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Nr. 6

Mittwo

Mittwoch, den 21. Januar 1931.

Dazu hat die genannte Zeitung bemerkt, daß ,, in den Ver­einigten Staaten, dem Lande des größten Wohlstandes, das sich von allen Ländern am chesten den Luxus konjunkturwid­riger Bindungen leisten könne, Preise und Löhne rasch und in beachtlichem Umfange auf den konjunkturellen Umschwung Mitte vorigen Jahres reagiert haben".

Gießener Zeitung"

Im Zusammenhang damit gibt der Verfasser des Aufsatzes der Auffassung Ausdruck, daß die kommenden Monate sehr weit­gehende Lohnsenkungen in Industrie und Handel bringen wer­den, wenn nicht bald ein starker Konjunkturumschwung eintritt. Um die mit dieser Entwicklung verbundene Einschränkung der Lebenshaltung auszugleichen, beginnt man auch schon in Ame­rifa, ganz wie bei uns, eine Herabsetzung der Handelspreise zu verlangen.

Kurz zusammengefaßt ergeben die hier wiedergegebenen Be­richte über die Lohnentwicklung in Amerika, daß das dort be­obachtete Wirtschaftswunder dem Anprall einer Wirtschaftskrise nicht hat standhalten können, und daß auch die reichste Wirt­schaft nicht in der Lage ist, sich den Luxus konjunkturwidriger Lohn- und Preisbindungen zu leisten. Wenn dies aber schon bei einem so kapital- und rohstoffbegünstigten Lande wie Ame­rika der Fall ist, dann gilt es noch viel mehr von unserem Vaterlande, das an beiden Mangel leidet.

Wie berechtigt diese Behauptung ist, geht aus den Feststel­lungen des Bureau of Labour statistics hervor. Danach haben in dem Zeitraum vom 15. Oktober 1929 bis 15. August ds. Js. 551 Firmen mit rund 86 000 Arbeitern Lohnsenkungen in Höhe von durchschnittlich 5 bis 10 Prozent angemeldet. Teilweise sind sie aber bis 20 Prozent und in einem Falle sogar bis 38 Prozent gegangen. Um diese Zahlenangabe, die an sich bei dem Umfange der amerikanischen Wirtschaft bedeutungslos er­scheinen, richtig zu bewerten, muß man nach dem angeführten Aufsatz in The Nation" die begrenzte Reichweite der Ermitt­lungen des Bureaus berücksichtigen. Zunächst umfaßt deren Ar­beit nach ,, The Nation" nur die Fertigwarenindustrie, die wie­der nur ein Fünftel der Angestellten und Arbeiter beschäftigt. Alle Kupferunternehmungen haben beispielsweise ihre Löhne reduziert, eine Tatsache, die in den Angaben des Bureau of Labour Statistics nicht erwähnt wird. Ebenso haben die Mak­lerfirmen die von ihnen gezahlten Gehälter beschnitten. Nach Angaben des Bureau of Agricultural Economics haben die Löhne auf den Farmen vom Juli 1929 bis Juli 1930 um 13 Pro­zent abgenommen; aber die Landarbeit ist wiederum in der Uebersicht des Bureau of Labour Statistis nicht berücksichtigt. Außerdem ist zu beachten, daß selbst innerhalb der Fertigwaren­industrie das Bureau of Labour Statistics Berichte nur von 13 500 Firmen enthält, die rund 3 Millionen Arbeiter beschäf= tigen, was aber nur 7 Prozent der gesamten Firmen und 30 Pro­zent der gesamten Arbeiterschaft in diesem Industriezweig aus­macht. Endlich gelten die von dem Bureau of Labour Statistics veröffentlichten Zahlen für eine Zeit, die mehr als zwei Mo­nate zurückliegt. Und gerade die letzten Monate stellen die schlimmste Zeit der Wirtschaftsdepression dar.

Dr. Paul Ruprecht Dresden.

Lokales.

Wenn es vergeblich war.

Vergeblicher Einspruch beim Staatskommissar.

Die Stadtratsfraktion der Arbeitsgemeinschaft der Mitie ( Deutsche Volkspartei, Demokraten und Zentrum) hatte sich mit einem Schreiben an den Staatskommissar für Gießen, Ober­regierungsrat Haberkorn in Darmstadt, gewandt, in dem be­anstandet wird, daß der Staatskommissar bei seiner Steuerfest­setzung über die von der Stadtverwaltung vorgeschlagenen Sätze hinausgegangen sei, daß man die Rückwirkung der Steuer vom 1. April 1930 ab als untragbar empfinde, und daß der Staats­kommissar die von der Stadtverwaltung beim Stadtrat bean= tragte Erhöhung der Mieten um 2 Prozent nicht angeordnet habe. Weiter wird beanstandet, daß der Staatskommissar sich vor seiner Entscheidung nicht auch mit dem Stadtrat oder seinen Vertretern in Verbindung setzte. Zum Schluß wird der Staats­fommissar gebeten, nochmals mit der Stadtverwaltung und dem Stadtrat gemeinsam eine Prüfung der Verhältnisse und der Maßnahmen zur Deckung des Fehlbetrages im Gießener Haus­halt vorzunehmen und mit dazu beizutragen, daß die gegen= wärtigen Härten der Steuerfestsetzung vermieden werden.

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Der Staatskommissar hat daraufhin an den Vorsitzenden der Fraktion der Arbeitsgemeinschaft der Mitte geantwortet, daß die von ihm angeordneten steuerlichen Maßnahmen auf gesetzlichem Wege mit den erforderlichen ministeriellen Geneh­migungen zustande gekommen seien und daher für ihn kein An­laß und auch keine Möglichkeit zu Abänderungen bestünde. Da der Staatskommissar nach gesetzlicher Vorschrift an die Stelle des Stadtrats trete und dessen Beschlüsse ersetze, könnten auch Verhandlungen mit dem Stadtrat nicht in Frage kommen. Der Staatskommissar erklärt sich aber bereit, geeignete Vorschläge zu Ersparnissen und Mehreinnahmen für das Rechnungsjahr 1930 auch von dem Stadtrat schriftlich entgegenzunehmen.

Es gibt Enttäuschungen so mancher Art. Immer hat es sie gegeben, aber heute gibt es sie besonders zahlreich und in be­sonders schwerem Maße. Das Laufen und Suchen nach Arbeit, nach irgendeiner Beschäftigung, und dann war's wieder ein­mal nichts. Nebenher liefen die Demütigungen, die Unfreund­lichkeiten. Jedenfalls war wieder einmal Zeit, Geld, Nerven­kraft ganz vergeblich drangesetzt. Jede redliche Bemühung möchte gern einen Erfolg haben. Das ist so selbstverständlich. Die Arbeit kann schwer und anstrengend sein. Man nimmt's in Kauf, man schafft's, man sieht das leuchtende Ziel. Da, auf einmal, muß man sich mit der Tatsache abfinden, daß dieses Ziel nicht erreicht wird, jetzt nicht und später auch nicht. Eine bittere Erkenntnis. Was sagen und tun da die Menschen? Ach, die einen, die verzagen und die andern suchen darüber hin­wegzukommen. Wenn es gelingt, das innere Gleichgewicht zu finden, wer mit neuem Mut an neues Wagen und Schaffen geht, der ist sicherlich besser daran, als der ganz Verzagende und Verzweifelnde.

Diese Angaben genügen aber auch noch nicht, um ein rich­tiges Bild von dem Umfang der in der amerikanischen In­dustrie vor sich gehenden Lohnsenkung zu geben. Außer dem statistisch erfaßbaren Lohnabbau gibt es nämlich noch einen, der äußerlich nicht erkennbar ist. Er besteht darin, daß Ar­beitern, die vor der Erreichung der Höchstlöhne stehen oder sie erreicht haben, durch Kündigung gezwungen werden, jüngeren und billigeren Kräften Platz zu machen. Es scheint danach in Amerika wie bei uns der ältere Arbeitnehmer besonders unter der Wirtschaftsnot zu leiden. Ein weiterer Weg, die Löhne zu senken, ist der, durch heimlichen Abschluß von individuellen Arbeitsverträgen untertarifliche Bezahlung auszumachen. Diese Mittel, dem in Deutschland die Tarifvertragsordnung einen Riegel vorgeschoben hat, findet nach den Angaben amerikani­scher Gewerkschaftssekretäre so oft Anwendung, daß sie nicht in der Lage sind, dagegen mit Erfolg einzuschreiten; das Ver­langen nach Arbeit ist dazu einfach zu groß. Bezeichnend für die Machtlosigkeit der Gewerkschaften gegen derartige Arbeits­verträge ist eine Aeußerung in dem America Building Con­tractor" vom Oktober ds. Js.; diese besagt:

* Protestkundgebung. Heute abend, 8 Uhr, findet im großen Saal des Café Leib eine Protestkundgebung gegen das Steuer­diktat des Staatskommissars für Gießen statt. Eingeladen zu dieser Versammlung wird vom Ortsgewerbeverein, Haus- und Grundbesitzerverein, Kaufmännischer Verein, Verein der Einzel­händler, die Industrie der Stadt Gießen, Edeka- Großhandel e. G. m. b. H. und Reichsverband des deutschen Nahrungsmittel­Großhandels. Als Redner ist vorgesehen: Rechtsanwalt und Notar Albrecht- Gießen.

* Straßensperrungsnachricht, mitgeteilt vom Oberhessischen Automobil- Club E. V.( A. v. D.), Gießen. Die Sperre auf der Provinzialstraßenstrecke Ortsdurchfahrt Frankfurterstraße in Vilbel ist aufgehoben.

Aber ganz allein kommt man vielleicht nicht zum neuen, freudigen Lebensmut. Es ist schön, wenn ein guter Mensch gut zuredet. Die Frau, die dem Manne ob seines Mißerfolges nicht mit Wenn und Aber und mit Vorwürfen kommt, sondern die ihm freundlich und verständnisvoll ein Wort der Hoffnung sagt, eine solche getreue Lebenskameradin kann wirklich viel ausrichten. Oder es ist ein Freund, der dem Freunde innerlich auf und weiterhilft. Es kommt ja gerade so viel auf dieses Innerliche an. Die Kunst zu trösten ist eine ganz eigene Kunst. Sie ist eine Kunst der fein und aufrichtig mitfühlenden Seele. Das harte ,, Vergeblich" kann nicht durch eine Zaubergeste bei­seite geschafft werden. Aber man kann aus seelischer Kraft und Festigkeit heraus einem Mitmenschen von den vielen Möglich­keiten des Lebens reden, nicht im Sinne eines drängenden Ueberredens, sondern im warmherzigen Geiste eines schlichten Ueberzeugens. Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!" Diese schöne Losung mag sich nicht zuletzt dann bewähren, wenn es gilt, einen anderen von dem inneren Zusammenbruche ob eines ,, Vergeblich" kraftvoll zu bewahren und ihm das hoffende Den­noch wiederzugeben.

,, Die Wirkung der Arbeitslosigkeit beginnt sich im Lohn­niveau bemerkbar zu machen, und der Monatsbericht macht deutlich, daß während an den offiziellen Löhnen wenig oder gar nichts geändert wird, viele Bauhandwerker zu beträchtlich geringeren Löhnen als zu den offiziellen Sätzen arbeiten."

Bayerische Königsschlösser.

Eine Erinnerung

an die Wiederaufrichtung des Deutschen Reiches unter Kaiser Wilhelm I.

Noch immer weht um das bayerische Bergland, um den Starnberger See, um München, die Erinnerung an den von jeinem Volke schier vergötterten unglücklichen König Ludwig II. von Bayern, vielgeliebt in ganz Deutschland!

* Das amtliche Fernsprechbuch für den Oberpoſtdirektions­bezirk Darmstadt wird demnächst neu aufgelegt. Die Vorarbei­ten hierzu werden am 1. März ds. Js. abgeschlossen. Bis da hin sind Aenderungen der Eintragungen bei der zuständigen Fernsprechvermittlungsstelle anzumelden. Bei der Ausgabe neuer Fernsprechbücher ist für jedes neue Buch ein Buch der unmittelbar vorhergegangenen Auflage zurückzuliefern.

Luftpostmarkenheftchen. Es dürfte noch wenig bekannt sein, daß Luftpostmarkenheftchen mit zehn Luftpostmarken zu 10 Rpfg. und fünf zu 20 Rpfg. seit einiger Zeit durch die Post vertrieben werden.

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* Stadttheater. Heute abend Wiederholung des beifällig aufgenommenen Shakespeare'schen Lustspiels: Der Wider­spenstigen Zähmung".

* V. 5. C. Am Freitag hält Geh. Rat Prof. Dr. Som= mer bei freiem Eintritt im Hörsaal der Nervenklinik einen Lichtbildervortrag über: ,, Rennwege und alte Heerstraßen".

dann nach verschiedenen Abänderungen auch ins Reine schrieb. Mit beiden Dokumenten trat Graf Solnstein am 27. November 1870 seine Reise nach Hohen- Schwangau zum König an. mard berichtet über diese Reise: Der König war wegen eines Zahnleidens bettlägerig, lehnte zuerst ab, ihn zu empfangen, nahm ihn aber an, nachdem er vernommen hatte, daß der Graf in meinem Auftrag und mit einem Brief von mir tomme. hat darauf im Bett mein Schreiben in Gegenwart des Grafen zweimal jorgfältig durchgelesen, Schreibzeug gefordert und das von mir erbetene und im Konzept entworfene Schreiben König Wilhelm zu Papier gebracht. Am siebenten Tag nach seiner Abreise, am 3. Dezember, war Graf Holnstein mit diesem Schreiben des Königs wieder in Versailles; es wurde noch an demselben Tage durch den Prinzen Luitpold, den späteren Regenten, unserem König offiziell überreicht und bildete ein gewichtiges Moment für das Gelingen der schwierigen und viel­fach in ihren Aussichten schwankenden Arbeiten, die durch das Widerstreben des Königs Wilhelm und durch die bis dahin mangelnde Feststellung der bayerischen Erwägungen veranlaßt waren. Der Graf Holnstein hat sich durch diese in einer schlaf­losen Woche zurüdgelegte doppelte Reise und durch die geschickte Durchführung seines Auftrages in Hohen- Schwangau ein erheb­liches Verdienst um den Abschluß unserer nationalen Einigung durch Beseitigung der äußeren Hindernisse der Kaiser- Frage erworben."

und beide traten an die Logenbrüstung. Da erdröhnte das Haus von einem ungeheuren Beifallssturm, der den großen Tusch des Orchesters fast noch übertönte. Und immer wieder trat auf des Königs einladende Handbewegung der schöne ritterliche Kron­prinz an die Logenbrüstung und verneigte sich dankend. Dann erklangen die ersten Töne der Jubel- Ouvertüre von Weber, aber an ein ruhiges Zuhören war nicht zu denken, und als nun der majestätische Schluß einleitete und das ganze Orchester wie mit großen Wogen in die machtvollen Akkorde des Heil unserem König, Heil", zusammenströmte, da sprang wieder alles von den Sitzen auf, das Winken und das Hochrufen begann von neuem, und wieder und wieder dankte der Kronprinz in sichtlicher Be­wegung. Und als zum Schluß der wahrhaft glanzvollen Vorstel­lung von Wallensteins Lager" der hochgewachsene Schauspieler Rüthling im Waffenschmud des ersten Kürossiers an die Rampe trat und mit seiner mächtigen Stimme intonierte: Wohlauf Kameraden, aufs Pferd, aufs Pferd"... da brauste wieder ein ungeheurer Jubel auf. Der Vorhang mußte sich noch öfter heben, bis er endlich definitiv fallen durfte und die erregte Menschenmenge in die laue Sommernacht hinausströmte." Un­willkürlich denkt man an das tragische Ende der beiden Fürsten, die damals im Mittelpunkt der begeisterten Kundgebungen standen! Hier der jugendschöne, 25jährige Wittelsbacher, der 16 Jahre später in geistiger Umnachtung in den Fluten des Starnberger Sees versank- dort die redenhafte Gestalt des Hohenzollern- Prinzen, dem nach 18 Jahren das Szepter aus der Hand glitt nach einem Dulden und Leiden qualvollster Art! Nach dem glänzenden Sieg bei Sedan begannen die Verhand­lungen über das fünftige Bündnis aller deutschen Staaten greif­bare Gestalt anzunehmen. König Ludwig II. empfing am 22. September 1870 wieder in Schloß Berg den preußischen Staatsminister von Delbrück und den württembergischen Justiz­minister v. Mittnacht. Monatelang zogen sich die Beratungen hin; Bismards lebhaftester Wunsch war es, nachdem nach un­endlichen Bemühungen von allen Seiten die Schwierigkeiten be­seitigt waren, daß König Ludwig persönlich nach Versailles fommen möge, um durch seine Anwesenheit der Kaiser- Prokla­mation erst ihre Weihe zu geben. Der König litt aber damals an einer schweren seelischen Depression und trug sich mit Ab­dantungsabsichten zugunsten seines Bruders Otto In seiner Stimmung fonnte er sich nicht zu der Reise aufraffen, statt seiner fam der berühmte Kaiserbrief nach Versailles. Als Sendbote des Königs war der ihm vertraute und zu vielen politischen, diplomatischen und privaten Missionen verwendete Oberstallmei­ster Graf Holnstein, einer der wenigen Männer, die dem König menschlich wahrhaft nahe standen, nach Versailles zu Bismard entsandt worden, um mit ihm über die Formalitäten zu ver handeln, unter denen Ludwig dem König von Preußen die Kaiserkrone anbieten sollte. Holnstein hatte nach seinem Ein­treffen in Versailles den Grafen Bismard aufgesucht und sich seiner Mission entledigt. Er hat wiederholt mit der ihm eigenen Lebendigkeit erzählt, wie er, um alle Irrtümer in seiner Auf­fassung zu vermeiden, unserem großen Kanzler in Versailles ge= sagt habe: Wissen's was, Exzellenz, schreiben's gleich selbst einen Brief auf, so wie er sein soll, sonst gibt's hintenach doch wieder Anstand". Darauf ist bekanntlich Bismard, dem Holn steins Art und Weise gefiel und dem diese Bitte nur passen tonnte, bereitwillig eingegangen; er schrieb selbst nach seiner eigenen Darstellung, um die Beförderung nicht zu verzögern, sofort an einem abgedeckten Estische auf durchschlagendem Papier und mit widerstrebender Tinte die gewünschten Briefe, die er

Da ist der Starnberger See mit Schloß Berg! Erinnerung an glückliche Tage des einst so jugendschönen Fürsten und an sein tragisches Ende! König Ludwig II. war abends am 15. Juli 1870 von einem Ausflug in die Berge zurückgekehrt; auf nachts halb elf Uhr hatte er seinen Kabinetts- Sekretär zum Vortrag befohlen. Er brachte ihm eine Meldung des Ministers Grafen Bray aus München, wonach in der frühesten Morgenstunde des 16. Juli der Ministerial- Sekretär Graf Berchem mit einem wichtigen Schreiben in Berg eintreffen werde. Um 11 Uhr abends erschien der Kabinetts- Sekretär v. Eisenhart zu dem befohlenen Vortrag beim König. Eisenhart erzählt uns über diesen denkwürdigen Vortrag: Ich fühlte, daß in dieser Stunde das Heil Bayerns, das Heil Deutschlands entschieden werde. Aus innerster Ueberzeugung betonte ich, daß eine etwaige Neutralität die Existenz Bayerns bedrohe; der Kampf an der Seite Frank­reichs gegen Preußen wäre eine Schmach; Pflicht und Recht geböten die treue Erfüllung des Bündnis- Vertrages mit Preu­ßen. Ja," erklärte der König, der Bündnisfall ist gegeben," und groß trat hierbei seine deutsche Gesinnung zutage. Sofort nach Berchems Ankunft will ich gewedt sein." Dieser Vortrag hatte bis 4 Uhr morgens gewährt; um 6 Uhr traf bereits Graf Berchem ein. Sofort eilte Eisenhart mit dem erwarteten Briefe zu König Ludwig. Nochmals wurden die Hauptpunkte der gro= Ben Frage berührt. Eine Pause trat ein. Dann sprach der König: Bis dat, qui cito dat"( doppelt gibt, wer schnell gibt). Entwerfen Sie sofort meinen Befehl zur Mobilmachung!" In des Königs Gegenwart fertigte Herr v. Eisenhart den Befehl zur Mobilmachung; der König unterschrieb unverzüglich. Die Würfel waren gefallen. So kam es, daß Bayern vor Preußen mobil gemacht hat in jenem großen Kriege, der unseres Volkes Einheit und Größe begründete. Der Kladderadatsch" begrüßte die deutsche Gesinnung des Bayern- Königs damals mit den Worten:

. Er gab zuerst die Marschbefehle,

Er schwankte teinen Augenblick Sein Wort klang jeder deutschen Seele Wie unserer Zukunft Festmusik."

Als Ludwig am 17. Juli von Berg nach München zurückkehrte, umbrauste ihn ein Jubel, wie er ihn noch nie vernommen hatte.

Dann kam der unvergeßliche Tag, da Preußens hochgewach sener, blonder Königssohn, Friedrich Wilhelm der spätere Kaiser Friedrich III., in München eintraf, um den Oberbefehl über die bayerischen Truppen zu übernehmen. Ludwig holte den Kronprinzen, den Groll des Jahres 1866 vergessend, am Bahn­hof im offenen Wagen ab. Abends war Festvorstellung im Hof­theater; man gab ,, Wallensteins Lager".

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Plötzlich" erzählt eine Teilnehmerin große Bewegung durch das Haus, alles erhob sich, denn nun erschien in der Königsloge Ludwig II. mit seinem hohen Gaste,

Am 16. Juli 1871 sah München den Einzug der siegreichen Truppen. Der König, der morgens auf dem Oberwiesenfeld Truppenschau abgehalten hatte, tam gegen Mittag die Ludwig­straße herabgesprengt und sah auch als Soldat ungewöhnlich stattlich aus. Er machte eine vorzügliche Figur zu Pferde, ..schön wie eine Märchen- Erscheinung". Und schon wogte es die lange Straße heraus, weiß- blaue Fähnlein blitzten in der Sonne: Ulanen als Vorreiter der siegreichen Armee. Prinz Luitpold und sein Sohn Prinz Leopold, der sich bei Villepion großartig geschlagen, General Hartmann, dann immer wieder bejubelt und begrüßt: der populäre von der Tann. Nun naht an Spitze seiner Generale und seiner Stabsoffiziere der Kronprinz Friedrich Wilhelm; er senti salutierend das siegreiche Schwert vor dem jugendlichen Bayerntönig, der dankend die Hand an den Generalshut legt. Im symbolischer Weise gab so der Kron­prinz den Oberbefehl über das bayerische Heer dem König zurück.

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Am 13. Juni 1886 endete König Ludwig II. sein Leben im Starnberger See, nachdem man ihn am 11. Juni gewaltsam von seinem geliebten Neu- Schwanstein nach Schloß Berg gebracht hatt. Auf der Brust der in Berg aufgebahrten Leiche lag nur ein Strauß Jasminblüten, seine Lieblingsblumen: Oesterreichs Kaiserin Elisabeth hatte sie in Feldafing gepflückt und als letzten Gruß dem toten Vetter und treuen Freund gesandt. Am Tage vor der Bestattung des Königs, am 18. Juni, trat Kronprinz Friedrich Wilhelm, der in Vertretung seines greisen Vaters nach München geeilt war, an Ludwigs Bahre. Nach zwei Jahren sollte er selbst, der heute noch in stolzer Männlich­feit dem toten Bayerntönig die letzte Ehre erwies, zur letzten Ruhe gebettet liegen!

Schloß Berg, Hohen- Schwangau, Neu- Schwanstein, die Mün­chener Residenz und das Hoftheater weden in uns die Erinne rung wadh an jene große 3eit, da Deutschlands Raiserkrone im Kriege 1870/71 geschmiedet wurde! Dr. Ludwig Roth.

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