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5.

Samstag, den 15. September 1928.

Nidda. Die dieser Tage hier abgehaltenen Versteigerungen

Des Grummetgrases, der Wirtschaftsbirnen und Zwetschen von den städtischen Grundstücken und Baumanlagen ergaben einen befriedigenden Erlös.

Schotten. Am 1. und 2. Oftober wird die diesjähr. Tagung des Hessischen Vogelschutzvereins und des Verbandes der Hessi­jhen Staatsförster in unseren Mauern abgehalten werden. Worms. Fünf jugendliche Personen, die alle im Lehrlings­verhältnis stehen, haben in der letzten Zeit fortgesetzt kleinere Einbrüche verübt. Da ihnen auch Diebstähle zum Nachteile der Besatzung zur Last gelegt werden, wurden vier von ihnen durch die französische Gendarmerie festgenommen und dem Amts­gerichtsgefängnis zugeführt.

Suzdorf. Mit dem Motorrad in die Kirche gerannt ist hier der Fahrer Block aus Sandlofs. Um einen drohenden Zu­sammenstoß mit einem Fuhrwerk zu vermeiden, lenkte er sein Rad nach der Kirche zu, sauste die beiden Stufen empor gegen die geschlossene Kirchentür. Diese sprang auf und Block mit feinem Soziussitz rannten in die Kirche, beide kamen zu Fall und blieben unverletzt.

Frankfurt. Die Tagung der Gewerkschaft Deutscher Loko­motivführer findet vom 18. bis 21. September in den Räumen des Zoologischen Gartens ſtatt. Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer zählt ca. 71 000 Mitglieder und umfaßt mit diesen mehr als 98 Prozent des gesamten Lokomotivführerstandes. 1. a. wird ausgiebig über die Ursachen der in den letzten Jah­zen stattgefundenen Eisenbahnunfälle und über Vorschläge zu deren Vermeidung gesprochen werden.

Würzburg.( Ein guter Magen.) Dieser Tage fuhr eine Etwashäuser Gärtnerin im Eisenbahnzug von Würzburg nach Hause. Im Abteil sie ein Pfund Zwetschen samt den Ker­nen. Als ein ihr gegenübersitzender Herr auf die Gefährlichkeit ihres Handelns hinwies, meinte sie: Die Karn sinn bezohlt und warn aa' gass.n."

Das neue Gesetz über Waffentragen.

Das Gesetz über Schußwaffen und Munition vom 12. April 1928 und die Ausführungsverordnung der Reichsregierung vom 13. Juli 1928 treten am 1. Oktober 1928 in Kraft.

Jm wesentlichen enthält es folgende Bestimmungen für den Aleinkalibersport:

1. Wer eine Kleinkalibersportbüchse

auch nur leihweise in seinen Besitz bringen will, braucht von der Polizeibehörde einen Waffenerwerbsschein( höchstens 1,- M).

2. Wer seine Sportbüchse außerhalb seines befriedeten Be Tihiums führen" will, braucht von der Polizeibehörde einen Waffenschein( höchstens 1,- M).

3u 1. und 2.: Personen unter 20 Jahren brauchen für Waf­fenerwerbs- und Waffenschein noch die besondere Erlaubnis der höheren Verwaltungsbehörde des Bezirks; bei Zuverlässigkeit des Antragstellers wird die Erlaubnis für Sportzwede wohl in der Regel erteilt werden.

3. Wer eine Sportbüchse auf einem polizeilich genehmigten Schießstand zur Benutzung lediglich auf diesem Schießstand über­lassen erhält( z. B. eine Vereinsbüchse), braucht keinen Waffen­crwerbs und keinen Waffenschein.

4. Wer eine Sportbüchse lediglich vom Aufbewahrungsort zum Schießstand oder zur Reparatur oder zur Absendung mit Der Post oder zurückbringt, und jeden Zweifel ausschließt, daß er die Büchse unterwegs benutzen will, sie also verpackt( im Futteral), ungeladen und getrennt von der Munition befördert, braucht teinen Waffenschein, denn er, führt" die Waffe nicht im Sinne des Gesetzes.

3u 3 und 4: Das Alter spielt in diesem Falle keine Rolle. 5. Für den Erwerb von der gewöhnlichen Randfeuermuni­tion mit Weichbleigeschoß für Kleinkalibersportbüchsen ist der für andere Munitionsarten vorgeschriebene Munitionserwerbs­Schein nicht nötig.

6. Wer aber mehr als hundert Patronen der Kleinkaliber­munition oder wer mehr als fünf Kleinkalibersportbüchsen be­Sigen will, braucht nach den Bestimmungen des Gesetzes für Waffen- und Munitionslager die Genehmigung der höheren Berwaltungsbehörde des Bezirks.

Diesen reichsgesetzlichen Bestimmungen folgen noch weitere Anordnungen der hessischen Regierung. Diese werden die ge­naute Bezeichnung der einschlägigen Polizei- und Verwaltungs­behörden enthalten; die Länder sind aber dem§ 29 des Reichs­gesetzes unterworfen, der den Erlaß weiter gehender Beschrän­ungen ausschließt.

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Gießener Zeitung"

Die Enteignung in Rußland und ihre Bedeutung für die Welt.

Referat des Herrn Professor Dr. Jwan Jljin Fortsetzung.

5. Am meisten hat die Arbeiterklasse gewonnen und ganz besonders die obere Schicht der kommunistischen Partei.

Reell genommen sind aber die Akquisitionen der Arbeiter­klasse durchaus nicht zu hoch zu schätzens). Der reelle Arbeiter­lohn brauchte nach den Berechnungen der Sowjetstatistik zehn Jahre, um das Vorkriegsniveau erreichen zu können, und dies auch noch nicht, denn die Auslagen für die Wohnung macht nicht 20 Prozent des gesamten Haushaltes der Arbeiter aus, wie üblich, sondern nur 4 Prozent im Durchschnitt. Der Achtstunden­tag ist durchgeführt, aber nur nominell, denn es wird sehr oft darüber gearbeitet. Die Arbeitslosigkeit wächst von Jahr zu Jahr. Und wenn etwas sicher zu verzeichnen bleibt, so ist es ein gewisses Quantum von enteigneten Möbeln, Kleidern und Ge­schirr.

6. Einen wirklichen Gewinn haben nur die Kommunisten­führer, die über alles im Lande verfügen und vieles außer dem Lande anbaufen und anhäufen, um sich die Zukunft zu sichern.

Dies ist im ganzen das konkrete Fazit der Enteignung und der Verteilung des Besitzes in Rußland.

Versuchen wir jetzt den lehrreichen inneren Sinn des gan­zen Prozesses ins Auge zu fassen. Was bringt so eine Enteig­nung dem Lande?

Erstens Zerstörung der Wirtschaft und einen riesigen natio­nalökonomischen Verlust. Einige Sowjetökonomisten haben in der Sowjetpresse versucht, den gesamten Verlust an Volksreich­tum während der Revolution sehr bescheiden auf 30 Prozent und darüber des Gesamtwertes zu berechnen; in Wirklichkeit ist er gewiß bedeutend größer. Auch ist es bekannt, daß in so einem Prozesse jeder Bürger( auch der Enteigner selbst, der scheinbar Vorteile genießt), unendlich mehr als Volksmitglied verliert, als es ihm als Privatmann gelingt, irgendwie für sich zu gewinnen. Denn das allgemeine Niveau der Lebenshaltung, der Kultur, der Produktion, der Arbeitsmöglichkeit, des reellen Arbeitslohnes und also der gesamten Konsumtion sinkt dermaßen, daß der er­greifende Expropriateur die von ihm ergriffenen Güter weder auszunützen noch zu genießen imstande ist. Die Beute schmilzt ihm sozusagen in den Händen und verduftet in ihrem Werte.

Es genügt hier nur darauf hinzuweisen, daß vor dem Kriege der Bauer für ein Pud Roggen 4% Meter Textilwaren kaufen konnte und jetzt( laut den Sowjetberichten) kaum nur/ me= ter; daß die Qualität der Ware immer weiter sinkt, daß vor dem Kriege die Preiserhöhung im Detailverkauf 20 Prozent ausmachte und jetzt 64 Prozent, und daß einige Millionen elternlose und verwahrloste Kinder im Lande herumirren wie kleine wilde Tiere, prostituiert, syphilitisiert, kokainisiert, obdach­los und raubsüchtig- Opfer der großartigen Enteignung. Dem­entsprechend ist das übrige wirtschaftliche und kulturelle Niveau des unglücklichen Landes.

Damit hängt zusammen, daß die Enteignung grundsätzlich die Verelendung der enteigneten fulturellen Schicht bedeutet und folglich eine allgemeine kulturelle Vereinfachung und Degra­dierung. Denn Kulturwerte können nicht nach Befehl geschaf= fen werden. Ganze Generationen arbeiten selbstlos an dem, was während drei bis vier Jahren niedergerissen und zertrümmert werden kann. Es ist im Auge zu behalten, daß die wohlhabende Schicht in Rußland vor dem Kriege sehr dünn war. Wenn wir 3. B. mit Woytinsky) das bescheidene Niveau eines Jahres­einkommens von 3000 Mark nehmen, so sehen wir, daß im Jahre 1910 in den Vereinigten Staaten 47 Prozent, in Eng­land 12 Prozent, in Preußen 6 Prozent und in Rußland 1,2 Prozent der Bevölkerung ein über diesem Niveau liegendes Ein­kommen hatten. Rußland litt an einer verhältnismäßig sehr rückständigen und ungenügenden Konzentration des Kapitals und darum war es immer gezwungen, Kapital zu importieren. Auch fehlte in Rußland ganz besonders ein zahlreicher und wirt­schaftlich wohlhabender Mittelstand, und indem die reiche Schicht im Lande nicht genügend reich war, hatte die unterste Schicht sich den wirtschaftlichen Weg zum Reichwerden durch intensiven Ackerbau noch nicht angebahnt.

8) Siehe die feine und einsichtsreiche Broschüre unseres besten Kenners der Sowjetwirtschaft Dr. W. Höffding( Berlin). ") Ein Pud gleich etwa 17 Kilogramm.

Nr. 73

Man darf auch nicht vergessen, daß das vorrevolutionäre Rußland von allen europäischen Ländern das am wenigsten pro­letarisierte Land war. Während auf je 100 wirtschaftlich selb­ständige Menschen10) in England z. B. 77 Proletarier treffen, in der Schweiz 66, in Desterreich 63, in Deutschland 61, in Frank­reich 48, in Italien 45, in Griechenland 22, zählte man in Rußland für das Jahr 1921( also nach der Enteignung) 13, vor dem Kriege aber nur 7-10 Proletarier.

Auch ist es statistisch nachweisbar, daß Rußland vor dem Kriege durchaus feine wirtschaftliche und kulturelle Verelen­dung zu bekämpfen hatte; im Gegenteil. Es genügt der Hin­weis, daß im Laufe der letzten 20 Vorkriegsjahre Rußland einen Bevölkerungszuwachs von 40 Prozent zu verzeichnen hatte, die gesamte Jahresproduktion aber( 1894-1914) weit stärker zu= nahm. So ergab die gesamte Kornproduktion der letzten Vor­friegsjahre ein Plus von 78 Prozent; der Viehbestand ein Plus von 63 Prozent; Steinkohle( Jahresproduktion)+ 300 Prozent; Naphta+ 85 Prozent; 3uder+245 Prozent; Baumwolle+380 Prozent; Gold 43 Prozent; Kupfer +375 Prozent; Gußeisen+ 250 Prozent; Eisen und Stahl +224 Prozent. Auch stieg der Goldfonds des Staats­schatzes um 146 Prozent und das Jahresbudget des Kultusmini­steriums um 6281) Prozent. Der Prozentsatz des wirtschaft­lichen und kulturellen Fortschritts überragte in allem ganz enorm denjenigen des Bevölkerungszuwachses. So sieht ein verelendendes Volk, welches nur eine Aussicht auf eine un­umgängliche Revolution hat, nicht aus. Rußland war auch keines. Es arbeitete für sein inneres Wohl, und zwar erfoly­reich. Die Agrarreform Stolypins( 1909) war der mächtigste fördernde Stoß, den Rußland seit der Bauernbefreiung( 1861) erlebte; das war das Ende der wirtschaftlich reaktionären Dorf: kommune; das war der Weg zum Privateigentum, zur inten= siven Wirtschaft, zum Mittelstande, zum Rechtsbewußtsein.

Dies alles besagt nun, daß eine soziale Revolution nicht wegen Ungleichheit der Besitzverteilung im Lande geschieht, ge= schehen kann und muß, denn dann müßte das ganze Leben bei allen Völkern zu einer ewigen Revolution werden. Gleichheit im Vermögen ist überhaupt eine naturwidrige Utopie, ein aus Minderwertigkeitsgefühl und Neid entstehendes Hirngespinst.

Eine soziale Revolution wird nicht dadurch begünstigt, daß die Wenigen mehr haben als die Uebrigen, die Vielen; son= dern erst dadurch, daß es im Lande eine zu große Mehrheit gibt, welche, absolut genommen, zu wenig hat. Also je größer die verelendende Mehrheit, desto leichter tritt eine soziale Re­volution ein( dies für die große französische Revolution 1789 zutreffend).

10) Die Welt in Zahlen.

11) Vgl. Die Welt in Zahlen.

Verschiedenes.

Hessische Künstlerhilfe 1928.

Wie im vorigen Jahre, werden auch heuer Weihnachtsaus­stellungen für die drei hessischen Provinzen in Darmstadt, Mainz und Gießen veranstaltet, die jedem Kunstfreund Gelegenheit geben, zu niedrig gehaltenen Preisen Originalwerke von künst­lerischer Qualität zu erwerben. Für die Provinz Oberhessen findet diese Ausstellung in Gießen im Turmhaus am Brand­platz statt. Als Ergänzung der Ausstellungen werden in eben­falls nach den Provinzen getrennten Ausspielungen drei Lot­terien durchgeführt, deren Gewinne in Kunstwerken bestehen, die von den ausstellenden Künstlern angekauft werden.

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60 Jahre Hessischer Landes- Lehrerverein. Der Hessische Landes- Lehrerverein feiert Anfang Oktober ds. Js. sein 60jähriges Vereinsjubiläum. Infolge der ungün­stigen Zeitverhältnisse konnte das 50jährige Bestehen des Ver­eins nicht festlich begangen werden. Die Jubiläumsfeier findet deshalb auch in größerem Rahmen statt. Die Vorbereitungen sind in vollem Gange. Es ist eine außerordentlich starke Be­teiligung der Lehrerschaft zu erwarten. Auch weite Kreise der Der Bevölkerung interessieren sich für die Veranstaltung. Staatspräsident von Hessen, der Oberbürgermeister der Stadt Darmstadt, sowie Vertreter der Behörden, der Kunst und Wis­senschaft, des Handels und der Industrie gehören dem Ehren­ausschusse an und befunden damit ihr reges Interesse an dem Hessischen Landes- Lehrerverein und seiner Tätigkeit.

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