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39. Jahrg.

Samstag, den 9. Oftober 1926.

Nr. 41.

Gießener Zeitung

Erscheint: Samstags.

( Neueste Nachrichten)

Bezugspreis 40 Bfg. monatlich frei ins Haus. Redaktionsschluß früh 8 Uhr. Für Aufbewahrung oder Rüd Jendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantiert.

Ans dem hessischen Landtag.

Bon den hessischen Landtagsausschüssen.

Der ursprünglich zum 7. Oftober vorgesehene Zusammentritt des Gesetzgebungsausschusses wurde auf Mittwoch, den 13. Okto ber, verschoben. Der Finanzausschuß wird für Donnerstag, den 14. Oftober, und folgenden Tag einberufen. Zur Verhandlung stehen meist kleinere Gegenstände.

Das Abschiedsgesuch genehmigt.

Der Dank des Reichspräsidenten an Herrn von Seedt. Berlin, 8. Oktober. Der Herr Reichspräsident hat an Gene ralobersten v. Seedt in Genehmigung seines Abschiedsgesuches nachfolgendes Handschreiben gerichtet:

..Sehr verehrter Herr Generaloberst!

Ihrem Antrag um Entlassung aus dem Herresdienst habe ich in der anliegenden Urkunde entsprochen. Ich sehe Sie mit großem Bedauern aus dem Heeresdienst scheiden, und es ist mir ein aufrichtiges Bedürfnis, Ihnen in dieser Stunde namens des Reiches und im eigenen Namen von Herzen zu danken für alles, was Sie im Krieg und im Frieden für das Heer und für unser Vaterland getan haben. Ihr Name ist mit zahlreichen Ruhmestaten unseres Heeres im Weltkriege verbunden und wird in der Kriegsgeschichte unvergänglich weiterleben, eben= so die stille und entfagungsvolle Arbeit, in der Sie in der Nachkriegszeit die neue Reichswehr ausgebaut und ausgebildet haben, und ebenso groß sind die Verdienste, die Sie sich in den hinter uns liegenden Jahren der Erschütterung des Reiches um die Erhaltung der Ordnung und der Autorität des Staates erworben haben. Alles dieses wird Ihnen unvergeßlich bleiben.

Ich hoffe zuversichtlich, daß Ihr vielseitiges Wissen und Können, Jhre Tatkraft und reiche Erfahrung auch fünftig unserem Vaterland nugbar sein werden und bin in dieser Er­wartung mit fameradschaftlichen Grüßen

Ihr ergebener gez. v. Hindenburg."

Die Germersheimer Angelegenheit. Wie von französischer Seite versichert wird, befindet sich Rouzier in Haft. Der Ortskommandant von Germersheim hat entgegen anderslautenden Meldungen, wie die Blätter erfahren, feine Order erlassen, wonach die französischen Soldaten bei An­griffen der Bevölkerung sofort von der Waffe Gebrauch zu machen hätten.

Au Ber

Ein deutscher Pfarrer in Sibirien ermordet. Umwegen trifft jeßt, beim Zentralvorstand des Gustav­Adolf Ver. die Nachricht ein, daß Ende August bei Omst( Sibi­rien) der junge Pfarrer Schulz ermordet worden ist. Schulz, der vorher Pfarrer in Nowgorod war, wurde im Jahre 1924 nach Sibirien gesandt, um als Reiseprediger die dortigen Gemeinden zu bedienen. Von der Stadt Omst aus sollte er zahlreiche deutsche, estnische und lettische Siedlungen bereisen. Der Mord ist von estnischen Kommunisten ausgeführt worden, um der Arbeit des Pfarrers ein Ende zu machen. Der Ermordete hinterläßt eine mittellose Frau und einen Knaben.

Protestschließungen der Berliner Ladengeschäfte.

In einer Versammlung der Berliner Innungen und der Verbände der Gewerbetreibenden wurde mitgeteilt, daß am 3. November die Berliner Ladengeschäfte zum Zeichen des Pro­testes gegen die steuerliche Ueberlastung des gewerblichen und faufmännischen Mittelstandes schließen wollen. Der Geschäfts­schluß soll um 2 Uhr nachmittags erfolgen.

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Kundgebung des Sudetendeutschen Heimatbundes in Breslau.

Der Sudetendeutsche Heimatbund hielt seinen diesjährigen Reichsverbandstag in Breslau ab, das schon auf Grund seiner geographischen Lage in besonders nahen Beziehungen zum Su­detendeutschtum steht. Eingeleitet wurde die Tagung am Sonn­abend durch eine Besprechung mit den Vertretern der Presse über ,, das Ziel der Sudetendeutschen Heimatbewegung", der ein offi­zieller Begrüßungsabend folgte. Jn furzer padender Ansprache begrüßte der Vorsitzende des Berliner Hauptvorstandes, Admiral von Trotha, die Versammlung. Die Regierungsstellen hatten sich sämtlich entschuldigen lassen. Ferner überbrachte der Rektor der Breslauer Technischen Hochschule, die stets eine starke Stütze der Schutzbewegung für das Auslandsdeutschtum gewesen ist, die Grüße der Pflegestätte ostdeutscher Kultur.

Den Höhepunkt der Tagung bildete am Sonntagvormittag die Sudetendeutsche Kundgebung. Die Ansprache hielt der Ber­liner Schutzbundvorsitzender Dr. v. Loesch über Sudetenland in seiner Bedeutung für die großdeutsche Frage". Mächtig durch= brauste dann das Niederländische Dankgebet den Raum. Eine Ansprache Admirals von Trotha, die zur Aufrüttlung der Geister mahnte, beschloß die eindrucksvolle Feier.

Bundestag der Kinderreichen Deutschlands. Braunschweig, 3. Oftober 1926. Der hier tagende Bundestag vereinigte zahlreiche Vertreter aus allen Gauen. Die Tagung gipfelte am Sonntag in einer großen Kundgebung. Das Thema war ,, Arbeit und Wohnung, über welches Generalsekretär Schröder, Präsident Peus= Dessau und Stadtrat Dr. Guttmann Hagen sprachen. Die angenommene Entschließung stellt mit großer Besorgnis fest, daß gerade die kinderreichen Familien von dem wachsenden Woh­nungselend und seinen entsetzlichen, die Familie und das Volk zerrüttenden Folgen getroffen seien. Das notwendige Ziel einer ausreichenden Wohnung können die Kinderreichen aus eigener Kraft nicht erreichen. Daher müsse Reich, Staat und Gemeinde alle Mittel für ausreichende Wohnungsfürsorge besonders für finderreiche Familien verwenden, gemäß Artikel 155 der Reichs­verfassung. Daher Forderung von Arbeitsgelegenheit, nicht nur durch Bau von Eisenbahnen und Kanälen, sondern durch Woh­nungsbau. Ferner Bevorzugung der Kinderreichen bei der Unter­bringung in festen Arbeitsstellen.

Das neue Strafgesetzbuch.

Der Entwurf des neuen Strafgesetzbuches wird nach einer Mitteilung des Regierungsvertreters auf dem Bonner Krimi­naliſtentag am 8. Oktober im Reichsrat zur Beratung kommen und soll nach Möglichkeit beschleunigt werden. Ob allerdings noch der gegenwärtige Reichstag in der Lage sein wird, das große durch Jahrzehnte vorbereitete Reformwert zu vollenden, darf man bezweifeln.

In der Parteimühle.

Es wird demnächst nichts mehr in Deutschland geben, was nicht durch die Mühle der Parteien gemahlen wird. So ist nun auch der Kampf um das Jugendschutzgese, wie es scheint endgültig, ins Parteifahrwasser einge­mündet. Jm ehemaligen Preußischen Herrenhaus hat eine Pro­testversammlung der Vereinigung linksgerichteter Verleger unter Massenaufgebot nach den schon bekannten Deduktionen beschlossen: ,, Die mit der heutigen deutschen Justiz gemachten Erfahrungen lassen feinen Zweifel, daß ein solches Gesetz ausschließlich zur

Unterrichtsausfall am Gedenktag der Reformation Betämpfung der linkspolitischen und linkskulturellen Literatur

in Preußen.

Der Unterrichtsminister bestimmt über den Unterrichtsaus­fall am Gedenktag der Reformation und die Schulfeiern, daß, wenn der 31. Oftober auf einen Wochentag fällt, der Tag in Zukunft für evangelische Lehrer und Schüler unterrichtsfrei ist. An Schulen, die auch von nichtevangelischen Schülern besucht werden, fällt der Unterricht für diese nichtevangelischen Schüler am 31. Oftober ebenfalls aus, wenn nach dem Ermessen des Schulleiters ein fruchtbringender Unterricht für sie nicht möglich ist. Wo Schulfeiern stattfinden, sind sie, venn der 31. Oktober auf einen Wochentag fällt, in der Regel an diesem Tage abzuhalten.

Zum 100. Todestag Friedrich Krupps.

Am 8. Oktober jährte sich zum hundertsten Male der Tag, da Friedrich Krupp, der Gründer der Gußstahlfabrik, 1826 starb. Am 17. Juli 1787 wurde Friedrich Krupp geboren, in einer Zeit, als der Pulsschlag des politischen Lebens in Essen start und schwer empfunden wurde.

*

Der englische Bergarbeiterstreit geht weiter. In der Bergarbeiterkonferenz wurde am 7. Oktober mitgeteilt, daß bei der Abstimmung in den Distrikten über die Vorschläge der Regierung 737 000 Stimmen für Ablehnung und 42 000 Stimmen für Annahme abgegeben worden sind. Die Konferenz beschloß hierauf, die Vorschläge der englischen Regierung abzu­lehnen.

mißbraucht wird. Die Versammelten betrachten den angeblich be­absichtigten ,, Schuß der Jugend" nur als einen heuchlerischen Vorwand zur Unterdrüdung aller freiheitlichen Schriften." Ger­hart Hauptmann, Albert Einstein, Thomas Mann, Alfons Paquet und andere standen mit schriftlichen Aeußerungen Pate.

Die Bädertagung in Bad Reichenhall. A.D.B. Die Anziehungskraft der regelmäßig im Herbst statt­findenden Generalversammlung des Allgemeinen Deutschen Bäderverbandes wächst von Jahr zu Jahr. Der Gedante, alle Persönlichkeiten, die am deutschen Bäderwesen unmittelbar be­teiligt sind, beim Abschluß der Sommerfurzeit zu einem gemein­samen Gedankenaustausch zusammenzuführen, hat feste Form ge­wonnen. Nicht weniger als etwa 250 Teilnahmer waren von auswärts zur 35. Generalversammlung nach Reichenhall getom­

men.

Nach den Begrüßungsansprachen erstattete der Syndikus Herr Hauptmann a. D. Schmidt, den Tätigkeitsbericht für das Ge­schäftsjahr 1925-26.

Ein Vortrag befaßt sich mit der wirtschaftlichen Lage der deutschen Bädern, woraus fich ergab, daß im Hinblid auf die sozialen Leistungen der deutschen Bäder vom Staat gefordert werden müsse, daß die Hauszinssteuer für die Saisonbetriebe auf ein tragbares Maß gemildert werde, die Industriebelastung für die Bäderbetriebe aufgehoben und alle Steuerschifanen be­seitigt werden.

( Gießener Tageblatt)

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Den Aufwertungsfanatikern

ins Stammbuch.

Wir haben wiederholt in unserer Zeitung Veranlassung gehabt, auf die Kampfesweise der Auswertungsverbände, ins besondere einzelner Aufwertungsfanatiker, und ihre Stellung­nahme gegenüber dem Hausbesig hinzuweisen.

In neuerer Zeit setzt eine wüste Agitation gegen führende Persönlichkeiten in der Wirtschaft und Politif ein, gegen die die Kampfesweise nach kommunistischem Muster noch als anständig bezeichnet werden kann.

Eine derartige persönliche Kampfesweise ist geeignet, die Sparer und Aufwertungsgläubiger noch um den Rest der Sym­pathien zu bringen, deren sie sich seither noch erfreuen konnten.

Nunmehr wendet sich auch der Vorwärts" in seiner Num mer vom 10. September 1926 gegen die Art des Kampfes, wie er in letzter Zeit von einzelnen Auswertungsfanatikern geführt wird. Er schreibt:

,, Es ist an der Zeit, mit Nachdruck auf eine Bewegung hin zuweisen, die zu einer Gefahr für Tausende zu werden droht. Wir meinen die unzähligen Inflationsgeschädigten und vom Groß­tapital Beraubten, denen skrupelloser schwarz- weiß- roter Wahl­schwindel goldene Berge versprach und die dann namenlos ent­täuscht wurden, als die schönrednerischen Bauernfänger im Sat tel saßen. Diese voll berechtigte Empörung der Ausgeplünderten und Betrogenen wird nun von recht fragwürdigen Elementen in eine Linie völliger Anarchie und ungezügelter Vernunftlosig­feit gedrängt. Einige Verbände, die sich untereinander aus Kon­furrenzgründen aufs heftigste befehden, können in marttschreie­rischer Propaganda für 100prozentige Aufwertung sich nicht ge­nug tun, eine Versammlung jagt die andere, die Vereinigungen scheinen über unerschöpfliche Kassen zu verfügen. Sonntag und Montag produzierte sich in Berlin in der Neuen Welt" und im ,, Clou" wieder jener wortreiche Betriebsanwalt Winter aus Leipzig, der aus der Not der Inflationsverlierer anscheinend ein respektables Gewerbe macht. Jedenfalls macht er ganz Deutsch­land mit seinen ebenso billigen wie maßlosen Angriffen auf Re­gierung und Reichsbantpräsident Dr. Schacht unsicher. Noch weit radikaler ist die famose ,, Reichspartei für Aufwertung und Recht, die der rührige Fabrikant Roll ins Leben gerufen hat, der sich wegen seiner Geldstrafe stolz den Angeklagten von Moa­bit nennt. Versucht es Winter immerhin noch mit dem Schein sachlicher Argumente, so ist bei Roll die wirrste Phrase Trumpf. Mit einem Provinzialabgeordneten Beer aus Königsberg ver­anstaltet er jetzt eine Versammlung, die allen ,, Volksausräubern schärfste Kampfansage" bringen soll. Für die nächste Zeit planen die Verbändler eine 100prozentige Aufwertungsdemon­stration im Lustgarten. Als ein besonders starkes Stüd muß es bezeichnet werden, daß Roll seine Tiraden mit 50 Pfennigen im Kurs notiert. Eine Schamlosigkeit ist es jedoch geradezu, von Erwerbslosen, die sich als solche ausweisen fönnen, 30 Pfennige zu verlangen. Man sieht, das Geschäft blüht."

*

Dazu bemerkt das Grundeigentum":

Die Ausführungen des Vorwärts" lassen jedenfalls an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Ein derartiges einmütiges Urteil aller politisch maßgebenden Kreise sollte den Anhängern der Aufwertungsbewegung doch zu denken geben, auch ihrerseits eine Führung abzulehnen, der der persönliche Anwurf noch als geeigneter und vollwertiger Ersatz für mangelnde Sachlichkeit erscheint.

Auch die am vergangenen Sonntag mittag im Lustgarten von der Reichspartei für Aufwertung und Recht veranstaltete Protestdemonstration bot reichlich Anlaß hierzu. Es mochten sich insgesamt 1000-1500 Personen eingefunden haben. Die mitge­führten Plakate forderten Auflösung des Reichstages, Absetzung des Reichsbankpräsidenten Schacht und die Durchführung eines Volksbegehrens über die Aufwertung. Im übrigen wurden gegen den Reichsbantpräsidenten, den Reichsinnenminister Dr. Külz, der das Boltsbegehren der Aufwertungsverbände abge= lehnt hat, und die übrigen Mitglieder der Regierung scharfe An­griffe gerichtet, wobei ausdrücklich betont wurde, daß der Kampf in der nächsten Zeit mit viel größerer Schärfe und weit rüdsichts­loser geführt werde. Nachdem die Versammelten, wie ein Red­ner betonte, als Volksgericht" und öffentliche Antläger mehrere Reichsminister und vor allem den Reichsbankpräsidenten Dr. Schacht angeklagt hatten, wurde eine Resolution angenommen, in der die Forderungen der Organisation zusammengefaßt waren. Es wäre wirklich an der Zeit, einzusehen, wie unheilvoll es ist, die Leidenschaften aufzupeitschen und daß die Entscheidung über eine Frage, die bei ihrer Schwierigkeit und ihrer weittragen­den Einwirkung auf das Wirtschaftsleben eine eingehende, ruhige und rein sachliche Beratung erfordert, in die Hand der Masse gelegt wird, die gar nicht imftande ist, die Tragweite des Pro­blems zu verstehen.

Der Hohenzollern- Vergleich unterzeichnet. Der Vergleichsvorschlag für das Abfindungs- Ablommen zwischen Preußen und dem Hause Hohenzollern ist Donnerstag unterzeichnet worden, und zwar von dem Generalbevollmächtigten v. Berg und vom Finanzminister Dr. Höpfer- Aschoff vorbehaltlich der Zustimmung des Parlaments.