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39. Jahrg.
Freitag, den 24. Dezember 1926.
Nr. 52.
Gießener Zeitung
Erscheint: Samstags.
( Neueste Nachrichten)
Bezugspreis 40 Big. monatlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Räd. Jenbung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.
Drxd, Berlag and Egpebition: Sieben, Gildanlage 21 Fernsprecher Nr. 1362 Bostichedtonto Nr. 8437 Amt Frankfurt a. M.
Von Deutschlands Zukunft.
Sorgen und Hoffnungen eines unpolitischen Theologen. Von K. Veller, Mainz- Brezzenheim.
Für unsere inneren Verhältnisse bin ich nicht ganz ohne Hoffnung. Sturmzeichen hin und wieder deuten an, daß etwas Neues im Anzug ist, eine Dittatur irgendwelcher Art. Es ist ja erstaunlich genug, wie lange das Volt oben und unten, links und rechts, zu der ungeheuerlichen finanziellen Mizwirtschaft und zu dem mörderischen Steuerbrud, den uns der Parlamentaris mus, d. h. die Parteiherrschaft, gebracht hat, geschwiegen hat. Ich habe die feste Zuversicht, die innere Gesundung wird tommen, und aus der Beamtenrepublik wird ein zukunftsträftiger Voltsstaat mit starter 3entralgewalt werden, der aus Gründen der Sparsamteit auch mal einige Jahre mit wesentlich reduziertem Parlamente regieren und mit der Hälfte der heutigen Beamten das Reich verwalten tann. Hoffentlich wird da Dor allem und in erster Linie oben abgebaut, daß man nicht nach unten Unmögliches verlangt und nach oben zahllose gutbesoldete Sinituren bestehen läßt. Ganze Aemter und Ministerien, so manches Kreisamt und Amtsgericht, ste tönnten wahrlich ohne Schaden fürs Ganze verschwinden. In den reichen Jahrzehnten vor dem Kriege war das alles erträglich und angenehm, heute ist es aufreizend und staatsgefährdend.
Doch das alles liegt mir heute weniger am Herzen. Das haben andere schon viel eindrucksvoller geagt. Meine Gedanken bewegen sich vor allem um die außenpolitische Zukunft Deutschlands. Kommt die Stunde, in der Deutschland nach innen gesundet und zu einem wohlregierten Groß- Deutschland wird, das die anderen mit Achtung, Neid und Furcht aufs neue betrachten und beargwöhnen, dann ist recht eigentlich des Vaterlandes Schidsalsstunde aufs neue gekommen, an die ich mit großer Angst und Sorge dente. Ich fürchte nämlich, daß das wiedergenesene und wiedererſtartte Deutschland auf den turzsichtigen und törichten Gedanten tommt, als europäische Großmacht in jeder Hinsicht auf eigenen Füßen stehen zu können. Solche Jdeen konnte sich ein Land wie Deutschland im neunzehnten Jahrhundert noch allenfalls leisten. Und da sind sie ihm zum Verhängnis und Verderben geworden. Im zwanzigsten Jahrhundert vollends führen solche Gebanken lediglich zu politischen Totgeburten. Die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse drängen zu
Die„ Sühne“ für Germersheim.
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Das alte Lied! Rouzier freigesprochen. Die deutschen ,, Angeklagten" verurteilt. Protestkundgebung der Pressevertreter; an Briand.
Bandau. Der Leutnant Rouzier, der bekanntlich ohne irgendwie angegriffen zu sein, vor Jahresfrist den Deuts schen Müller erschossen und den Deutschen Mathes schwer verlegt hat, wurde vom Kriegsgericht des 22. französischen Armeekorps freigesprochen. Der Militärstaatsanwalt hatte ein Jahr(!) Gefängnis beantragt.
Die deutschen ,, Angeflagten" wurden restlos zu Gefängnistrafen verurteilt.( Die französische Militärbehörde hatte den Fall Rouzier eigenartigerweise mit einem Zwischenfall in Sondernheim und einem Wirtshausstreit zwischen Deutschen und Angehörigen der französischen Besatzung derquickt lediglich deshalb, um das Vergehen Rouziers abzuschwächen!)
Bei den Landauer und Germersheimer Bürgern hat dieses nach Locarno und Genf doppelt provokatorisch wirkende Urteil tiefe Trauer und große Erbitterung hervorgerufen.
Protest der deutschen Pressevertreter.
Die deutschen Pressevertreter haben an Briand ein Telegramm gerichtet, in dem sie als Augen- und Obrenzeugen einmütig gegen das unerhörte Urteil protestieren. Der Freispruch Rouziers sei eine schwere Verlegung des Rechtsempfindens des deutschen Volkes und der gesamten zivilisierten Welt.
Dr. Stresemann verzichtet auf seine Erholungsreise. Die Bedeutung des Landauer Urteils geht daraus hervor, das Reichsaußenminister Dr. Stresemann infolge der durch das Urteil hervorgerufenen innen- und außenpolitischen Lage Dor= läufig auf seinen Urlaub verzichtet.
Beamtenbeihilfe in Hessen der Gruppen I- VI. Da Dor einigen Tagen im Finanzausschuß eine Einigung über die Weihnachtsbeihilfe nicht erzielt worden war, hielt der Hessische Landtag am Dienstag eine Plenarsizung ab, in der die Regierungsvorlage auf Gewährung der Weihnachtsbeihilfe an die Staatsbeamten in Gruppen I- VI in Höhe von einem
großen Zusammenschlüssen. Man verstehe mich nicht falsch. Mein Herz gehört dem Vaterland, und ich wünsche nichts sehnlicher als seine baldige Wiederge burt und auch seinen machtpolitischen Aufstieg. Aber ist das beides da, dann ja tein Pochen auf die neue Macht, fein Denten: Germania fara da se, sondern po litische Verständigung mit den großen und fleinen ger manischen Reichen, also England, Nordamerika und die skandinavischen Länder, einschließlich Dänemart, Holland und Finnland. Man sage nicht, das ist eine Utopie. Wird diese Utopie nicht zur Wirklichkeit, ist zunächst Deutschland, Holland, Dänemark, aber später auch England verloren. Vielleicht behauptet sich die Union länger gegen die heranziehende gelbe und schwarze Flut. Ganz abgesehen von der slavischen Gefahr des Weltkommunismus, die drohend genus ihr Haupt erhebt. Da sollte keine Macht, auch Amerika nicht sagen:..Amerika fara da se. Gehen die Dinge so weiter, wie sie heute liegen, so fürchte ich ernstlich, wird der Gedanken des Zusammenschlusses und der politischen und wirtschaftlichen Verständigung zu spät kommen, nämlich dann, wenn wir Sowjetstaaten oder mongolische Provinzen sind. Die innenpolitische Not der Völker mit ihrem Arbeitslosenheere fordert eine internationale wirtschaftliche Auseinandersetzung. Die Jdee des geschlossenen nationalen Wirtschaftsstaates wird neue Revolutionen und Kriege heraufbeschwören. Und die außenpolitischen Beklemmungen der Nationen fordern zwingend Abbau des Imperialismus wie im Denken und Fühlen, so in der politischen Betätt gung, wie ich zuversichtlich hoffe und wünsche, daß ein genesenes Deutschland dem Imperialismus in jeder Form den Abschied gibt. Wäre dieses Umsinnen vor dem Jahre 1914 erfolgt, hätten den europäischen Völkern böse Lehren erspart bleiben können und wir wären unabhängig voneinander geblieben. Die Riesennot der Welt, von der unsere ein kleiner oder größerer Teil ist, zwingt zu weitgehenden Selbstbescheidungen auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet, soll die westliche Kultur nicht der mongolischen zum Opfer fallen. Ist das unser Ziel, fönnen wir nicht rasch genug daran gehen, uns politisch vollig umzustellen, ehe jede Neue und Umkehr zwedlos wird.
Biertel des Monatsgehaltes angenommen wurde. Abgelehnt wird u. a. der sozialdemokratische Antrag auf Gewährung einer Weihnachtsbeihilfe an die Erwerbslosen in Höhe von einer halben Wochenunterstützung.
Zahlung der Umsatzsteuer.
Der Hansa Bund für Gewerbe, Handel und Industrie hat beim Reichsfinanzminister beantragt, die Frist für die Zah, lung der Umsatzsteuer nach Aufhebung der Schonfrist allgemein auf den 15. des Monats zu verlegen, da viele Steuerpflichtige in vielen Fällen nicht in der Lage sind, die Umsatzsteuer rechtzeitig bis zum 10. des Monats zu berechnen. Daraufhin ist zunächst für die Monate Dezember 1926 und Januar 1927 die Zahlungsfrist bis zum 15. des Monats verlängert worden. Der Hansa- Bund hat sich erneut an den Reichsfinanzminister und an den Steuerausschuß des Reichstags gewandt und die Festsetzung der Zahlungsfrist für die Umsatzsteuer allgemein auf den 15. eines jeden Monats beantragt.
Weihnachten.
,, Es ist ein Ros entsprungen aus einer Wurzel zart."
Und so vollzieht sich jetzt, ewig jung und strahlend wie einst der Stern zu Bethlehem, das heilige Wunder dieser Christnacht. Freude, teine, schlichte Festesfreude schwingt durch Hütten und Paläste, strahlt aus Kerzen feierlich geschmüdter Tannenbäume, spiegelt fich im Abglanz leuchtender Menschenaugen.
Für die Spanne einer Weihnacht hat die Welt allen Staub und Lärm, allen Zanf und Hader abgewälzt von sorgenteichen Schultern und steht nun da, lichtübergossen, Don Seelenwärme durchströmt, in festlichem Gewande und jubelt so herzlich wie ein unbekümmertes Rind.
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Eigenartig ist der Zauber, mit dem die Weihnacht auch uns Menschen umfängt. Wir sehen im Geifte das Gottesfind in ärmlicher Krippe, arm und frierend und doch so unend lich groß, daß es mit seinem Lächeln all das Vergängliche überwindet. Und das göttliche Lächeln bringt wie warmende Sonne ins fampfverhärtete Menschenherz und öffnet es weit, daß es
( Gießener Tageblatt)
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Wochenrückblick.
Der Anfang der verflossenen Woche war noch ganz von den Ereignissen in Genf erfüllt. Wir betrachteten die Lage von vornherein nicht sehr optimistisch und haben dabei eine Freude erlebt, daß nämlich unsere geringen Hoffnungen noch übertroffen wurden und die aufhebung der Militärtontrolle Deutschlands am 31. Januar 1927 zur endgültigen Festlegung fam, nachdem über 100 strittige Fragen bereinigt worden waren, o daß nur noch zwei übrig blieben. Auch diese werden in der nächsten Zeit ihre Erledigung finden. Man fann unseren Reichsaußenminister Dr. Stresemann tatsäch lich zu den von ihm erzielten Ergebnissen beglückwün schen. Leider tonnte die für Hessen auch so wichtige Rheinlandfrage noch nicht behandelt werden. Der französische Außenminister mußte in der Zwischenzeit mit dem allmächtigen Poincaré einen harten Kampf bestehen, aber er hat sich durchgesetzt. Das will immer hin etwas heißen. Aber man hat zur Zeit in Frankreich noch andere Sorgen. An der Grenze zwischen Frankreich und Italien ,, mischt sich in den Orangenduft der Pulvergeruch", so schrieben führende Tageszeitun gen. Die Lage an dieser Grenze scheint ziemlich gespannt zu sein. Man liest dauernd von Truppenanhäu fungen, die wieder einmal das Schlimmste befürchten lassen. Hoffentlich siegt die bessere Einsicht und die Zurüdhaltung der Grenzbewohner und Grenztruppen. In Deutschland erleben wir nach der Genfer Tagung wieder einmal eines der beschämendsten Schauspiele. Leichtfertig wird eine Regierungsfrise heraufbeschworen. Der Abg. Scheidemann hielt eine Rede, die, abgesehen von seinen Frattionsfollegen, von allen Parteien mißbilligt wurde, da sie unsere ganze seitherige Erfolg politit in Frage stellt. War das nach Genf unmittelbar nötig? Unsere Parlamentarier haben Brillen vor den Augen, die anscheinend mit der dicksten Eisschicht be schlagen sind. Hat die Partei, die in diesem Augenblide durch ihren Sprecher Scheidemann derartige Angriffe eröffnet, tatsächlich noch das Volkswohl im Auge? Kaum! Nichts als egoistischer Parteigeist spricht aus den Aeußerungen. Ist es Neid, daß man bei den Genfer Erfolgen nicht in der Regierung saß? Bald fönnte man es glauben. Dazwischen läuft die Vernehmung des früheren Reichskanzlers Michaelis vor einen Untersuchungsausschuß, dem man vorwirft, das Frie densangebot des Papstes sabotiert zu haben. Am schlimmsten wütet darin die katholische Presse, die behauptet, evangelische Kreise hätten einen derartigen Einfluß auf den Kanzler gehabt, daß sie es durchsetzten, daß er das von katholischer Seite angebotene Vermitt leramt ausgeschlagen habe. Die Evangelischen hätten die Schuld, daß der Krieg noch Hunderttausende von Opfern gekostet hätte. Kann es für uns Evangelische eigentlich noch schlimmere Angriffe geben? Die Ges hässigteit dieser Presse tennt teine Grenzen!-
Schiajal gemieden geglaubt vom Glanze der Glüdessonne. Und manchem schien sein Leben ein nimmer enden wollender, Dom Dunkel erfüllter Winter.
Doch jede Winterfonne hat Wintersonnenwende, jedes Schicksal und jedes Leben hat seine Wende zum Licht. Das ist Weihnachtsbotschaft, das ist Weihnachtshoffen auch für ganze
Völker.
Und so reife in uns Deutschen die Erfenntnis und ber Wille zum Mut, ganz erfüllt von dem Glauben, daß es nach so langem Bergab auch wieder ein Bergauf gibt, daß ein noch so langes Dunkel wieder strahlenb überwunden wird von dem Lichte der Hoffnung und der Liebe, don fieghaftem Weihnachts glauben.
Weihnacht! Da ist es, als ob der Himmel ein Füllhorn über uns ausgeschüttet habe, da wir ber Gaben Reichtum nicht alle zu fassen Dermögen und nur schenken wollen. Die Weth nachtsliebe läßt fühlen, wie die Schladen der Selbstzucht, ange häuft im Kampfe des Alltags, schmelzen. Ein Purpurmantel Hebender Harmonie umspannt uns alle in heiligen Chrift nachtsstunden.
Aber nicht darum allein darf es fich handeln, diese und jene Sammlung unterzeichnet zu haben, die von Haus zu Haus gegangen find. Nein, Weihnachtsliebe ist etwas anderes! Gie verjagt den bösen Willen, die Vorurteile, den sozialen und natio nalen Haß und fest an Stelle dieser unheilvollen Mächte gütiges Verstehenwollen und liebevolle Güte.
Allverstehen und großmütiges Allverzeihen, Das ist ber Weihnacht höchfter und letzter Sinn, bas ist die Seele dieses Festes, das göttlicher Liebe entsproffen und menschliche Liebe ermeden soll.
aufnehmen kann die Gnaden der Weihnacht die Soffnung Raise und Seele im deutschen Menschen.
und die Liebe. Und tief taucht es ein in die Erinnerung glüdfeliger.ndertage. Da beginnt der Jungbrunnen einstiger Kindlichkeit, bei vielen schon halb verfiegt, wieder zu sprudeln, από und so verjüngte Menschen feiern ergriffen Weihnacht hoffen.
Oft und oft haben wir im Jahreslaufe durch das Tor det Finsternis gehen müssen, haben uns Derlassen geführt, unser
Bon Prof. Dr. Otto Weibe- Butzbach.
Schon die Tageszeitungen beschäftigen sich mit Raffe problemen und geben Auszüge aus den Werfen der großen Männer, denen diefe biologischen Probleme zu einem intenfiven Gebiet der Forschung geworben find. Wer hat vor wenigen Jahrzehnten etwas bestimmtes über Rassen und über die


