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Das Volkslied.

Von Erich Teßmer.

Es ist doch etwas wunderfeines um das Lied. Ich meine das Volkslied. Doch was versteht man heutigen Tages nicht alles unter Volkslied"? Alles wirft man in einen großen Topf, wertvolle Perlen mit Steinen und Plunder. Holt man sie einmal heraus, dann kann man nicht einmal mehr die Per­len von den Scherben unterscheiden. Ja, was das traurigste ist, die Kenner finden's nicht mal mehr heraus. Ihr Ge­schmack ist so verdorben. Alles Gefühl für das Reine und Edle geht ihnen ab.

Von der Schulzeit her schwirren uns noch wüste Weisen in den Ohren, die man uns als Volkslieder vorsezte. Wir nahmen sie als solche auf. Da wir aber von dieser mageren Kost, wie sie uns von den Schulen vorgesetzt wurde, nicht für die Dauer leben konnten, besseres uns aber anderweitig auch nicht geboten wurde, so griffen wir zu jenen Liedern, die den wohlklingenden Namen Lied" gar nicht verdienen. Ich meine jene zweideutigen, schlammigen, kitschigen Operettenzoten, die eigenartigerweise überall hin ihren Weg und dankbare Abnehmer finden.

So schleppte man sich einige Jahrzehnte hindurch, bis end­lich deutsche Jugend wieder eine Sehnsucht spürte nach Echtem, Reinem, Wahrem. Diese Jugend war es satt, sich wie eine Gans mit Kitsch und seichtem Flittertand stopfen zu lassen. Die deutsche Seele bäumte sich dagegen auf. Die Jugend spürte eine gewaltige Regung in sich.

Der Wandervogel entstand und mit ihm erwachte das alte Volkslied wieder zu neuem Leben und ewig Dank wird er einem Hans Brauer für seinen Zupfgeigenhanst" wissen. Nicht alles ist gut darinnen, aber das meiste ist doch tatsächlich Volkslied, und das ist die Hauptsache.

War ich da kürzlich in einem Konzert eines Gesangvereins in einem nassauischen Dörschen. Gute Kräfte waren es. Nicht umsonst hat der Verein schon viele Preise sich errungen. Um so mehr tat mir in der Seele weh, zu hören, wie sich die be­mitleidenswerten Geschöpfe fast die Zungen brachen, um diese schmalzigen, wehmutsvollen Weisen zusammen zu bekommen. An die Technik stellen diese neuartigen Lieder unzweifelhaft hohe Anforderungen. Aber wofür das alles! Schade um jede Uebungsstunde. Sänger wie Zuhörer haben nichts davon, und ein Lied soll doch schließlich beide Teile erfreuen. Glaubt doch nur nicht, wenn ein Lied vier- oder sechsstimmig gesungen würde, müßte es nun unbedingt hübsch sein. So manches feine alte Liedlein in einer Stimme gesungen, ist oftmals vieltausendmal schöner als so manches Lied für vierstimmigen Männerchor" oder dergl.

Ich hasse das Liedertafel- Singen". Eingezwängt in Geh­rock oder Frac mit hohen Stehkragen stehen die Sänger auf der Bühne, ein Werkzeug in der Hand ihres Dirigenten, den Mund mechanisch auf- und zuklappend, so schnell wie möglich den Schluß herbeiwünschend, da man sich ums Bier schart oder das Tanzbein schwingt.

O nein, ihr braven Sänger, das Lied ist doch etwas anderes als nur ein sentimentales Gewinsel von Schönen blauen Augen", von Rosen der Heimat", vom Ersten Kuß".

Ermannen wir uns wieder und werfen von uns den wei­bischen, weichlichen Sang! Das alte deutsche Lied von Man­

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nestreu und Freundschaft, von Minneleid und Landknechtsart, muß wieder neu erstehen, uns zur Erbauung, Ermunterung und Freude.

Singt in einer Gemeinschaft", aber in keinem Verein"! Singt, weil das Herz voll ist, singt aus Liebe zum Singen, nicht aus Ehrgeiz.

Viel Anregung kann euch da Dr. Walther Hensel geben. In seinem Werkchen ,, Lied und Volk"( erschienen bei Johannes Stauda in Augsburg 1924) zeigt er uns, was wahre und was falsche Volkslieder sind, was echt ist und was Schein. In allen Gauen des deutschen Vaterlandes tritt er auf und sieht seine Lebensarbeit in der Erziehung seines Volkes zum Singen, zum Singen des Volksliedes in den sogenannten Singwochen". Das ist eine große, schwere Aufgabe. Ihm wird es gelingen, davon bin ich felsenfest überzeugt.

An dieser Stelle möchte ich da besonders empfehlend auf seine Volksliedersammlungen Finkensteiner- Blätter", Aufrecht Fähnlein und Wach auf" hinweisen.

Es ist etwas Großes um das Lied. Ich freue mich jeden Tag auf die Singstunde. Nur wenig Zeit gibts hier auf der Ländlichen Volkshochschule auf Burgschwalbach dafür; aber diese eine Stunde wird genütt und wird zur Weihestunde. Wenn ich da als Liedermeister vor den Jungens stehe ist mir's ge­rade, als wenn ich mit jedem Liede, das ich sie lehre, einen Schatz hebe und diesen Schatz meinem Volke schenke. Das macht mich froh und stolz. Hier auf der Bauernhochschule, wo sich Bauernjungens verschiedenen Alters zusammengefunden haben, wo sie sich wieder all die guten Eigenschaften des Bauern, die ihre Großeltern auszeichneten, zu eigen machen wollen, wo ihnen natürliches Empfinden wieder geweckt werden soll. Da kommt uns das Volkslied entgegen: Singet und wir sind Schwestern und Brüder!" Ich hoffe, Walter Hensel für eine Singwoche im Sommer ds. Js. nach Nassau zu bekommen.

Alle, ihr Lehrer, Seelsorger und Leiter von Gesangvereinen, Hüter der Jugend und Erzieher, nehmt teil an dieser Sing­woche! Laßt euch sagen, was ein Volkslied ist. Lernt dort Volkslieder und Choräle, vertieft euch in Bach und ihr werdet merken, wie weit entfernt ihr davon gewesen seid.

Werdet wieder echt, volkstümlich, werdet wieder Mensch in seiner Natürlichkeit. Legt allen Schein ab, gebt euch wie ihr seid. Dazu kann euch das wahre Volkslied verhelfen.

Literarisches.

Das soeben erschienene Heft 6 der ,, Lustigen Blätter". hat der Zeit gemäß den Fasching zur Devise. Das bunte Trei­ben des Karnevals spiegelt sich getreu in den farbigen Kunst­blättern und im Text wieder, Wizz, Uebermut und Laune sprüht die ganze Faschingsnummer.

Die neueste Nummer 4169 der Illustrierten 3ei= tung"( J. J. Weber, Leipzig) enthält wieder sehr gute Bei­träge mit Abbildungen. Von den buntfarbigen Wiedergaben ist das Gemälde ,,, Serenissimus auf Reisen" von Carl Spitz­weg besonders hervorgehoben. Für die Damenwelt hringt das Heft diesmal zwei Modetableaus. Dem Charakter der Zeitung entsprechend, sind wieder alle tagesgeschichtlichen Ereignisse des In- und Auslandes in einer großen Anzahl von Abbildungen festgehalten.

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