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Gießener Zeitung
Erscheint Samstags
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( Gießener Tageblatt)
Bezugspreis 1,50 RM vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rüdsendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert
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Politische Rundschau.
Reichspräsident v. Hindenburg empfing eine Abordnung des Gesamtverbandes der christlichen Gewerkschaften DeutschTands, welche dem Reichspräsidenten über die Notlage in der deutschen Arbeiterschaft berichtete und Maßnahmen zur Linderung der aufgetretenen Notstände vorschlug.
Reichskanzler v. Schleicher hatte am Donnerstag eine Be sprechung mit dem preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun, die sich, im wesentlichen um die Haltung der preußischen Regierung bei den kommenden Reichsratsverhandlungen drehte.
Der neugewählte Reichstag hat am Mittwoch zum ersten Male Gelegenheit gehabt, so etwas wie praktische Arbeit zu leisten. Ein Vergleich mit ruhigen Zeiten einer weit hinter uns liegenden Vergangenheit läßt sich natürlich nicht anstellen. Immerhin darf doch ein Versuch, etwas Positives zustande zu brin gen, verbucht werden. Ganz glatt ließ sich allerdings die Tagesordnung nicht abwickeln.
Die Reichstagstagung hat mit dem Beschluß, dem Präsidenten den Zeitpunkt für den Wiederzusammentritt zu überlassen, den Verlauf genommen, den die Reichsregierung gewünscht hat Man nimmt an, daß der Reichstag jetzt furz nach dem 15. Januar wieder zusammenkommt.
Der Rechtsausschuß des Reichstages nahm Freitag vormittag den Amnestie- Entwurf mit 21 gegen 4 Stimmen in der Schlußabstimmung an.
Die Deutsch- völkische Freiheitsbewegung veranstaltete im Rahmen ihrer Zehnjahresfeier im Großen Saal des Berliner Tiergartenhauses eine Kundgebung, in deren Vordergrund die Verkündung des Uebertritts einer Anzahl früherer nationalsozialistischer Amtswalter zur Deutschvöltischen Freiheitsbewe gung stand. Im Rahmen der Uebergetretenen hielt Joachim Ostrau- Gronau eine scharfe Kampfrede gegen die NSDAP, de= ren Politif ihre Anhänger enttäuscht habe.
Die Politische Polizei in Breslau hat eine kommunistische Geheimdruckerei ausgehoben. Diese Druckerei hatte sich seif längerer Zeit mit der Herstellung illegaler Schriften hochverräterischen Inhalts befaßt.
Drud und Verlag von Albin Klein in Gießen Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21.
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Samstag, den 10. Dezember 1932
Die mexikanische Regierung hat an die Vereinigten Staaten eine Note gerichtet, in der dagegen protestiert wird, daß ameritanische Militärflugzeuge die mexikanische Stadt Tia Juana überflogen und dort mehrere Häuser mit Bomben belegt haben.
Die portugiesische Regierung hat einem britischen Konsor tium Aufträge für den Bau von zwei Zerstörern und zwei Unterseebooten erteilt. Die gleiche Firma hat bereits für Portugal zwei Kreuzer gebaut, die dieser Tage übernommen wer den sollen.
Kreuzer„ Karlsruhe" ist jetzt, von New York tommend, nach einjähriger Weltreise in seinen Heimathafen Kiel zurückgekehrt. In der ganzen Welt ist die Besagung aufs freundlichste empfangen worden.
Der Kreuzer ,, Köln" trat am Donnerstagvormittag die Ausreise zu seiner einjährigen Fahrt um die Welt an.
Wie die Reichsanstalt mitteilt, belief sich die Zahl der Arbeitslosen, die am 30. November bei den Arbeitsämtern gemeldet waren, auf rund 5 358 000. Die Zunahme gegenüber Mitte des Monats betrug rund 92 000.
Eine Erklärung der Regierung
über die Winterhilfe.
Berlin. Der Reichstag hat gestern sowohl das Gesetz über die Stellvertretung des Reichspräsidenten als auch die Amnestievorlage in einer von den sozialistischen Parteien stark veränderten Form angenommen. Außerdem hat er beschlossen, den sozialpolitischen Teil der großen Notverordnung vom 4. September außer Kraft zu setzen. Vor der Vertagung, die auf
( Neueste Nachrichten)
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unbestimmte Zeit erfolgt ist, erklärte Staatssekretär Pland für die Reichsregierung folgendes:„ Die Reichsregierung ist entschlossen, Maßnahmen für eine besondere Winterhilfe zu treffen, soweit es die finanzielle Lage zuläßt. Sie wird sich bemühen, im Ausschuß zu einer Verständigung mit den Parteien über das Ausmaß der Aktion zu gelangen." Die Arbeiten der Ausschüsse beginnen bereits heute.
Straßer und Feder beurlaubt.
Innerhalb der Führung der Nationalsozialistischen Partei sind seit einiger Zeit lebhafte Auseinandersetzungen über den Kurs der Partei und die Zweckmäßigkeit der seither betriebenen Politik im Gange, die am Donnerstagabend dazu führten, daß Gregor Straßer nach einer parteioffiziösen Verlautbarung für drei Wochen beurlaubt wurde. Am Freitagvormittag hat auch der nationalsozialistische Abgeordnete Feder einen längeren Urlaub angetreten.
Zahlen, die reden.
Deutschland gibt für die evangelische Missionsarbeit täglich 20 000 RM., für französische Riechwasser 325 000 RM., für ' die evangelische Mission jährlich 7 Millionen, für LippenStifte aus dem Ausland 11 Millionen. Rußland wendet für die ' Propaganda der Gottlosigkeit viermal soviel auf wie alle evangelischen Missionen für ihre Arbeit zusammen. Angesichts solcher Zahlen kann man der Missionsarbeit ihre große Berechti= gung nicht absprechen, zumal von den aufgewendeten Mitteln etwa zwei Drittel im eigenen Lande bleiben und der eigenen Wirtschaft zugutekommen.
Arbeitsbeschaffung.
Hausbesitz und Handwerk fordern Bereitstellung neuer Mittel. Obwohl erst zwei Monate seit dem Erlaß der Vorschrift ten über die Gewährung von Reichszuschüssen aus dem 50- Milli onen- Fonds für die Wiederinstandsegung des Hausbesiges verflossen sind, kann heute schon die Tatsache festgestellt werden, daß sich
die gehegten Erwartungen sowohl hinsichtlich der FörDas gegen den Leiter der landwirtschaftlichen Abteilung derung der Arbeitsbeschaffung als auch im Interesse der
der NSDAP in Baden, Dipl.- Landwirt Walter Blesch, anhängige Hochverratsverfahren wurde auf Antrag der Staatsanwaltschaft aus tatsächlichen Gründen eingestellt.
Der Schweizerische Nationalrat hat mit 85 von 126 abge
gebenen Stimmen Nationalrat Dollfus( katholisch- konservativ) zum Präsidenten und Nationalrat Huber( Soz.) zum Bizeprä
fidenten mit 99 von 155 abgegebenen Stimmen gewählt.
Eine zweite belgische Kriegsschuldnote ist an die Vereinig ten Staaten abgegangen.
Der Aeltestenrat der französischen Kammer hat beschlossen, daß in einer außerordentlichen Kammerfizung am Montag die Schuldenfrage erörtert werden soll.
Zwei Punkte der soeben veröffentlichten amerikanischen Antwortnote an England find wesentlich: 1. Die am 15. De zember fällige Zahlung muß geleistet werden. 2. Die Regie: rung der Vereinigten Staaten ist bereit, gemeinsam mit der britischen Regierung über den gesamten Fragenkomplex der Weltwirtschaftskrise zu verhandeln und läßt die Möglichkeit offen, daß eine Kompensation gefunden werden kann.
Mit lebhafter Entrüstung wird von der italienischen Presse die Richtigkeit der Belgrader Meldung bestritten, die von einer geplanten Zusammenkunft der Generalstäbe Jtaliens, Ungarns, Albaniens und Bulgariens in Budapest spricht. Es wird mit aller Deutlichkeit betont, daß die Politik Italiens gegen die Bildung von Militärbündnissen sei, die eine ständige Bedrohung des europäischen Friedens bilden und eine zweideutige Rolle bei allen Abrüstungsverhandlungen spielen.
Der italienische Rechtssachverständige Pilotti ist zum Untergeneralsekretär des Völkerbundes ernannt worden.
Wie aus Erklärungen demokratischer Parteiführer Ame= ritas hervorgeht, beabsichtigt Roosevelt, als eine der ersten feiner Amtshandlungen, Verhandlungen mit Rußland in die Wege zu leiten, deren Ziel die offizielle Anerkennung Sowjetrußlands durch Amerika und der Abschluß eines russischamerikanischen Handelsvertrages sein soll.
Die Sowjetregierung hat eine Verordnung über die Neuregelung der Lebensmittelversorgung veröffentlicht, die die persönliche Verantwortung in dieser wichtigen Frage wieder herstellt und die das Eingeständnis eines Mißerfolges der bis: herigen russischen Ernährungspolitik darstellt.
Nach einer Reutermeldung aus Tsitsikar haben die Sowjetbehörden den vor einigen Tagen auf sowjetrussisches Gebiet geflüchteten und internierten chinesischen General Supingwen zufammen mit 40 chinesischen Soldaten den japanischen Militärbehörden in Mandschuria ausgeliefert.
Chinesische Freischärler haben die russische Grenze übershritten. Etwa 3000 Freischärler mit ihren Offizieren wurden vom russischen Grenzschutz entwaffnet und interniert
Die japanische Armee, die den Kampf gegen General Supingwen führt, hat die Stadt Mandschuria in der Nähe der Sowjetrussischen Grenze besetzt.
Am Montag trat der amerikanische Kongreß zu seiner drei Monate dauernden letzten Tagung zusammen.
Wohnungswirtschaft restlos erfüllt
haben. Es kann heute schon mit Genugtuung registriert werden, daß der deutsche Hausbesitz dem Aufruf des Zentralverbandes beitsvergebung zur Linderung der Wirtschaftsnot und Arbeits und der angeschlossenen Hausbesizerorganisationen, durch Arlosigkeit beizutragen, weitestgehend Folge geleistet hat. Obwohl es immerhin einige Wochen dauerte, ehe die Aufklärungen des Zentralverbandes bis in alle örtlichen Hausbesigervereine durchgedrungen waren und bis seitens der Länder und Gemeinden die erforderlichen Durchführungsvorschriften erlassen und die Durch führungsstellen organisiert waren, sind die
50 Millionen RM. Reichszuschüsse heute schon restlos aufgebraucht.
Das bedeutet, daß innerhalb weniger Wochen für rund eine Viertelmilliarde RM. Aufträge an das Handwerk und Gewerbe vergeben werden konnten, was zweifellos wesentlich dazu beigetragen hat, die Bestrebungen der Reichsregierung zur Behebung der Wirtschaftsnot erfolgreich zu unterstützen.
Durch die zahlreichen Wohnungsaufteilungen wird der Wohnungsmarkt eine fühlbare Entlastung erfahren, was sich insbesondere bei dem Bedarf an mittleren Wohnungen sehr vorteilhaft auswirkt. Während die leerstehenden Räume Miet
verluste und Steuerausfälle brachten, schaffen die durch diese Aktion neuerstellten und vermieteten Wohnungen hier Abhilfe und den notwendigen Ausgleich. Besonders wichtig ist hierbei, daß sich diese durch Teilung von Großwohnungen und durch Umwandlung von gewerblichen Räumen in Wohnräume geschaffenen neuen Wohnungen auf alle Städte im Reiche und hier wieder auf die besten Wohnbezirke verteilen. Bei der Bereitstellung neuer Mittel muß daher ein viel größerer Betrag für diesen Zweck bereitgestellt werden.
Die günstige Auswirkung dieser Arbeitsvergebung durch den städtischen Hausbesig auf das Handwerk und Gewerbe wird von allen deutschen Handwerkskammern übereinstimmend bestätigt.
Die Bedeutung der Einschaltung des städtischen Hausbesitzes in den Wirtschaftsprozeß ist durch die bisherigen Ergebnisse klar erwiesen. Die Erfahrung von nur zwei Monaten hat gezeigt, daß beim deutschen Hausbesitz ein nahezu unerschöpfliches Arbeitsgebiet brachliegt, das bisher nicht aus bösem Willen, sondern ausschließlich wegen der steuerlichen Ueberbelastung des Hausbesizes nicht erschlossen werden konnte.
Trotz der mißlichen Verhältnisse im Hausbesit bedurfte es nur einer verhältnismäßig kleinen Beihilfe in Form der Reichszuschüsse, um eine über das ganze Reichsgebiet sich erstreckende Belebung der Handwerkswirtschaft zu erreichen. Der ohne weiteres ins Auge springende Vorteil dieser Art von Arbeitsbeschaffung ist, daß nicht einzelne wenige Betriebe oder bestimmte Branchen, sondern daß in allen Städten eine Vielzahl von Handwerksmeistern und Gewerbetreibenden der verschieden sten Art und wegen des mannigfachen Materialbedarfs auch die verschiedensten Industrie- und Handelszweige eine Belebung erfahren. Die Bedeutung der Erschließung des deutschen Haus
| besizes als Arbeitsgebiet liegt darin, daß Hunderttausende von Einzelaufträgen im Betrage von 250 RM. bis zu 10 000 RM. und darüber vergeben werden können und daß gerade der in den letzten Jahren schwer mitgenommene handwerkliche Mittelstand Beschäftigung findet, der bei Durchführung der großen Wohnungsbauprogramme, die zumeist im Generalakkord vergeben wurden, kaum Berücksichtigung fand.
Die dauernde Einschaltung des deutschen Hausbesißes als Arbeitgeber für das Handwerk gewinnt noch aus einem anderen Gesichtspunkt erhöhte Bedeutung. Durch das völlige Daniederliegen des Realkreditmarktes und die Unmöglichkeit der Beschaffung von Hypotheken im Zusammenhang mit dem Verſiegen der öffentlichen Mittel zum Zwecke der Neubaufinan zierung kann im gegenwärtigen Zeitpunkt und in der nächsten Zeit an eine nennenswerte Neubautätigkeit nicht gedacht werden, um so weniger, als durch die forcierte Neubautätigkeit der letzten Jahre an und für sich eine Uebersättigung des Wohnungsmarktes zu verzeichnen ist. Unter der Einwirkung der schlechten Wirtschaftslage vollzieht sich in der gegenwärtigen Zeit außerdem in steigendem Maße eine Zusammenlegung von Haushalten, wodurch zahlreiche Wohnungen frei werden. Aus diesen Gründen wird sich die Neubautätigkeit in den nächsten Jahren in sehr bescheidenen Grenzen halten. Unter diesen Umständen gewinnt die Arbeitsvergebung durch den bestehenden Hausbesitz für das Bau- Haupt- und Nebengewerbe in den nächsten Jahren eine ausschlaggebende Bedeutung. Die durch den Stillstand der Neubautätigkeit geschaffene Lücke auf dem Arbeitsmarkt des Baugewerbes kann durch die Aufträge der öffentlichen Hand nicht entfernt ausgefüllt werden.
Die einzige Ersagmöglichkeit für die brachliegende Neubautätigkeit liegt bei dem bestehenden Hausbesig, der durch Instandsegungsarbeiten, Modernisierung von Wohnungen, Umbau von Geschäftsräumen zu Wohnzwecken und oie Aufteilung von Großwohnungen nicht allein den Mangel an Arbeit im Handwerk zu decken, sondern auch den künftigen Bedarf an Wohnungen zu befriedigen in der Lage ist.
Von diesen Gesichtspunkten aus betrachtet war der auf die Verwirklichung dieser Bestrebungen abzielende Teil des Wirtschaftsprogramms der Reichsregierung von Papen der bedeutsamste und nachdem die gehegten Erwartungen als restlos erfüllt anzusehen sind auch der erfolgreichste. Die größte Unzulänglichkeit, die diesem Teil des Wirtschaftsprogramms der Reichsregierung anhaftete, war, daß nur ein Betrag von 50 Millionen RM. für diese Zwecke vorgesehen wurde. Es wäre deshalb geradezu verhängnisvoll, wenn diese mit so großem Erfolg begonnene Aktion der Reichsregierung aufgegeben oder auch nur zeitweise unterbrochen werden würde.
Diese Gefahr wird aber mit Rücksicht auf die Erschöpfung des 50- Millionen- Fonds ernst heraufbeschworen, weil ohne eine finanzielle Beihilfe zu den Aufwendungen für Instandsetzung und Wohnungsteilung mit Sicherheit zu gewärtigen ist, daß die Auftragsvergebung durch den Hausbesitz wieder auf das frühere Maß zurückgeht.
Der Zentralverband Deutscher Haus- und Grundbesitzer vereine e. V. hat deshalb in Ilebereinstimmung und mit Unterstüßung des Reichsverbandes des deutschen Handwerks bei der Reichsregierung beantragt:
zum Zwede der Durchführung eines einheitlichen und in sich abgeschlossenen Arbeitsbeschaffungsprogramms


