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Gießener Zeitung

( Gießener Tageblatt)

Erscheint Mittwochs und Samstags. Bezugspreis 2,40 M vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rüd­fendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.

45 Jahrg.

Politische Rundschau.

Wie wir erfahren, soll heute eine neue Verordnung des Breiskommissars veröffentlicht werden, in der die Ausdehnung der Preisauszeichnungspflicht auf alle lebenswichtigen Waren bestimmt wird.

Der amerikanische Staatssekretär des Auswärtigen erklärte, dadurch, daß Deutschland und seine Kriegsverbündeten entwaff net aber von anderen Völkern umgeben seien, die nicht abgerüstet hätten, sei in der ganzen Welt Unsicherheit entstanden. Ener­gische Schritte seien nötig, um den ursprünglichen Plan der Weltabrüstung durchzusehen.

In französischen Kreisen rechnet man mit dem Beginn der Lausanner Konferenz am 20. Januar.

Der frühere Reichsarbeitsminister Dr. Brauns ist zum Vorsitzenden des Reichsausschusses für Aerzte und Krankenkassen

ernannt worden.

Wie die Reichsanstalt für Arbeitslosenversicherung und Ar­beitsvermittlung mitteilt, betrug die Zahl der Arbeitslosen am 31. Dezember 1931 rund 5 666 000. Das ist eine Zunahme von 316 000 gegenüber dem 15. Dezember.

Nachdem der Danziger Volkstag den Antrag auf Auflösung des Volkstages abgelehnt hat, wird dieser Antrag nunmehr zum Bolfsentscheid gestellt. Die Abstimmung über den Volksent­scheid wird am Sonntag, den 24. Januar, stattfinden.

Der Anhaltische Landtag nahm mit 19 gegen 17 Stimmen einen Mißtrauensantrag der Deutschnationalen gegen die Re­gierung an.

Ueber den Staat Honduras wurde der Belagerungszustand verhängt. Die Ursache sind revolutionäre Unruhen, die in den Bananen- Platagen wegen der erfolgten zahlreichen Entlassun gen von Arbeitern ausgebrochen sind.

Der Finanzausschuß des Repräsentantenhauses hat eine Si­gung abgehalten, in der der Unterstaatssekretär im amerikani­schen Schazamt Ogden Mills, die Einberufung einer Weltwirt­schafts- Konferenz vorschlug.

Auf den Kaiser von Japan wurde ein erfolgloser Mord­anschlag verübt. Als der Kaiser gegen Mittag von einer Mi­litärparade zurüdlehrte, schleuderte ein jüngerer Mann eine Bombe gegen den Wagen des Monarchen. Die Bombe tam aber nicht zur Explosion. Der Täter wurde ergriffen.

Die japanische Regierung hat der amerikanischen Regierung mitgeteilt, daß sie nicht die Absicht habe, über die Große Mauer hinaus das eigentliche chinesische Gebiet zu besetzen.

Prinz Yu- Yi, der letzte chinesische Kaiser, soll nach einer aus Tokio übermittelten Aeußerung zum Herrscher der Man­dschurei gekrönt werden.

Nachdem die Stadt Dortmund als erste deutsche Großstadt die Zahlungen der Tilgung und Zinsbeträge auf ihre Dar­lehensschulden ab 1. Januar nicht mehr zahlen tonnte, ist nun­merh auch die Stadt Dresden nicht in der Lage, die Januar­zinsen auf die kurzfristigen Inlandsschulden bereitzustellen.

Preisroman.

Man beachte die letzte Seite!

Rolli, der Stürmer.

Roman von Falk Heldburg.

Samstagnachmittag.

Von den Kirchtürmen schlug es zwei Uhr.

In der Erbprinzenstraße, die mit ihren stud- und putzüber­ladenen Bauten noch immer von der glücklichen Zeit der Jahr­hundertwende träumt, schlossen die Banken und Geschäftshäuser. Froh, für anderthalb Tage den engen Büroräumen entronnen zu sein, betraten die Angestellten die Straße.

Wandervögel, Jungen und Mädel, zogen singend und mit flatternden Wimpeln vorüber. In das Tuten der Kraftwagen, das Klingeln der Straßenbahnen mischte sich der Klang ju gendfroher Stimmen und das Klimpern buntbebänderter Gi­

tarren.

Emil Schläfte, der Pförtner des Bankhauses Carl Brosang u. Co., stand vor dem Portal und blinzelte in die Märzsonne. ,, Émil!"

Er fuhr herum. Hinter Blumentöpfen und Kakteen des niedrigen Fensters lugte das rote Gesicht seiner Frau.

,, Willst du heute das Tor eigentlich nicht schließen? Es

ist doch schon fünf Minuten nach!"

,, Geht nicht, sind noch alle oben!"

Was heute am Samstag?"

Ja, die Gorenflo verkauft Karten für das Fußballspiel

morgen. Sie läßt feinen ohne Karte raus."

Frau Schläfte sah ihren Mann mißtrauisch an.

Die Gorenflo? Hast du etwa auch' ne Karte?"

Warum sollte ich nicht?"

So! und ich? Ich werde

"

Das weitere vernahm Emil Schläfte nicht mehr. Seine

Frau hatte das Fenster heftig zugeschlagen.

Zornig stieg sie die Stufen empor, die nach den Geschäfts­räumen der Firma Car! Brosang u. Co. führten.

Da saß die Hilde Gorenflo auf dem Schreibtisch, ließ die schlanken Beine Herabbaumeln und schwenkte in der erhobenen Hand zwei Karten.

Salt!" rief sie ,,, hier geblieben!"

Der Kassierer hatte sich unbemerkt fortschleichen wollen. Er wandte sich, wie auf böser Tat ertappt, hastig um. ,, Ich hatte es ganz vergessen," sagte er.

Drud und Verlag von Albin Klein in Gießen Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher Nr. 2525 und 2526. Postschecktonto Nr. 69 530 Amt Frankfurt a. M.

Samstag, den 9. Januar 1931

( Neueste Nachrichten)

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JESSE

Nummer 1

Wird die Amtszeit des Reichspräsidenten fache nicht Kaufbäuser und verkehrsgünstig

verlängert?

Hitler bei Brüning.

Berlin, Auf Veranlassung des Reichswehrministers Groe­ner hat Donnerstagnachmittag eine Besprechung zwischen Reichskanzler Dr. Brüning, Reichsminister Groener und Adolf Hitler stattgefunden, die etwa eineinhalb Stunden dauerte. Hitler hat sich darauf sofort mit den Führern der der ,, Natio­nalen Opposition" angehörenden Organisationen in Verbindung gesetzt, um sie zu unterrichten und um ihre Auffassung zu der Frage einer Verlängerung der Amtszeit des Reichspräsidenten zu erfahren. Voraussichtlich wird heut eine offizielle Zusam= menkunft der Führer der Rechtsopposition stattfinden. Im Anschluß daran wird der Führer der NSDAP, erneut mit dem Reichskanzler zusammenkommen, um ihm die vorgelegte Frage zu beantworten. Diese Besprechung wird am Freitagnachmittag oder am Samstag stattfinden, je nachdem, wie schnell es ge= lingt, eine Klärung innerhalb der Harzburger Front herbei= zuführen.

Die S. P. D. für Hindenburg.

Berlin. Wie wir erfahren, hat Reichskanzler Dr. Brüning die Führer der Sozialdemokratie, die Abgeordneten Wels und Dr. Breitscheid, empfangen. In sozialdemokratischen Kreisen geht die Stimmung dahin, daß man grundsätzlich bereit wäre, eine Verlängerung der Amtszeit mitzumachen, und zwar auch dann, wenn die Nationalsozialisten für sie stimmen würden. Zunächst werden die Sozialdemokraten aber freilich wohl erst einmal zu klären versuchen, ob den Nationalsozialisten für ihre Zustimmung irgendwelche Zugeständnisse gemacht werden, und davon wird schließlich die endgültige Haltung der Sozialdemo= fraten abhängen.

Die wirtschaftliche Lage des deutschen Handwerks im Dezember 1931. Vom Reichsverband des deutschen Handwerks wird uns geschrieben:

Für die Gestaltung der wirtschaftlichen Lage im Monat Dezember sind zwei Momente ausschlaggebend gewesen: die all­gemeine wirtschaftliche Lage und das Weihnachtsfest. Der starke allgemeine wirschaftliche Rückgang, der nirgendwo An­sätze zu einer Besserung erkennen läßt, hat auch die Geschäfts­entwicklung des Handwerks stark in Mitleidenschaft gezogen. Besonders erschwerend wirkte sich noch die Notverordnung für den Absah des Handwerks aus, weil auch die Kundschaft, so weit sie noch kauffähig ist, in Erwartung eines Preisrückganges

zum

Teil in auffälligem Maße mit Aufträgen zurückhielt und auch nur die notwendigsten Bedarfsgegenstände einkaufte. Das Weihnachtsgeschäft wurde für das Handwerk durch diese Ein­stellung erheblich beeinträchtigt. Darüber darf auch die Tat­

Drei Mart, bitte." Das Mädchen lachte. Diesem Lachen fonnte fein Mann widerstehen. Drei Mark, zwei wunder­volle Tribünenplätze, gleich zweite Reihe links.

Seufzend legte der Kassierer ein blankes Dreimarkstud in die ausgestreckte Hand des Mädchens, die er, wie allgemein festgestellt wurde, etwas zu lange festhielt.

Nun, wie wird's denn morgen?" fragte der vom Effekten depot.

,, Welche Frage! Rot- Weiß gewinnt. Das ist bombensicher!"

Hilde Gorenflo sah zum Fenster hinüber, wo Roland Lichti stand..-Roland Lichti, heute nur der fleine Bantbeamte, mor­gen auf dem Sportplay der Held, dem Tausende zujubeln wer­den. Aber er tat so, als ob ihn die Sache nichts anginge.

gelegene Einzelhandelsgeschäfte in den Wochen vor Weihnachten eine zum Teil beachtliche, Steigerung ihrer Umsätze zu verzeich nen hatten. Ileberwiegend beschränkte sich die Nachfrage im Handwerk auf kleinere Gebrauchsgegenstände und geringwertige Artikel. Weder das Schneiderhandwerk, noch die Sattler, Tapezier, Möbeltischler, Buchbinder, Buchdrucker, Elektro­installateur usw. Betriebe sind mit dem Weihnachtsgeschäft zufrieden. Auch die Nahrungsmittelhandwerke hatten zwar eine Steigerung ihrer Umsätze aufzuweisen, ohne daß jedoch der Umfang des Geschäfts früherer Jahre auch nur annähernd erreicht wurde. legten Dem Friseurhandwerk brachten die Tage vor Weihnachten einige Besserung im Bedienungsgeschäft, aber hier hinderten Schwarzarbeiter den an sich möglichen Um­fang der Belebung. Jm Baugewerbe herrschte völlige Ge­schäftsstille. Sowohl die Außen- als auch die Innenarbeiten haben vollständig aufgehört. Da das ganze Baujahr 1931 schlecht war, sind bereits seit längerer Zeit zahlreiche Hand­werksbetriebe gezwungen, von der Substanz zu leben.

Infolge dieser schwierigen Verhältnisse hat die Zahl der Betriebsabmeldungen zugenommen. Wie groß zum Teil be­reits die Not im Handwerk ist, beweist z. B. die Meldung der Handwerkskammer Dortmund, wonach ein großer Teil der selbständigen Handwerker sich in der öffentlichen Wohlfahrts= fürsorge befindet. Das Maß an Aufträgen, das vorliegt, ist trotz starker Preisrückgänge nicht groß genug, einigermaßen laufende Beschäftigung zu gewährleisten. Dazu kommt noch, daß diese wenigen Arbeiten den selbständigen Handwerksmeistern zum großen Teil noch durch Schwarz- und Pfuscharbeiter entzogen werden.

IIIII

eine

Die Arbeitslosigkeit der Handwerksgesellen ist ungewöhn­lich groß. Selbst Lehrlinge können, vor allem im Baugewerbe, nicht mehr beschäftigt und müssen daher für längere Zeit be­urlaubt werden. Wegen der Senkung der Löhne nach den Bestimmungen der letzten Notverordnung sind zwischen den Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen Verhandlungen im Gange. Ueber das Ergebnis dieser Verhandlungen läß sich noch nichts Abschließendes berichten.

Voltstrauertag 1932.

Der Ausschuß für die Festsetzung eines Voltstrauertages hat einstimmig beschlossen, den Volkstrauertag zum Andenken an die im Weltkriege gefallenen Helden auch im kommenden Jahr am Sonntag Reminiscere( 21. Februar 1932) in ähnlicher Weise zu begehen, wie dies in den Vorjahren der Fall gewesen ist. Der Ausschuß setzt sich aus Vertretern der drei Religionsge­meinschaften sowie von großen Körperschaften und Verbänden zusammen. Den Vorsitz führt der Präsident des Volfsbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V. Die Feier selbst soll wie­derum in Gottesdiensten, Läuten der Gloden im ganzen Reiche und Saalfeiern bestehen. Für die Vorbereitung und Durchfüh­rung der Feiern in Berlin hat sich ein engerer Arbeitsausschuß gebildet, der mit der Vorbereitung der Feiern schon begonnen hat.

Hilde schloß einen Augenblick die Augen. Dann sagte sie schnell: Welche Frage! Rot- Weiß gewinnt. Das ist bombensicher!" Na ja," sagte ein Buchhalter etwas boshaft, der Lichti spielt ja auch. Ich habe meinen Obolus entrichtet" und kann also wohl gehen. Hals- und Beinbruch. Lichti. Mahlzeit, Herrschaften!"

Da öffnete sich die Tür des Privatkontors. Der Chef, Herr Ferdinand Brosang, schob die Brille hoch und sah mißbilligend in die Runde.

,, Was ist denn hier los?"

Hilde hielt es nun doch für geraten, von dem Schreibtisch herabzurutschen.

Che sie antworten konnte, ertönte die beruhigende Stimme des Prokuristen Windeder, der hinter dem Chef aufgetaucht

war:

,, Fräulein Gorenflo verkauft Karten für das morgige Fuß­ballspiel!"

Fußball?"

" Jawohl! Die Rot- Weißen spielen gegen Fortuna." ,, Und", rief Hilde Gorenflo aus, unser Herr Lichti spielt doch mit!'"

Roland Lichti wandte sich um. Er wurde ganz rot, als ihn der Chef anjah.

,, Sie spielen öffentlich Fußball?" sagte er langjam. Schön! Aber ich darf wohl hoffen, daß Ihr Interesse für den Beruf darunter niemals zu furz kommen wird. Im übrigen bitte ich sehr um Verzeihung, wenn ich geglaubt hatte, hier würde noch gearbeitet."

Er ging in sein Zimmer zurüd.

,, Die Bilanz ist ganz anständig", sagte Hilde Gorenflo be­friedigt ,,, zweiundzwanzig Angestellte, vom Proturisten bis zum Kassenboten, haben zusammen siebenundvierzig Karten gekauft. Fein, was?

Roland Lichti lächelte.

Ja, ganz famos! Sie scheinen sich mächtig für Rot- Weiß zu interessieren?"

Für Rot- Weiß?" fragte sie gedehnt. Wie kommen Sie darauf?"

,, Nun, warum verkaufen Sie denn sonst Karten für das morgige Spiel?"

Sie machte ein verlegenes Gesicht.

,, Ja, sehr richtig, ich interessiere mich für für Rot- Weiß!" ,, Das freut mich. Auf Wiedersehen, Hildekind, vergnügten Sonntag!"

Er ging.

Sie sah ihm nach. Sie verzog den Mund wie ein Kind, das beim Spielen nicht die erste sein darf.