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Gießener Zeitung

( Neueste Nachrichten)

Erscheint Mittwochs und Samstags. Bezugspreis 2,40 M vierteljährlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rüd­fendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.

41. Jahrg.

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Politische Tagesschau.

Die von der KPD. für den Verfassungstag in Hamburg an­gejezte Kundgebung ist von der Polizeibehörde verboten worden.

Am heutigen Verfassungstage flaggen die bayerischen Ver­waltungen nur in den Landesfarben.

In Paris glaubt man nicht mehr an eine unmittelbar be: vorstehende Veröffentlichung des englisch- französischen Flotten­ablommens.

Dr. Hugo Edener beging gestern seinen 60. Geburtstag. In Badenweiler im Schwarzwald ist gestern der ehemalige Großherzog Friedrich von Baden im Alter von 71 Jahren ge= torben.

Der irische Außenminister wird an der Unterzeichnung des Kellogpaktes teilnehmen.

Die Leiche Raditschs wird am Sonntag beigesetzt werden.

Der russische Eisbrecher ,, Sadow" ist immer noch auf der Suche nach Amundsen und der Alessandrini- Gruppe und hat am 3. August bereits 80 Grad 40 Minuten nördlicher Breite erreicht. Amerika hat der Bank Morgan 25 Millionen Dollars zur Stabilisierung des Posetas in Spanien genehmigt.

In Rabow wurde ein höherer polnischer Polizeibeamter von einem Unbekannten mit vier Schüssen erschossen.

Der deutsche Fremdenlegionär Klembs wurde zu lebens­länglichem Zuchthaus begnadigt.

Nach einer Meldung aus Stuttgart sollen am 25. August die ersten Werkstättenfahrten des Luftschiffes Graf Zeppelin" be­ginnen.

Englisch- französische Mannöver

im besetzten Gebiet.

Nach einer Meldung aus London werden die 8. kgl. irischen Husaren, das einzige britische Kavallerie- Regiment, das zur Be­jagungsarmee am Rhein gehört, an den kommenden Manövern der französischen Besatzungsarmee unter dem General Guillau­mat teilnehmen. Diese Zusammenarbeit zwischen den Truppen zweier Nationen an Friedensmanövern ist wahrscheinlich, so schreibt der ,, Daily Telegraph", ohne jeden Vorgang. Dieser ist zweifellos eine Folge der neuartigen Umstände, unter denen die britischen und französischen Truppen zur Zeit einem gewissen Zweck dienen, Umstände, die wohl niemals wieder vorkommen werden. Was auch immer die Erklärung sein mag, das Ereig= nis wird in beiden Ländern als ein neuer Beweis für die guten Gefühle angesehen werden, die zwischen den militärischen Stellen der Alliierten im Rheinland herrschen.

An den zuständigen Stellen wird die vorstehende Meldung bestätigt. Die Manöver- Einladung sei von den französischen militärischen Stellen ausgegangen und englischerseits angenom­men worden. Die Zu der englischen Militärs sei aus dem natürlichen Wunsche zu erklären, den im Rheinland stehenden Truppen Gelegenheit zu Uebungen in größeren Verbänden zu geben. Die geringe Gelegenheit für die an Zahl schwachen eng­lischen Besatzungstruppen, sich in Manövern großen Stils aus­zubilden, sei mit ein Grund des Widerstandes gewesen, den die militärischen Stellen der Verringerung der Truppenzahl seiner= zeit entgegengesetzt hätten. Irgendwelche politische Bedeutung sei den Absichten der militärischen Stellen im Rheinland nicht beizumessen.

Jährlich 600 Millionon

für die Wohnungszwangswirtschaft.

Nach den Untersuchungen des Reichstagsabgeordneten Luce ( Wirtschaftspartei) erfordert die Wohnungszwangswirtschaft ein Heer von 58 400 Beamten, darunter 36 000 Reichsbeamte für die Wohnungsämter selbst. Der Aufwand an Gehältern für sie be= trägt jährlich 230 Millionen Mark, wozu noch rund 100 Milli­onen Mark Verwaltungskosten kommen. Die im letzten Jahre im Zusammenhang mit der Wohnungszwangswirtschaft geführten 816 000 Prozesse haben dem Staat 122,4 Millionen M. gekostet und den Beteiligten Kosten und Verdienstausfall non mirde­stens 91 Millionen Mark verursacht. Luce kommt so für 1927 zu 586,4 Millionen Mark als Summe der Wohnungszwangs= wirtschaftskosten.

Das Reichskabinett beschließt den Panzerfreuzerbau.

Das Reichskabinett beschloß in seiner gestrigen, unter dem Vorsitz des Reichskanzlers abgehaltenen Sitzung, den Bau des Panzerschiffes in Angriff zu nehmen. Zu diesem Beschluß ist Die Reichsregierung gelangt, nachdem festgestellt wurde, daß die durch den Bau des Panzerschiffes entstehenden Mehraus­gaben in den folgenden Jahren durch entsprechende Ersparnisse bei sonstigen Ersatzbauten wieder eingebracht werden.

Das Reichskabinett erhöhte ferner die Versicherungspflicht­grenze in der Angestelltenversicherung von 6000 Mart auf 8400 Mark und beschloß u. a., dem Reichstag die Ratifizierungsge= setze über drei internationale Uebereinkommen, betreffend die Seeschiffahrt, vorzulegen.

Druck und Verlag von Albin Klein in Gießen Geschäftsstelle: Gießen, Südanlage 21. Fernsprecher Nr. 2525 und 2526 Postscheckkonto Nr. 69 530 Amt Frankfurt a. M

Samstag, den 11. August 1928

Ungewisse Lage in Sugoslawien.

In Belgrader politischen Kreisen wendet sich das Interesse der Frage zu, welche Folgen der Tod Raditsch für die weitere innerpolitische Entwicklung nach sich ziehen werde. Allgemein gibt man sich der Hoffnung hin, daß die blutigen Opfer die verantwortlichen Führer des Volkes veranlassen werden, dem zügellosen Parteikampf Einhalt zu tun und ihren ganzen Ein­fluß auf die Aussöhnung geltend zu machen. Man erwartet, daß man in Agram, nachdem sich die Trauer etwas gelegt haben wird, zur Einsicht kommen werde und betont, daß eine Verstän= digung nur durch gegenseitiges Entgegenkommen erzielt werden fann.

König Alexander hat an die Familie Raditsch ein Tele­gramm gerichtet, in dem er seinem aufrichtigen Beileid anläß­lich des Todes Raditsch Ausdruck gibt. In Agram ist das bis jetzt noch unbestätigte Gerüt verbreitet, daß der König zur Be­stattung nach Agram kommen werde. Die Leitung der bäuer­lich- demokratischen Koalition beschloß, eine selbständige Natio= naltrauer für Raditsch zu proklamieren. Zum Zeichen der Trauer sollen 14 Tage lang feine Kundgebungen und Demon­strationen veranstaltet werden.

Der englische Kampf um Arabien.

Aus London wird gemeldet: Die Verhandlungen Sir Gil­bert Claytons mit Jbn'Saud, dem König des Hedschas und Sul­tan von Neschd, sind erneut zusammengebrochen. Der englische Unterhändler hat eine dementsprechende Mitteilung an das Kolonialministerium gesandt. Die englische Presse sieht die Lage als sehr ernst an.

Das 18. Opfer von Dinkelscherben.

Von der Reichsbahndirektion wird mitgeteilt: Die 59 Jahre alte Witwe Rosa Schmied aus Söflingen bei Ulm ist gestern früh im Krankenhause zu Susmarshausen( Bayern) an den Fol­gen der bei dem Dinkelscherbener Eisenbahnunglück erlittenen Verlegungen gestorben.

Als siebzehntes Todesopfer des Dinkelscherbener Eisenbahn­unglücks wurde am Mittwoch die 25jährige Buchhalterin Jrma Mary von Buttenhausen auf dem israelischen Friedhof zur Ruhe bestattet.

Um das blaue Band des Ozeans.

Die englische Finanzpresse kommentiert, daß mit dem Stapel­lauf der deutschen Riesenschiffe Europa und Bremen der Kampf um das Prestige auf dem Atlantischen Ozean wieder be= ginnen werde. Die englischen Schiffahrtsgesellschaften treten ebenfalls in Konkurrenz mit einem neuen 60 000 Tonnendampfer der Cunardlinie, um für ihr Land das blaue Band des Ozeans zu sichern.

Rückgang der Arbeitslosenziffer.

In der Arbeitslosenversicherung ist die Zahl der Haupt­unterstützungsempfänger in der Zeit vom 15. bis 31. Juli von 579 800 auf 564 000 zurückgegangen. Bei den männlichen Ar­beitslosen betrug die Abnahme 2,4 v. 5., bei den weiblichen 3,3 v. H. In der Krisenunterstützung hat sich die Zahl der Hauptunterstützungsempfänger von 89 600 auf 82 900 vermindert.

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Nummer 63

Rheinfränkische Eisenbahnthronik.

Von A. Weigel Frankfurt a. M.

Das rheinfränkische Eisenbahnnetz ist in der Hauptsache im Zuge der alten Heer- und Handelsstraßen, den zahlreichen Flußläufen und Tälern des mittleren Rhein- Main- Strom­gebietes angepaßt. Was jedoch diesem System bis heute noch als wesentlicher Hauptfehler anhaftet, ist das Fehlen einer größeren Anzahl von Querverbindungen, die talverbindend und unter Ueberwindung von Wasserscheiden und Höhenrücken bis­her verkehrsarme Gebietsteile aufschließt und diesen nach den Hauptstrecken industriereicher Brennpunkte Anschluß gibt. Dieser Mangel entspringt größtenteils der länderterritorialen Zer­rissenheit des Gesamtgebietes, die in der gegenseitigen bewußten oder auch unbewußten Absperrung eizelner Gebietsteile unter­einander innerhalb eines großen zusammengehörigen Wirt­schafts- und Verkehrsraumes Ausdrud findet.

Diese Zerrissenheit besteht heute noch verwaltungsmäßig u. a. in der unglücklich verkehrsgeographischen Abgrenzung un­zusammenhängender Eisenbahn- Netze der verschiedenen hier in Betracht kommenden 10 Eisenbahndirektionsbezirke, welche schon allein in ihrer allzu großen Zahl viel zu kleine Verwaltungs­bezirke abgeben und daher nicht in der Lage sind, die inneren Zusammenhänge der natürlichen Landschaften in ihrer gegen­seitigen Verpflechtung zu erfassen und denselben entsprechend Rechnung zu tragen.

So ist z. B. der Landeseisenbahnrat Frankfurt, der heute die drei Direktionsbezirke Frankfurt, Mainz und Kassel umfaßt, bereits aus diesem Bedürfnis heraus entsprungen, mit der Aufgabe, diesem Mangel territorialer Zusammenhänge durch einmütiges Zusammenarbeiten abzuhelfen. Es ist daher erklär­lich, daß die innerhalb Rheinfrankens in den letzten Jahren auftauchenden Bahnprojekte fast ausschließlich Querverbindun­gen sind, die über die verschiedenen Ländergebiete und Direkti onsbezirke führen.

Bercits in unmittelbarer Umgebung von Frankfurt fehlt der nördliche Abschluß einer Ringbahn, die sogenannte Taunus: querbahn, welche den gesamten Rhein- Main- Städtekranz enge= ren Zusammenschluß geben soll. 22 hessische und preußische Ge= meinden des bisher eisenbahntechnisch unerschlossenen Hoch­taunus haben mit Unterstützung der Städte Wiesbaden und Mainz zur Errichtung einer Taunus- Querbahn Niedernhausen -Oberreifenberg- Schmitten- Usingen- Bad Nauheim in einer Denkschrift das Reichsverkehrsministerium erneut aufgefordert.

Jm Süden von Frankfurt steht der Plan einer direkten Eisenbahnlinie Offenbach- Darmstadt ebenfalls erneut zur Dis­kussion.

Eine weitere Strede betrifft das oberhessische Kleinbahn­projekt Büdingen- Oberfeemen, das über Büdingen hinaus auf preußischem Gebiet über Hanau oder evtl. direkt über Hochstadt nach Frankfurt führen soll.

Ein Bahnprojekt, das zur Erschließung des in der Entwid= lung zurückgebliebenen südlichen Vogelsberges dringend der Verwirklichung bedarf, ist die Linie Birstein- Hartmannshain, als Fortsetzung der Kleinbahn Wächtersbach- Birstein über die hessische Grenze hinweg. Die Schwierigkeiten liegen hier in der Herbeiführung einer Uebereinstimmung zwischen der preußischen und hessischen Regierung, worüber z. Zt. Verhandlungen noch schweben.

Anschluß an diese oberhessische Strecke nimmt ein neues Projekt mit der Linienführung von Fulda über Hosenfeld, Freien- Steinau, Radmühle in Birstein einmündend und ein weiteres, das von Großenlüder der Strecke Fulda- Alsfeld ab­zweigt und über Weidenau- Steinau in Soden- Salmünster zur Entlastung des Distelrasen- Tunnels in die Hauptstrecke ein­

mündet.

Verschiedene Projekte dienen der weiteren Verkehrserschlie­zung der Rhön und des Spessarts. So dient der Erschließung des Innenspessarts das Projekt einer westöstlichen Bahnlinie von Gelnhausen- Bieber nach dem bayr.- unterfränkischen Par­tenstein und zwar in Verlängerung der Kleinbahnstrecke Geln­hausen- Lochborn, wodurch u. a. auch eine durchgehende Linie von Gießen bis Lohr a. M. bezw. Würzburg erzielt werden soll. Jm Wettbewerb hierzu sieht ein weiteres Projekt die Verlän­gerung der Strede Wächtersbach, Bad Orb über Pfaffenhausen ( Jossgrund) Frammersbach nach Partenstein vor.

Eine weitere Neubaustrede gründet sich auf das alte Rhön­bahnprojekt Fulda- Poppenhausen, woran 17 Gemeinden in= teressiert sind.

Eine Verbindung der Werrabahn mit Frankfurt wird an­gestrebt durch den Bau der kleinen Verbindungsstrecke Neustadt a. S. Bad Kissingen, wodurch eine direkte Durchgangslinie über Gemünden- Aschaffenburg- Frankfurt hergestellt werden soll.

Der Erstellung einer kurzen 21 Km. langen Verbindungs­strecke nach Steinach- Greglingen, wird ferner eine wesentliche Bedeutung für die Verkehrsverhältnisse auf der Linie Wertheim -Mittenberg- Aschaffenburg und das gesamte Untermaingebiet beigemessen, wodurch gleichzeitig auch eine neue Schienenver­bindung zwischen Nürnberg und Mannheim- Ludwigshafen ge= schaffen würde.

Eine weitere propagierte furze Verbindungsstrecke zwischen Obernburg- Eisenbach Mömlingen ergibt ferner die Möglich­keit aus dem mittleren Maintal des Mainviereds über Höchst i. O. nach Darmstadt zu gelangen.

Das Schwalmtal Bahnprojekt sieht eine direkte Verbin­dung Oberhessens über den Vogelsberg mit Frankfurt vor. Mit