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39. Jahrg.

Samstag, den 15. Mai 1926.

Nr. 20.

Gießener Zeitung

Erscheint: Samstags.

( Neueste Nachrichten)

Bezugspreis 40 Big. monatlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rüd­fendung mit verlangter Manuskripte wird night garantiert.

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Die Einleitung des Volksbegehrens auf Landtags= auflösung in Hessen.

Die Parteivorsigenden und die Landtagsfraktionen des Hessischen Landbundes, der Deutschen Volkspartei und der Deutschnationalen Volkspartei haben auf Grund entsprechender Entschließungen ihrer Landes­ausschüsse einmütig beschlossen, unverzüglich das Volks­begehren auf Landtagsauflösung in Hessen durchzu­führen. Die beteiligten Parteien sind übereingefom­men, bei der Neuwahl des Landtags einen gemeinschaft­lichen Wahlvorschlag aufzustellen. Sämtliche Beschlüsse der drei Parteien wurden einstimmig gefaßt.

Die Reichsregierung zurückgetreten.

Die versuchte Lösung der Flaggenfrage hat die Reichsregie: rung zu Fall gebracht; im Reichstag hat man ihr am Mittwoch mit 176 Stimmen gegen 146 Stimmen ein Mißtrauensvotum ausgebrüdt. Darauf hat das Reichskabinett demissioniert.

Reichswehrminister Dr. Segler ist vom Reichspräsidenten mit der Bildung einer neuen Regierung beauftragt.

In Polen ist Revolution

ausgebrochen. Der Bürgerkrieg tobt. Marschall Pilsudski hat einen Staatsstreich vorgenommen und Warschau besetzt. Die Witos'sche Regierung ist start verdrängt.

Der Generalstreik in England

wird nach erfolglos gebliebenen Verhandlungen weiter geführt.

Zur englischen Kohlenkrise.

Die Bergarbeiterschaft des Ruhrgebiets steht dem Brüsseler Beschluß der Bergarbeiterinternationale, in dem das Inter­nationale Komitee sich für volle Unterstützung der britischen Bergarbeiter( auch durch Einstellung der Kohlenausfuhr nach Großbritanien) ausspricht, zweifellos in ihrer großen Mehrheit

Eröffnung der Gesolei" in Düsseldorf.

Düsseldorf, 8. Mai. Das schöne Düsseldorf hat heute seinen großen Tag; die Eröffnung der Ausstellung für Gesundheits­pflege, ſoziale Fürsorge und Leibesübungen. Das stolze Werf, geschaffen in 18 Monaten raftloser Emsigkeit, ist nun aufgerichtet, ein weithin wirkendes Zeugnis unversiegter Arbeitslust. Schon in frühen Morgenstunden herrschte bunter Trubel in den flag­gengeschmüdten Straßen, die zum Ausstellungsgelände führen. Alles drängt hin, das neue Werk zu schauen. Vor der Rhein­halle, Düsseldorfs neuem Kongreßbau, in dem auch das Plane tarium untergebracht ist, fonzertiert die Kapelle der Schupo. Hunderte von Autos halten Auffahrt. Schon lange vor Beginn der Eröffnungsfeier füllt sich das riesige Kreisrund des Kuppel­baues mit der festlich gestimmten Menge.

Pünktlich um 12 Uhr ertönen die feierlichen Klänge des Händelschen Halleluja. Luise Dumont vom Düsseldorfer Schau­spielhaus bringt einen von Theodor Herold verfaßten Vorspruch, Auf das vorgetragene Meistersinger- Vorspiel folgt die Ansprache des Düsseldorfer Oberbürgermeisters Dr. Lehr, der insbesondere die anwesenden Ehrengäste begrüßt und damit die Ausstellung eröffnete.

Der Reichslanzler

führte u. a. in seiner Rede aus:... es handelt sich um das eine große Ziel des Wiederaufbaues Deutschlands. Auf welchem Wege man diesem Ziele auch nachstrebt, immer wird man die drei großen Kräfte nugbar machen müssen, die uns zur Verfügung stehen: Die deutsche Arbeit mit Kopf und Hand, die Schätze des deutschen Bodens und den deutschen Menschen.

Hier in Düsseldorf ertönt heute als großes Leitmotiv der deutsche Mensch.

Aus dem Leben des deutschen Menschen umfaßt die Aus­stellung, die heute eröffnet wird, den Dreiflang: Gesundheits­pflege, joziale Fürsorge, Leibesübungen. Der stärkste Beweis aber für die ungeheure Kraft, mit der die hygienische Arbeit ge= waltige Gefahren überwunden hu:, die im sozusagen biologischen Ablauf auch der geschichtlichen Dinge liegen, ist die Tatsache, daß trotz der Hungerzeit des Weltkrieges und trog der schweren wirt­schaftlichen und politischen Erschütterungen, die ihm folgten. feine Seuche große Teile des deutschen Bolles dahingerafft hat, wie sie sonst regelmäßig große Kriege begleitet hat. Allerdings fann man vom Standpunkt einer nur mit Verstandesgründen rechnenden Politik die Frage aufwerfen ,, ob die Lage Deutsch­lands nicht leichter wäre, wenn auf deutschem Boden weniger Menschen zu ernähren wären.

Auf eine solche Frage fann es nur eine Antwort geben, daß jeder deutsche Mensch ein Träger deutschen Wesens und deut­scher Kultur ist, und daß wir vor Gott und vor der Geschichte unsere Aufgabe nur darin erbliden können, dieses deutsche Bolt, Das als festgefügte Nation mit einheitlichem Lebensziel den Krieg überstanden hat, ungeschmälert und so start wie möglich einer besseren Zukunft entgegenzuführen.( Lebhafter Beifall.)

Der der sich zur Zukunft des deutschen Volkes bekennt, auch in bitterer Uebergangszeit, muß dafür sorgen, daß der deutsche Mensch nicht verkümmert.

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durchaus ablehnend gegenüber. Die Erinnerung an das rüd­fichtslose Verhalten der Gewerkschaften in den Ententeländern in den verflossenen Jahren, insbesondere während des Ruhr­

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tampfes, wo selbst sozialistische Minister für die Ruhrbesehung gestimmt haben und die ausländischen Gewerkschaften die Not der deutschen Bergarbeiter zu ihrem eigenen Vorteil ausgebeutet haben, infolge der durch den Ruhrkampf hervorgerufenen günstigen Lage konnte den britischen Bergarbeitern eine 11pro­zentige Lohnerhöhung gegeben werden, die jetzt vornehmlich die Ursache des Streites bildet- scheint auf die Haltung der sozia listischen Zeitungen nicht ohne Einfluß geblieben zu sein. Ledig­lich die kommunistische Presse läßt Kampffanfaren ertönen, doch denken auch die linksradikalen Kreise der Begelgschaften, wie man allgemein hört, nicht daran, sich wieder einmal für die Interessen der ausländischen Gewerkschaften, die die deutschen Bergarbeiter bei jeder Gelegenheit schmählich im Stich gelassen haben, aufzuopfern. Kennzeichnend dafür, wie die Verhältnisse in Arbeiterkreisen beurteilt werden, ist auch eine Aeußerung des Berliner Organs der christlichen Gewerkschaften Der Deutſche", das in Nr. 104 folgendes schreibt:

,, Es ist in den letzten Jahren trog der allgemeinen Ueber­produktion an Kohle einzelnen Teilen möglich gewesen, sich da­durch, daß in anderen Kohlengebieten entweder durch Streiks oder politische Verwidlungen( Ruhrkampf) den Kohleneдport eingestellt werden mußte, sich in weitgehendem Maße wieder zu erholen. So hat der englische Kohlenbergbau die während des Ruhrkampfes für ihn außerordentlich günstige Situation nach Kräften ausgenugt und sogar eine Erhöhung der Bergarbeiter­löhne durchgeführt. Es ist deshalb nur zu wünschen, daß sich die deutschen Bergarbeiter nicht durch internationale Jdeologien für englische Interessen einspannen lassen, wie das mit Hilfe des internationalen Bergarbeiterkongresses in Brüssel von den Eng­ländern bereits in sehr geschickter Weise versucht worden ist. Es muß daran erinnert werden, daß die englische Kohlensubventions: politik für die deutsche Kohlenindustrie schwere Nachteile gebracht hat. An dieser günstigen Situation waren die englischen Berg­werksbesitzer und Bergarbeiter beteiligt."

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Diesem Ziel, das deutsche Volf zu größter Kraftleistung an­zuspornen, dient auch

die Pflege der Leibesübungen. Wer wie ich alter Turner ist und sich heute noch gern als Mit­glied der Deutschen Turnerschaft bekennt, weiß aus eigenem Er­leben um die beiden Seiten des Turnens, des Sports, der Lei­besübungen, der weiß, daß es nicht nur um die Körperpflege des einzelnen geht- so wichtig diese auch ist, weil nur aus gesunden Menschen ein gesundes Bolt aufgebaut werden kann. Es geht nicht einmal nur um die Pflege der einzelnen Seele, der die för­perliche Betätigung auch dienstbar ist, sondern es geht bei allen Leibesübungen auch darum, das Bewußtsein des einzelnen als Glieb des Boltes von Grund auf zu weden und ein ganzes Leben hindurch warm zu erhalten. So gehören auch die Leibesübungen richtig verstanden in das weite Gebiet deutscher Kulturbetätigung hinein. Wenn echte Kultur nur als Voltskultur möglich ist und echtes Volfsleben ist nichts anderes als das Lebendigwerden der Volkskultur, die ihrerseits wiederum das Leben des einzelnen trägt so dient die Ausstellung nach diesen drei Richtungen dem einen großen Ziel, der

Pflege des deutschen Menschen.

Der deutsche Mensch wird seinen Weg nach oben fortseyen, dessen Ziel nur die Wiedergewinnung eines wirklich freien Baterlandes sein fann. Nur ein freies Deutschland wird über den eigenen Nugen hinaus seine großen fulturellen und schaffen­den Kräfte mit voller Wirksamkeit in den Dienst der Menschheit stellen können. Mit einer Kulturtat, wie fie diese Ausstellung darstellt, verwirklicht Deutschland in besonders ergreifender Weise das Wort des großen deutschen Geschichtschreibers Leopold von Rante:

Das Größte, was dem Menschen begegnen lann, ist es wohl, in der eigenen Sache die allgemeine zu verteidigen." Im Zeichen dieses Wortes eröffne ich die Düsseldorfer Aus: stellung für Gesundheitspflege, soziale Fürsorge und Leibesübun­gen. Ich eröffne die Ausstellung und gebe ihr den Wunsch der Reichsregierung auf den Weg, daß sie dem deutschen Volke und Vaterland von reichem Rugen sein möge.

Dr. Luthers Worte von der Förderung des deutschen Men­schen durch die Gesundheitspflege, soziale Fürsorge und Leibes­übungen und den vielfältigen Beziehungen der für unseren Ge­jamtaufbau so wichtigen Fattoren, fand lebhaften Beifall.

So ist nunmehr diese große inhaltsreiche Schau eröffnet. Möge sie in ihren Auswirkungen zu einem vollen Gelingen füh­ren zum Segen der Wiedererstattung unseres schwergeprüften deutschen Vaterlandes.

Der preußische Ministerpräsident Braun hielt nach dem Kanzler eine Ansprache, in der es u. a. heißt: Die preußische Staatsregierung begrüßt gerade diese Ausstellung um so herzlicher, als sie der Ansicht ist, daß ein zielbewußtes Wirken zum Besten der Erhaltung und Stärkung der Arbeitskraft. Möge bie ,, Gesolei" den weitesten Kreisen Aufklärung zur förperlichen und geistigen Ertüchtigung vermitteln, dann wird sie wie ein traftvolles Symbol für den unerschütterlichen Willen des deut­schen Volkes zum Leben und den sozialen Fortschritt und dem friedlichen Wiederaufbau unjeres Baterlandes wertvollste Dienste leisten!

( Gießener Tageblatt)

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Die Sondersteuer in Hessen.

Neue Steuerpläne,

Die neuen Sondersteuerzettel, mit denen in diesen Tagen die hessischen Hausbesitzer bedacht worden sind, haben in den Kreisen der Betroffenen einen wahren Sturm der Entrüftung entfacht und weit darüber hinaus berechtigtes Aufsehen erregt. Es wird in einsichtigen Volkskreisen nicht verstanden, wie man einen einzelnen Stand in einer derart rigorosen Weise mit Steuern belastet, wie man allein und einseitig nur dem Haus besitzerstand eine Steuerlaft aufbürdet, die mehr als 50 Prozent seiner Einnahmen ausmacht. Das bereits Ende April fällig

gewesene Ziel der staatlichen Gonder und Grundsteuer der schlingt nahezu die ganze Mieteinahme, sodaß für andere Haus­ausgaben wenig oder nichts übrig bleibt. Es muß offen ausge sprochen werden, daß diesem Steuerbolschewismus ein Ende ge= macht werden muß. Der Selbsterhaltungstrieb zwingt den Ein­zelnen dazu, diesem Steuerunfug nicht tatenlos zuzusehen. Aus allen Landesteilen, aus den Städten und dem flachen Land er­tönt nur ein Schrei der Empörung über dieses maßlose Steuer­unrecht.

Mit allem Nachdrud muß dagegen Verwahrung eingelegt werden, daß der Hausbesitz als eine Einrichtung betrachtet wird, die die Aufgabe hat, einen fünstlich aufgeblähten Verwaltungs apparat zu finanzieren, um dabei selbst zu Grunde zu gehen Die Hessische Regierung hat es für notwendig erachtet, in kurzer Zeit durch 2 Beruhigungsnotizen in den Tageszeitungen Del auf die Wogen zu gießen. Damit schafft sie natürlich das Unrecht nicht aus der Welt. Wenn aber die hessische Regierung glaubt, die Schuld von sich auf die Reichsregierung abschieben zu können, und sich gewissermaßen als Opfer der Reichsgesetzgebung ausgibt, so muß derartigen Versuchen auf das Entschiedenste entgegen getreten werden, da sie die Tatsache zu verschleiern geeignet sind. An der Erklärung der Hessischen Regierung ist nur soviel richtig. daß ein Reichsgesetz besteht, wonach die Länder in einem gewissen Rahmen eine Steuer vom bebauten Grundbesitz erheben müssen. Die reichsgesetzlichen Vorschriften sind aber so gehalten, daß den Ländern eine recht weitgehende Bewegungsfreiheit gesichert ist. Die Hessische Regierung ist aber wie die Steuerzettel beweisen, inbezug auf die Ausnutzung dieser Steuermöglichkeit derart ge­wissenhaft gewesen, daß sie den höchst zulässigen Satz erhebt. Weiterhin hat sie die im Reichsgesetz für den schuldenfreien Besitz vorgesehenen Vergünstigungen fast ganz beseitigt. Daß die Hes­sische Regierung bei anderen Gelegenheiten an nicht allzu großer Engherzigkeit inbezug auf die Befolgung reichsgesetzlicher Bor­schriften leidet, beweist neben der bekannten ungesetzlichen Miet­herabsetzung im Monat Januar ds. Js. auch die Tatsache, daß ste aus dem Aufkommen an Sondersteuern einen viel geringeren Betrag für Neubauzwede zur Verfügung stellt, als durch das Reichsgesetz vorgeschrieben ist. Wenn es also gilt den Staats­sädel zu füllen, macht die Wohnungsnot feine Sorgen. Kein Lan hat eine derart harte Besteuerung aufzuweisen wie gerade Seffen. Die Hessische Regierung ist sich dieser Tatsache auch be­wußt, denn nicht ohne Grund hat sie im Gegensatz zu an­deren Ländern unter Uebergehung des Landtags die Sonder­steuer im Verordnungswege eingeführt. Man kann sich auch wohl faum einen bürgerlichen Abgeordneten denken, der die Berant­wortung für diese Enteignungsmaßnahme mit übernommen hätte. Einer Regierung aber, die ihre Steuerzahler derartigen Belastungsproben aussett, muß den Maßstab für die Tragfähig­leit der Wirtschaft verloren gegangen sein. Wir glauben nicht,

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