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Samstag, den 31. Juli 1926.

Nr. 31.

Gießener Zeitung

Erscheint: Samstags.

( Neueste Nachrichten)

Bezugspreis 40 Big. monatlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rüd. lendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.

2112 Abgeordnete.

Reichsfinanzminister Dr. Reinhold hat in seiner groß angelegten Rede im Reichstage dem Ge­danten Ausdrud gegeben, daß der Panzer, in dem wir schwimmen, zu schwer sei und daß wir uns entlasten müßten, wenn wir nicht untergehen wollten. Nun gibt es 19 Parlamente des Reiches und der Länder, welche fich folgendermaßen verteilen:

Deutsches Reich( Reichstag) 493, Preußen( Land­tag 450, Bayern, 129, Sachsen 96, Württemberg 80, Baden 86, Thüringen 72, Hessen 70, Medlenburg­Echwerin 64, Braunschweig 48, Oldenburg 40, An­halt 36, Medlenburg- Strelitz 35, Walded 17, Lippe­Detmold 21, Schaumburg- Lippe 15, Hamburg( Bür­gerschaft) 160, Bremen 120, Lübed 80, zusammen 2112. Dazu kommen noch 326 Vertreter im vorläufigen Reichswirtschaftsrat.

Nun darf jemand ein noch so großer Freund des Var­lamentarismus sein, er muß einsehen, wir sind in Deutschland zu reich mit Volfsvertreter ngesegnet. Wir tönnen auch mit der Hälfte zufrieden sein. Je weniger Köpfe, umso weniger Meinungsverschiedenheiten, je weniger Abgeordnete, umso weniger Tagegelder und Steuern.

Ein französisches Schandurteil. Saarbrüden, 27. Juli. Die Straftammer in Saargemünd verurteilte am Montag den Geschäftsführer des Deutschen Buch­händlerverbandes, Dr. Wild- Saarbrüden, wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt zu drei Wochen Gefängnis. Dem Urteil liegt ein Zusammenstoß zugrunde, der sich am 18. zwischen fran= zösischen Gendarmen und Teilnehmern der Buchhändler- Tagung bei Besichtigung des in der Nähe von Saarbrüden liegenden Spichererberges ereignete, und an dem Dr. Wild gänzlich un beteiligt war. Er wurde, als er sich auf lothringisches Gebiet zurückbegab mit vorschriftsmäßigem Paß um seine ihm ab­handen gekommene Uhr zu suchen, von französischen Gendarmen verhaftet und hatte hierbei den Versuch unternommen, sich über die wenige Meter entfernte Saargebietsgrenze zurückzuziehen. Wer bezahlt die Rheinlandmanöver. Berlin, 29. Juli. Bekanntlich beabsichtigen die Franzosen, in der Pfalz große Manöver abzuhalten, bei denen naturgemäß sehr hohe Flurschäden entstehen werden. In Friedenszeiten hat es das deutsche Heer vermieden, in der Pfalz derartige Uebungen abzuhalten, weil die Flurschadenkosten zu hoch waren. Franzosen glauben aber, sich über solche Bedenken hinwegsetzen zu können. Neuerdings hat nun das Ministerium für die besetzten Gebiete Verhandlungen mit der Rheinlandkommission einge­leitet, um für Deutschland eine Minderung der Kosten aus diesen großen militärischen Aktionen zu erreichen, denn nach dem Okku­pationsleistungsgesetz erwachsen dem Reich dadurch besondere Ausgaben, und zwar z. T. auch aus den entsprechenden Flurschä­den. Da die Franzosen bekanntlich in besonders großem Umfang Flugzeuge zum Bombenabwerfen, Tankgeschwader und ähnliche Waffen bei ihren Manövern einsetzen, ist eine Klärung von vornherein dringend erforderlich. Nach dem bisherigen Verlauf der Verhandlungen scheint eine Milderung der deutschen Lasten erzielt zu werden.

Ausschreitungen der Besatzungstruppen.

Die

Vor einigen Tagen ließen sich die französischen Truppen schwere Ausschreitungen, in Germersheim gegen die deutschen Teilnehmer an einer Feier zu Ehren der Gefallenen des Welt­frieges zuschulden kommen. Die behördlichen Untersuchungen sind eingeleitet worden, jedoch noch nicht zum Abschluß gekommen. Von französischer Seite wird natürlich versucht, die Angelegen heit totzuschweigen. Wie schlecht das Gewissen der verantwort lichen französischen Stellen sein muß, geht daraus hervor, daß der Stadtkommandant von Germersheim verschiedentlich deutsche Persönlichkeiten zu sich beschied, ihnen sein

Bedauern über die Ausschreitungen aussprach

und die Hoffnung ausdrüdte, daß nichts darüber in die Presse tomme. Dieser Wunsch ist verständlich, wenn man erfährt, wie die französischen Soldaten in Germersheim gewütet haben. Der Pfälzer Berichterstatter des Karlsruher Tageblattes" berichtet darüber und noch über einige andere Fälle seiner Zeitung fol­gende Einzelheiten:

..Die Gartendiebstähle nehmen überhand. Seit dem 1. Juni. wird systematisch von Soldaten in Gärten eingebrochen, in wel: chen Erdbeerkulturen angelegt sind. Kirschen werden mitsami den Zweigen von den Bäumen gerissen. Anzeigen und Be­schwerden sind zwedlos, wie gewöhnlich. Das Benehmen der noch in Bürgerquartieren liegenden Offiziere wird immer heraus­fordernder und ausfallender. Beim Kriegerfest wurden zahlreiche Störungstrupps der Soldaten mobil gemacht, die systematisch mit Geschrei und Pfeifen und Absingen der Marseillaise die marschierenden Gruppen des in allen Einzelheiten genehmigten Festzuges störten.

In der Nacht vom Sonnabend zum 4. Juli wurden von Soldaten

Fahnen heruntergeholt, verunreinigt und entwendet.

Von 60 stadtamtlich aufgestellten Fahnen sind allein 27 verun­reinigt und entwendet worden. Aus allen Plakaten zum Fest rissen die Soldaten das Eiserne Kreuz heraus, so daß in der

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( Gießener Tageblatt)

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ganzen Stadt nicht ein Plakat verschont blieb. Die schwarz Reinheit und Sitte der deutschen Frau.

rot- goldene Dienstflagge der Reichsvermögensstelle wurde eben­falls entwendet. Bereits der Aufmarsch der Vereine zur Toten­ehrung am 4. Juli ging nicht ohne Störung vonstatten.

Der allgemeine Eindrud war nicht zu verkennen, daß die

Störungstrupps von einer Stelle aus regiert wurden, da sehr planmäßig vorgegangen wurde. Den heranmarschierenden Zug erwartete eine Gruppe von Feldwebeln unter Anführung zweier junger Offiziere. Die Franzosen wichen nicht zurüd, sondern be lästigten das Präsidium der Feier mit Rippenstößen, frechem, herausforderndem Nachässen der Ordnungskommandos, und als die Musik den Chopinjchen Trauermarsch intonierte, beginnt die

Horde

provozierend Zigaretten zu rauchen und Zoten zu erzählen. Das feierliche Trauerschweigen unter Senfung der Fahnen durch= gelli französisches Gelächter. Der die Provokationstruppe lei tende Offizier versperrte dem Festredner den Zugang zum Denkmal. Der Festredner muß mit dem schweren Lorbeerkranz über das Denkmalsgitter Klettern, um ihn am Fuße des Toten= mals niederlegen zu können.

Beim Festzug am Nachmittag setzte sich die Horde von 60 tommandierten, anscheinend betrunkenen Soldaten an die Spike des Zuges. Die Radfahrer wurden mit Fußtritten von ihren Rädern geworfen, der Zug verschiedene Male von aufgestellten Gruppen zu je 20 Mann durchbrochen und zum Halten gebracht. Die Soldaten versuchen Fahnen herunterzureißen, rempeln Ordensinhaber an und reißen in einem Falle einem Teilnehmer das Eiserne Kreuz 1. Klasse vom Rod.

Die von deutscher Seite gegebenen Anweisungen zur Ruhe wurden DON den Festzugteilnehmern mit eiserner deutscher Manneszucht durchgeführt. Auf keinen Rippenstoß folgte die ver diente Ohrfeige Der Kapellmeister der Stadt wurde geohrfeigt und die Fahne des katholischen Gesellenvereins auf dem Rüdwege vom Festplay von einer Gruppe angegriffen. Die Soldaten

stachen mit Bajonetten

auf die Mitglieder des Gesellenvereins ein, von denen keines älter als 20 Jahre war. Die Fahne fonnte im Auto weggebracht werden. Die Altveteranen im Ehrenwagen wurden ebenfalls be­schimpft, belästigt und auf vorüberfahrende Autos aus den Kasernen Spülwasser, menschliche Abwässer und anderer Unrat gegossen. Während endlich auf dem Festplatz dem Treiben vom Stadtkommandanten Einhalt geboten wurde, tobte sich der fran­zösische Haß in den menschenleeren Straßen aus. Dutzendweise rissen ausgeschickte Trupps unter Führung junger Offiziere er­reichbare Fahnen von den Häusern, zerrissen sie, spuckten darauf und trampelten darauf herum. Empörten deutschen schauern wurde die Zunge herausgestredt und Sale Bache" entgegenge­plärrt."

Enthüllung des Andreas- Hofer- Denkmals. Kufstein. Am Sonntag, den 11. Juli, wurde hier das Andreas Hofer Denkmal enthüllt. Die Feier gestaltete sich zu einer machtvollen Kundgebung für Südtirol zugleich aber auch für den deutsch- österreichischen Anschlußgedanken. Aus allen Teilen Desterreichs, namentlich aus Bayern und dem gesamten Deutschen Reich waren schätzungsweise

10 000 Gäste mit Sonderzügen eingetroffen. Die Stadt war reich geschmüdt. Die österreichische Regierung war durch den Landwirtschaftsminister Thaler vertreten. Landes­hauptmann Dr. Stumm gab in seiner Weiherede der Hoffnung Ausdrud, daß auch für Südtirol die Stunde kommen möge, wo es über die Bergspige hinausleuchte in das weite heilige Deutschland. Das Denkmal zeigt die bekannte Figur Andreas Hofers in Ueberlebensgröße. Es ist ein Werk des Bildhauers Kuchu. Landtagsabgeordneter Steinegger, Innsbrud, sicherte in seiner Festansprache, daß Tirol in Eintracht mit seinen Nachbarn leben wolle. Der Friede gedeihe aber nur bei Ab­lehr von Brutalität und Gewalt. Der Redner schloß mit der Forderung:

Der=

Wir verlangen Gerechtigkeit für Tirol! Beendet die Vergewaltigung! Nehmt die Ketten von unserem Tiroler Vaterlande! General von Beeg legte im Namen der deutschen Armee einen Kranz am Denkmal nieder.

Nach der Enthüllung formierten sich die Vereine zu einem Festzuge durch die Stadt. Bei dem anschließenden gemeinsamen Mittagsmahl betonte der Münchener Bürgermeister Scharnagel die cage Verbundenheit Bayerns mit Tirol. Unter großer Zu= stimmung der Festteilnehmer wurde der Kufsteiner Bürger­meister zur Absendung von Begrüßungstelegrammen an den deutschen Reichspräsidenten und den österreichischen Bundes­präsidenten ermächtigt. Das

Telegramm an Reichspräsident von Hindenburg

hat folgenden Wortlaut:

,, In dem feierlichen Augenblid, wo an der Grenzmarl Tirols die Hülle vom Denimal Andreas Hofers fällt, folge ich dem Zuge unseres Herzens, Ihnen, hochverehrter Herr Reichspräsident, davon Kenntnis zu geben und namens der Stadt Kufstein Ihnen die ehrfurchtsvollsten Grüße mit dem Gelöbnis der Treue zum deutschen Brudervolte zu entbieten. Hier an der Schwelle des Deutschen Reiches empfinden wir die Trennung unseres Volkes täglich aufs neue. Möge der Geist Andreas Hofers die Heimat­liebe in allen deutschen Herzen stärken, damit sie zur siegenden Kraft des großen deutschen Baterlandes werde."

Von Th. Baare, Freital i. Sa.

Sobald es in den letzten Kriegsjahren, insbesondere in der Nachkriegszeit, in der Familie mit Zucht und Sitte bergab ging, ging es auch im Staat mit Zucht und Gitte immer mehr bergab, mit Unmoral und Atheismus immer mehr bergauf. Die traurigsten Erscheinungen sittlicher Verwilderung und Verwahrlosung und des Abfalls von Gott findet man heute noch, wo doch in anderen deutschen Landesteilen das Bild sich, Gott sei Dant, etwas gewandelt hat, immer noch im roten Sach sen, und dessen rötestes Herz, der Plauensche Industrie­grund, marschiert da mit seiner Sozialistenherrschaft, die sich überall breit macht, an der Spitze. Verbände, denen anderswo im Reiche viele christlich denkende Kreise angehören, wie z. B. der Bund der Kinderreichen, stehen hier start unter sozialistischem Einfluß, ebenso der Bund Deutsche Jugendherberge, der gerade infolge der Pflege der Jugendwanderungen von großem Einfluß auf unsere Jugend ist. Schrankenlos herrscht hier das. Freiheiler- und Atheistentum, Jugendweihe usw. Das sind schwere Gefahren, die umso schwerwiegender wirken, als man im Reich, außerhalb Sachsens, sie gar nicht er­kennen und kennen kann, weil man der Meinung sein muß, daß solche Verbände politisch neutral sind.

Hand in Hand mit der zunehmenden Lockerung des Familienlebens und der guten Sitten geht das Fortschreiten der Ansicht, daß die deutsche Frau, vom Mädchen an, mehr als eine Art Beuteobjekt zu betrach ten ist. Um so schwerer und ernster ist die Bürde der Verantwortung, die jetzt auf die Schultern jeder deut­schen Frau gelegt ist, die es ernst mit ihrem Volt meint. Darüber hat vor einiger Zeit die Vorsitzende der Evan­gelischen Frauenverbände Deutschlands, Frau Gertrud Beder- Diestel, Berlin, in Dresden an einem Vortrags­und Bekenntnisabend des Verbandes der Evangelischen Frauenvereine einen tief schürfenden Vortrag gehalten und die Gefahren beleuchtet, die heute Frauen und Mädchen bedrohen: In stlavischer Abhängigkeit unter­werfen sich unsere Frauen und Mädchen den Gesetzen einer schamlosen Mode. Man muß hinzufügen, daß auch der Körper unter diesen zum guten Teil durchaus un hygienischen Modelaunen leidet. Die öffentliche Un­Sittlichkeit macht sich breit auf der Straße in Wort und Bild, in Verkaufsständen und Buchhändlerläden, in widerlichen Anpreisungen, in gewissen sensationslüster­nen Presseerzeugnissen( in Dresden wird jetzt energisch gegen diese Standalblätter gekämpft), mit besonderer Eindringlichkeit auch von manchen anderen Bühnen ( Revuen) und von der weißen Leinwand pflichtverges­sener Kinos herab. Gewisse Gefahren birgt weiter der bis zum Uebermaß gesteigerte Körperfult bei manchen sportlichen Uebungen in sich. Kennzeichnend für den Geist unserer Zeit sind ferner die lebhaften Bemühungen weiter Volkskreise um die Aufhebung des§ 218 BGB. Hieran beteiligt sich in hervorragendem Maße die So­zialdemokratie und der Kommunismus, und man kann in Sachsen Umzüge mit fliegenden Fahnen beobachten, an denen Frauen und kleine Kinder teilnehmen, die die Aufhebung dieses Paragraphen marttschreierisch ver­langen. Eine grenzenlose Begriffsverwirrung über das, was erlaubt und verboten ist, hat sich namentlich bei unserer heranwachsenden Jugend eingenistet. Konnte doch unlängst eine Führerin der rein intellektuell gerich­teten Frauenbewegung das Wort prägen: Die Ver­pflichtung der Frau zur Mutterschaft tommt einem Ver­dummungsprozeß gleich." Ueberhaupt spielt der Be­griff Verdummung bei der Verhezzung durch die Sozial­demokratie die größte Rolle.

Die furchtbare Gefahr, in der unser ganzes Volts­tum steht man blide nur nach Frankreich und Ruß­land hinüber spiegelt sich in den vorstehend skizzierten Ausführungen von Frau Beder- Diestel wieder. Man darf wohl von den christlichen deutschen Frauen sagen, sie das Herz des deutschen Familien- und Volts: lebens bilden. Ihnen erwächst in erster Linie die hohe sittliche Pflicht, für die Aufrechterhaltung des deutschen Familienlebens in seiner ganzen Reinheit und Klarheit und für die Erziehung der deutschen Jugend im deut­schen und christlichen Geist zu sorgen, um ihr den rech­ten sittlichen Rückhalt zu geben im Aufblid zum Kreuz dessen, der in Golgatha litt und starb. Die Schuld an der Entsittlichung unseres Volkes liegt nächst dem Ab­fall von Gott vornehmlich am Echwinden des Familien­gedankens und des Sinnes für die Reinhaltung des deutschen Hauses, an der Erleichterung der Eheschei­dungen und an der zunehmenden Alkoholnot. Da muß die echt deutsche Frau liebende, aber auch starke Hände ausstreden, um Seelenreinheit und deutsche Sitte im Hause und vor allem bei ihren Kindern zu pflegen und zu wahren. Auch auf dem Gebiete der Sittlichkeit muß die evangelische Freiheit umgesetzt werden, wie Frau Becker- Diestel mit Recht meint, in eiserne Selbstzucht, in freiwilliges Verzichtleisten auf unbeschränktes Ge­nießen und in strenges Verantwortlichkeitsgefühl.