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Gießener Zeitung

Erscheint Mittwochs und Samstags. Bezugspreis 2,40 M vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rüd­sendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.

43. Jahrg.

Politische Rundschau.

Die Reichsregierung hat beschlossen, alle ihr zur Verfügung stehenden Mittel anzuwenden, um dem Preis für Roggen neuer Ernte die notwendige Sicherung zu geben.

In Kaiserslautern wurde in Anwesenheit des Oberkomman: dierenden der Besagungstruppen, General Guillaumat, die französische Flagge vom Regierungsgebäude niederholt. Ge= neral Guillaumat stattete den Behörden Abschiedsbesuche ab.

Der deutsche Kreuzer Karlsruhe", der eine Woche vor der Sardinijchen Hauptstadt lag, hat seinen Standort nach Taormina an der südlichen Küste von Sizilien verlegt.

Fast täglich werden im Beuthener Gebiet polnische Deser­teure festgenommen. So sind dort in dieser Woche bereits acht polnische Soldaten in voller Uniform verhaftet worden.

Die französische Kammer hat am Donnerstag das Inter­nationale Schiedsgerichtsabkommen ratifiziert.

Im Militärlager von Sissone in der Nähe von Lille haben sich unter den Reservisten, die zu einer Waffenübung eingerückt waren, erhebliche Unruhen ereignet. Die Soldaten beschimpf­fen die Offiziere und Unteroffiziere und verweigerten entschieden den Gehorsam.

Wie aus Wilna gemeldet wird, kam es im Grenzabschnitt Bilejka zwischen einer sowjetrussischen und einer polnischen Grenzwache zu einer Schießerei, in deren Verlauf der russische Kommandant Tscherbakow getötet und ein Rotarmist verwundet wurde.

General Presan hat den Auftrag, das rumänische Kabinett zu bilden, an den König zurüdgegeben.

,, Sera Secolo" meldet aus Malta: Der britische Gouverneur verbot sämtliche politische Versammlungen auf Malta. Die letz­tert Zusammenstöße haben mehrere Tote gefordert.

Wie aus Bernambuco in Brasilien gemeldet wird, ist im Sicate Parahyba eine neue Aufstandsbewegung ausgebrochen. Bei einem Zusammenstoß zwischen Bundestruppen und Anhän= gern Pereiras gab es über hundert Tote und eine große Zahl von Verlegten.

1283,7 Millionen RM. Fehlbetrag

im Rechnungsjahr 1929.

Das Reichsfinanzministerium veröffentlicht nunmehr den Ausweis über die Reichseinnahmen und ausgaben im Rech­nungsjahr 1929. Danach betrugen im, ordentlichen Haushalt die Cinnahmen 10 146,1 MillionenRM und die Ausgaben 10 545,7 Millionen RM, so daß sich eine Mehrausgabe von 399,6 Millio­nen RM ergibt. Zuzüglich der zur Deckung der am Schluß des Rechnungsjahres 1929 noch unbeglichenen Restposten( abzügl. der Resteinnahmen) erforderlichen 65,4 Millionen RM ergibt ich am Schluß des Rechnungsjahres 1929 ein Fehlbetrag von 465 Millionen RM, wovon 154,4 Millionen RM auf das Rech­nungsjahr 1928 entfallen.

Im außerordentlichen Haushalt stehen 481,0 Millionen RM an Einnahmen, 348,2 Millionen RM an Ausgaben gegenüber, so daß sich eine Mehreinnahme von 132,8 Millionen RM ergibt. Rach Berüdsichtigung der zur Deckung am Schluß des Rechnungs­jahres 1929 noch unbeglichenen Restausgaben erforderlichen 47,0 Millionen RM und des Fehlbetrages aus den Rechnungsjahren 1926-28 in Höhe von 904,5 Millionen RM bleiben aus späte= ten Einnahmen des außerordentlichen Haushalts noch 818,7 Millionen RM zu decken.

Der Fehlbetrag im Gesamthaushalt beziffert sich dennoch auf 1283,7 Millionen RM.

Die Reichsschuld belief sich am 31. März auf 8452,6 Millio­n RM und die schwebende Schuld auf 1938,4 Millionen RM.

200 Millionen durch darlehen und Verkauf von Reichsbahnaftien.

Berlin, 13. 6. Am kommenden Dienstag finden im Reichs­abeitsministerium Verhandlungen zwischen der Reichsregierung und den Landesversicherungsanstalten über die Hergabe eines Darlehens in Höhe von 60-70 Millionen RM an das Reich statt. Die Landesversicherungsanstalten sind bereit, diesen Be­tag zur Verfügung zu stellen.

Ferner will das Reich newe Vorzugsaklien der Reichsbahn unterbringen. Die Reichsversicherungsanstalt für Angestellte Jat in den letzten Tagen bereits 50 Millionen RM Reichsbahn­Dorzugsaktien übernommen und wird noch weitere 50 Millio­men RM faufen. 50 Millionen RM Reichsbahnvorzugsaktien sollen nach dem Ausland verkauft werden. Auch die Erlöse aus Dem Verkauf dieser Aktien sollen zur Ankurbelung der Wirtschaft Dienen. Weitere 100 Millionen werden aus der bei der Schrö Der- Gruppe geplanten Anleihe hinzukommen, sodaß insgesamt Buna chit 300 Millionen für Arbeitsbeschaffung zur Verfügung Tandert.

( Gießener Tageblatt)

Druck und Verlag von Albin Klein in Gießen. Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher Nr. 2525 und 2526. Postscheckkonto Nr. 69 530 Amt Frankfurt a. M.

Samstag, den 14. Juni 1930

Das Reichskabinett hält an dem Notopfer der Festbesoldeten fest.

Berlin, 13. Juni. Als Auftakt zu der heutigen Kabinetts­sigung fand eine eingehende Besprechung zwischen Reichskanz­ler Dr. Brüning und Reichsfinanzminister Dr. Molden­hauer statt. Der Kanzler erklärte sich mit dem Minister soli­darisch. Dieser Haltung trat auch später das Kabinett bei. Es hält also an dem Notopfer fest. Ein großes Arbeitsbeschaffungs­und Ausgabensenkungsprogramm bildet den Rahmen der Ka­

binettsbeschlüsse.

Keine Verpfändung des Spritmonopols.

Berlin, 13. 6. Die Meldung der Deutschen Zeitung", daß die deutsche Reichsregierung das Spritmonopol an den Ostwerke­Konzern verpfänden wolle, wird von zuständiger Seite demen­tiert.

Kündigungen bei der Reichsbahn.

Berlin, 13. 6. Durch den Verkehrsrückgang veranlaßt, hat die Hauptverwaltung der Reichsbahngesellschaft mit den ver­tragschließenden Eisenbahngewerkschaften über Einschränkungs­maßnahmen, Entlassungen von Arbeitern und Einlegung von Feierschichten verhandelt. Die Hauptverwaltung der Reichs­bahngesellschaft erklärt nach Presseangaben in den Verhandlun­gen, daß sich durch den Verkehrsrückgang etwa 4000 Werkstätten­arbeiter erübrigt hätten. Die beabsichtigte Tariferhöhung könne den Verlust an Einnahmen auch nicht wettmachen. Um den Gewerkschaften entgegenzukommen, wolle man nur 1900 Arbeiter entlassen, 2100 sollten durch Einlegung von Feierschichten weiter behalten werden.

Todesstrafe für fommunistische Propaganda. Warschau, 13. 6. Jn Lemberg wurden drei jugendliche Kom­munisten wegen Ausgabe und Kolportage kommunistischer Flug­schriften zum Tode verurteilt. Das Gericht erkannte in seinem Urteil auf das Verbrechen des Hoch- und Staatsverrats.

Die Toten beim Schiffsunglück von Boston. Boston, 12. Juni. Nach amtlichen Mitteilungen hat der Zusammenstoß des Dampfers Fairfax" mit dem Tankschiff ,, Blinthus" vierzig Todesopfer gefordert, darunter befindet sich die gesamte Besatzung des Tankdampfers, die einschließlich des Kapitäns 22 Mann betrug. Von der Fairfax" sind 17 Passa­giere und 11 Mann der Besatzung tot.

Max Schmeling Weltmeister im Bogen. Sharkey wegen Tiefschlag" disqualifiziert. Newyork, 13. 6. Der mit großer Spannung erwartete Welt­meisterschaftskampf zwischen Max Schmeling und Jack Sharkey nahm ein überraschend schnelles Ende. In der vierten Runde brachte Sharkey einen regelwidrigen Schlag an, der seine sofor­tige Disqualifikation zur Folge hatte. Schmeling wurde zum Sieger erklärt.

10000 tschechische Kachelöfen.

Ein unbegreiflicher Entschluß der Berliner Wohnungsfür­sorgegesellschaft hat, wie aus Berlin gemeldet wird, die Deutsch­nationale Volkspartei zu folgender Anfrage im Preußischen Landtag veranlaßt:

,, Die Wohnungsfürsorgegesellschaft Berlin hat, wie verlau­tet, genehmigt, daß für die Wohnungsneubauten in Berlin etwa 10 000 tschechische Kachelösen beschafft und verwendet werden. Trotz der katastrophalen Finanz- und Steuernot unseres Vater­landes bringt nach der Mitteilung die Wohnungsfürsorgegeſell­schaft es fertig, Steuergelder der deutschen Steuerzahler( es han­delt sich fast ausschließlich um Hauszinssteuer- Neubauten) an das Ausland weiterzuleiten. Trotz der schweren Notlage der deut­schen Wirtschaft übergibt die Wohnungsfürsorgegesellschaft Ber­lin dem Ausland einen Auftrag, durch den 150 deutsche Töpfer und Ofenarbeiter ein ganzes Jahr volle Beschäftigung hätten haben können. Wie sollen die Bemühungen, das Arbeitslosen­problem zu lösen, zum Ziele führen, wenn amtliche oder halb­amtliche Stellen, wie die Wohnungsfürsorgegesellschaft Berlin jedes Verständnis für die Not der Wirtschaft vermissen lassen und deutsche Arbeiter brotlos machen?"

Zur Wirtschaftskrise.

Ueber unsere jetzige katastrophale Wirtschaftskrise urteilt ein Kenner der gesamten Lage, Herr Dr. Vommbruch, folgen dermaßen:

Die jetzige Krise ist keine solche im üblichen Sinne, son­dern sie ist ein Prozeß, in dem die Wirtschaft einschrumpft auf die von den Verlusten der Kriegszeit, Nachkriegszeit, der tollen Ausgabewirtschaft und der Tributlasten gegebene Armut. Die jetzige Krise ist kein Kampf um die Beibehal­tung des alten Lebensstandards, sondern sie zwingt zur Gewöhnung an einen neuen, noch ungewohnten.

( Neueste Nachrichten)

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Nummer 46/47

Breisgabe von 1' Milliarden Goldmark.

Berlin. Das im Zusammenhang mit der Aufrollung der Kriegsgefangenenforderungen aktuelle Problem der Entschädi­gung für Wiederaufbau- Arbeiten friegsgefangener Deutscher in Frankreich und Belgien nach dem Waffenstillstand wird in der Dentschrift der Arbeitsgemeinschaft der Vereinigungen ehem. Kriegsgefangener Deutschlands an einem Beispiel illustriert: Drei Originalphotos zeigen das prächtige Schloß Havringcourt im französischen Kampfgebiet in drei verschiedenen Phasen: zu= erst so, wie es in den ersten Kämpfen beschädigt wurde, dann im Augenblick der Sprengung( eine sehr seltene Kriegsaufnahme) und zuletzt als Trümmerhaufen. Dazu stellt der Herausgeber des ,, Ehem. Kriegsgefangenen"( Bremen 479) das Bild einer der vielen zu Aufräumungs- und Wiederaufbauarbeiten in Frankreich nach dem Waffenstillstand zurückbehaltenen Arbeits­tompagnien( es ist die P. G. Comp. 514 bei Valenciennes im Mai 1919) und veröffentlicht hierzu den hierhergehörenden ge­neuen Wortlaut der Denkschrift des Reichsfinanzriinisteriums vom Sommer 1929 über ,, die materiellen Forderungen der deut­schen ehemaligen Kriegsgefangenen":"

,, Eine besondere Stellung im Rahmen der Ansprüche der Frankreich- Heimkehrer nimmt die sogenannie Wiederaufbau­entschädigung ein:

Während der Rücktransport der deutschen Kriegsgefangenen aus Rußland bereits im Jahre 1917, im übrigen bald nach dem Waffenstillstand, einsetzte, wurden die deutschen Kriegsgefange= nen in Frankreich bis zum Friedensschluß zurückgehalten und dort von der französischen Regierung zu Aufräumungs- und Wie­deraufbauarbeiten in der ehemaligen Kampfzone verwendet. Der Wert der dort geleisteten Arbeit ist nach Abzug der Unterhal­tungskosten der Kriegsgefangenen auf 1 bis Milliarden Goldmark geschätzt worden. Die Kriegsgefangenen haben den Standpunkt vertreten, daß für die während des Waffenstill­standes geleistete Arbeit eine angemessene Entschädigung zu ge­währen, oder zum mindesten eine entsprechende Gutschrift auf Reparationskonto zu Gunsten Deutschlands zu verbuchen sei... Ergänzend wird dazu bemerkt, daß eine Gutschrift des Wertes der Kriegsgefangenenarbeiten nicht erfolgt ist und auch in Zu­kunft nicht zu erreichen sein wird. Bei der Entwicklung, die die Frage der Lösung des Reparationsproblems inzwischen genom­men hat, erscheint es nicht angezeigt, Verhandlungen einzulei­ten mit dem Ziele, daß für den Wert der von den Kriegsge­fangenen geleisteten Aufräumungs- und Wiederherstellungs­arbeiten Deutschland ein gewisser Betrag gutgebracht werde. Ueber die Höhe der Gesamtforderung der Alliierten einerseits und die Bewertung der von Deutschland bereits geleisteten Re­parationen andererseits bestehen so weitgehende Meinungsver= schiedenheiten, daß sich selbst bei einer Anerkennung der Kriegs­gefangenenforderungen gegen Frankreich und Belgien an der Gesamtlage wenig ändern würde."

,, Was hat man getan", so setzt die Denkschrift der Kriegs­gefangenen hinzu ,,, um diese Milliarden Goldmark der deutschen Wirtschaft und den ehemaligen Kriegsgefangenen zu erhalten, welche für diese Arbeiten Zeit, Gesundheit, Familie und friedliche Erwerbsmöglichkeit in der Heimat dahingeben mußten?

Kleinwohnungen in Hessen.

Unter obigem Title hat die Wohnungsfürsorgegesellschaft für Hessen ein Sonderwerk herausgegeben, das einen sehr inter­essanten Ausschnitt aus dem Gebiet der Kleinwohnungsbau­tätigkeit Hessens bietet. Nach einem Geleitwort von Minister Korell kommen Ministerialrat Klump, Regierungsrat Dr. Meyer, Präsident Dr. H. c. Neumann, Verwaltungsrechtsrat von Gruner und Direktor Reg.- Bmstr. Kohl mit längeren Aus­führungen zu Wort. Die Stellung, die die Wohnungsfür­sorgegesellschaft in der hessischen Wohnungspolitik einnimmt, wird zusammenfassend wie folgt gekennzeichnet:

Die Wohnungsfürsorgegesellschaft ist ein gemeinnütziges, der staatlichen Aussicht unterstehendes, Unternehmen; der hes= sische Staat ist mit etwa 50 v. H. am Stammkapital der Ge­sellschaft beteiligt. Als weitere Gesellschafter sind zu nen­nen: Die Landesversicherungsanstalt, die hessischen Landes­banken, Kreise, Städte und Gemeinden, Kriegsbeschädigtenorga­nisationen, der Verband der Bauvereine in Hessen, der Bund der Kinderreichen, Gewerkschaften, Beamtenschaft und dergl. Die für die Betreuung von Bauvorhaben von der Gesellschaft berechneten Gebühren( für finanzielle und technische Vollbetreuung zusam­men i. D. 4 v. H.) sind verhältnismäßig sehr niedrig und dienen zur Deckung der eigenen Unkosten. Dafür nimmt die Wohnungs­fürsorgegesellschaft dem Bauherrn alle Arbeit ab und spart ihm durch Bearbeitung aller behördlichen, technischen und finanziel­len Aufgaben Zeit, Geld und Sorgen. Das Programm der Ge­sellschaft wird wie folgt dargestellt:

1. Bauberatung von Einzelbauherren, Baugenossenschaften und Gemeinden;

2. Beschaffung von 1. und 2. Hypotheken, öffentlichen Baudar­lehen und Bauzwischenkrediten;

3. Anfertigung von Siedlungsplänen und Einzelentwürfen unter Benutzung bewährter Typenplänen;