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Wenn wir oven den Kontrast zwischen staatlicher Vertrags­erfüllung einerseits dem Gläubiger, andererseits dem Staats­beamten gegenüber betonten, so soll den hohen Beamten, wie auch der Vielzahl der Unterbeamten, die nach der Revolution aus Parteirücksichten angestellt wurden, diese Zuwendung auf unsere Kosten nicht geneidet werden. Es wird aber niemand bestreiten, daß der so geschädigte Mittelstand, die Rentner und Hausbesitzer nun in erster Linie rückwirkend entschädigt werden müssen, selbst wenn dadurch die Erhöhung der Beamtengehälter erst in dritter Linie berücksichtigt werden müßte. Wir erkennen aus obigem, daß die Suche nach Mitteln zur Aufwertung gar nicht so schwer ist, wie sie Herr Luther hinzustellen beliebt. Weiterhin sei noch der systematischen Vernichtung jeden Privatkapitals gedacht, wie wir sie seit der Revolution erleben mußten. Auch der vor­sichtige Sparer, der seiner Lebensarbeit Erfolg in nichtdeutschen Anleihen anlegte, sah sich um die Früchte seiner Arbeit ebenso gebracht, wie etwa der Besitzer eines Mietshauses. Hat z. B. der Sparer hochvalutarische Auslandswerte erworben, so wurden diese ihm durch die kurzsichtige ler Erzberger 1919 entrissen, ohne daß ein valutagesichertes Aequivalent dagegen gegeben wurde. Hierdurch wurden, um die Ernährungslage vorübergehend zu sichern, die legten Auslandsguthaben Deutschlands vernichtet, die Besitzer ohne bisheriges Entgeld an den Bettelstab gebracht und die Inflation dank der geistigen Größe Erzbergers, die er wohl am meisten wertete, beschleunigt entsprechend den Gedanken­gängen jener Volksvertreter" und Volksbeglücker, von denen einer das nicht zu vergessende Wort prägte: Man höre endlich auf vom geheiligten Eigentum zu sprechen. An die Entschä­digung der Auslandsdeutschen mit 2 pro mille und die sich daran anschließende Vernichtung vieler Existenzen sei hier nur kurz er­

innert.

Was nun die Aufwertung anbetrifft, so verlangt es die Ge­rechtigkeit, daß man den Hauseigentümer, der Hypothekenschuld­ner ist, so lange nicht mit erhöhten Lasten behelligen kann, als er vorgenannte empfindliche Lasten der Zwangsbewirtschaftung der Häuser zu tragen hat. Diese Schonzeit muß sich bis zur Ab­geltung aller, seither erlittenen Verluste und Beseitigung aller durch die Zwangswirtschaft entstandenen baulichen Schäden er­strecken. Anders zu behandeln sind Hypotheken auf gewerblichen und industriellen Grundstücken, die dem Eigentümer Einkommen hinreichend abwarfen. Hier müßte weitgehendste Aufwertung und Verzinsung Play greifen. Bezüglich der Hypothekenauf­wertung bei Miethäusern ist immerhin zu berücksichtigen, daß das für die Forderung haftende Objekt meist noch in den Händen des Schuldners ist, also auch hier, nach baldigster Beseitigung obiger Hemmnisse Verzinsung und Aufwertung aus Gerechtig= feitsgründen angestrebt werden muß, natürlich auch hinsichtlich in Papier bereits getilgter Goldhypotheken. Haben doch skrupel­lose Schuldner, die ein Goldkapital erhalten hatten und damit Fabrikräume errichten konnten, 1923 dieses Kapital mit dem Bruchteil eines Pfennigs zu tilgen versucht!

Endlich möchte ich noch des leeren Schlagwortes ,, spekulativer Neuerwerber" Erwähnung tun. Diesen gedankenlosen Ausdruck hört man bei der Kriegsanleihehausse 3. 3t. oft. Wie schon er­wähnt, hätte das Finanzministerium durch zeitigen, langsamen und billigen Ankauf jene Spekulation eindämmen können und so die häßlichen Auswüchse an der Börse verhindern können. Man möge hier nicht zu engherzig sein. Aus Not mußte der Rentner um einige Goldpfennige seinen alten Besitz verkaufen. Man kann es ihm nicht verübeln, wenn er seinen Besitz wieder billig zu erwerben sucht. Die Fiktion Mark- Mark gestattete in und ausländischen Schuldnern Goldschulden mit einem Pa­pierfezzen abzuzahlen. Der Gläubiger sucht das Wenige, was er von diesen Schuldnern erhielt, in Vorkriegswerten oder Kriegsanleihen anzulegen. Diese Effekten waren die einzigen, die er noch mit dem ihm zurückbezahlten Geld erwerben konnte. Oft tauschte auch ein solcher Besizer jene Vorkriegsobligationen, da bekannt wurde, daß die Schuldner die Absicht der pari- Rüd­zahlung in Papiermark hatten. Keinenfalls ist ein solcher Käu­fer spekulativer Neuerwerber.

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Mögen alle Parteien in dem Gedanken sich eins fühlen, als Deutsche allen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Zur Wohnungsfrage in Gießen.

In der Stadtverordnetenversammlung zu Gießen ist kürzlich die Zahl der Wohnungssuchenden von 2032 genannt worden, worüber Frau Prof. Kramer als Mitglied der Woh nungskommission Bericht erstattet hat. Wer diese Zahl liest und nicht in die Verhältnisse eingeweiht ist, muß in den Glauben versetzt werden, daß diese Zahl von Wohnungen in Gießen für Wohnungsbedürftige tatsächlich fehlt. Ich hätte es für richtig gehalten, wenn Frau Prof. Kramer, bevor sie über solche nadten Zahlen berichtet, zunächst nach den Ursachen geforscht hätte, um zu sehen, woher sich diese Zahlen ableiten lassen. Erst dann würde sich ein klares Bild über die Wirklichkeit und Zahl der fehlenden Wohnungen ergeben.

Da ich auf dem Gebiet der Wohnungsfrage auch ein wenig im Bilde bin, möchte ich meine Ansicht über diese erschreckenden Zahlen hiermit bekanntgeben. Die Nachfrage nach Wohnungen drückt sich durch nichts anderes aus, als durch die beim Woh­nungsamt geführte Wohnungsliste. Ersieht man aus dieser Liste die wirkliche Nachfrage und bietet sie eine geeignete, brauchbare statistische Basis zur Feststellung des wirklichen Bedarfs? Ich sage nein, weil ich weiß, daß der auf der Liste stehende über­wiegende Teil von Reflektanten zum Wohnungsamt geht, nur um einen Wohnungswechsel vorzunehmen. Weiter kenne ich Duzende von Fällen, bei denen all auf größere Wohnungen spe­kuliert wird und die sich deshalb in die Liste der Wohnungs­suchenden eintragen lassen. Man sieht an solchen Beispielen zu deutlich, daß durch die Wohnungsliste nur eine einseitige Nach­fage nach Wohnungen dargelegt wird. Es müßte daneben noch eine statistische Feststellung des vorhandenen Wohnraumes er­folgen, wollte man die vermehrte Nachfrage gegenüber der Vor­friegszeit, in der es ja eine Wohnungsnot nicht gegeben hat, zu­treffend feststellen.

Aber ein weiteres Moment dieser Steigerung der Nachfrage verdient Beachtung. Sie ist weniger durch ein Wachsen der Volkszahl als durch ein Wachsen des Anspruchs an Wohnraum hervorgerufen. Ein wesentlicher Grund der starken Nachfrage nach Wohnungen ist zweifelsohne die Ausdehnung des Wohnbe­dürfnisses; insbesondere ging und geht dies auf die künstliche Niederhaltung der Mieten zurüd. Aus diesem Grunde lassen sich auch sehr viele in die Wohnungsliste eintragen, um eine größere Wohnung zu bekommen, obgleich sie die Miete hierfür bei nor­malen Verhältnissen gar nicht aufbringen könnten. Solange aber nicht die Ausgaben für Miete in das gleiche Verhältnis zu den Einnahmen gebracht werden, wie in der Vorkriegszeit, wird die Nachfrage nach Wohnungen immer größer werden. Diese vermehrte Nachfrage ist als wirkliche Wohnungsnot nicht zu ver­werten. Klarheit über den tatsächlichen Wohnungsmangel tanu erst dann erbracht werden, wenn eine neue Liste aufgelegt wird für die wirklich Wohnungsbedürftigen. Daneben kann noch eine zweite Liste für Umzugsluftige aufgelegt werden. Das Gespenst der Wohnungsnot wird dann ein anderes Geficht erhalten. End­lich wird auch die Allgemeinheit einsehen müssen, daß mit dem Unfug der Wohnungszwangswirtschaft gebrochen werden muß. H. Launspach.

Heimatglocken.

Man muß in der Fremde gewesen sein, um die Seele der Heimatglocken zu begreifen. Das Herz muß heimwehdurstig mit weißen Wolkentauben im Wettfluge gelegen haben, um den finderglückseligen Melodien der Heimatgloden wie einem Engel­Tedeum zu begegnen.

Ach, wenn man heimkehrt!

Wenn der schieferblaue Kirchturmhut so herüberwinkt über die grünen Gebreite und das leuchtende Uhrauge Ausschau hält, ob sie nicht wiederkommen, alle, die einst fernglücktrunken sich

verloren.

Die Uhrenzeiger rücken langsam weiter, tief versonnen, schon ein paar Menschenalter lang. Und im Kirchturm tidt das Herz, langsam und schwer. Durch die Schalluken greifen die Sonnen­finger nach den grün- goldenen Glocken, deren Sonntagsseele sich heimlich regt, wenn einer Turmtaube Flügel sie leise streift. Wie können doch die Heimatgloden selig singen:

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