Deutschland beispielsweise im Jahre 1927 4,3 Milliarden RM. Im Jahre 1931 belief sich die Nahrungsmitteleinfuhr insgesamt noch auf etwa 2 Milliarden RM., wobei man allerdings die starke Preissenkung in Rechnung stellen muß. Kaufte also jeder Deutsche im Jahre 1927 für rund 67 RM. ausländische Lebensmittel, so gab er im Jahre 1931 noch 30 RM. für diese Zwecke aus. Diese Entwicklung ist zwangsläufig. Die Absperrungstendenzen in allen Teilen der Welt sind gewachsen, die deutsche Ausfuhr stößt mehr und mehr auf ein Dickicht von Zoll- und Handelshemmnissen aller Art, der Absatz von deutschen Industrieerzeugnissen auf den Auslandmärkten sinkt. Das bedeutet: Rückgang des Zustroms von Devisen. Devisen aber sind notwendig, um die unentbehrliche Einfuhr ausländischer Rohstoffe für unsere Industrie zu bestreiten und darüber hinaus auch die Zins- und Tilgungsbeträge für die Auslandskredite abzudecken. Man muß also bei der Einfuhr dort zu sparen versuchen, wo es möglich ist: bei dem Import von Lebensmitteln nämlich. Bei dieser Sachlage gewinnt das von der deutschen Landwirtschaft zäh angestrebte Ziel, die Ernährung des Volks aus eigener Scholle sicherzustellen, erhöhte nationalwirtschaftliche Bedeutung.
Der Anteil ausländischer Produkte am Nahrungsmittelverbrauch des deutschen Volkes betrug, nach Ermittlung des Jn= stituts für Konjunkturforschung, im Jahre 1927 beispielsweise beim Fleisch 8 Prozent, beim Brotgetreide 24 Prozent, bei Eiern sogar 37 Prozent. Im Jahre 1931 stellen sich diese Prozentsätze auf 1, 4 und 30 Prozent. Stellt man ferner in Rechnung, daß wir den Inlandsbedarf an Zucker und Kartoffeln seit langem bereits aus den Erträgen der heimischen Scholle decken konnten, so tann man ohne Uebertreibung sagen, daß das Ziel der Nahrungsfreiheit durchaus nicht mehr so fern ist, wie es vor einigen Jahren noch den Anschein hatte. Allerdings bedürfen die Verhältnisse insbesondere bei einigen Erzeugnissen der Viehzucht und des Gartenbaues noch der Besserung.
In diesem Jahr ist der Import von Lebensmitteln weiter gesunken. Gewiß handelt es sich hier zu einem Teil um eine Folge der gewaltigen Kaufkraftschrumpfung im Inland und der wachsenden Not in breiten Volksschichten. Man wird jedoch in Rechnung stellen müssen, daß die Produktionsfähigkeit der Landwirtschaft bisher keineswegs restlos ausgeschöpft ist, und daß es gerade auf diesem Gebiet der tierischen und pflanzlichen Qualitätserzeugnisse sicherlich noch manche Möglichkeiten gibt, die Erzeugung auszuweiten und zu intensivieren. Vergleicht man nun den Import von Lebensmitteln aller Art in den ersten 5 Monaten des Jahres 1931 mit den Ergebnissen der gleichen Zeit dieses Jahres, so zeigt sich ein Rüdgang von 922 Mill. RM. auf 645 Mill. RM. Dieser Rüdgang fann nicht lediglich aus der Preissenkung erklärt werden, er ist zum Teil auch mengenmäßiger Art. Beachtenswert bleibt vor allem die Abnahme des Imports hochwertiger Produkte. So ist z. B. die Einfuhr von Molkereiprodukten( Butter und Käse) von 59 000 Tonnen in der Zeitspanne von Januar bis Mai 1931 auf 48 000 in der gleichen Zeit dieses Jahres zurüdgegangen; bei Import von Gartenbauerzeugnissen, also von Obst und Gemüse, ist eine Abnahme von 303 000 Tonnen auf 244 000 Tonnen zu verzeich nen. An der Senkung gerade dieser Einfuhrposten kann die deutsche Verbraucherschaft mitarbeiten. wenn fie fich von jeder einseitigen Bevorzugung ausländischer Produkte fernhält und daran denkt:
Deutsche, lauft deutsche Waren.
Zuchthausanträge im Norkus- Prozeß.
Im Prozeß um die Ermordung des Hitler- Jungen Norkus in Berlin beantragte der Staatsanwalt gegen den StennesMann Kuhlmann und den Kommunisten Post je sechs Jahre Zuchthaus und fünf Jahre Ehrverlust, gegen den Kommunisten Seeburg vier Jahre sechs Monate Zuchthaus und fünf Jahre Ehrverlust, gegen den Führer der Moabiter Kommunisten Stolt drei Jahre Zuchthaus und drei Jahre Ehrverlust, gegen drei weitere Stennes- Leute je drei Jahre Zuchthaus und fünf Jahre Ehrverlust, gegen die drei restlichen Angeklagten, einen Kommunisten und zwei Stennes- Leute Gefängnisstrafen von zwei Jahren und einem Jahr sechs Monaten.
Das Urteil im Wormser Kommunistenprozeß. Mainz. Nach 5- tägiger Sihung des Schwurgerichts der Provinz Rheinhessen gegen 7 Wormser Kommunisten wegen Totschlags und schweren Landfriedensbruches wurde am Dienstag das Urteil gefällt. Der Arbeiter Ludwig Rebholz erhielt 10 Jahre Zuchthaus, der Arbeiter Karl Biegi 3 Jahre Zuchthaus, der Arbeiter Jakob Kaiser 2 Jahre Zuchthaus und der Arbeiter Albert Ludwig Dehoff 1 Jahr Gefängnis. Den zu Zuchthaus Verurteilten wurden die Ehrenrechte auf 5 Jahre aberkannt.


