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Gießener Zeitung
Erscheint: Samstags.
( leueste Nachrichten)
Bezugspreis 40 Big. monatlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rüd Jendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.
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Politische Tagesschau.
Laut Beschluß des Kabinetts sollen die Wirtschaftsverhand lungen mit Bolen nunmehr wieder aufgenommen werden. An Stelle des bisherigen Leiters der deutschen Delegation, Staats: jekretär Dr. Lewald, tritt wahrscheinlich Ministerialdirektor Dr. Boppe vom Reichswirtschaftsministerium.
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Württembergs Staatspräsident Dr. Bazille spricht gegen den Einheitsstaat.
Die sozialdemokratischen Agitationsanträge auf Asschaf fung der Zuchthausstrafe wurden abgelehnt.
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Im hessischen Wahlkampf bekennt der Zentrumsabgeordnete Wirth sich als politischer Gegner der Zentrumsminister Marg und Brauns.
Jn 6 Bezirken in Niedersachen, in denen 16 Vertrauens: und 32 Ersagmänner der Angestelltenversicherung zu wählen waren, entfielen auf den D. H. V. 9 Vertrauens. und 21 Ersagmänner, auf den G. D. A. 7 Vertrauens, und 11 Ersagmänner. Der so: zialdemokratische Asa- Bund ging leer aus.
Die von einigen Blättern gebrachten Butschabsichten der Sozialdemokraten in Wien, die von Italien wohlwollend ge= dedt werden sollten, werden aus Wien zum Teil sehr scharf dementiert.
Seit gestern streifen die Eisenbahner in der Tschechoslowakei.
Der Fuchs"-Standal in der hessischen Regierung. Der Regierungsrat im hessischen Ministerium des Innern, August Fuchs in Darmstadt, wurde wegen Verdacht des Landesverrats von seinem Amte enthoben. Bei Festnahme von zweifelhaften Frauenspersonen, die lebhaften Verkehr mit Franzosen hatte, fand man verdächtiges Material über das deutsche Polizeiwefen usw.
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Drud, Berlag und Expedition: Gießen, Südanlage 21 Fernsprecher Nr. 1362 Boftshedfonto Nr. 8437 Amt Frankfurt a. M.
Samstag, den 5. November 1927
Der deutsche Botschafter für U. S. A. ernannt. Herr von Brittwig und Gaffron ist zum Botschafter von Washington ernannt.
Dr. jur. Friedrich von Prittwith und Gaffron wurde am 1. September 1884 als ältester Sohn des töniglich preußischen Obersten Mag von Prittwik und Gaffron in Stuttgart geboren. Nach vollendetem rechtswissenschaftlichem Studium wandte er sich der diplomatischen Laufbahn zu, kam vor dem Kriege zu den Botschaften in Washington und Petersburg und war in der letzten Zeit im Kriege in der Reichskanzlei tätig. 1920 fam er als Konsul nach Triest und 1921 als Botschaftsrat zur deutschen Botschaft in Rom. Er vermählte sich 1920 mit Marie Luise Gräfin Strachwih.
In Washington begrüßt man die Ernennung von Prittwit und Gaffron zum deutschen Botschafter in Amerika und gibt der Hoffnung Ausdrud, Prittwit möge den Fußstapfen seines Vorgängers folgen und sich abseits der Routine eines Kar riere Diplomaten" halten, dafür aber mehr persönliche Qualitäten mitbringen.
Nach der„ Hessischen Landeszeitung" wurde die hessische Regierung durch das Eingreifen des Reichsanwalts, der sich in einem energischen Schreiben an die hess. Regierung wandte, erst gezwungen, sich mit dem Fall Fuchs zu beschäftigen u. Fuchs vor= läufig seines Amtes zu entheben. Für die hessische Reglerung ist die Affäre, so furz vor den Wahlen, außerordentlich peinlich. Wie verlautet, soll wegen des Falles Fuchs in Darmstadt schon eine sehr aufgeregte Kabinettsjigung stattgefunden haben. Ueberlassen wir die Klärung dieser Angelegenheit ruhig den dazu berufenen Instanzen und begnügen wir uns mit dem, was dieser Fall ansonsten noch an Interessantem lehrt. Wenn man bis vor Jahren noch glaubte, das Land der ungeahnten Möglichkeiten sei jenseits des großen Teiches, so beweist dieser Fall, daß das kaum noch stimmt auch hier ist alles möglich. Das beweist der Fall des Herrn Regierungsrat Fuchs, Referent über das Polizeiwesen im Hessischen Innenministerium. Fuchs besuchte die Volksschule, kam dann an das Kreisamt Mainz, er wurde dann Bürgermeistersekretär in Gonsenheim und war dann Kreiswohlfahrtsinspektor in Dieburg. Früher war Fuchs nationalliberal. Erst beim Umsturz wurde er über Nacht Sozialdemokrat. Die Revolution trug dann, wie so viele andere, auch Fuchs empor bis in den Bereich einer höchsten Staatsbehörde, nämlich in das hessische Ministerium des In nern und zwar als Polizeirat, obwohl er nie im Polizeidienst vorher tätig war. Den Krieg hatte Fuchs als„ Heimkrieger" im sicheren Bezirk der Wohlfahrtspflege gut überstanden. Im Ministerium des Innern blieb Fuchs zuletzt als Regierungsrat und Referent für das Polizeiwesen bis zu seiner jetzigen vorläufigen Enthebung vom Amt. Gegen die Tätigkeit des Fuchs im Ministerium wurden unzählige Klagen laut, die sich dagegen wandten, daß F. bei Personalfragen immer seine Hand im Spiele habe und dafür sorgte, daß nur Parteimänner in beffere Stellen gelangten, während alte, befähigte und erprobte Polizeibeamte rüdsichtslos übergangen wurden. Durch die Reihen dieser Polizeibeamten ging es bei der Nachricht von der Suspen= dierung des F. wie ein Aufatmen.
5 Jahre Botschafter in Moskau. Graf Broddorff- Rangau blidte am 5. November auf eine fünfjährige Tätigkeit als deutscher Botschafter in Moskau zurüd. Tschitscherin gab anläßlich dieses Jubiläums am Vorabend ein Diner zu Ehren Broddorff- Rangaus für die Botschaft und die Presse.
Wie wir hören, soll der Posten des Fuchs, der an und für sich schon überflüssig ist, wiederum, und zwar von einem Sozialdemokraten, besetzt werden. Als„ Favorit" gilt ein Bewerber, der bis 1919 Fuhrmann war, dann Schupo wurde und wegen seiner gewerkschaftlichen Verdienste nach Darmstadt berufen wurde.
Die Beamtenbesoldung.
Berlin. Der Haushaltungsausschuß des Reichstages hat endlich die Verhandlungen über die eigentliche Besoldungsvor lage begonnen. Dabei zeigte sich, daß die Zahl der Schwierigteiten sich immer mehrt. Der Bayrische Bauernbund fordert die Zurüdziehung der Besoldungsvorlage und eine neue Vorlage, die die unteren Beamten allein berücksichtigt. Daneben hat ein führender Sozialdemokrat aus dem Preußischen Landtag in dem Blatt des sozialistischen Allgemeinen Deutschen Beamtenbundes" den Vorschlag gemacht, man solle überhaupt nur prozentuale Zuschläge geben und keine Reform der gesamten Besoldungsordnung vornehmen. Es ist interessant, daß im Zentrum bis vor kurzem ähnliche Auffassungen vorhanden waren. Diese Auffassung war hauptsächlich im Reichstagszentrum vorhanden. Das Landtagszentrum dagegen wollte eine endgültige Reform der Beamtenbesoldung.
Hessen gegen den Schulgesetentwurf. Berlin. Im Bildungsausschuß des Reichstags ließ die hessische Regierung erklären, daß sie den Schulgesetentwurf ablehne, weil er verfassungswidrig sei. Die Gemeinschaftsschule müsse durch positive Bestimmungen tatsächlich zur Regelschule gemacht werden. Die Definition des geordneten Schulbetriebes müsse den Ländern überlassen werden. Die Mehrkosten seien gerade für ein Simultanschulland mit sehr starker Mischung der Konfessionen sehr hoch. Hessen müsse darauf bestehen, daß sie in vollem Umfang vom Reich getragen würden.
Um die Todesstrafe.
In der letzten Sigung des Strafrechtsausschusses des Reichstages wurde über den endgültigen Antrag der Sozialdemokra ten abgestimmt, im neuen Strafgesetzbuch die Todesstrafe zu streichen. Der Antrag wurde mit 17 gegen 11 Stimmen abgelehnt.
Eisenbahntariserhöhungen?
( Gießener Tageblatt)
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Nummer 45
Stuttgart- Mannheim- Kaiserslautern Saarbrüden, Düssel dorf- Köln- Trier- Saarbrüden. Im Zusammenhang mit der Genehmigung dieser Linien steht die grundsätzliche Erlaubnis der Rheinlandkommission zur Errichtung von Landungsplätzen bei Koblenz und Kaiserslautern.( Endlich!)
Gemeindewahlen in England.
In 33 englischen Stadtgemeinden fanden am Sonntag Wahlen für den Gemeinderat statt. Die Wahl endigte mit einem erheblichen Gewinn der Arbeiterpartei und einem Verlust der Konservativen.
Mustapha Kemal wieder Präsident der Türkei.
Die Nationalversammlung in Angora ist heute zu ihrer dritten Session zusammengetreten. Riazim Pascha wurde zum Präsidenten der Versammlung und Mustapha Kemal Pascha mit Einstimmigkeit zum Präsidenten der Republik wiederge ! wählt.
Die Gerüchte, daß anläßlich der Beamtenbesoldungserhö hung bei der Reichsbahn die Tarife herausgesetzt werden sollen, wollen nicht aufhören. Zwar will der Verwaltungsrat der Deutschen Reichsbahn, wie bekannt gegeben, im laufenden Jahre feine Tariferhöhung beantragen, doch und hierin erblickt man in interessierten Kreisen das Gefahrenmoment lehnt die Reichsbahn es ab, diese Zusage auch nur für einen Tag über das alte Jahr hinaus aufrecht zu erhalten. Was haben wir also zum 1. Januar 1928 oder 1. April nächsten Jahres zu erwarten?
Wir würden in einer Steigerung der Bahntarife eine ges radezu unheilvolle wirtschaftliche Maßnahme sehen, die das Signal wäre zu einer allgemeinen Teuerungswelle. Entweder muß die Bahnverwaltung aus sich selbst heraus eine beruhigende Erklärung geben, oder das Reichsfinanzministerium tommt nicht darum herum, zu diesem dunklen Punkte einige aufklärende Worte zu sagen.
Aussperrungen in der Tabakindustrie.
Als erste Antwort auf die in Deutschland ausgebrochenen Streits der Zigarrenarbeiter in den Bezirken Hamburg, Bremen, Westfalen, Sachsen und Schlesien auch hier wird zum Teil gestreift tommt aus Halle folgende Meldung:
Infolge der seit einiger Zeit im Freistaat Sachsen in der Tabatindustrie auftretenden Streits hat die gesamte mitteldeutsche Tabakindustrie die Generalaussperrung der Tabatarbeiter beschlossen. Auf dem Eichsfelde allein werden von dieser Maßnahme etwa 7000 Arbeiter betroffen.
Verkehrsflieger im besetzten Gebiet.
Nach einem Schreiben der Rheinlandtommission ist der deutschen Lufthansa die Genehmigung erteilt worden, das beletzte Gebiet auf folgenden Linien zu überfliegen: FrankfurtSaarbrüden, München- Stuttgart, Karlsruhe Saarbrüden,
Bessere Einreise Gelegenheit in die Türkei. Nach der Bekanntmachung vom 25. Juli 1927 ist der deutsch- türkische Han delsvertrag am 22. Juli 1927 in Kraft getreten. Von diesem Tage an gilt als Ausweis für Handelsreisende usw. im Verfehr zwischen Deutschland und der Türkei gemäß Artikel 6 des Vertrags die Gewerbelegitimationskarte nach dem im internationalen Abkommen zur Vereinfachung der Zollförmlichkeiten vom 3. November 1925 vorgesehenen Muster. Gemäß Artikel 7 des Vertrags genügt für Staatsangehörige eines der vertragsschließenden Teile, die sich zu Messen oder Märkten begeben, um dort ihren Handel auszuüben, eine Identitätskarte. Die Karten werden auf Antrag von den Kreisämtern ausgestellt.
Lokales.
Sonntagsgedanken.
Sonntag war's. Jch stand im hohen mächtigen Dome. Ein Priestergreis in weißen Silberhaaren führte seine Gemeinde durch das Reich der Toten über die Sternenstraße zum ewigen Lichte. Andächtig lauschten die vielen Beter dem Seelenführer. Seine Worte flingen mir heute noch nach:
Einmal wird's sein. Die Gloden werden läuten zum jüngsten Tage, so laut, so schwer, so bang. Einmal wird's sein. Posaunenruf wedt die Toten wach in ihren Gräbern. Und dann steigt es empor aus dunkler Erde, aus blutgetränktem Schlachtfelde, aus den Tiefen des Ozeans, aus verborgenen Gräbern, die das Verbrechen grub, aus Blumenhügeln und aus heiligen Domen.
Das tote Volk.
Die einen licht und klar wie Demant, die andern finster wie die Nacht. Dann werden sich die Toten suchen, die auf Erden sich gesucht und sich geflohen.
Sag an, wen suchst dann du?- Du Vater, du Mutter?- Habt ihr die Brüden gebaut für die, die ihr suchet, die Brücken, auf der die Seligen ziehen in Gottes ewiges Land? Und du Kind, wirst du den Vater, die Mutter wiederfinden, deren Worte dir so oft den Weg gezeigt zur Heimat? Jenen Weg, den junge Füße oft verschmähen, die dann vom Irregehen wund gewandert in alten Tagen auf ihn einlenken. An diesem großen Tage werden dir viele begegnen, auch die, die du auf Erden nicht fennen wolltest. Auch der kommt die breite Straße, der die verklagt, daß du eine Menschenseele die Schwingen gebrochen
Aber auch andere suchen dich, denen du ein guter Führer warst. Und reine Seelen werden sich um dich scharen, die sich von dir die Kraft zur Reinheit geholt. Da wird ein Kind dich den letzten Rest des Weges führen, dem du ihm einst gezeigt; ba wird ein Bettler stehen, um dir zu danken, ein altes Mütterlein, dem du die Stütze warst; da stehen alle die Kinder einsti ger Not und deden mit dem warmen Kleid, das du ihnen ge spendet, deine Sünden zu.
Sorget, daß viele einst um euch stehen, die dann mit euch auf goldenen Sternenstraßen ziehen ins Land der Ewigkeit.
Vom Willi Fix und Hannes Schlau. Guten Tag, lieber Willi, nimms mir nicht übel, aber ich habe ein paar wichtige Besorgungen zu machen. Komm, wenn wir auch schneller gehen müssen als sonst, Du fannst mich doch ein Etüdchen begleiten.
Na, ich tomm schon mit! Nun lauf nur nicht so! Was ist denn mit Dir los, fannst Du Dir denn Deine Zeit nicht besser einteilen!
Nein, heute gehts beim besten Willen nicht anders. Du mußt bedenten, ich will heute abend noch zu einer Wahlverjammlung, man muß doch hören, was jetzt politisch eigentlich gespielt wird.
Aber Hannes, machst Du diesen Unfug denn tatsächlich noch immer mit, glaubst Du denn noch, was Dir dort erzählt wird?


