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Gießener Zeitung

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( Neueste Nachrichten)

vierteljährlich 75 Big.. vorauszahlbar, frei ins Haus. Abgebolt in unserer Expedition oder in den Zweig­Erscheint ausgabeitellen vierreljährlich 60 Bfg. Mittwoche und Eamotag8. Redaftion: Selters weg 83. Für Aufbewahrung oder Hüdiendung nicht verlangter Manuskripte wird nicht garantieri. Verlag ber ,, Gießener Zeitung" G. m. b. v.

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Nr. 70.

Telephon: Nr. 362.

Sedan.

Der größere Teil des Geschlechts von heute besteht aus Menschen, die vor 43 Jahren noch nicht geboren waren. Ihnen fann Sedan nicht ein Erlebnis sein, son­dern nur ein Ereignis, ein weltgeschichtliches zwar, das aber der Vergangenheit angehört. Wollen sie sich eini­germaßen vergegenwärtigen, was Sedan in jenen Stun­den bedeutete, in denen es weltgeschichtlichen Inhalt und Klang erlangte, so müssen sie sich in die Seele derer ver­setzen, die Sedan erstritten und als Zeitgenossen erlebt haben. Die Erinnerung selbst an so Großes wie Se­dan, das in Jahrhunderten einem Volke bloß einmal 3uteil wird, erblaßt allmählich; die für so Großes Em­die pfänglichen können sie indes auffrischen, wenn Gefühle und Gedanken auf sich wirken lassen, die der Eindruck des Erfolges von Sedan unmittelbar ausge­

löst hat.

Zuerst und zu allermeist ist es der Gedanke an Gottes Führung gewesen, den Sedan vor 43 Jahren hervorgerufen hat. König Wilhelm von Preußen, der zuerst berufen war, zu sagen, was Sedan bedeutete, hat es mit dem unvergeßlichen Worte ausgesprochen: ,, Welch eirte Wendung durch Gottes Führung!" Wie sein König eripfand Bismard, als er am 3. September an seine Frau schrieb: Es ist ein weltgeschichtliches Ereignis, ein Sieg, für den wir Gott dem Herrn in Demut danken wollen, und der den Krieg entscheidet, wenn wir auch lezteren gegen das kaiserlose Frankreich noch fortführen missen." So unaussprechlich Großes über alles warten und Ermessen hinaus war vor Sedan geschehen, daß es selbst die Sedansieger, welche alle ihre Kräfte eingesetzt hatten, sich in Demut als die von Gott Ge führten und Gesegneten fühlten. Daß der Name Sedan fortab etwas unvergleichliches fünde, dessen ward sich 1. Blumenthal, der spätere Generalfeldmarschall, wußt, als er unter dem 1. September in sein Tagebuch die Worte verzeichnete: Ein Ereignis, wie die Ge schichte wohl faum ein zweites aufzuweisen hat."

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Der bekannte evangelische Geistliche Bernhard Rogge hielt als Felddivisionspfarrer am 2. September auf dem Schlachtfelde abends einen Gottesdienst ab, worüber er berichtet hat: Dies ist unser, so laßt's uns halten und

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Erpedition: Seltersweg 83.

Samstag, den 30. August 1913.

so es behaupten! Das war eine Mahnung, die an die­sem Abende sich von selbst auf die Lippen legte. Auf ein furzes, freies, von Lob und Dank überströmendes Ge­bet folgte Vaterunser und Segen, und hierauf erscholl aus beinahe 12 000 Stehlen und doch wie aus einem Munde ein gewaltiges, zum Abend himmel emporsteigen­des: Nun danket alle Gott!" Wer es dort hat mitsin­gen dürfen, auf den Höhen hinter Givonne, der wird es sein Leben lang nicht vergessen, und ich bin seitdem von manchem, der längst des Königs Rod ausgezogen hat, daraufhin angeredet worden, daß ihm diese Stunde und der Dankgottesdienst am 2. September unvergeß lich geblieben sei." Ein Felddiakon, Dr. Karl Pitschker, hat die unmittelbaren Sedanteindrücke also geschildert: Unsere damaligen Gefühle lassen sich nicht beschreiben,

so etwas muß man erlebt haben. Geweint, gelacht, geherzt, getanzt, gesungen, getrunken, Hurra geschrien alles dies haben wir in einem Atem gemacht. Dieses Ereignis war ein zu unmittelbarer und deutlicher Fin­gerzeig Gottes, als das nicht auch dem Gedankenlosesten ein dankbares Gefühl und eine Ahnung der über den menschlichen Geschicken waltenden Gerechtigkeit überkom­

men wäre."

Wie draußen im Felde von den Kriegern, wurde Sedan in der Heimat begrüßt. Als die wundersame Kunde: Napoleon und seine Armee geschlagen und ge­fangen!" durch die deutschen Lande flog, da wurde die Seele des deutschen Volkes von einer so einigen Begei sterung bewegt, wie nie zuvor, und deutsche Vaterlands­liebe und deutscher Vaterlandsstolz erhoben sich zu einer Höhe ohne Gleichen. Wie sein greiser Heerführer gab Alldeutschland zuerst dem Allerhöchsten die Ehre. Der Herr hat Großes an uns getan", sang der Dichter ,,, Ehre sei Gott in der Höhe!" Was Vater und Vatersväter vergeblich ersehnt hatten, rückte das Sonnenlicht des Sedansieces in helle, greifbare Nähe. Was König Fried­rich Wilhelm 4. von Preußen geweissagt hatte, daß die deutsche Kaiserkrone nur auf dem Schlachtfelde er rungen werden könnte", war durch Sedan erfüllt; dessen waren alle gewiß. Sedan gab die Losung: ,, Kaiser und Reich!"

Dem Segen Gottes hat Kaiser Wilhelm der Große Sedan zugeschrieben. Dieser Segen ist unserem Volke

Wotan

Nach dem Sturm. Erzählung von Emil Frank. ( Nachdruck verboten.) Zum erstenmal spürte der alte Verwalter- der frei­ch noch gar nicht so alt war daß auch in seinem berzen sich noch traute Stimmen regten, daß dieses Fräulein Benken ihm lieber geworden fet, als er selbst geglaubt hatte. Aber dann lächelte er über solche fugend­Hiche Anwandlungen, wie er diese Gedanken nannte. Und er schob die Bilder in Rahmen, die er bei irgend Hiner Gelegenheit erworben und bis jetzt in einer Schub­labe des Schreibtisches ein verborgenes Dasein gefristet batten. Jetzt sollten sie wirken. Die Bilder sollten ihn in seine Pflicht mahnen, die er freiwillig übernommen hatte, fie sollten ihn ermutigen, wenn er schwach werden wollte.

Jatt Soffa zögerte nicht lange, die Aufträge seines Herrn auszuführen und die von ihm empfohlenen Pläne u realisieren. Das machte viel Arbeit, aber davor fcheute er nicht zurück. Und als dann nach einigen Wochen ein dicker Brief aus Tatischan ankam, da war er gar froh und glücklich. Denn in diesem Brief stan­den gar schöne Sachen. Da war Nummer eins ein langes Schreiben des Grafen, der sich sehr zufrieden mit den Erfolgen seines Verwalters erklärte. Nummer zwei war ein Brief von Jadwiga. Die berichtete gar viel schöne und lustige Neuigkeiten, und Jan Sojka lächelte gerührt, während er den Brief las.

Slawa wußte bei weitem nicht so viel zu erzählen. Das Schreiben war ihr noch ein wenig sauer. Das Lonnte man ihren eckigen Schriftzügen anmerken. Auf der zweiten Seite befand sich auch ein Klecks, und Jan Sojka konnte sich das trübe Gesicht Slawas wohl vor­fiellen, als sie diesen Verstoß gegen die Regeln der Aes­tik begangen hatte. Auch Slawa erzählte von den schö= men Geschenken, von Großmama und Großpapa, die gar

( Gießener Tageblatt)

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Telephon Nr. 362.

25. Jahro.

43 Jahre hindurch bis zum heutigen Tage beschieden worden. Wie er ins schier Unermeßliche fortgewirkt hat, das ist uns besonders in diesem Jahre des rüdschauen­den, Vergangenes und Erlebtes zusammenfassenden Ge­dächtnisses zum Bewußtsein gekommen. Der Sedan= segen fann uns auch fürderhin nicht verloren gehen, wenn wir uns mit allen Kräften mühen, das Große, was wir von unseren Vätern ererbt haben, zu erwerben, um es wirklich zu besitzen; wenn wir in treuer, rast­loser Arbeit, im Willen derer, die sich zuerst den Se­dansegen erkämpft haben, um diesen Segen ringen, also daß er auch uns, den Nachgeborenen, als ein neu ver­dientes und darum unverlierbares Besitztum zu eigen werden und bleiben muß.

Politische Rundschau.

Deutschland.

Der Kaiser wird vom 16. September an längere Zeit in Cadinen Aufenthalt nehmen und zwar vor seiner Reise nach Rominten und Königsberg. Auch der Marienburg wird der Kaiser einen Besuch abstatten.

Berlin. Der Kaiser hat am 23. ds. Mts. folgendes Telegramm an Kaiser Franz Josef gerichtet:

Mit herzlicher Teilnahme höre ich soeben, daß Vize­admiral Graf Lanjus seinen schweren Verletzungen erlegen ist. Ich betrauere mit Dir den Verlust dieses Offiziers, der Treue im Dienst bis zum Tode bewies. Ich werde meiner warmen Teilnahme Ausdruck geben, indem ich mich durch Major von Kageneck bei der Be­erdigung vertreten lassen werde.

Wilhelm.

Darauf ist folgende Antwort des Kaisers Franz Josef eingegangen:

Tiefbewegt ob der besonders teilnahmsvollen Worte, welche Du anläßlich des Ablebens des Vizeadmirals Grafen Lanjus an mich zu richten die Güte hattest und die mir und meiner Kriegsmarine angesichts des erlit­tenen schweren Verlustes einen wahrhaft wohltuenden Trost gewährten, bitte ich Dich, hierfür und für die Ent­sendung des Flügeladjutanten Grafen von Kageneck,

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Iteb und gut waren. Zuletzt schrieb sie: Wenn Dein Jan nach Hause kommt, dann grüße ihn schön."

Das freute nun den Verwalter ganz gewaltig. Ebenso erfreuten ihn auch die wenigen Zeilen seiner Freundin Fräulein Benken, die als Poststriptum zu Slawas Brief einen herzlichen Gruß anfügte. Ste ge­brauchte dazu eine ganze Seite. Wir freuen uns alle, bald wieder nach Krzemien zurückkehren zu können. So schön es hier auch ist, so haben wir Krzemien doch nicht pergessen, und wir plaudern gar oft mit den Kindern von Ihnen, lieber Herr Sojka. So schrieb Fräulein Benten

Aber der Sommer ging hin, der kleine Jan kam aus Lemberg in die Ferien, und er war arg enttäuscht, als er die kleinen Komtessen nicht antraf. Jetzt machten ihm die Ferien nur noch halbe Freude. Sonst, ja, da war noch Vergnügen dabei! Er war zwar fünf Jahre älter als Jadwiga und acht Jahre älter als Slawa, aber das hatte ihre Harmonie nicht im geringsten be­einträchtigt. Dieses Mal aber konnte Jan Sojka junior sehen, wie er sich selbst die Zeit vertrieb. Seine lusti­gen Freundinnen halfen ihm nicht, höchstens tamen sie ihm in der Erinnerung zu Hilfe. So ging das die ersten Ferientage. Dann aber ging der aufgeweckte Knabe, der zur großen Freude seines Vaters immer Primus seiner Klasse war, auf Entdeckungen aus. Einige alte Bücher reizten ihn. Da war auch eine Beschreibung der drei Reiche der Natur, und Jan Sojka erwählte das Pflan­zenreich und studierte in diesen einsamen Tagen gar eifrig das Buch, noch eifriger die Natur selbst, und sei­nem Herzen ging zum erstenmal ein Ahnen von ihren wunderbaren, mannigfaltigen Schönheiten auf, eine tiefe Liebe zur Natur fam damals über ihn, und er blieb dieser Liebe treu sein Leben lang.

Nach langer Pause kam aus Tatischan neue Nach­richt. Der Graf schrieb geschäftlich, die Kinder herzig und Fräulein Benken marschierte wieder am Schluß.

Jadwiga berichtete vom lustigen Leben in Tatischan, wo augenblicklich viele Gäste weilten, unter anderem auch eine Tante aus Deutschland, die gar lieb mit ihnen set, und die häufig mit Papa Billard spiele.

Fräulein Benten erzählte, daß zu ihrem großen Leidwesen der Besuch länger dauern würde, als ur­sprünglich geplant war. Der Graf habe sich entschlossen, fie mit den Kindern auch während des Winters in La­ttschan zurückzulassen. Was er eigentlich in dieser Beit anfangen wolle, set thr natürlich unbekannt.

Jan Sojka war arg enttäuscht. Also auch im Win­ter sollte er einsam sein! Und er hatte sich so sehr darauf gefreut, die Dämmerstunden zu verplaudern, wie vort­ges Jahr.

Der Herbst tam ins Land, der räumte gar rasch unter den Schönheiten des Sommers auf, rüttelte an allem, schüttelte dürres Laub herab, knickte, was morsch und müde war und sang mit düsteren Melodien die Erde in Schlaf. An einem dieser Tage wars. In Strö­men rann der Regen zur Erde nieder und bildete Pfüt= zen und Bächlein. Da rückte ein großer Reisewagen in den Krzemiener Park ein, rollte am Verwaltershaus vorbei doch das war leer und die wehenden Tüchlein aus dem Wagen fanden keine Beachtung. Weiter gings bis vor das Schloß. Eine ganze Gesellschaft kam nach und nach aus dem Wagen heraus, und den vier Pfer­den dauerte die Pause fast zu lange. Erst sprang Graf Warminski heraus und fast gleichzeitig sah man etwas Zappeliges, in Tücher Gehülltes, und das war natürlich Jadwiga, die an dieser Reise trotz des schänd­lich schlechten Wetters eine gewaltige Freude hatte. Die übrigen Insassen folgten nach und nach: der junge Fürst Demeter Bogdan, Fräulein Benken und Slawa. Der Aufenthalt im Freien war nichts weniger als angenehm; rasch eilten die Ankömmlinge ins Schloß.

( Fortsetzung folgt.)