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Nr. 99

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Samstag, den 21. November 1931.

Lokales. Totenjonntag.

Der Tag der Toten ist gekommen. Der Toten! Als ob man ihre Körper zurüdrufen fönnte aus dem Verließe, wohin man sie gebettet! Und doch ist diese Feier eine sehr schöne, jinnige.

Wir sollen uns an diesem ernsten Tage abwenden von dem Jagen und Treiben der Lebenden und in der vollen Hingabe unseres Herzens derer gedenken, die uns lieb waren und uns Dorangegangen sind. Wir sollen diese Teueren zu Gaste laden in unserem Herzen und sie mit aller Liebe bewirten, deren unser Gemüt fähig ist. Brüden goldner Erinnerung sollen wir zu ihnen schlagen und ihnen durch diese Verbindung sozusagen die Hand reichen. Alles Gute, das sie uns getan, soll uns an die­sem ernsten Tage zum klaren Bewußtsein kommen. Bei dieser

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und was wir an ihnen verloren haben. Vielleicht haben wir fie auch gekränkt; tilgt aber nicht alle Schuld die Liebe? Viel­leicht tränkten sie auch uns einmal in überraschen Gefühlen; wollen wir ihnen nachtragen, daß sie irrten? Liebe, nur ver­söhnende Liebe, gibt Schwingen. Und so binden wir unseren Toten an diesem Tage einen Erinnerungsstrauß herzlichen Ge­denkens, der sie, wenn sie es wahrnehmen könnten, noch mehr erfreuen würde, als die Blumenspende, mit der wir ihr Grab schmüden. Aber auch zur Einkehr für uns selbst mahnt der Tag der Toten. Wieviel Jdealen jagten wir nach! Und ach wie viele Seifenblasen, die uns in allen Farben vorschiller­ten, zerplatten, sobald wir die Hände nach ihnen ausstreckten! Jst das Leben nicht selbst eine solche Blase, in der schillernd alle möglichen Farben durcheinander laufen, bis verdächtige dunkle Flecken auftauchen und die ganze bunte Herrlichkeik in die Brüche geht? Denken wir, daß wir mit jedem Morgen um einen Lebenstag ärmer werden und auch unsere Seele einst zum Totenfeste geladen werden wird. Je mehr Liebe wir aus­teilen und je mehr Freuden wir verschenken, um so herzlicher P. Laub. wird man uns ein bei diesem Feste aufnehmen.

Am morgigen Totensonntage wandern, wie alljährlich um diese Zeit, die Hinterbliebenen aller im Laufe der letzten Jahre Dahingeschiedenen schon in der Frühe hinaus nach dem Fried­hof, um an den Gräbern ihrer Lieben Blumenspenden als Toten­opfer darzubringen. Viele suchen auch besonders an diesem ernsten Tage, dem letzten Sonntage des Kirchenjahres, die Got­teshäuser auf, um in gemeinschaftlicher Erbauung und in den Worten des Predigers tröstende Linderung für die durch den Gang zum Grabe neu aufgerissene Herzenswunde zu suchen. Manche trostlose Gattin hat an der Bahre des treuen Für­sorgers, manche Waise am Sarge des zu früh entrissenen Er­nährers geweint, sei es nun, daß schwere Krankheit ihn dahin gerafft oder daß der Todesengel unvorhergesehen seine Stirn mit dem Eisestuß berührt hat. Auch manches junge hoffnungs­volle Leben ist im Laufe dieses Jahres abgefordert worden. Unendlich grausam und unauslöschlich würde der Schmerz um die uns Entrissenen sein, wenn nicht die dahinrollende Zeit den Schmerz in stilles, wehmutvolles Gedenken verwandelte.

Wer die Gräber seiner lieben Toten billig und doch schön schmüden will, der halte zu den winterharten und in jedem Jahre aufs neue wiederkehrenden Pflanzen: Zwiebelblumen, Farnen, Veilchen, Primel, Clematis, Schwertlilie usw. Teuer fönnen bei ungeeigneter Dertlichkeit, schlechtem Boden und un­Viele genügender Pflege Rosenbäumchen zu stehen kommen. Leute sind gegen allen Gräberschmud. Besser ist es jedenfalls noch, die Lebenden statt die Toten erfreuen zu wollen. Frei­Der gemütvolle Dichter lich, manche tun feins von beidem! Julius Lohmeyer hat übrigens einmal einen schönen Spruch

geprägt:

DER

*

,, Gießener Zeitung"

Den Toten findest du mit Blumen ab; O hättest sein im Leben du geachtet! Dem lege leinen Blütenkranz aufs Grab, Dem du im Leben keine Blüte brachtest.

Von der Universität. Prof. Dr. Kraemer, der Direk­tor des Tierzuchtinstituts der Universität, Oberer Hardthof, hat eine Einladung zum 6. Internationalen Vererbungskongres 1932 in Jihaka( Staat Newyork) erhalten. Prof. Dr. Kraemer soll auf diesem Kongreß einen Vortrag halten. Bereits vor zwei Jahren hat die amerikanische Gesellschaft für Vererbungs­wissenschaft Prof. Dr. Kraemer zu ihrem Mitglied gewählt.

* Evangelisch- kirchliche Nachrichten. Durch die Kirchen­regierung wurde dem Pfarrer Gustav Sattler zu Mainz die evangelische Krankenhauspfarrstelle zu Mainz, Dekanat Mainz, übertragen.

* Bürgermeisterversammlung des Kreises Gießen. Am Mittwoch, den 25. November 1931, vormittags Uhr, findet, wie im vergangenen Jahre, eine staatsbürgerliche Bildungs­tagung in Gießen im Saale des Café Leib mit folgendem Tagungsplan statt: 9.30 bis 10.45 Uhr: Syndikus H. Ehlers­Frankfurt a. M.:,,Die Not der Landwirtschaft, eine Schick­salsfrage des deutschen Volkes". Aussprache.- 10.45 bis 12.15 Uhr: Privatdozent Dr. F. Neumark- Frankfurt a. M.: Still­halteverlängerung und Reparationsreform". Aussprache. 12.30 bis 14 Uhr: Prof. Dr. L. Bergsträsser- Frankfurt a. M.: ,, Frankreich und seine politischen Probleme". Aussprache.

* Wandergewerbescheine und Legitimationstarten für 1932. Wandergewerbescheine und Legitimationskarten gelten jeweils nur bis 31. Dezember. Zu Beginn des neuen Jahres häufen sich meistens auch die Anträge derart, daß sich die Ausfertigung der neuen Ausweise verzögert. Es erscheint daher unerläßlich, schon jetzt die Anträge auf Neuerteilung der Scheine zu stellen. Nur bei rechtzeitiger Antragstellung fann Gewähr dafür übernommen werden, daß die Scheine bei Gebrauch zur Verfügung stehen.

* Aus dem Stadttheater. Als 1. Vorstellung des Kammer­spielzyklus des Stadttheaters wird das Schauspiel von Bernhard Shaw ,, Der Mann des Schicksals" am Sonntag, den 29. Nov., vormittags 11.15 Uhr, bei ermäßigten Preisen, aufgeführt.

* Uraufführung im Stadttheater. Im Stadttheater gelangte die Komödie ,, Liebe und Film" von Francis de Croisset, deutsch von Otto Eisenschiz, zur Uraufführung. Das Stück, von psychologischer Motivierung weit entfernt, gipfelt in französischen Causerien und seiner Unterhaltungskunst. Unter der ausgezeich­neten Regie des Intendanten Dr. Prasch erzielte die Auf­führung einen starken Erfolg. Vom Ensemble wurde einwand­frei gesprochen und gespielt.

* Symphonie- Konzert. Jm Stadttheater veranstaltet am Donnerstag, den 26. November, abends 8 Uhr, der Konzertverein ein Symphonie- Konzert, das unter Leitung von Dr. Temesvary steht.

* Goethebund. Jm 1. Dichterabend, am Montag, den 23. November, abends 8 Uhr, in der Neuen Aula liest Jna Sei­del aus eigenen Werken.

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* Türe zu! Wie oft liest man diese Aufforderung und oft sieht man in bitterster Winterkälte angelweit offenstehende Haustüren! Wenn manche Familie wüßte, wieviel Feuerung ein Zimmer mehr braucht, wenn die Türen nicht zugehalten werden -: er würde in seinem eigenen Interesse dringend darauf halten, daß die Haustüre hübsch geschlossen bleibt; es weht ohnehin noch genug Zugluft aus Fugen, Rizen und Schlüsselloch der Haustür! Kindern ist in erster Linie anzugewöhnen, eine geöffnete Haus­tür auch gleich wieder zu schließen.

* Der Galgenhumor dieser Zeit beschäftigt sich besonders eifrig mit allem, was Geschäft und Verdienen anbetrifft. ,, Nun, was machen Sie denn?" fragte A. den B. ,, Was soll ich schon machen", meint B., ,, Das beste Verfahren, ,,- Konkurs!" wenn alles verfahren ist, ist das Vergleichsverfahren", philoso­phiert C. Und D. sagt, wenn er gefragt wird, wie es ihm gehe:

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Ein Sechszylindermodell von 1,7 Liter Zylinderinhalt mit achsloser Vorderradaufhängung, Schwingachse mit Spiralfederung, Spar- und Schongetriebe( Schnellgang), Einzelradlenkung, Oldruckbremsen, Zentralschmierung, Tiefrahmen. Ein Wagen, der in Wirtschaftlichkeit, Fahr­sicherheit und Fahrkomfort auf dem Gebiet des leichten Gebrauchswagens alles Bisherige in den Schatten stellt, dessen Qualität durch den Namen MERCEDES- BENZ garantiert ist. Eine Konstruktion, die neue Wege geht, aber mit alter Gründlichkeit in hunderttausenden Kilometern auf allen Straßen Europas erprobt wurde.

DAIMLER BENZ A.-G.

Nr. 93.

,, Danke, mir gehts auch schlecht!" E. ist Schuhhändler. Ach", seufzt er ,,, in meinem Laden steht Absatz an Absatz ohne Absatz!" F. brummt mit Recht: ,, Mancher lebt mit Pomp auf Pump." G. raisonniert: Mancher wirft die Flinte ins Korn( meldet Konkurs an) und schießt dabei den Vogel ab." Von H. heißt es, daß er nun auf dem Trocknen size, obwohl ihm das Wasser bis an den Hals steht. Ob er sich da noch lange über Wasser halten tann? Nur bei J. wachsen die Kunden; denn- er verkauft Kinderkleider!

Die Milchzentrale der Molkerei Gebr. Grieb ein Musterbetrieb Deutschlands.

Im Innern unserer Stadt, auf dem Terrain der ehemals Gail'schen Besitzung, hat es Luft gegeben. Mehrere alte Gebäude sind abgerissen, von der Neustadt führt eine neue breite Durch gangsstraße nach der Kirchstraße, Am Pfarrgarten" genannt. Dort in dieser neuen Straße haben die Gebrüder Grieb neben ihrem bisherigen schon sowieso großen Molkereibetrieb in der früheren Gail'schen Zigarrenfabrik ein schönes großes Molkerei Gebäude errichten lassen, daß am vergangenen Donnerstag, den 19. November, vormittags in Anwesenheit zahlreicher Fachleute und Führer der Volksernährung und vieler geladenen Haus­frauenvereinsvorsitzenden eingeweiht wurde. Wie ein Schmud kästchen hebt sich das Gebäude von seiner Umgebung ab. Das Solide in seinem Aeußeren wirft noch vorteilhafter, wenn man den großen hellen Parterre- Betriebsraum mit seiner ganzen praktischen Einteilung am Rampeneingang überschaut und die für einen solchen Betrieb notwendige Räumlichkeit bei hellstem Licht im höchsten Maße vorfindet. Wie ein Uhrwerk greift alles ineinander und der genaue Beobachter sieht sofort, daß hier die drei Gebrüder Grieb für ihre jahrelangen Erfahrungen aus ihrem Betrieb und für ihre Wünsche bei Errichtung ihres neuen Betriebsgebäudes von berufenen Wissenschaftlern, von tüchtigen Baumeistern und Technikern größte Unterstützung bekommen haben. In seiten einheitlicher Zusammenarbeit aller Mitarbeiter an diesem Bau und dessen Einrichtung ist dieser modernste Be­trieb vollendet worden, so daß auch die Bevölkerung von Gießen und Umgebung daran ihre Freude haben muß mit dem Bewußt­sein, die Milch und die davon verarbeiteten Produkte in hygie= nisch einwandfreiester Art von der Molkerei Gebr. Grieb ge­liefert zu bekommen.

Aus Nah und Fern.

Rödgen. Die Amtszeit unseres Bürgermeisters Wagner läuft diesen Monat ab. Am Sonntag, den 29. November, findet Neu­wahl statt. Vier Kandidaten sind aufgestellt worden: Bürger­meister Wagner, Ernst Becker, Ferdinand Schmidt und Philipp Beder.

Butzbach. Der Spaziergang eines Seehundes brachte am Dienstag die städtische Polizei in große Aufregung. Um 4 Uhr war ein Seehund aus dem Käfig einer Schaubude Katharinen­markt ausgebrochen; er unternahm einen Spaziergang und war gerade auf dem Wege zum Gasthaus Eule", um anscheinend einen ersten Frühschoppen zu nehmen. Der erste Schutzmann stob entsetzt davon und holte Hilfe. Mit Licht und Wasser versuchte man vergebens, den Ausreißer zur Rückkehr zu bewegen. Schließ lich griffen die Männer der Ordnung das Tier derber mit einem groben Stod an. Es wich der Gewalt und kehrte um, aber das Einsperren in den Käfig machte doch noch manche Schwierigkeiten. Bad Nauheim. Wie die Kurverwaltung mitteilt, betrug bis zum 19. November 1931 der Gesamtbesuch 30 763 Gäste. Da­runter waren 5309 Ausländer. Anwesend waren am 19. No­vember 1931 644 Gäste.

Milch- und Butterkrieg.

Aus Nidda wird geschrieben: Durch das Auftreten der Kon­turrenz einer Molkerei von auswärts hat sich ein bemerkens­werter Preistrieg für Milch, Butter und die übrigen Molkerei­

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