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Mittwoch, den 2. Juli 1930.

nur aus dem besetzten hessischen Gebiet, sondern auch aus wei­ten Teilen der Rheinprovinz strömten die Ausgewiesenen in Darmstadt zusammen. Ihre Unterbringung und Weiterleitung bis weit nach Bayern hinein war eine große Leistung der Fürsorgestelle. Erst im Sommer 1924 war der größte Teil dieser Ausgewiesenen zurückgekehrt.

51 tödliche Besagungszwischenfälle in Hessen. Die Anwesenheit fremder Truppen unter deutscher Bevölke­rung führte natürlich zu mancherlei Reibungen, die in den we­nigsten Fällen von deutscher Seite verschuldet waren. Hier seien Der nur die tödlichen Besatzungszwischenfälle festgehalten. Schießeifer französischer Wachsoldaten forderte vor allem in den ersten Jahren der Besatzung zahlreiche Opfer. Im Jahre 1919 gab es im hessischen besetzten Giebiet nicht weniger als 25 Todes= opfer. Auch die Jahre 1920 und 1921 brachten noch eine große Zahl von Todesfällen, nämlich 7 und 8. Nach dem Jahre 1923, in dem es 4 Tote gab, ging die Zahl der durch die Besatzung verschuldeten leichtfertigen und fahrlässigen Tötungen, zu denen auch die Tötungen durch französische Autoraserei zu rechnen sind, auf vereinzelte Fälle zurück. Insgesamt erhöhte sich die deutsche Totenliste im hessischen besetzten Gebiet immerhin auf 51 Opfer, unter denen 15 weibliche Personen sind.

Hessens Wirtschaftsnot in Steuerzahlen.

Gießener Zeitung

Gegenwart überwinden, wenn wir uns die Geschlossenheit un­seres Wollens, die innere Verbundenheit über Trennendes hin­weg bewahren.

In Worms führte Innenminister Leuschner u. a. aus: Wenn uns heute etwas besonderes ergreift, dann ist es das Gefühl, daß die Völker Europas jetzt endlich aus der tie­sen Verblendung zu erwachen beginnen, die sie 15 Jahre im Banne hielt. Wie wir durch gemeinsame Opfer dem Rhein­land geholfen haben, so wollen wir gemeinsam den Volksge­nossen helfen, die durch die Wirtschaftszerrüttung infolge des Krieges am schwersten zu leiden haben. So groß die Freude über die Beseitigung der äußersten Not ist, so groß steht die Not der inneren Wirtschaftskrise vor uns. Es kann nur einen Gedanken geben, alle Kräfte zusammenzufassen, um hier end­lich und bald Abhilfe zu schaffen.

In Oppenheim sagte Minister Korell: Wir sind frei! Es ist richtig, daß unsere Freiheit noch nicht voll ist, denn wir müssen Tribute zahlen, und kein deutscher Soldat darf das befreite Rheinland betreten. Darum gilt es jetzt durch fried­liche Zusammenarbeit der benachbarten Völker die letzten Un­gerechtigkeiten zu beseitigen. Nicht Revanchegeist, sondern nur beharrliche Friedensgesinnung kann uns völlig frei machen. Der fremde Angriff ist abgeschlagen worden durch die Treue der rheinischen Bevölkerung. Der Rhein ist frei! Möge Deutsch­land frei werden und sein Volk stark in allen guten Werken der Arbeit, des Friedens und der Kultur.

Die Wirkung des Besatzungsdrucks auf das Wirtschafts­leben des hessischen besetzten und unbesetzten Gebietes drückt sich am deutlichsten in den Steuerzahlen aus. Wenn man bedenkt, daß noch nach dem Krieg, aber vor dem Ruhrkampf, 51 Prozent der Hessischen Gewerbesteuer, 49 Prozent der Einkommensteuer, 52 Prozent der Körperschaftssteuer aufkamen, gegenüber dem Bevölkerungsanteil von 36,1 Prozent, so zeigen diese Zahlen, was für Hessen auf dem Spiele stand, als die Besatzungszeit begann. Infolge des Ruhrkampfes gingen die Steuereinnahmen rapid zurück und bei der großen wirtschaftlichen Bedeutung des besetzten Gebietes im Rahmen des hessischen Gesamtgebietes wurde das ganze Land in schwerste Mitleidenschaft gezogen. Der nach Durchführung der Reichssteuerreform zum ersten Mal nach den Ergebnissen der Steuerveranlagung des Jahes 1922 gebil­dete Verteilungsschlüssel für die Reichssteueranteile der Länder hatte für Hessen einen Anteil von 2,88 ergeben. Der nächste, nach dem Ergebnis des Jahres 1925 also nach dem Ruhrkampf berechnete Anteil war nur noch 1,86, was einer Verminderung von annähernd 20 Prozent gleichkam. Aehnliche Veränderungen ergaben sich bei der Vermögensteuer. Im Jahre 1913 ent­fielen auf den Kopf der Bevölkerung an steuerbarem, schulden­freiem Vermögen im Deutschen Reid) ein Betrag von 2808 RM, in Hessen ein solcher von 3307 RM. Im Jahre 1925 dagegen war in Hessen das Vermögen auf den Kopf der Bevölkerung gerechnet auf 953 RM zurückgegangen, und im Reich auf 1026 RM. Das Vermögen hat 1913 in Hessen den Reichsdurchschnitt um 17,8 Prozent übertroffen. 1925 stand es um 7,1 Prozent unter dem Reichsdurchschnitt. Diese Zahlen sagen mehr über die Folgen des Ruhrkampfes und der Besagung Hessens aus, als man in vielen Worten über die Wirtschaftsnet des Landes ausführen könnte.

Die Reden der hessischen Minister

anläßlich der Befreiung.

In Mainz sprach Staatspräsident Dr. Adelung. Er gedachte zunächst der Toten, die starben, damit Deutschland lebe,

Nr. 52.

einstimmung mit der Bevölkerung des Saargebietes an Völker= bund, Locarnomächte und das Weltgewissen die dringende Forderung: Helft das deutsche Saargebiet befreien!

Lokales.

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* Straftammer. Weil er ein Fahrrad gestohlen hatte was er jedoch leugnete, während das Gericht den Beweis für wurde ein Melker die Straftat als schlüssig geführt ansah aus einem Dorfe in Oberhessen, der schon oft wegen bewußter Verwechslung von Mein und Dein hinter schwedischen Gardinen gesessen hatte, von der Gießener Straffammer zu Jahren Zuchthaus verurteilt.

In Bingen sprach Finanzminister Kirnberger: Wie könnte jetzt einer schlafen, der seine Heimat liebt! Was haben wir alles erlebt in diesen schrecklichen Jahren! Deutsch ist hier jeder ehrliche Mensch. Was habt ihr alles erlitten! Wenn die Welt das nur wüßte! Wir Deutsche, die es wissen, schulden euch heißen Dank und die Verpflichtung zur Hilfe. Klein wären wir aber, wenn wir jetzt Haß gegen diejenigen predigten, die unsere Fesseln geschmiedet hatten. Die neue Zeit wird uns hoffentlich die Einigkeit unter uns bringen, damit wir unseres Volkes großer Bestimmung gerecht werden fönnen. Die Jugend vufe ich auf in dieser Stunde, daß sie ihre Hand den Alten reicht. Wahre konservative Gedanken und neue schöpferische Ideen mögen sich vermählen, damit wir zusammenarbeiten an einem freien, einigen Vaterland, in dem jeder sein Brot findet und sich als Freier unter freien, ewigen Gesetzen unterwirft.

Reichsminister Treviranus in Mainz.

Mittwoch, den

Das Programm

DO

Ben- Buzbach und trum des Gaues G Spielnachmittag geriffen. Man wan fam dann bei pral haufen: die Stadt, a auf den Sportplatz eines Rampfgericht Unzweifelhaft Die Wanderung. M Jugendführern war dizipliniert zum G nen unjere Jungens Arbeitsfeld für die Schlagern und zotig Volts und Wande zur ersten Strophe.

* Amtsgericht. Wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt und Hausfriedensbruch in der Trunkenheit hatte sich ein Ehe­paar zu verantworten. Es wurde mit 105 bezw. 40 RM. in Strafe genommen.

* Zapfenstreich des hiesigen Bataillons. Anläßlich der Rheinlandräumung wartete unsere Reichswehr am Montag abend mit einem großen Zapfenstreich auf dem Landgraf- Philipp­Platz auf. Mehrere Tausende von Menschen drängten sich auf dem beengten Platz und hörten mit Begeisterung den schneidi­gen Militärweisen zu.

* Sängerkundgebung. Zu einer eindrucksvollen Kund­gebung für den deutschen Chorgesang hatte sich am Sonntag morgen die Arbeitsgemeinschaft der Gießener Männergesang­vereine auf dem Landgraf- Philipp- Plaz eingefunden. Wir­kungsvolle Chorlieder in Abwechselung mit Vorträgen des Or­chestervereins leiteten zu den Ausführungen des Gauvorsitzen­den E. Koch und denen des Oberregierungsrat Ritzel, der im Namen der Provinz- und Kreisbehörden sprach. Die Veran­staltung hatte viele Zuhörer angelockt.

Mainz. Montag vormittag weilte der Minister für die be­setzten Gebiete, Reichsminister Treviranus, der sich auf einer Reise nach Speyer befindet, wo er an der Befreiungsfeier teil­nimmt, in Mainz, um in engstem Kreise mit der Stadtverwal­tung bezüglich der Zukunftsaufgaben zu sprechen. Der Reichs­minister zeigte sich außerordentlich gut orientiert über die Schwierigkeit der Stadt, die darin liegen, daß in größter wirt­schaftlicher Not die Schäden, die die Stadt Mainz in den letzten zwölf Jahren erlitten hat, wieder ausgeglichen werden müssen und Ersatz geschaffen werden muß für die verlorene deutsche Garnison. Er nahm die ihm vorgetragenen Wünsche mit großem Interesse entgegen und versprach, sich der Belange der Stadt Mainz, sowie der übrigen Teile des jetzt frei gewordenen Rheinlandes nach Möglichkeit anzunehmen.

* Protestkundgebung. Am letzten Sonntag veranstaltete die Gießener Studentenschaft im Café Leib eine Rundgebung gegen die Kriegsschuldlüge. Die Versammlung war gut be: sucht und nahm zum Schluß eine Resolution an, die an maß­gebliche Instanzen weitergegeben werden soll.

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Straßensperrung( mitgeteilt vom Oberh. Automobilclub E. V., Gießen). Die Ortsdurchfahrt Bruchenbrücken wird vom Umlei: 3. bis 12. Juli 1930 für jeglichen Verkehr gesperrt. tung erfolgt über Nieder- Wöllstadt oder Assenheim.

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Verband oberhessischer Posaunenchöre. Das 25. Jubiläums­fest dieses Verbandes in Gießen nahm am letzten Sonntag einen ausgezeichneten Verlauf. Der Höhepunkt des Festes war der Festgottesdienst in der Stadtkirche.

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Oeffentliche Versammlung. In einer öffentlichen Ver­sammlung spricht heute abend der nationalsozialistische Reichs­tagsabgeordnete Dreher in der Turnhalle am Oswalds­garten.

Aus Rab und Fern.

Schotten. Ein Landwirt wurde von einem Bullen gegen die Stallwand gedrückt und getötet.

Schotten. Der Polizeidiener der Kreisgemeinde Glashütten ist der älteste im Dienst befindliche Polizeidiener Hessens. Er hat 50 Jahre Dienstzeit hinter sich.

Offenbach. Ein junges Mädchen wurde am Heusenstammer

Täter.

und derer, die in den langen Jahren der Bedrückung treu zu Sin Aufruf zur Befreiung des Saargebietes. Weg überfallen. Auf Hilferufe des Mädchens verschwand der

ihrem Volke die Verwirklichung fremder Machtbestrebungen am Rhein verhinderten. Wunderbar offenbarte sich die Kraft, die einem großen Volke innewohnt. Die rheinische Bevölkerung kann das unvergängliche Verdienst für sich in Anspruch neh­men, den deutschen Westen deutsch erhalten zu haben. Nur auf dieser Grundlage konnte die weitblickende und konsequente Po­litik deutscher Staatsmänner zum Ziele führen. Mainz stand im Brennpunkt des Kampfes und Leides. Hier wurde die seelische Bedrückung durch rücksichtslose Beschlagnahme von Wohnungs- und Wirtschaftsräumen besonders verschärft. Ueber diese Stadt brauste der Separatismus mit besonderer Wucht. Hier aber war es auch, wo die Bevölkerung am entschlossensten allen Angriffen auf ihr Volkstum entgegentrat. In Mainz Wir werden die Nöte der fiel die eigentliche Entscheidung.

Zur Räumung der Rheinlande. Zeitgemäße Erinnerungen an den Ruhrkampf 1923-25. Die Fälle Heise und Herbst.

Für die Befreiung des Saargebietes erläßt ein Ehrenaus­schuß, mit den Oberbürgermeistern von Saarbrücken und Trier. dem Regierungspräsidenten, dem Landeshauptmann u. n. an der Spitze, einen Aufruf, in dem es u. a. heißt: Es ist mit dem feierlichen Gelübde der Liquidierung des Krieges und der Be­festigung eines dauernden europäischen Friedens unvereinbar, wenn jetzt, in letzter Stunde, versucht wird, durch unberechtigte Besitzansprüche auf Saargruben, durch das Verlangen nach wirtschaftlichem und nach Anerkennung der Saar- Pachtverträge die sofortige Rückgliederung des Saargebietes unmöglich zu machen. Angesichts der endlich errungenen Freiheit des deut­schen Rheines und unter Berufung auf das Selbstbestimmungs­recht der Völker richtet der Bund der Saarvereine in Ueber­

Ein Aufatmen geht durch die deutschen Lande. Die lange ersehnte Räumung der Rheinlande von den Besatzungstruppen ist am 1. Juli beendet wor den. Um die Gefühle der Bevölkerung, die sich überall zur Befreiungsfeier rüstete, verstehen zu können, wird es angebracht sein, sich einmal in die Zeiten der schlimmsten Bedrängnis durch die Be­jagung zurückzuversetzen. Gerade rechtzeitig er­scheint von Dr. Hans Spethmann ein Band über den Ruhrkampf 1923 bis 1925( ,, 12 Jahre Ruhr bergbau", Bd. 4, Verlag Reimar Hobbing, Berlin, 8, RM.). Der Band bringt eine Fülle von er­schütternden Ereignissen, die die Bevölkerung hat ertragen müssen und die bisher wegen der Besatzung Immer nicht bekanntgegeben werden fonnten. mehr rückt in diesem Band die Arbeiterschaft in den Vordergrund der Darstellung, der der Verfasser, in der Gesamtheit gesehen, in seinem Vorwort das Zeugnis ausstellt, daß sie mit Anspannung aller Energien, namentlich auch der seelischen, geholfen habe, den Feind abzuwehren. Wir greifen aus den Darstellungen die Fälle Heise und Herbst heraus, die die Haltung der Besatzungsbehörden besonders kennzeichnet, weil es sich um Männer handelt, die sich auf dem Gebiete der Wissenschaft und Technik allgemein anerkannter internationaler Geltung und Achtung erfreuen:

des Gardevereins. Am 23. Juni wurde der Verhaftete in das französische Militärgefängnis von Dortmund überführt, wo der Aufenthalt etwas erträglicher war und wo er Kragen, Hosen­träger und Schnürsentel wiedererhielt. In der kleinen Zelle, in der er mit zwei anderen untergebracht war, gab es eine Waschgelegenheit, außerdem konnte er vormittags und nachmit togs je eine Stunde auf dem Hofe spazieren gehen, ferner auch jeden Morgen selber die Belle säubern. Ueberdies durfte er jede Woche einmal fünf Minuten lang durch ein enges Gitter mit Angehörigen sprechen. Am 18. Juli, genau vier Wochen nach der Festnahme, wurde er freigelassen ohne weitere Erklä­rung und ohne daß er im Gefängnis auch nur ein einziges Mal von einem Untersuchungsoffizier vernommen wäre.

Bei Professor Heise erschienen am 20. Juni 1923 drei fran­zösische Kriminalbeamte und durchsuchten seine Wohnung nach Akten des Gardevereins., dessen Vorsitzender er schon seit 1921 nicht mehr war. Er wurde in einem Auto zum französischen Kriminalbüro gefahren, wo man ihm Kragen, Hosenträger und Schnürsenkel fortnahm und ihn in einen Keller einsperrte. Der Aufenthaltsraum enthielt nichts weiter als eine Holzpritsche, einige wollene Decken und einen Unrateimer, der seit Wochen nicht gereinigt war; eine Waschgelegenheit war nicht vorhanden. Vertreter des Roten Kreuzes wurden nicht zugelassen, wahr­scheinlich, damit sie nicht einen Einblick in diese unglaublichen Zustände erlangten. Eine Vernehmung geschah erst nach zwei Tagen, am 22. Juni, und zwar über das angebliche Fortbestehen

Die Verhaftung von Professor Herbst geschah am 31. Mai 1923. Am frühen Morgen dieses Tages fand in seiner Berg­schule eine Haussuchung statt, die als einziges Ergebnis drei Flugblätter zutage förderte, die ein Lehrer mitgebracht und auf dem Tisch im Lehrzimmer hatte liegen lassen. Die Fran­zcsen waren über dieses magere Ergebnis sichtlich enttäuscht, verhafteten aber trotzdem Professor Herbst.

Groß- Umstadt. Ein Lehrling erlitt auf einem Karussell einen Schwindelanfall, stürzte ab und wurde tödlich verletzt.

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Darmstadt. Ein mit zwei Schupoleuten besetztes Flugzeug mußte notlanden. Das Flugzeug geriet dabei in Brand. Wäh rend der Pilot sich retten konnte, verbrannte der angeschnallte Mitfahrer.

Frankfurt a. M. Zwischen mehreren Erwerbslosen und vier Beamten des Fürsorgeamtes kam es zu einer schweren Schläge: rei, die durch das Ueberfallkommando beendet werden mußte.

Büdo Luxus

für den Schuh

suchungsgefangene behandelt und in großen Sälen unterge: bracht. Im allgemeinen war die Behandlung angemessen Mangelhaft war die Bewegung im Freien, nur zweimal täglich eine halbe Stunde auf dem gepflasterten Gefängnishof.

Weit ungünstigere Verhältnisse herrschten in Germersheim Das Gefängnis war weder für eine große Gefangenenzahl, noch auch für einen Daueraufenthalt eingerichtet. Wir mußten Zweien eine enge Zelle teilen, die zwischen den Bettgestellen foum Bewegungsmöglichkeiten bot, konnten nur auf dem Strohsack sitzend, schreiben und lesen, hatten wegen des geringer Drucks in der Wasserleitung Schwierigkeiten mit der Beschaffung des nötigen Reinigungswassers, verfügten nur über einfache Emailleeimer als Abortkübel und hatten wenig Bewegung, de uns nur zweimal ein halbe Stunde täglich auf dem engen Ge fängnishof bewilligt wurde, wo wir nur im geschlossenen Zug zu Dreien gehen durften. Die Verpflegung war schlecht und un zureichend. Allerdings wurden anscheinend die zuständigen Mengen geliefert, jedoch wurde der erste Atguß der Fleischbrüh für die Aufseher abgezapft. Die Zubereitung war ganz minder wertig, insbesondere wurden die Hülsenfrüchte, die zur täglichen Kost gehörten, nicht genügend lange gekocht, so daß man nur eine mehr oder weniger klare Brühe mit ,, Schrapnellfugeln" erhielt Infolge der Eintönigkeit des Gefängnislebens drängten sich die Gesangenen zum täglichen Kartoffelschälen als willkom mene Abweslung. Alle Zeitungen waren verboten. Beleuch tung in den Zellen war nicht vorhanden, mit fortschreitender Verkürzung der Tage mußte das Bett immer früher aufgesu werden. Auch war für Heizung nur sehr mangelhaft gesorgt weil lediglich eine Gesamtheizung des ganzen Gebäudes vorge sehen war. Da die Verhafteten nicht als politische Gefangen angesehen wurden, so waren die Mitgefangenen teilweise rech übler Art. Einer unter ihnen suchte schon während der Ge fangenschaft Genossen für demnächstige Kircheneinbrüche.

Herbst wurde zunächst in die französische Wachstube im Ge­bäude des Kohlensynditats gebracht und abends nach Werden geschafft, wo er mit etwa dreißig Leidensgenossen in einem grö­Beren Raum untergebracht ward. Die erste Vernehmung er­folgte nach einigen Tagen durch Kapitän Duver, wobei sich als Belastungsunterlage lediglich die erwähnten Flugblätter er­gaben und ein Anschlag, der die abfällige Aeußerung Macdonalds über den Ruhreinbruch wiedergab, wörtlich der Deutschen Bergwerks- Zeitung" entnommen. Kapitän Duver tat hierüber sehr erregt, trotzdem ihn Herbst darauf aufmerksam machte, daß die Deutsche Bergwerks- Zeitung" niemals verboten gewesen sei und das Macdonald als Engländer französischer Bundes­genosse sei. Am 27. Juni wurde Herbst dann vom Kriegsgericht Werden zu fünf Jahren Gefängnis und 10 Millionen Mark Geldstrafe verurteilt, blieb aber vorläufig noch im Zuchthaus Werden, bis er am 19. August nach Germersheim abtranspor­tiert wurde, wobei man ihn mit Handfesseln an einen anderen Leidensgenossen schloß. Im Gefängnis fam er mit Landrat Schöne in eine Zelle, in der sich beide ohne Licht ihre Stroh­säcke suchen mußten. In Germersheim blieb Herbst bis zum 1. November, alsdann wurde er nach Zweibrüden überführt, wo er noch bis zum 6. März 1924 aushalten mußte, über ein Vier­teljahr nach Abschluß der Micumverträge!

Ueber seine Erfahrungen ist seinem Berichte das Nach­stehende entnommen:

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Im Zweibrüder Gerichtsgefängnis waren die Verhältnisk besser infolge der umfangreichen Fürsorgetätigkeit des Roter Kreuzes, dessen waderen Vertreters, des leider zu früh ve sterbenen Herrn A. Albert, hier ehrend gedacht sei. Die Zellen waren geräumiger und mit Klapptischen, Heizvorrichtungen und geruchlos abgedeckten Abortkübeln versehen. Ueber fünfzig Jahr alte Gefangene wurden durch das Rote Kreuz verpflegt. die übrigen wurde die Zubereitung des Essens durch fundige Mitgefangene zugelassen, auch war eine Zuschußverpflegung vot vier Pfund wöchentlich je Kopf gestattet. Als größte Härte empfand der Verhaftete das demütige Strammſtehen vor det Aufsehern beim jedesmaligen Oeffnen und Schließen der Zellen.

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